Über Gutmenschen und Schicksalsaugenblicke

Der Vorwurf steht im Raum und trifft die Christenheit hart ins Mark: Die Christen sind Fabeln gefolgt. Zur Entschuldigung mag man anmerken, dass diese ausgeklügelt waren. Nichtsdestotrotz: Fabeln und Märchen, haben in einer aufgeklärten Welt nicht so richtig Platz. Schon gar nicht als Grundlage von der aus man eine technisierte und aufgeklärte Welt betrachten, erklären und bisweilen ermahnen will und soll. Ein Märchen ist ja schließlich etwas erfundenes, etwas, dass die Wirklichkeit stilisiert und am Ende lebt man glücklich und zufrieden bis ans Ende aller Tage.

Tut man dem Märchen an dieser Stelle nicht Unrecht? Was wäre so schlimm daran, Märchen und Fabeln anzuhängen? Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann hat sich Zeit seines Schaffens mit dem Thema Märchen auseinandergesetzt und durchaus positive Eigenschaften gefunden. „Märchen“, so der Theologe, „schildern Schicksalsaugenblicke, in denen wir Menschen gezwungen werden, zwischen verschiedenen Einstellungen zum Leben zu wählen. Ob wir den Machthabern erlauben zu definieren, was Realität ist, oder ob wir uns selber mit unserer Wirklichkeit gegen die vermeintlichen Zwänge stellen – das entscheidet über Gelingen oder Misslingen des Lebens und davon sind die Märchen voll. Märchen beschwören also geradewegs, dass wir mit uns selbst einig sind, heil sind – im Wissen, dass alle Konflikte da draußen dann erst beginnen.“ (Nur Liebe führt zum Glück – Eugen Drewermann über Märchen, Psychoanalyse und Pädagogik, in: Südwest Presse, 8. April 2013)

Drewermann nennt Märchen sogar „Geschichten gelebter Mitmenschlichkeit“ und verweist darauf, dass diese Geschichten gerne eine „Trostbotschaft“ verbreiten: „.Märchen wissen um die enormen Gefährdungen, dem Weg der Liebe zu folgen. Es sind Abenteuer zu bestehen: gegen Riesen Zwerge, Untiere, Zauberer, Verwunschenes aller Art. Das alles spielt in der Seele der Menschen und muss bestanden werden“ (A.a.O.)

„Die Märchen wissen um die enormen Gefährdungen dem Weg der Liebe zu folgen!“ Auch die Christenheit weiß darum. Erst vor kurzer Zeit hat die Christenheit das Weihnachstfest gefeiert. Hoffentlich auch ein bisschen märchenhaft mit viel Schnee, im Einklang und Harmonie mit der Familie und zudem mit der ein oder anderen besinnlichen Stunde. Traurig, aber wahr: Der Weg vom Christbaum hin zum heutigen Tag hat sicherlich schon das ein oder andere Opfer gefordert: Der Baum ist vielleicht schon abgeschmückt und nach draußen verbannt worden, die Geschenke zum Teil ausprobiert und bestimmt ist auch das eine oder andere schon wieder umgetauscht oder im Müll verschwunden. Von der märchenhaften Stimmung ist nicht mehr viel zu spüren, die festlichen Lichter sind längst aus den Straßen verschwunden. Das Weihnachtsmärchen geht still zu Ende.

Es stimmt demnach: Es ist nicht leicht, dem Weg der Liebe zu folgen, denn unsere Realität sieht anders aus. Die folgt nämlich einem straffen Zeitplan in der Vorbereitung der Feierlichkeiten und dem Ende derselbigen. Denn nach den Schokoweihnachtsmännern müssen alsbald die Osterhasen in die Läden. Für lange Wartezeiten oder gar einen ausgedehnten Dornröschenschlaf bleibt da nicht viel Zeit, solches ist auch gar nicht vorgesehen. Ebenso könnten es sich die Kirchen, geschweige denn irgendeine andere Institution unserer Zeit, gar nicht leisten für vierzig Jahre in die Wüste zu gehen. Die Welt in die man zurückkehren würde, wäre nicht mehr dieselbe.

Für Märchen ist kein Platz in unserer Welt! Aber warum kann es überhaupt passieren, dass jemand den Vorwurf erhebt, die Christen wären Menschen, die Fabeln folgten? Woran kann das liegen? Lieber Petrus, oder wer auch immer diesen Brief geschrieben hat, ich würde mich gar nicht so sehr darüber aufregen, dass jemand das gesagt hat, sondern ich würde mich fragen, wie dieser Mensch darauf kommen konnte?

