Von Türmen, die in den Himmel wachsen, und Kosten für die Träume

Wir wollen ja gar nicht von Kriegskosten reden, über Truppenstärken und darüber, wie schnell 2001 der Krieg in Afghanistan gewonnen sein sollte oder 2003 der im Irak.
Schnell würde es gehen, verkündete die Armeeführung, und die Soldaten zögen aus für Frieden und Menschenrechte. Jahre später sind wir klüger, ärmer und ratloser, die Länder zerstört, die Menschen traumatisiert. Selbst viele Republikaner würden den Albtraum in Nahost gern ungeschehen machen, Guantanamo inklusive.
Wie viele Kosten Krieg und Abzug noch verschlingen, ob die Menschen dort jemals frei und friedlich leben, weiß niemand. „Welches Staatsoberhaupt, das gegen ein anderes Krieg führen will, wird sich nicht erst hinsetzen und überlegen, ob es mit 10000 Leuten diesem Oberhaupt entgegentreten kann, das über 20000 verfügt? Wenn nicht, schickt man rechtzeitig eine Gesandtschaft und bittet um Frieden.“ (V 31-32)
Aber bei welchem Krieg wurde jemals an das schnöde Geld gedacht, wenn es doch um Werte ging wie Ehre, Gerechtigkeit oder Freiheit und neuerdings sogar um Frauenrechte!

Wir wollen gar nicht von Kriegskosten reden. Wir wollen auch nicht von all den Flughäfen und Bahnhöfen reden, den Philharmonien, Denkmälern oder Türmen, deren Kosten in den Himmel wachsen in Stuttgart, Berlin, Leipzig und anderswo. „Denn wer von euch einen Turm bauen will, setzt sich doch zuerst hin und berechnet die Kosten, ob die finanziellen Mittel ausreichen bis zur Fertigstellung? Andernfalls, wenn das Fundament gelegt ist, der Turm aber nicht fertiggestellt werden kann, fangen alle, die das sehen, zu spotten an und sagen: ‘Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und konnte es nicht vollenden.’“ (V 28-30)

Jede Milchmädchenrechnung ist solider. Denn die Milchmädchen waren darauf angewiesen, mit jedem Pfennig zu kalkulieren. Überschlage vorher die Kosten – das scheint umso schwieriger, je umstrittener und teurer das Bauwerk, mit dem sich eine Partei profilieren will. Gigantisch sind vor allem die Planungsfehler. Auf den Kosten bleiben andere sitzen. Die Leute, die Jesus zugehört haben, hatten das in Jerusalem vor Augen. König Herodes hatte seinerzeit nicht nur schwerbewaffnete Soldaten nach Betlehem geschickt, um Krieg zu führen gegen ein Neugeborenes. Er war auch als großer Bauherr ins Grab gesunken.
Der wiederaufgebaute Tempel, eine Wasserleitung für Jerusalemer, die Festung Herodium, komplett neue Städte wie Caesarea mit seiner einzigartigen Hafenanlage, die Felsenfestung Masada – das alles glänzte zwar noch Jahrzehnte später. Doch auch Jahrzehnte später nagte das halbe Volk noch am Hungertuch. Türme, Denkmäler, Bahnhöfe und Flughäfen, vollendete und halbfertige Projekte wollen finanziert sein. Der Turm von Babylon, die Investruine Nr. 1 der Weltgeschichte, hat viele Geschwister.
Jesus nimmt das aufs Korn. Die Habenichtse und Hungerleider, die um ihn herumstanden, werden sich köstlich amüsiert haben, als Jesus darüber spottete. Wer überschlägt schon vor Baubeginn die Kosten?! Jesus wußte, daß die kleinen Leute sich solche Fehlplanungen gar nicht leisten können. Er gehörte selbst zu ihnen.

Wir wollen nicht von Kriegskosten reden, auch nicht von Türmen und Denkmälern. Wie planst du in deinem Leben, das hat Jesus die Leute gefragt. Das können wir uns fragen. Wie planst du, was willst du in deinem Leben, welche Ziele hast du, und was setzt du dafür ein?
Ärztin werden. Bundeskanzlerin. Einmal im Leben den Ortler besteigen. Viele Kinder haben. Oder gar keine und früh in London frühstücken und abends in New York über den Times Square spazieren. Alt werden.
So viele Träume. Was können wir erreichen und was ist der Preis? Zahlen wir ihn oder lassen wir andere dafür bluten?

