Wer ohne Schuld ist

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der die Liebe und das Leben ist. Amen

Liebe Gemeinde, ich möchte mit einer Geschichte beginnen.
Carsten und Regina sind seit mehr als 30 Jahren verheiratet. In Wirklichkeit werden es in diesem Jahr 35, aber beide sind seit der Silberhochzeit ein bisschen luschig mit den Hochzeitstagen geworden, sie müssen erst einmal nachrechnen, wenn sie gefragt werden. Die 35 Jahre waren …. nunja, sie waren unaufgeregt, normal würde man sagen. Carsten und Regina haben drei Kinder großgezogen, ein Haus gebaut, die alten Eltern zu Ende gebracht, und sie haben gemeinsam alles ganz gut gemeistert, was da so zu meistern war. Auch die Sorge um den Mittleren der drei Söhne. Der ist irgendwie aus der Art geschlagen: Als kleines Kind viel zu wild, als Schüler viel zu faul, als Jugendlicher eine Plage und jetzt als Erwachsener distanziert und kühl, immer in Geldnot, heute hier, morgen dort. „Jedem Dach sein Ach“, sagt Carsten immer. Und Regina nickt dazu und schmiegt sich in seinen Arm.

Es passierte bei einer Betriebsfeier. Carsten hatte viel getrunken, viel zu viel. Es war ein lustiger Abend gewesen, warum denn nicht auch mal über die Stränge schlagen? Und dann war da diese Kleine vom Empfang zu ihm gekommen, Carina hieß sie, gerade mit der Ausbildung fertig, schlank und süß, und sie hatte sich auf seinen Schoß gesetzt und mit ihm geflirtet. Und beide hatten noch mehr getrunken, und am nächsten Morgen – es war noch sehr früh – erwachte Carsten in einer fremden Wohnung, in einem fremden Bett neben einem fremden Menschen. Und schlich sich nach Hause wie ein geprügelter Hund. Duschte ausgiebig und sagte kein einziges Wort.

Ich lese aus dem Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht bei Johannes im 8. Kapitel:

Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu Jesus: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Die Pharisäer, liebe Gemeinde, kommen in diesem Text nicht gut weg. Das kommen sie nie bei Johannes, aber hier ist es besonders schlimm. Anscheinend haben sie dem Mädchen aufgelauert. Sie zerren es durch die Stadt, sie haben ihm kaum Zeit gegeben, sich richtig anzuziehen. Der Fehltritt der jungen Frau soll zum Triumphzug der Frommen werden: Sie wollen Jesus auf die Probe stellen. Er soll sich entscheiden zwischen seiner unendlichen Liebe zu den Menschen und seiner unendlichen Liebe zum Gesetz Gottes. „Was sagst du?“, fragen sie ihn. Es ist die Stunde der Wahrheit. Sprich, Jesus von Nazareth – diesmal kriegen wir dich.

Was sagst du, was sagt ihr? Zu Carsten und seinem Fehltritt? Nunja, eine gute Ehe wird das aushalten, sagen Sie vielleicht. Er sollte es zugeben, mit Regina sprechen, versprechen, dass es beim einen Mal bleibt. „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr“, das sagt Jesus später zur Ehebrecherin. Ein gutes Wort.
Aber es kommt anders. Lasst mich meine Geschichte weiter erzählen.

Dieser Tag endet nie, denkt Carsten. Er hat frei genommen von der Firma, den ganzen Tag ist er zuhause und schleicht um Regina herum. Und die guckt schon ganz komisch, Frauen merken das, die hat den Braten längst gerochen, glaubt er. Um 17 Uhr bekommt er eine SMS. Sie ist von Carina. „Ich denk den ganzen Tag an dich. Kann ich dich sehen?“ Carsten denkt: Nein, auf keinen Fall. Und gleichzeitig wird er die Bilder nicht los: Ihr Lachen auf dem Fest, ihr schöner, freundlicher Körper, ihre Hand auf seinem Bauch. „Ich muss noch mal ins Büro“, sagt er. Und verlässt das Haus. Und kommt erst sehr spät zurück.

Wir sind keine Pharisäer, liebe Gemeinde. Niemand von uns würde Carsten, der schuldig wurde, hier in die Mitte zerren und um das Urteil Gottes über diesen bösen Sünder bitten. Aber: Wir kennen solche Geschichten. Jeder hat sie schon erlebt: am Arbeitsplatz, in der Familie und vielleicht sogar im eigenen Leben. Ich kannte ein Paar, das erduldete das Doppelleben acht Jahre lang. Beide wurden dünn und dünner, zu Schatten ihrer Selbst. Sie rieben sich auf im Immer-wieder-Verzeihen, im Loslassen und Neubeginnen, die Familie zerbrach, die Kinder wandten sich ab. Und es zeigte sich, dass echter Ehebruch kein Kavaliersdelikt für eine Nacht ist, sondern Sünde in ihrer reinsten Form – nämlich eine erbarmungslos zerstörerische Kraft.
Was sagt ihr, was sagen wir?

