Vertrauen

„Nennen Sie mir eine Schlechtigkeit in der Welt, die nicht für Geld getan wird … Ich glaube nicht, das die Liebe die Welt bewegt, sondern eher das Geld.“ Diese vulgäre Aussage stammt von Hilmar Kopper, seines Zeichens der ehemalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank. 1994 erlangte dieser Hilmar Kopper traurige Berühmtheit, weil 50 Millionen D-Mark für ihn nur „Peanuts“ waren – also nicht richtig viel, um wichtig genug zu sein.

50 Millionen D-Mark – nur einen Bruchteil davon hätten die Apostel in der Geschichte um die Speisung der 5000 gerne gehabt. 50 Millionen D-Mark hätte auch die Kirchengemeinde Tann gerne, denn dann wäre man viele finanzielle Belastungen ‚auf einen Schlag los‘ und man könnte so viel anderes tun mit dem restlichen Geld.

50 Millionen D-Mark, heute knapp 25 Millionen Euro. Was könnte man alles dafür kaufen, damit finanzieren, welche großartigen Projekte könnte man damit anstoßen? Neue Medien kaufen, neue Räume bauen, langfristig die Gemeinde absichern, Zukunft gestalten.

Die vorfindliche Situation, liebe Gemeinde, animiert förmlich zum Träumen. So vieles, das getan, erledigt, gemacht werden will, aber so wenig Mittel vorhanden, um all die Vorhaben – die nötigen und wichtigen aber auch die Luxusanliegen – realisieren zu können. Und hinzukommt, dass auch andere Gemeinden Träume haben, die Mittel aber nicht proportional dazu wachsen.

Angesichts der ausweglosen Lage seufzen wir, das Kirchenkreisamt, wohl auch die Landeskirche und am Ende auch die EKD gemeinsam mit den Jüngern: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische […] denn es waren etwa fünftausend Mann.
So viele Wünsche und Träume – so wenige Mittel. Was tun?

Die Jünger handeln nachvollziehbar: Angesichts der ausweglosen Lage, 5000 Menschen sind vor Ort, aber nicht annähernd so viele Ressourcen, fragen sie sich, wie sie dem Ganzen hier begegnen sollen. Die Herausforderung ist ja nicht von der Hand zu weisen und die Werkzeuge zur Lösung des in ihrer Zahl knapp bemessen: Fünf Brote und zwei Fische. Kaum, dass das vorhandene Essen für die Jünger und Jesus reichen würde, ermuntert der Sohn Gottes seine Jünger, die Leute nicht wegzuschicken mit dem Hinweis: Wegen Mangels geschlossen! Nein, die Menge soll sich hinsetzen und bleiben.

Diese Szenen sind die Stichworte für die Auftritte der Zweifler. „Es reicht nicht vorne und nicht hinten. Was soll das Wenige, was können wir schon machen.“ Das sind „Redewendungen der Resignation, die über alle Zeiten hinweg die gleichen geblieben sind. Oft genug auch Entschuldigung dafür, dass wir eigentlich auch nicht das Wenige hergeben wollen. Was können wir schon machen, wenn wir die schrecklichen Bilder der Hungersnöte, der Überschwemmungen, der Armut sehen?“ (Vgl.: Domprediger F.-W. Hünerbein, 7. Sonntag n. Trinitatis, Berlin am 22.07.2007, Predigt über Lukas 9, 10–17)

‚Warum sollte ich das Wenige, dass ich noch habe, abgeben? Was kann mein kleiner Beitrag schon Großes leisten für die Welt, an der es an allen Ecken und Kanten brennt? Mein Beitrag ist viel zu klein, als das er etwas zu verändern vermag.‘ Die Jünger denken so – nicht weil sie herzlos sind, nicht weil sie geizig sind und ihren Besitzstand wahren wollen, sondern weil sie hilflos sind. Hinzu kommt der Kleinmut, den Jüngern ihnen fehlt Vertrauen.

Vertrauen. Anders als Hilmar Kopper es kundtut, ist es in dieser Geschichte nicht das Geld, das die Welt am Laufen hält. Es ist – ganz im Gegenteil – das Vertrauen. Vertrauen, das sich ein Vorstandssprecher sicher auch in die die Deutsche Bank wünscht, das man aber nicht kaufen kann. Vertrauen in andere Menschen. Wohl auch das Vertrauen in sich selbst und die von gottgegebenen Fähigkeiten.

Vertrauen! Jesus selber nimmt „die Sache nicht in die Hand.“ Er gibt die Sorge um die 5000 zurück an die, die ihn fragen: Gebt ihr ihnen zu essen. So nimmt er die Jünger in die Pflicht. Er entlässt sie nicht, sondern bindet sie ein.
Damit macht er den Weg frei, dem Kern dieser Wundergeschichte auf die Spur zu kommen. „Jesus selber hält in seinen eigenen Händen gar nichts, um die Scharen zu ernähren, aber er tut etwas, was als Möglichkeit jeden Augenblick in uns schlummert. Es ist möglich, den anderen, den selber Hungernden, aufzufordern, er möge uns anvertrauen und geben, was er hat. Er wird sagen, es reiche nicht aus, für ihn selber nicht und für niemanden anderen.“ (Vgl.: E. Drewermann: Und legte ihnen die Hände auf, Düsseldorf 1993, S. 42).

