Keine Angst vor der Angst

Liebe Gemeinde.

„Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn, es schwinden, es fallen die leidenden Menschen blindlings von einer Stunde zur andern, wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, Jahr lang ins Ungewisse hinab“ (Friedrich Hölderlin, Hyperion, Goldmann Klassiker S.278). So lässt der Dichter Friedrich Hölderlin seinen Hyperion sagen. Ist das nicht auch eine Wahrheit über das Leben? Eine Wahrheit , die in Spannung steht zu den hymnischen und triumphierenden Worten des Propheten Jesaja.

Fürchte dich nicht? Wie soll das gehen? Und ist es überhaupt gut? Viele Wissenschaftler sagen, unsere Fähigkeit, uns zu fürchten sei besonders in den reichen und wohlhabenden Ländern viel zu unterentwickelt und wir täten gut daran, uns noch viel mehr zu fürchten, z.B. vor den Folgen unseres ungebremsten Wirtschaftswachstums und unseres Umgangs mit der Natur. Z. B. vor den Folgen eines schrankenlosen Konsumismus, der die Schätze der Erde im wahrsten Sinne des Wortes verheizt. Fürchten sollten wir uns vor einer Medienwelt, die uns zu Tode unterhält, und in der alles auf das Niveau von Nachmittagstalkshows und Kaffeeklatsch gebracht wird, in der nichts mehr heilig und staunenswert und geheimnisvoll ist: „Der immergleiche Orpheus aus der Tiefgarage“ (Botho Strauß). Fürchten sollten wir uns vor dem Menschen, der „keinen Sinn mehr hat für Verhängnis“, und Arbeiten, Einkaufen und Rente kriegen für den Sinn des Lebens hält. Fürchten sollten wir uns vor dem Menschen, der sich nicht mehr fürchten kann.

An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten … unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Land (Psalm 137/1ff). So steht’s um die Israeliten, als Gott sagt: Fürchte Dich nicht! Ein Wort das mitten in die Erfahrung der Knechtschaft hineinspricht. Mitten ins Dunkle. Dort ist der Ort dieses Erlösungsworts. Dort entfaltet es seine Kraft. Wer sich den Dunkelheiten und Abgründen seines Lebens nicht stellt, wer sich den Tiefendimensionen seiner Geschichte und seines Wesens verweigert, wird von dieser Kraft nichts erfahren. Und wenn heute vielfältig geklagt wird, dass man in der Kirche so wenig von Gott erfahren kann, dann liegt das vielleicht auch daran, dass wir von uns selbst längst immer weniger erfahren, dass der Glaube immer oberflächlicher wird, weil auch wir immer oberflächlicher werden, dass der Glaube immer geheimnisloser wird, weil auch wir und unser Leben immer banaler werden.

Freilich: Gott sei Dank schwimmen wir nicht immer obenauf. Gott sei Dank machen wir Erfahrungen, die uns auch für die Tiefensicht der Dichter einmal die Augen öffnen, so dass wir nicht wegsehen und zur Tagesordnung übergehen können. Gott sei Dank haben wir Erlebnisse, die unsere Abgestumpftheit für uns selbst und für andere Menschen durchbrechen. Dann dürfen wir hören, was Gott seinem Volk sagt: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Dann werden wir erfahren, dass Erlösung, die Gott uns zuspricht unsere Abgründe nicht zuschüttet, sondern Kraft schenkt sie zu durchwandern. Denn der Weg zu Gott, und der Weg zu uns selbst führt durch bedrohliche Wasser und versengende Feuer, vor denen jeder lieber vorher kehrtmacht. Gottes Zuspruch gibt Halt und gibt Mut auch dort weiterzugehen. Und nur wer weitergeht wird etwas über sich selbst und Gott erfahren.

Erlösung ist ja kein Zustand. Denn, so hat Martin Luther einmal formuliert, „das christliche Leben ist nicht sein, sondern werden, nicht Ruhe sondern Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber, es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg“ (EG S.396). Lebensweg. Weg der ins Leben führt. Nicht in gerader Linie von links unten nach rechts oben, sondern durch gefährliche Wasser und versengende Feuer. Aber so fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir!

