Die ersten Christen

Liebe Tauffamilien, liebe Gäste, liebe Gemeinde!

Zwei Taufen haben wir heute, das ist doch noch recht übersichtlich. Nächsten Sonntag sind 6 Taufen nach dem Gottesdienst, das wird schon lebhafter. Aber auch das sind Peanuts verglichen mit den Ereignissen, als die erste christliche Gemeinde entstand. Der Chronist Lukas berichtet: „Die nun sein Wort (gemeint ist die Predigt vom Apos-tel Petrus), die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen. Und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwas 3000 Menschen.“

Wow! Wie will man so etwas vorbereiten? Stell dir vor, unsere Sekretärin müsste Patenbriefe und Taufurkunden tippen, Stammbücher aktualisieren in vierstelliger Höhe. Damals gab es keinerlei Vorbereitungen. Die Familien haben weder die Paten ausgesucht noch einen Taufsonntag, wo alle Zeit hatten. Alles geschah ganz spontan. Petrus hat gepredigt am Pfingsttag, vorher war so eine Art Tornado mit Windhose direkt über dem Haus, wo die Apostel ihre Gebetsrunde hatten. Neugierig strömte das Volk zusammen, Petrus lief vors Haus und erklärte: He Leute, ihr wollt bestimmt wissen, was das hier für ein Phänomen ist in eurer Stadt. Das ist alles lange vorherge-sagt. Aber nicht im Wetterbericht, sondern im alten Testament. In der letzten Zeit wird Gott seinen Geist ausgießen und den Menschen nahe gekommen. Das ist jetzt passiert durch Jesus, der ist nach seiner Kreuzigung auferstanden ist. Er ist zu Gott in den Himmel zurück gekehrt. Aber er hat uns nicht mit leeren Händen zurück gelassen. Er hat uns seinen Geist geschickt, das ist eine innere Kraft der Glaubensfreude. Den Geist kriegen alle, die an Jesus glauben und sich auf seinen Namen taufen lassen.

Die Leute hängen an den Lippen von Petrus. Sie lassen ihn gar nicht ausreden. Das ist ja super, rufen sie, was ihr habt wollen wir auch. Wir wollen uns auch taufen lassen! Petrus ist ziemlich überrascht von dem unerwarteten Zuspruch. Ups, jetzt gleich Spon-tantaufe, auf der Stelle, darauf war er nun doch nicht vorbereitet. Er ruft: Also, äh, das ist ja prima. Das mit der Taufe will aber gut überlegt sein. Es geht um eine Ände-rung der Einstellung zum Leben und dann auch eine Änderung im Leben. Es geht um Umkehr. Das muss euch klar sein!

In Bremen ist mal so was ähnliches passiert an einem Taufsonntag. Der war im Freien, am Weserwehr. Die Taufen wurden wochenlang gesammelt für diesen einen Tag. Dann waren meist so ein dutzend Tauffamilien plus ihre Gäste da, dazu die Kirchen-gemeinde, Posaunenchor und interessierte Anwohner und natürlich Leute, die gerade am Sonntagvormittag an der Weser spazieren gingen. Auf einmal sehen sie sich ganz unerwartet mitten in einem Gottesdienst.
Alles ging seinen Gang, der Posaunenchor schmetterte, der Pastor hielt eine anschauli-che Predigt, und dann waren die Taufen mit Wasser aus einem Eimer, den man ihn die Weser gelassen hatte.

Eine 12jährige war davon so angetan, dass sie laut bekundete, sie wolle auch getauft werden. Darauf ging der Pastor kurz in Klausur mit seiner jungen Kollegin, die da mitwirkte. Sie mochten dem Wunsch nicht stattgeben und richteten der jungen Bewer-berin aus, sie möge sich noch gedulden. So sind wir eben in der Kirche, da muss alles seinen amtlich geregelten Gang gehen. Petrus hätte sie wahrscheinlich getauft.

