Elementarversicherung?!

Liebe Gemeinde!
Die Waldbrände in Arizona gehören zu den verheerendsten in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Unaufhaltsam walzt seit Tagen eine Feuerwand durch das Land und zerstört alles, was sich ihr in den Weg stellt. Weniger als einen Augenblick braucht es, bis das Feuer die Richtung wechselt und sich in eine andere Richtung weiterfrisst. Es ist ein Inferno und das Feuer vernichtet eine halbe Ortschaft und kostet 19 Feuerwehrleute das Leben. Sie gehörten einer Elitetruppe an, die gegen die Flammen kämpfte. Mehrere Menschen, die helfen wollten, finden den Tod.

Vor ein paar Wochen. Anfang Juni 2013, trafen Wassermassen ungeahnten Ausmaßes unser Land. Zwei Milliarden Euro, so schätzt der Bund der Versicherer, wird es kosten, die materiellen Schäden auszugleichen. Die seelischen Schäden lassen sich so nicht beziffern. Nicht die Angst der Menschen in den Stunden und Tagen der Flut, noch die Entmutigung und die Hoffnungslosigkeit danach.

Zwei Katastrophen. Unzählige andere spielen sich zeitgleich auf dieser Welt ab: Syrien, Afghanistan, Burma. Das sind die großen, weltpolitischen Aufreger; aber auch die Geschichten, die hier in unserer Mitte geschehen, die von Tod und Trauer und Verlassen-sein und Streit erzählen, gehören zu den persönlichen Katastrophen.
Hinter all diesen schrecklichen Geschehnissen und hinter all diesen traurigen Geschichten sind „Menschen, die in die Namenlosigkeit versinken – die hineinfallen ins Nichts – und nirgendwo ist zu entdecken, dass sie einer auffängt.“ (Vgl.: S. Remmert, Predigt über Jesaja 43, 1-7 am 6. Sonntag nach Trinitatis, 18. Juli 2001.)

Momente des Verlassen-seins, wer kennt sie nicht?
Momente des Zweifels und der Angst,
Momente der Anfechtung und Orientierungslosigkeit.
Momente, die zu Stunden, Tagen, Wochen und Jahren sich ausdehnen können.

Ein kleines Volk, nicht groß, ohne eine bedeutende Politikerin, ohne Macht und Ansehen hängt fest im Exil. „Exil heißt ja, nicht zu Hause zu sein, keine Heimat zu haben, keinen Ort der Geborgenheit zu haben. Das Volk saß fest. Die Frage, wo denn der Gott sei, der sich seinen Müttern und Vätern geoffenbart hat, der sie einst – vor Ewigkeiten – aus Ägypten geholt hat, der so viel für sie getan hat, der ist nicht mehr da.“ (A.a.O.) Eine Geschichte war diese Episode geworden. Die Alten erinnerten sich noch, dass einst Propheten von Gott erzählt hatten. Das war lange vorbei. Das war Vergangenheit. Die Gegenwart war verbrannt und geflutet. Keine Hoffnung, eine trostlose Realität. In diese angespannte Lage spricht Gott folgende Worte:

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Er ist zurück! Mitten in die Hoffnungslosigkeit spricht der Herr seine Worte. Gott also meldet sich zu Wort. „Mitten hinein in die Schwierigkeiten und die Angst, spricht er sein Wort und erinnert sein Volk daran, dass er da ist und dass er mit geht, auch gegen den Augenschein, gegen die vermeintliche Erfahrung.“ (A.a.O.)

Und wir heute? Die Bilder und Geschichten von einzelnen Menschen, die in der Flut wieder einmal alles verloren haben, diese persönlichen Geschichten, rühren uns an. Die Bilder von versunkenen Straßen und Städten lassen das Leid sichtbar werden, spüren tun wir es erst durch die einzelnen Geschichten der betroffenen Menschen dahinter. Gleiches gilt für die Opfer anderer Katastrophen. Die Nachrichten über die verschiedenen Kriegs- und Krisengebiete ähneln sich so bisweilen so sehr, dass es schwer fällt, die einzelnen Berichte auseinanderzuhalten. Erst die mutigen Einsätze von Reportern ermöglichen es uns, ein Gesicht in den unzähligen Flüchtlingsströmen zu erkennen, es genauer zu betrachten.

„Im Zeitalter von Massenproduktion, Massenmedien und Massenveranstaltungen wird der Wert des einzelnen Menschen immer geringer. Nur die Masse zählt, die bringt den Umsatz für die Unternehmen und nur mit ihr kommt man die Schlagzeilen der Medien. Masse ist mächtig. Was ist da schon das Einzelschicksal in Anbetracht von Tausenden in Kriegen zu Tode Gekommener“ in 30 Sekunden Zeit für den Nachrichteneinspieler in der Tagesschau? (A.a.O.)