Es reicht nicht – das ist die Sorge der Jünger. Das sind auch unsere Sorgen. Aber es gibt gute Beispiele, die dem kleinen Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern Leben einhauchen. Er aber sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische.

Gott sei Dank: Es gibt um uns herum gute Beispiele, wie eine Vermehrung des Wenigen, die Armut bekämpfen kann:
Hier sind v.a. Brot für die Welt oder Misereor zu nennen. Aber auch der Aufruf zum „giving pledge“, das Versprechen, etwas abzugeben, um den Milliardär Warren Buffet und Bill Gates ist so ein Beispiel. Die Initiative sammelt ruft weltweit Milliardäre dazu auf, das Versprechen abzugeben, einen Teil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zur Verfügung zu stellen. In den USA haben bereits 400 Milliardäre ein solches Versprechen abgegeben.

Ebenso zu nennen ist die Nachbarschaftshilfe. Diese lebt ja vom dem, was ich geben kann. Das mag eine Autofahrt sein zum nächsten Supermarkt oder ein Kaffeeklatsch, der hilft, die Zeit der Einsamkeit zu verringern. Zu nennen ist hier der Verein „füreinander da sein“ in Tann, der sich diese und ähnliche Aufgaben gestellt hat und Hilfe in vielen Lebenslagen anbietet.

Dazu gibt es auch zahlreiche Kleiderkammern in unserem Land, die dazu beitragen, dass arme Menschen kostengünstig an gute Kleidung und andere Dinge des täglichen Lebens gelangen können. Hier gibt es in Tann die veritas, die sich diese Art der Hilfe auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Solche Beispiele zeigen, was Jesus seinen Jüngern beibringen will: „Jede wirkliche Beziehung unter Menschen ist wie ein Sich-Öffnen und wie ein Sich-Mitteilen und Einander-Übergeben im Felde einer Armut, die langsam das Vertrauen lernt.“ (A.a.O.)
Aus solchem Vertrauen wird etwas großes: Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich setzen. Und sie taten das und ließen alle sich setzen. Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und dankte, brach sie und gab sie den Jüngern, damit sie dem Volk austeilten. Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was sie an Brocken übrig ließen, zwölf Körbe voll.

Nichts wird beigemischt. Es bleibt bei fünf Broten und zwei Fischen. Aber das Vertrauen kommt hinzu und die Erkenntnis, dass wir die Macht haben, einander zu satt zu machen, wenn wir geben, was wir haben. Zeit, Ideen, Engagement, Kreativität, sicher auch Geld, aber eben auch Vertrauen und Liebe.

„Wer die Menschen sättigt – und das ist in der Tat […] möglich, in dem er teilt, was er hat“ (Vgl.: W. Koeppen, in: Predigtstudien, Perikopenreihe V, Stuttgart 1983, S. 155), der handelt im Sinne diese Speisungswunders. Die Jünger begehen anfangs den Fehler, dass sie sich nicht rückversichern, in wessen Namen sie unterwegs sind und handeln sollen. Dabei beginnt „das Wunder damit, dass wir gemeinsam den Blick erheben von unserer Armseligkeit fort hinauf zum Himmel. Diese wunderbare Fähigkeit besitzen wir: Das Leben des anderen zu berühren wie ein uns anvertrautes Geschenk und es zu segnen mit der Gnade des Himmels.“ (E. Drewermann, a.a.O., S. 43).

„Nennen Sie mir eine Schlechtigkeit in der Welt, die nicht für Geld getan wird … Ich glaube nicht, das die Liebe die Welt bewegt, sondern eher das Geld.“ Das behauptet zumindest Hilmar Kopper. Nun, Jesus wiederlegt diese These eindrücklich – wenn ein Mensch so handelt, wie Jesus Christus es in der Geschichte von der Speisung der 5000 erwartet, dann gibt es „nichts zu zählen, nichts zu verrechnen“ (E. Drewermann, Ebd.), dann kann auch kein Geld der Welt dieses Bewegung so in Gang setzen. Geld spielt in dieser Geschichte nicht mal eine Hauptrolle, sondern allein die Frage, wie kann ich meinem Nächsten zum Nächsten werden? Diese Frage ist am Ende des Tages das sichtbare Ergebnis der Verwandlung der Herzen: Weg vom Kleinmut unserer Tage, hin zum Vertrauen in meine Gaben und in die Worte Gottes: Gebt ihr ihnen zu essen! Wir Menschen leben nicht vom Brot allein – schon gar nicht nur vom Geld – wir leben erst recht von der Liebe, die sich traut, dem Wort Gottes zu vertrauen!
AMEN!

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