Hören wir den zweiten Teil des Predigttextes:
Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete Jesus sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Vier Wochen hält Carsten das Versteck-Spiel aus. Dann spricht er mit Regina. Sie schreit, sie weint, sie tobt. Sie wirft das gute Geschirr nach ihm. Und Carsten versteht das gut. Fast wünscht er, dass sie ihn treffen möge. Er fühlt sich so schuldig, so elend. Wenn es eine Strafe für ihn gäbe, würde er sie auf sich nehmen. Und gleichzeitig weiß er, dass er allein keine Lösung findet. Er hat sich verliebt in eine fast 30 Jahre jüngere Frau. Und er weiß, dass diese Liebe keine Zukunft hat.

Was sagst du? Was sagt ihr?
Wir sind keine Pharisäer, gewiss nicht. Und frömmlerische Rechthaberei geht uns Evangelischen wirklich ab. Und trotzdem: Wenn wir Geschichten wie die von Carsten und Regina hören, schütteln wir den Kopf. Wie kann das angehen? Wie kann jemand sich so wenig unter Kontrolle haben? Was für ein unwürdiges Schauspiel, höre ich oft, wie peinlich diese Liebelei mit einer so viel Jüngeren? Das Urteil der Gesellschaft ist eindeutig: Es unterscheidet klar zwischen Täter und Opfer. Der Täter ist böse, das Opfer ist bemitleidenswert. Es ist, als ob wir uns in Fragen der Sexualmoral am Ende doch nur wenig weiterentwickelt haben.
Unser Urteil durch gutes Mitgefühl beflügelt: Wenn wir sehen, was so etwas anrichtet, wenn wir erleben, was dadurch kaputt geht, rechtfertigt das nicht ein klares Wort und ein klares Urteil?

Jesus macht es anders. „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“, sagt er zu denen, die sich groß fühlten in der Sicherheit ihres Richtens. Das sagt er zu denen, die laut Gesetz ganz eindeutig im Recht sind. Er sagt es zu uns.
Er sagt es zu mir. Gerade ich bin immer schnell mit harten Worten dabei und muss sie so oft zurücknehmen, weil ich in meinem schnellen Urteil Wichtiges übersehen habe. Wenn du sicher bist, dass du keine Fehler machst, sagt er, bitte, dann schlag zu, dann wirf den ersten Stein. Wenn nicht, dann lass es um deiner selbst willen lieber nach. Denn du wirst gerichtet werden nach dem Maß, mit dem du selber richtest.

Und dann bewundere ich sie doch ein bisschen, unsere Pharisäer und Schriftgelehrten. Einer nach dem andern lassen sie den Stein aus der Hand fallen. Einer nach dem anderen gehen sie nachdenklich davon. Sie haben gelernt. Sie haben sich belehren lassen. Sie haben ihren Irrtum eingesehen. Das ist schon menschliche Größe, was sie da zeigen.

Es dauert eine Weile bis Regina sich beruhigt hat. Aber dann redet das Paar miteinander. Stundenlang. „Was habe ich falsch gemacht?“, fragt Regina, „warum tust du mir das an?“ Und Carsten sagt ihr offen, was ihm in der Beziehung fehlt. „Ich möchte von hier weggehen“, sagt er schließlich, „mit dir weggehen. Lass uns woanders einen neuen Anfang versuchen, ich bitte dich darum.“ Und Regina nickt schließlich. Zögernd zunächst, dann aber schon etwas zuversichtlicher. „Wo du hingehst, da will auch ich sein“ – das war ihr Trauspruch gewesen, jetzt erinnert sie sich daran.

Am Ende ist Jesus mit der Frau allein. „Wo sind sie?“, fragt Jesus zum Schluss. „Hat dich niemand verdammt?“ Ich stelle mir vor, dass sie schwer schluckt als sie sagt: „Niemand, Herr.“ Und nicht einmal Jesus, der einzige, der wirklich ohne Schuld ist, verurteilt sie. „Geh, und sündige nicht mehr“, sagt er. Und er sagt das voller Liebe, denn er kennt die erbarmungslos zerstörerische Kraft der Sünde, er sagt das um ihretwillen und um derer willen, die ihr nah sind.

Ein Schlusswort an die Pharisäer fehlt. Eine Ermahnung für all die, die allzu leicht urteilen und allzu schnell mit dem erhobenen Zeigefinder dabei sind, gibt es nicht.
Oder vielleicht doch? Vielleicht gelten seine letzten Worte auch mir und uns und ihnen: Geh und sündige hinfort nicht mehr.
Amen.

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