Heute, am 6. Sonntag nach Trinitatis, feiert die Kirche das Taufgedächtnis Heute setzen wir, wie bei der Taufe jedes Mal gut zu beobachten, ein Zeichen der Vereinzelung im besten Sinne: „Gegen den Sog der Vermassung setzen wir ein dringend notwendiges Gegengewicht“ (a.a.O.), welches schwerer wiegt, als die Tendenz zur globalen Betrachtung: Wir glauben an Gott, der wirklich jeden von uns, jeden Mann, jede Frau, jedes Kind beim Namen kennt. Egal, wieviele Menschen auf dem Bild zu sehen sind: Gott kennt sie alle. Darum ist es auch egal, ob wir an einem Sonntag ein Kind oder fünf Kinder taufen. Wenn Gott sie alle kennt, ist die Angst, davor, das Kind würde in der Mehrzahl der Täuflinge untergehen, letztlich grundlos.

In Gottes „big picture“ geht also keiner verloren, ist man nicht ein Gesicht unter vielen, er kennt alle unsere Namen. Die Erinnerung an die Taufe kann diese Versicherung neu erschließen: „Wir fallen nicht ins Namenlose, wir werden nicht anheim gegeben dem ewigen Vergessen, wir sind erkannt.“ […] Und noch mehr: Gott redet mich an mit meinem Namen. „Ich kenne dich, du gehörst zu mir, mir entreißen kann dich niemand.“ (A.a.O.) So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

Gott spricht Worte gegen die Angst, gegen die Mutlosigkeit, gegen die Lähmung. Gott macht Mut! Und er erzählt, wie der Weg weitergeht: Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.

„Der Prophet“, so fasst es Altbischof Huber zusammen, „nimmt in besonderer Weise die Gefahren in den Blick. Wasser und Feuer erinnern an die Bedrohung des Lebens durch unbändige Kräfte. Sie signalisieren: Gottes Bekenntnis zu einem Menschen in der Taufe schließt den Abschluss einer Krankenversicherung nicht aus; dass Gottes Verheißung auf dem Leben eines Menschen ruht, bedeutet nicht das Versprechen lebenslanger Urlaubszeit. Nein, Jesaja setzt die Bedrohung des Lebens in das richtige Verhältnis zu seiner Bejahung. Du stellst meine Füße auf weiten Raum, dieses Dankgebet, […] wäre sinnlos, würde es den Gefährdungen größeres Gewicht beimessen als den Verheißungen des Lebens. Ein durch Sorgen geprägter Lebensraum ist nicht weit; er ist verengt auf die eigene Vorstellungskraft.“ (Vgl.: W. Huber: Predigt über Jesaja 43, 1-7 am 6. Sonntag nach Trinitatis, Heiliggeistkirche, Heidelberg, 15. Juli 2007)

Die Zusage Gottes, dass er uns durch unser Leben und Sterben hindurch begleitet ist also eine Elementarversicherung. Die Taufe setzt schließlich ein Gegengewicht zur Lebensangst, zu den Unwägbarkeiten, die im Leben auf uns warten. Das Leben birgt immer auch ein Risiko. „Vor diesem Hintergrund kann die Bedeutung der Taufe in besonderer Weise darauf zugespitzt werden, dass sie eine Zusage Gottes darstellt, die bewirkt, was sie sagt: Die Taufe verheißt und wirkt, dass das gefährdete Leben in Gott bewahrt bleibt und letztendlich gerettet wird. Natürlich besteht der Schutz, der durch die Taufe […] vermittelt wird, nicht darin, dass die Verletzlichkeit menschlichen Lebens aufgehoben wird. Aber in aller seiner Verletzlichkeit empfängt der Täufling ein Zeichen, durch das die Verheißung verbürgt wird, dass jenseits menschlicher Kräfte die schützende und rettende Macht Gottes wirkt.“ (Vgl.: Die Taufe. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis der Taufe in der evangelischen Kirche. Vorgelegt vom Rat der EKD, 2008, hg. vom Kirchenamt der EKD. ISBN 978-3-579-05904-4). J

Die Worte des Propheten zeigen es deutlich: Jedes menschliche Schicksal geht ihn etwas an; es gibt bei Gott keine Massenabfertigung – darum bildet sein Bekenntnis zu seinen Menschen einen „tragenden Lebensgrund“
So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. „In unsere Ängste hinein hören wir die Zusage: Fürchte dich nicht! Damit sind die Ursachen unserer Angst nicht beseitigt; nichts wird beschönigt oder verschleiert. Der Zuspruch der Furchtlosigkeit bedeutet nicht: Es wird dir nichts geschehen. Wir kommen um Situationen nicht herum, in denen uns das Wasser bis zum Hals steht.“(Vgl.: J. Dembek: In Ängsten nicht allein: Predigtstudien V, Stuttgart 1983, S. 152).

Aber: „In allem, was uns Angst macht, ist Gott uns nah. Er teilt unsere Angst“ (Ebd.) Zusammengefasst heißt das: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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