"Wer hält stand?"

Als der Evangelist Lukas sein Evangelium schreibt, ist es schon zum Mainstream geworden. Vor seinen Augen steht ein Christentum, das „nichts mehr kostet, ein Christentum der herabgesetzten Preise.“ (Vgl.: E. Drewermann, Zwischen Staub und Sternen, Zürich 1995, S. 164)
In diese Bewegung hinein lässt Lukas Jesus diese verstörenden Worte rufen:

[TEXT]

„Hassen, sein Kreuz tragen, unbedingte Bedingungen!“ Hatte Jesus nicht noch kurz zuvor darüber gesprochen, dass man seine Feinde lieben solle, den Nächsten und sich selber sowieso? War Gott nicht sogar selbst der Inbegriff der Liebe und noch dazu mit Engeln bewehrt, die dafür sorgen sollten, dass ich meinen Fuß nicht an einen Stein stoßen würde? Und jetzt stößt mir dieser Jesus derart vor den Kopf? Marketingtechnisch ist das nicht klug, verprellen doch solche radikalen Forderungen eher die Menschen, als das man sie damit für seine Sache begeistern könne. Aber im Gegensatz dazu ist dieser Jesus erfrischend ehrlich. Soll nochmal einer sagen, er hätte von nichts gewusst!

Ausreden – egal welcher Art – sind nach dem Hören dieses Textes nicht mehr möglich. Und was will man auch mit all den Schönwetterchristen, die die Religion als Sahnehäubchen begreifen. Gerne lässt man sich an entscheidenden Tagen im Leben auch auf Gott ein. Zur Taufe, zur Konfirmation, zur Hochzeit: Gott darf da gerne mal eine Rolle spielen, aber bitte, natürlich auch die extra und teuer eingekaufte Gesangskapelle, die doch mehr Lieder singen soll als die versammelte Gemeinde. „Wer hält stand?“, fragen der Evangelist Lukas und Dietrich Bonhoeffer im Chor. „Wer hält stand?“ (Vgl.: D. Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, München 1951, S. 12.)

Es sind wohl nur ein paar „arme Trottel“, wie Altbischof Huber anmerkt, „die sich an das halten, was zu ihnen gesagt ist: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.” Es ist modern geworden, Leute, die sich daran noch halten, Gutmenschen zu nennen; der mitleidige Unterton ist kaum zu überhören.“ Und der Altbischof fügt eine traurige Anekdote an: „Jedes Mal, wenn ich mit dem Bundesinnenminister über den Schutz von politisch Verfolgten rede, nennt er mich einen “Gutmenschen”. Und ich frage ihn dann jedes Mal, ob er das als Schimpfwort meint. Ich frage mich auch, ob er mich davon abbringen will, gut zu den Menschen zu sein.“ (Vgl. W. Huber: Predigt im Berliner Dom, 15. Juli 2001)

„Arme Trottel“ also, die sich auf den Weg der Nachfolge machen, die sich frei machen können, von ihren sozialen, politischen, beruflichen und familiären Bindungen und sich auf den Weg der Nachfolge machen, dem folgend, der diese harten Forderungen aufstellt. Ernüchternd mag das in den Ohren derer klingen, die hören, denn wer möchte schon ein Trottel sein?

Und wer möchte schon gerne im Konfliktfeld rund um das Wort „Hass“ leben? Ist der Hass – mit dem Text gesprochen – gar eine legitime Haltung des christlichen Glaubens, um schneller ans Ziel zu kommen? Ist „zu hassen“ ein willkommenes Mittel zum Zweck? Als in Südafrika die Apartheid lange beendet war, geschah beinahe 25 Jahre später ein tragischer Zwischenfall: Ein weißer Farmer hatte auf seinem Grundstück mehrere Schwarze erschossen. In der anschließenden Gerichtsverhandlung gab er zu Protokoll, er habe die Menschen in der Dunkelheit für Affen gehalten. Hass, so hören wir hier, ist keine lebenswerte Triebfeder: Hass verblendet; Hass zerstört Beziehungen; Hass zerstört die Gemeinschaft; Hass zerstört das Leben. Meines und das der anderen erst recht.

„Was also hat der Glaube damit zu tun? Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Die emotionale Ablehnung des andern kann damit nicht gemeint sein. Jener Hass, der dem andern das Schlimmste wünscht, wird von Jesus ja ausdrücklich mit dem Töten selbst gleichgesetzt: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig. So heißt es ausdrücklich in der Bergpredigt.“ (Vgl.: W. Huber, a.a.O.)

Um den Hass als eine wertvolle oder gar weiteführende Lebensäußerung kann es demnach nicht gehen. Es kann also nicht darum gehen, unsere Nächsten zu hassen. „Wo Emotionen dieser Art den Menschen besetzen, kommt er ja gerade vom andern nicht los. Hass bindet mich vielmehr an den andern, macht mich erst recht von ihm abhängig. Jesus aber fordert zur Freiheit auf, nicht zur Abhängigkeit. Er will innere Unabhängigkeit vermitteln, nicht ihr Gegenteil. Was er Hass nennt, ist ein provozierender Ausdruck für diese innere Unabhängigkeit.“ (Vgl.: W. Huber, a. a. O.)