Wie hat er das gemacht bei diesem großen Andrang? Alle bei ihm war ja wohl nicht möglich, das hätte viele Stunden gedauert. Petrus hat das bestimmt delegiert an ein Team. Und die hatten dann stramm zu tun. Es waren so viele Täuflinge, das sie aufge-hört haben mit zählen. Der Chronist weiß nur ungefähr von 3000 zu berichten. Mich würde interessieren, wie sie das mit dem Wasser bewerkstelligt haben, zumal damals das Untertauchen das Normale war und nicht das Begießen wie wir es heute tun. Irgendwie werden sie es organisiert haben, vermutlich mit mehreren Stationen. An de-nen stand dann vielleicht jeweils einer von den Aposteln und hat getauft. Manche ha-ben das bestimmt zum ersten Mal getan und mußten erst mal bei Petrus abgucken, wie das geht.
So mag es dem jungen Oliver gegangen sein. Er gehörte zur Delegation einer evangeli-schen Gemeinde bei einer Besuchstour in Indien. Die Partnerkirche dort war noch ganz jung, es gab sie erst seit kurzer Zeit. Taufe war angesagt, und er wurde ohne große Vorbereitung als Taufhelfer eingeteilt. Da stand er im lehmiggrauen Wasser des Godaveri. Seine Freundin knipste, was der Apparat hergab, so etwas würde sie nie wieder zu sehen kriegen. Die Leute wurden mit Namen aufgerufen und eine mitgebrachte Liste auf Vollständigkeit überprüft. Einige fehlten. Andere wurden nachgetragen. Der Taufbefehl aus Mt 28 wurde verlesen, haben wir vorhin gehört. Oliver war groß und ging weit in den Fluß hinein. Der Pastor und die anderen Helfer blieben in der Nähe des Ufers. Die meisten wurden von den anderen getauft, nur wenige gingen zu Oliver. Lag es daran, daß er ein Weißer war? Hinterher, beim Abendessen lachten alle. Oliver fragte nach dem Grund der Heiterkeit. Die lachen, weil sich so wenig Täuflinge zu dir getraut haben. Woran lag es denn? Na, ist doch klar, du standst im Tiefen. Da sind die Krokodile!

In unserem Bericht geht es noch um mehr als um einen guinessbuchverdächtige Mas-sentaufe. Wir sehen, wie es mit der Kirche angefangen hat. Diese erste Gemeinde ist die Urgemeinde, die Keimzelle der Kirche.

An ihr nimmt die Kirche bis heute Maß. Ich weiß nicht, welche Art Zeitschriften du bevorzugst. Meine Favoriten liegen beim Friseur oder Arzt leider nicht aus. Das sind Computerzeitschriften. Wenn da die Hardware getestet wird, also Laptops, Bildschir-me, Digitalkameras, Drucker, dann wird jedes Gerät benotet. Es wird gemessen am Referenzgerät. Das ist das Gerät mit der aktuellen Bestnote.

So ist auch die Urgemeinde die Referenzgemeinde für jede Art von Kirche. Herrliche Dinge werden von ihr berichtet. Man sollte meinen, das herzliche Miteinander in der Gemeinde, das Miteinander von Alt und Jung, Arm und Reich, die Vollmacht der Lei-ter, die Menge der Wunder, das muss doch bis heute jede Kirchengemeinde begeistern und anspornen. Man sollte meinen, überall wo kirchliche Mitarbeiter ausgebildet wer-den, wird dieses Modell vorgestellt und empfohlen. Werden Wege gesucht, es ähnlich zu verwirklichen.

Fehlanzeige! In meinem Studium kam das kaum vor. Die Fachleute zeigen sich darüber erhaben. Die einen sagen: Das mit den Zeichen und Wundern, , großzügig teilen, das sei eine vorübergehende kurze Ausnahmeerscheinung gewesen, eine unwiederholbare Sternstunde. Andere taten das gleich beiseite, alles übertrieben, ein Idealgemälde. So hält man sich den Anspruch Gottes vom Hals.

Wir wollen das nicht tun. Wir fragen nach den Kennzeichen, den Säulen, auf denen das Leben der Urgemeinde gründete. Wir fragen: Was davon findet sich bei uns noch wieder? Was haben wir verloren? Und wenn, können wir noch zurück? Also sozusa-gen einen geistlichen Defillibrator ansetzen, damit eine satte oder müde Gemeinde wieder belebt wird?
Die erste Säule: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel“ Die Apostel, das waren die geistlichen Leiter. Es waren starke Persönlichkeiten. An denen konnten sich die Leute orientieren. Das war alles noch mündlich. Um die Lehre der Apostel zu erfahren, musste man sie predigen hören oder zu ihnen in die Seelsorge kommen. Spä-ter wurden die markanten Äußerungen von Paulus, Petrus und Co. aufgeschrieben. Immer mehr Christen hatten eine eigene Bibel. Und weil das auch ein umfangreiches Buch ist, wurden die wichtigsten Sätze zusammen gefasst. Im Glaubensbekenntnis. Und in einer Erklärung zum Glaubensbekenntnis und den Geboten, was wir Katechis-mus nennen. Damit beschäftigen sich dann die Konfirmanden.

Merken wir das Gefälle? Am Anfang Persönlichkeiten. Am Ende Papier, Buchwissen. Im Prinzip ist das unvermeidlich. Die Apostel sind halt irgendwann gestorben, und man wollte ihre Lehre möglichst wortgetreu erhalten und befolgen.