Neulich rief mich eine junge Frau an, die ihr Kind taufen lassen wollte. Ich machte ihr den Vorschlag, die Taufe doch im Hauptgottesdienst zu halten. Sie schwieg eine Weile und sagte dann: Ach lieber nicht. Sie hätte eine solche vor einiger Zeit erlebt und da wären in der Gemeinde zwei Sterbefälle gewesen und all die Trauernden wären im Gottesdienst gesessen. Eine Taufe und so viel Trauer, das hätte gar nicht zusammengepasst, wo eine Taufe doch etwas Fröhliches sei. Ich wusste gar nicht was ich sagen sollte. Erst später kamen mir die Verse von Paulus in den Sinn: Wisst ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, in seinen Tod getauft sind? … Denn wenn wir in ihn eingepflanzt sind zu gleichem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein (Römer 6/4ff).

So redet Paulus in einem Atemzug von der Taufe und vom Tod. Und von der Erlösung des Menschen, die eine Eingliederung in eine Geschichte ist. Eine Eingliederung in die Geschichte des Christus, die in den Tod und durch den Tod ins Leben führt.

Hätte es einen besseren Trost für die Trauernden gegeben, als durch die Taufe daran erinnert zu werden? Und ist es wirklich unpassend, wenn die Trauernden die jungen glücklichen Eltern erinnern, dass das neue Leben, das sie da in den Armen halten, durch Höhen und Tiefen, durch Lust und Leid und schließlich auch einmal in den Tod führt? Aber über allem strahlt Gottes Wort: So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Aber ach, die lieben Eltern, die liebe Verwandtschaft, sie fürchten sich doch!

Dann sollen sie daran erinnert werden, dass auch die Taufe ein Gang durch das Wasser ist, das für das Leben und für den Tod steht. Dass Christus selbst die Taufe ein Sterben und Wiedergeborenwerden nennt und Martin Luther vom täglichen Ersäufen des Alten Adam und dem Entstehen des Neuen spricht, und damit davon, dass unser Leben nichts anderes ist, als Entfaltung der Taufe. Tägliche Wiedergeburt durch gefährliche Wasser und versengende Feuer hindurch. Täglicher Exodus, Auszug in ein neues Leben. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

So fürchte dich nun auch nicht vor deiner Angst. Vor deiner Angst vor den tiefen Wassern und versengenden Feuern. Geh hindurch, du wirst nicht ertrinken und nicht verbrennen. Jeder prüfe sich selbst. Wo haben wir verschlossene Türen in unserer Geschichte und unserer Seele, die wir uns nicht zu öffnen trauen. Wo sind die Themen unseres Lebens, die wir ängstlich vor uns herschieben oder von uns wegschieben und verdrängen. Was harrt in unserem Leben und in unserem Miteinanderleben seiner Erlösung? Wo sind wir ängstlich stehen geblieben und trauen uns nicht weiter? Wo setzen wir andere unter Druck und machen ihnen Angst und geben dabei doch nur den Druck und die Angst, unter der wir selbst stehen, weiter?

Das sind Fragen, die jeder selbst beantworten muss. Fragen auf dem Weg des Christenlebens, das sich als Entfaltung der Taufe versteht, in der manches Alte schmerzhaft vergeht und Neues entsteht, in dem etwas von der Kraft sichtbar und spürbar wird, die der Zuspruch Gottes entfalten kann: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Fragen auf dem Weg des Christenlebens, das nicht Sein, sondern Werden ist.

Was werden wir? Menschen! Mitmenschen von Menschen, die immer in Gefahr sind, ihre Menschlichkeit zu verlieren. Mitmenschen von Menschen, über deren Probleme auf allen Kanälen getratscht wird und denen doch keiner hilft. Mitmenschen von Menschen, die heute mehr denn je vergessen und verschüttet haben, was sie sind: Gottes Söhne und Töchter, die er zu seiner Ehre geschaffen und gemacht hat. Und die mit uns schnell wieder lernen, wie gut das ist, eine Hand auf der Schulter zu spüren und die Worte zu hören: Fürchte dich nicht!

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