Woran könnte es liegen, dass andere Zeitgenossen glauben, unser Glaube wäre gleichbedeutend mit einer Fabel? Sicher, es gibt da Berührungspunkte, aber darüber hinaus hat der christliche Glaube doch mehr zu bieten als die Erzählung vom Froschkönig. Immerhin erlauben die Märchen als weltliche Geschichten keine Delegation in jenseitige Hoffnung, stellt Drewermann fest. „Wären Märchen religiöse Geschichten, ließe sich dieser Ausweg denken, aber die Märchen möchten, dass wir es hier auf Erden riskieren.“ (A.a.o.)
Die Christen haben es demnach also besser, wenn sie sich an Gott und seine Erkenntnis halten als an die ollen überlieferten Märchen, wie es uns vorgeworfen wird. Immerhin haben wir eine Versicherung, die über diese Welt hinausreicht und uns in einen ganz anderen Zusammenhang stellt, als es ein Märchen mit seinem beschränkten irdischen Horizont überhaupt vermag.
Warum ist es aber so schwer, den anderen genau davon zu erzählen oder eben aus dieser Zusage Gottes zu leben, dass er unser Licht in der Dunkelheit sein will, selbst wenn alle Weihnachtslichter dieser Welt längst nicht mehr leuchten und er bei uns ist bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen?

Könnte es daran liegen, das bisweilen zwar unsere Augen leuchten beim Anblick des übervollen Gabentisches, aber unsere Herzen vom diesem Glanz nur selten erreicht werden? Ab und an kann man Spuren des Lichtes Gottes in unserem Handeln und Tun entdecken, aber offensichtlich scheint es dann nicht hell und nicht lange genug. Denn es reicht nicht aus, um die anderen, die Spötter, davon zu überzeugen, dass wir von mehr leben als bloßen Geschichtchen und Erzählungen über Prinzessinnen, die auf Erbsen schlafen.

Warum fällt es der Christenschar so schwer, der Welt zu vermitteln, was unsere Hoffnung ausmacht, was unsere Triebfeder ist, was uns Kraft, Halt und Stärke gibt? Keine Strukturdebatte, kein Schrumpfungsprozess wird ohne die Frage auskommen, warum gerade wir relevant sind in dieser Welt, die ja damals schon geglaubt hat, die Christenschar wäre eine Ansammlung von Menschen, die lieber am Kaminfeuer sitzt und Geschichtchen hört, als selber in der Welt zu leuchten, wie Gott in ihren Herzen! Wozu braucht man also diese Christen, wenn sie nur Geschichten erzählen, aber nicht das Leben, wovon und wodurch sie leben?

2013 hat die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käßmann, ein Buch geschrieben, in dem sie sich gleich auf den ersten Seiten darüber empört, wie abschätzig manche Mitmenschen über die Christenheit urteilen. Gutmenschen seien diese, die sich über andere erheben und „im Engelsflug“ über diese hinwegschwebten, während andere die Drecksarbeit machen müssten. (M. Käßmann: Mehr als Ja und Amen, München 2013, S. 7ff.)
Der Vorwurf, Fabeln zu folgen oder die Beschimpfung man würde sich über andere erheben, beschreiben ein und dasselbe Problem. Die Menschen damals und heute scheinen keine Relevanz unseres Tuns mehr zu erkennen und glauben, wir würden uns der Welt entheben. Sei es wie damals durch den Vorwurf, die Christen würden sagenhaften Märchen folgen oder durch die aktuelle – für mich nicht nachvollziehbare Deutung – wir hätten am Geschehen hier auf der Erde kein Interesse. Die zahlreichen Diakoniesozialstationen, die vielen Evangelischen Krankenhäuser und Seniorenheime sprechen dieser falschen Einschätzung gegenüber eine ganz andere Sprache.

Und Margot Käßmann fährt fort: „Mir geht es um eine Ermutigung zur Einmischung: An meinem Ort. […] Im Kleinen wie im Großen.“ Auch ich glaube, dass man diese Welt spüren lassen kann, dass wir da sind. Und das bedeutet, wir sollten anfangen und weiter daran arbeiten, dass diese Welt besser wird. „Jeder Mensch hat eine Gabe, die er einbringen kann in die Gemeinschaft, sagt Paulus. Jeder Mensch hat einen Beruf im Sinne von Berufung, sagt Luther. (A.a.O, S. 28).

Unsere, meine Motivation, zum Handeln speist sich nicht aus dem Glauben an Märchen und Fabeln. Meine Kraft beziehe ich aus dem lebendigen Gott und daraus resultiert eine Haltung zu (Um-) Welt, die am treffendsten am Ende des Matthäusevangeliums beschrieben ist:
Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. (Mt 25, 35-36)

Das, liebe Gemeinde, ist keine Fabel, sondern eine konkrete Handlungsanweisung. Wenn also in jedem Märchen Schicksalsaugenblicke geschildert werden, in denen wir Menschen gezwungen werden, zwischen verschiedenen Einstellungen zum Leben zu wählen, dann befinden wir uns in diesem Fall in guter Gesellschaft.
AMEN!

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