Aber nur Buchwissen, das geht nicht. Die Kirche braucht Persönlichkeiten, die voran gehen, an denen andere sehen, so lebt ein Christ. Wir können sie uns nicht schnitzen, wir können den Nachwuchs nicht sichern durch Werbeaktionen fürs Theologiestudium und ein fettes Stipendium. Solche Aktionen sind wichtig, aber am Anfang muss etwas anderes stehen: Das Gebet zu Gott: Herr, schicke uns gute Leute. Berufe du Men-schen, die sich entscheiden für ein Leben mit dir und die dann ihre begeisternden Erfahrungen mit anderen teilen.
Die Lehre der Apostel fußt auf der Bibel. Die ersten Christen haben die Bibel immer wieder gelesen und auf ihr Leben angewandt. Seht zu, liebe Eltern und Paten, daß eure Kinder und Patenkinder rasch eine Bibel bekommen. Es gibt Kinderbibeln mit großen bunten Bildern, es gibt jugendgemäße Bibeln in zeitgemäßer Sprache, es gibt die Bibel digital für PC oder Tablet. Also bitte nicht sagen: Du kriegst mal unsere alte Famili-enbibel, am besten noch mit Goldschnitt, unversehrt, weil ungelesen, womöglich in Fraktur.

Dieser Mahnung, beständig bleiben in der Lehre der Apostel, gilt nicht nur für Familien, auch für die Gemeinde als ganzes. Eine mit uns befreundete Pastorenfamilie verzog nach Südamerika. Weil der Einsatz dort zeitlich begrenzt war, wollten sie nicht den ganzen Hausrat mitnehmen. Sie fanden eine mir unbekannte Kirche, der war ihr Gemeindezentrum zu groß geworden. Sie vermieteten den Dachboden als Lagerraum. Ich brachte die Sachen dorthin und hab mir interessiert den Schaukasten angeschaut. , Yogagymnastik, Zen-Übungen und andere Kurse wurden da angeboten. Bibel kam nicht vor. Traurig. Wenn diese wichtige Säule nicht vorhanden ist, wird das Gemeindeleben Schaden nehmen. Da helfen dann auch keine Miteinnahmen von überdimensi-onierten Dachböden.

Eine weitere Säule: Gemeinschaft: Sie blieben beständig in der Gemeinschaft. Auch diesen Aspekt haben manche Kirchen vernachlässigt. Dann wundert man sich, wenn Leute, die mehr wollen, zu den Sekten abwandern. Dort erleben sie, daß sie gefragt sind und nicht anonym bleiben. Das dicke Ende kommt später. Gemeinschaft heißt: Man interessiert sich füreinander. Niemand wird übersehen. Niemand bleibt allein mit seinen Sorgen. Wer Kirche nur als Kulturverein sieht, in dem alte Traditionen gepflegt werden, merkt nicht, wie eine tragende Säule brüchig wird.

Ich war zu Gast in einem wunderbaren Konzert. Ein 30köpfiger Chor sang ohne jede Instrumentbegleitung bis zu 8stimmige Lieder. In die Bank, wo ich mit meiner Frau saß, kommt ein Besucher mit einem Gast eingehakt, dieser Gast kam aus dem Altersheim. Offenbar kein Kenner von Mozart und Beethoven, aber interessiert an einer schönen musikalischen Besinnung in der Kühle einer Kirche, wo die Abendsonne durch die Altarfenster scheint. Ist ja auch schön. Nun war diese Frau aus dem Alters-heim etwas tüddelig. Sie wagte es, flüsternd zu fragen: „In welcher Kirche bin ich hier? Wie lange dauert es noch? Wie komme ich nach Hause?“ Dann klappte sie die Handtasche auf, ob auch alles nötige drin ist. Tasche wieder zugeklappt. Nach 5 Min wieder auf. Also mich hat das nicht besonders gestört. Aber der Kunstgenuß der Ken-ner in der Reihe vor uns war dadurch natürlich getrübt. Da stand gleich jemand mit empörter Miene auf nahm nahm viele Bänke weiter woanders Platz.

Hätte ich der Begleitung sagen sollen: Kommen Sie bitte in Zukunft alleine, damit hier alle ihr ungestörtes Kulturprogramm genießen können. Die Oma stört! Ist es besser, wenn diese Frau den Sonntagnachmittag vor dem Fernseher verbringt?
Kirche ist ein Ort der Gemeinschaft, und dazu gehört, daß auch Raum hat, was für Zwischentöne sorgt wie ein Kinderquietschen am Taufsonntag oder der Bettler in der Büropause oder eben diese verwirrte Dame im Konzert.