„Innere Unabhängigkeit“ oder der „Ernstfall der Freiheit“. Der Ernstfall ist es darum, weil es nicht angeht, nur ein bisschen an diesem Christentum mitzutun. Freiheit ist immerhin kein bleibender Zustand, „sondern muss ständig erkämpft werden!“ (Vgl.: D. Schellong, in: GPM, V. Reihe, Göttingen 1971; S. 303). Ein bisschen Nachfolge geht nicht. Das wäre lauwarm und schlimmeres als das gibt es kaum. Jesus macht den Menschen schließlich ein Geschenk. Er hat Freiheit im Angebot. Diese erfordert jedoch einen Bruch. Und dieser Bruch vollzieht sich logischerweise im Gegenüber zu den Bindungen, die uns gefangen halten und uns so daran hindern, ganz mitzutun. „Der Jünger bezeugt den Sturz der falschen Bindungen und Autoritäten, indem er ihnen den Respekt und den Gehorsam verweigert, seinen Hut vor den Hüten der verschiedenen Landvögte nun eben nicht lüftet!“ (Vgl.: K. Barth: KD IV/2, Zollikon 1940, S. 618). Dieser Bruch erfordert also eine innere und eine äußere Haltung! Und fragt immer wieder aufs Neue: “Wer hält stand?“

Passe ich mich an oder – stehe ich auf – und folge nach? Entscheidungen dieser Art gilt es beinahe täglich zu treffen: Lasse ich Unrecht zu? Schaue ich weg? Verleumde ich mit? Schlage ich zu? Lache ich über den herabsetzenden, frauenfeindlichen, rassistischen Witz oder wehre ich mich gegen den Hass und stehe auf und folge nach?

Eugen Drewermann führt diese Gedanken weiter, wenn er mit seinen Überlegungen an ein dunkles Kapitel in unserer Geschichte rührt und so passgenau den Kern des Evangeliums sehr genau trifft: „Sechzig Millionen Deutsche haben sich nach zweitausend Jahren Christentum für Frau und Kind und Brüder und Schwestern entschieden und hätten es, den Worten dieses Evangeliums nach, nicht sollen, nicht dürfen, weil vor Gott andere Maßstäbe gelten als in der bürgerlichen Ethik. Es war Heinrich Himmler, Führer der SS, der erklärte, es gebe einen Weg in die Freiheit, seine Meilensteine hießen Gehorsam, Pflicht, Treue, Ehrlichkeit, Fleiß – lauter bürgerliche Tugenden in den Händen von Verbrechern, ohne Widerspruch. So kann es uns gehen in der Treue zu den Fundamenten der bürgerlichen Moral die sich im Raum der Familie regenerieren und konstituieren.“ (Vgl. E. Drewermann, a.a.O., S. 168).

Jesus fordert dagegen einen klaren Blick auf die Dinge im Leben, die uns wichtig sind. Er fordert dazu auf, die Bindungen und Erwartungen, die an uns heran getragenen Ansprüche gut zu betrachten und zu untersuchen. Notfalls gilt es dann auch in den Konflikt zu gehen und falsche Maßstäbe abzuschütteln. „Wer nach Jerusalem mitgehen will“ – und auf dem Weg befindet sich Jesus gerade – „soll wissen, dass dies ohne Leidensbereitschaft, ohne ein Überdenken der eigenen Bindungen und einer Neubestimmung der Prioritäten nicht möglich ist.“ (Vgl.: T. Linz, in: Predigtstudien, V. Reihe, Stuttgart 1971, S. 137).

Jesu Weg in die Freiheit zeigt uns, woraus wir Menschen leben und was dem Leben gerade nicht dient. „Zu kritisieren ist doch, dass der Mensch zu wenig Herr ist, nicht zu viel. Er ist zu sehr Sklave seiner eigenen Geschöpfe, anstatt ihr Gebieter zu sein.“ (Vgl.: D. Schellong, a.a.O., S. 306ff). Es gilt, zu wiedersprechen. Geren auch vehement. Immer wieder. Der absolut verführerischen Leichtigkeit des Seins, die ihre Erfüllung viel zu oft in der Frage nach der Farbe des Brautstraußes und anderen Banalitäten findet und lieber nicht nach den Kosten eines christlichen Lebens fragt , wird hier eine Absage erteilt. Dies ist nicht der Weg der Nachfolge!

Die Jünger Jesu haben sich darüber ihre Gedanken gemacht und haben den Überlegungen Taten folgen lassen: Sie verließen ihre Arbeit, ihre Beziehungen, ihre Familien, kurzum sie haben alle ihr altes Leben verlassen. Aber: Keine Bewegung geschieht in einem Vakuum. Veränderung braucht Sauerstoff, sonst erstickt die Flamme der Hoffnung schnell. „Zur Jesusbewegung gehörten auch Sympathisanten, Anhängerinnen und Anhänger, die Haus und Hof behielten, weiter mit ihrer Familie zusammenlebten und ihrem Beruf nachgingen“, bemerkt Altbischof Huber und fährt fort „an sie vor allem richtet sich die Forderung, die Kosten der Nachfolge zu überschlagen. Wer einen Turm baut, kalkuliert vorher die Kosten. Wer einen Krieg führen will, fragt sich vorher, ob er genug Soldaten hat. […]“ (A.a.O.)

Das Leben in der Nachfolge geschieht nicht als gemütlicher Sonntagspaziergang am freien Sonntagnachmittag. Klar kann man vieles fordern, was die Gemeinde, das christliche Leben reicher und bunter macht, aber dann braucht es erst recht Leute, die daran mittun.

„Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf: Wo sind diese Verantwortlichen?“ (Vgl.: D. Bonhoeffer, a.a.O.).

Am Ende gilt:
„Christsein ist kein Zuschauersport!“ (Vgl.: M. Schwekendiek, in: Worte am Sonntag heute gesagt, Gütersloh 1977, S. 126).
AMEN!

drucken