Jesus sagt, wenn wir uns nach tiefer Lebendigkeit sehnen, dann müssen wir auch immer wieder Abschied nehmen, müssen Schmerz zu lassen, Distance und Fremdheit. Wenn wir intensiv leben wollen, bei ihm sein, dann wachsen Fragezeichen hinter dem, was uns so selbstverständlich ist, was wir gelernt haben, ja selbst hinter unseren Beziehungen.
Gerade die engsten und intensivsten Beziehungen prägen uns nicht nur am meisten. Sie können auch am meisten verformen, können einschnüren und fesseln. Jesus spricht von Distance zur eigenen Familie. In alten Übersetzungen heißt es sogar, wir sollen Eltern, Kinder, PartnerIn hassen. In der damaligen Gesellschaft klang das noch ungeheuerlicher als heute, hatte doch Verwandtschaft damals einen viel höheren Stellenwert als heute. Sich dem Familienrat widersetzen, sich gar von der Verwandtschaft lossagen – unmöglich! Sicher, eine Großfamilie trägt und bietet Schutz. Aber sie kann grausam einengen, und Menschen können in ihr verkümmern und unter die Räder kommen.

Jesus konnte nicht viel damit anfangen, daß die Familie an oberster Stelle stehen sollte. Intensiv leben, in göttlicher Nähe leben, Jesus nachfolgen – das heißt für Jesus, die Werte, die wir mit der Muttermilch aufgesogen haben, abzuklopfen, zu prüfen, notfalls umzukrempeln. Bei anderen Gelegenheiten spricht Jesus von der neuen Familie, wenn Menschen ihre innere Heimat verloren haben, wenn sie von zu Hause weggelaufen sind, wenn sie verstoßen wurden, wenn die traditionelle Familie nicht mehr trägt und zerbrochen ist.

Wir dürfen also fragen. Wir dürfen auch unsere Eltern infrage stellen. Das kann eine Befreiung sein. In jeder Therapie ist das ein wichtiger Schritt. Es ist erlaubt, darüber zu reden, was „unsere Mütter, unsere Väter“ getan haben, auch im Nationalsozialismus, wie in der Filmreihe im März. Wir dürfen auch Fragen stellen, was unsere Kinder so treiben. Blut ist dicker als Wasser, das gilt bei Jesus nicht. Und es gibt eine neue Familie, die der Freundinnen und Freunde, wo nicht nach Geschlecht und biologischer Abstammung gefragt wird, und sie trägt auch dort, wo herkömmliche Beziehungen zerbrochen sind.

Wovon träumen wir? Was ist uns wichtig im Leben? Was ist der Preis? „Wer von euch zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern hintan setzt, ja auch das eigene Leben, kann nicht mein Jünger sein.“ (V 26)
Dem Leben immer wieder nachspüren, das ist kein schneller Weg. Er ist unkonventionell und stößt auf Widerstand. Nicht alle können und mögen ihn gehen. In unserem Abschnitt stellt Jesus ganz nüchtern fest, daß wir uns überlegen müssen, ob wir diesen Preis zahlen wollen. Überschlage vorher die Kosten.

Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels (1682 – 1738) übrigens hat das sich daran keineswegs gehalten, wie so mancher Fürst in der Barockzeit, gerade weil er sich als protestantischer Herrscher profilieren wollte. Schon bevor er Herzog wurde, mußte seine Apanage gekürzt werden. Weltliche und musische Lustbarkeiten, Bautätigkeit in Sangerhausen und barocke Prachtentfaltung hatten ihren Preis. Die kostbaren silbernen Vasen und Leuchter bezahlte er oft nicht. Goldschmiede mußten monatelang auf ihren Lohn warten. 1719 sorgte der finanzielle Zusammenbruch des Herzogtums dafür, daß ihm die Oberhoheit über die Finanzen weitgehend entzogen und an das Haupthaus in Dresden übertragen wurde – worüber August der Starke sicher nicht böse war.
Wir aber mögen es anders halten. Unsere Kinder mögen nicht die Kosten unserer Träume abbezahlen, sondern unsere Früchte ernten.

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