Bei den ersten Christen hatte das Raum. Bei denen war Gemeinschaft groß geschrieben. So sehr, daß es ihnen der wöchentliche Treff in der Kirche nicht genügte.
Es heißt: Sie waren täglich im Tempel und brachen das Brot hin und her in den Häu-sern. Diesen Impuls hat die Kirche weithin verloren. Wir haben täglich durch sonntäglich ersetzt. Wer mehr wollte, konnte ja ins Kloster, da ist jeden Tag Andacht. Den ersten Christen genügte das nicht, einmal die Woche, und es war ihnen auch zu lang-weilig, passiv einer Liturgie zu folgen. Sie wollten sich unterhalten, erfahren, wie geht es den anderen, und dann haben sie füreinander gebetet und einander geholfen.

„Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.“ Die Kirchengeschichtler nennen diese Anfangsphase den Liebeskommu-nismus der Urgemeinde. Na ja, bei Liebeskommunismus kommt einem eher der Ge-danke an die Kommune 1 in Westberlin, an Rainer Langhans, Fritz Teufel, Uschi Obermeier. Das waren auch so eine Art Apostel, aber mit ganz anderer Ausrichtung. Sie wollten eine Alternative formen zur Kleinfamilie, die sie spießig fanden. Und sind dabei schnell abgerutscht in Drogen, Gewalt, Maßlosigkeit.

Die ersten Christen waren auch eine Familie, aber eine geistliche. Mit der Taufe gehören wir zu dieser Familie, der Kirche. Sie teilten ihr Leben. Sie achteten darauf, wo einzelne zurück blieben, Mangel hatten. Dort wurde dann geholfen. Heute haben wir das aus der Kirche ausgesourct in die Diakonie. Das ist mittlerweile eine extra Organi-sation mit großem Etat und vielen Mitarbeitern. Sie betreibt große Einrichtungen wie Freistatt, Bethel im Norden, Krankenhäuser, Brot für die Welt. Ursprünglich war das rein auf Gemeindeebene: Alle hatten damit zu tun.

Kreativ teilen, das war ein Lebensmerkmal der ersten Gemeinde. Christen müssen sich nicht an den Besitz klammern, weil sie wissen: Das ist nur Gabe Gottes, und es gibt Größeres als diese Vorläufigkeiten. Es ist viel, was unter uns gegeben wird, an Einzel-spenden, dann, Sonntags am Ausgang, oder regelmäßig die Kirchensteuer. Es ist viel und wir haben Grund zur Dankbarkeit dafür. Was mir darüber hinaus bei der ersten Gemeinde gefällt, ist die Kreativität, die Freude, der Ideenreichtum beim Geben. Da ist noch viel ungenutztes Potential, was wir mehr entwickeln können. Ich denke an Aktio-nen wie der für September geplant Sponsorenlauf Run. Oder an eine Jugendliche, die ich konfirmiert habe, wie sie zu ihrem 18. Geburtstag einlud. Sie warb in ihrer Einla-dung um Spenden für einen Missionar in der Sowjetunion.

Auf der Einladung stand: „Hallo! Mit dir will ich gebührend meinen 18. Geburtstag am 19. Juli feiern. Deshalb lade ich dich hiermit zu meiner Benefizgeburtstagsparty ein. Obwohl ich mich selbstverständlich über jedes Aussteuergeschenk wahnsinnig freuen würde, gibt es noch etwas, das mir noch wichtiger ist als selbstgemachte Häkeldeckchen. In Sibirien sitzt der gute Volker und ist dabei, die Russen von der Wahr-heit zu überzeugen. Welche ist: Jesus. Da er es noch nicht geschafft hat, einen Pelz-mützenladen aufzumachen, ist die Sache von unserer Kohle abhängig.
Deshalb bringt einfach ein bischen davon mit, und seid dabei, diese mission possible zu machen. Das ist nicht als Eintritt zu verstehen, sondern einfach als Service an dich, an etwas großartigem beteiligt zu sein, okay?“

Es gäbe noch viel zu erzählen vom Leben der ersten Christen, wie sie in vielen Einzel-heiten eine Herausforderung bleiben für jeden von uns.
Lässt du dir das sagen? Oder bleibst du skeptisch und sagst: Das ist alles verklärt und vergoldet und schöngefärbt. Die heile Kirche, in der jeder seinen Platz hat, niemand kommt zu kurz, jeder wird verstanden, alle sind ein Herz und eine Seele?
Bestimmt war schon damals nicht alles perfekt. Aber der Referenzwert ist hier klar gegeben. An weniger sollten wir uns nicht orientieren. Und der lebendige Herr Jesus Christus, der unsichtbar unter uns ist, er hat die Kraft, er wirkt es immer wieder, oft überraschend, daß auch heute Aufbruch geschehen kann.

Möge die Inspiration der Gründerzeit auch unter uns aufdecken, wo es mangelt, und neues Leben entfachen. Amen.

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