Die Karawane zieht weiter

Liebe Gemeinde,

„Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“ – kennen Sie das – bzw. kennen Sie das noch? Es ist ein altes orientalisches Sprichwort. „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“. Helmut Kohl, der Altbundeskanzler, hat es in Deutschland bekannt gemacht. Es war wohl 1988, als er die Redensart zum ersten Mal zitiert hat. Sie kam mir bei meiner Vorbereitung zu Hause sehr früh schon in den Sinn, als ich mir die Erzählung vom kleinen Zöllner Zachäus vorgenommen habe. Wie gesagt, die Redensart stammt aus dem Orient und zum richtigen Verstehen muss man nun noch wissen, dass Hunde dort im Orient einen recht schlechten Ruf haben, sie gelten als unrein – während Kamele einen vorzüglichen Ruf genießen und als weise Tiere angesehen werden. Für Helmut Kohl waren damals die Hunde die ihm nicht gewogenen Journalisten, die kanzler- und regierungskritische Presse und die Karawane, das war die Regierungsmannschaft mit ihm, dem gewichtigen Alphatier an der Spitze.

Wir müssen bei unserem Text nun schauen, wo und wer sind die Hunde und wo und wer ist die Karawane? Das geschilderte Ereignis spielt sich in der Stadt Jericho ab. Jesus kommt. Er ist ganz sicher nicht allein. Kamele hat er keine dabei gehabt – aber ein Gefolge. Die Karawane kommt also zuerst einmal in der Stadt an und zieht langsam ein. Und während sie das tut, gerät eine Masse von Menschen in der Stadt in Bewegung. Es ist wie bei uns an Weihnachten: Jesus kommt und die Menschen gehen in Scharen in die Kirche. In Jericho gehen sie in Scharen auf die Straße, bilden Spalier, jubeln und toben wie wenn ein König oder Präsident Einzug hält. Einer, ein ganz kleiner gerät besonders in Bewegung. Der Zöllner Zachäus. Ein bisschen Panik ist wohl im Spiel. Wenn er nicht rechtzeitig irgendwie künstlich in die Höhe kommt, dann findet das Highlight ohne ihn statt. Da sieht er die Rettung. Vor ihm, direkt an der Straße ein Maulbeerfeigenbaum (wie so ein Baum aussieht, kann man übrigens bestens im Linkenheimer Pfarrgarten sich anschauen). Ein Maulbeerfeigenbaum direkt an der Straße, auf der Jesus vorbeikommen wird. Ruck zuck ist er auf dem Baum und hat geradezu einen Logenplatz. Von oben hat er beste Sicht aus nächster Nähe.

Eine Frage, liebe Gemeinde, die ich mir bei Zachäus immer stelle, ist die, warum ausgerechnet er bei diesem Hype mitmacht. Ihn, den Steuerbetrüger und Blutsauger, stellen wir uns doch eher daheim beim Geld zählen vor als jubelnd auf der Straße bei der Ankunft eines religiösen Schwergewichts. Die Antwort darauf bleibt uns vorenthalten. Der Text liefert sie nicht. Zachäus ist halt einfach da. Entgegen allen Erwartungen und Mutmaßungen ist er da. Es kann kaum anders sein, als dass er gespürt – zumindest aber erahnt hat: Heute ist für mich der Tag aller Tage. Heute ist der Kairos. Heute komme ich mit meinem Leben an eine Weggabelung. Heute bekomme ich die vielleicht niemals mehr wiederkehrende Chance, meinem Leben eine ganz andere Richtung, eine völlig entgegen gesetzte Ausrichtung zu geben. Heute kann vielleicht so vieles in meinem Leben auf Null zurückgestellt werden. Heute kann es vielleicht geschehen, dass Sinn, Freude und Zufriedenheit in mein Leben (zurückkommen). So stelle ich mir das vor. Zumindest an diesem Tag war Zachäus ganz wach und geistesgegenwärtig, ganz präsent und anwesend. Das hat ihn wahrscheinlich von den meisten anderen in der Handlung unterschieden. Und diese Haltung ist bedeutsamer als wir uns das meist vorstellen wollen. Dazu habe ich eine kleine Geschichte:

Es kamen ein paar Suchende zu einem alten Meister der Meditation. "Herr", fragten sie "was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie du." Der Alte antwortete mit mildem Lächeln: "Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich." Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: "Bitte, treibe keinen Spott mit uns. Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?" Es kam die gleiche Antwort: "Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ist und wenn ich esse, dann esse ich." Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend, fügte der Meister nach einer Weile hinzu: "Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst. Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet. So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und Euer Leben gewinnt mehr an Qualität als ihr euch erträumen könnt."

Sich auf den entscheidenden Moment einlassen. Darum geht es wesentlich. Den entscheidenden Moment, wenn die Karawane anhält – aber auch wenn sie weiterzieht. Für unsere drei Täuflinge, die süßen kleinen Mädchen, ist heute auch so ein entscheidender Moment. Mit der Taufe wird ihr Leben unter Gottes Schutz gestellt, werden sie zu Gottes Kindern. Die Kleinen werden sich später nicht mehr an heute erinnern können. Aber (auch) dafür gibt es Sie, liebe Eltern und Paten. Dass Sie diesen Tag entscheidend machen, dass sie von ihm erzählen und vom Glauben und vom lieben Gott.

Als dessen Sohn in Höhe des Maulbeerfeigenbaums ist, bleibt er plötzlich stehen. Die Karawane hält an. Es ist fast so als würde auch die Zeit anhalten und der nicht messbare Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft, von dem vorhin die Rede war, nun doch messbar. Ganz kurz hält sie an die Karawane und Jesus sagt zu Zachäus: Steig herab. Mach voran. Du und ich, wir zwei, wir müssen reden. Wir müssen uns richtig begegnen. Heute – jetzt – in deinem Haus. Zachäus stürzt natürlich geradezu vom Baum und lädt Jesus samt Gefolgschaft in sein Haus ein. Die Karawane zieht weiter. Zurück bleiben bellende Hunde. Denn die Zurückgebliebenen stänkern: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt“. Aber auch wenn ich sie gerade als bellende Hunde bezeichnet habe, will ich die bitter enttäuscht Zurückbleibenden nicht niedermachen. Das haben sie nicht verdient. Ich stelle mir bei ihnen vor, dass es die Rechtschaffenen sind. Die religiös Interessierten, viele im besten Sinn Fromme sind ganz sicher auch dabei. Und für sie hat Jesus keine Zeit. Es ist ein bisschen so, wie wenn die Bundeskanzlerin in unseren Ort kommen würde und sie hätte keine Zeit für eine Begegnung mit dem Herrn/der Frau Bürgermeister und den Damen und Herren Gemeinderäten, weil sie ihre begrenzte Zeit lieber im Tafelladen und im Pflegeheim zubringt, um dort mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Das fänden die genannten politisch Verantwortlichen sicher auch nicht lustig. Darum habe ich Verständnis, dass sie irritiert und enttäuscht sind. Ich wäre es auch gewesen. Wichtig ist dabei jedoch immer, dass man am Ende nicht bei den bellenden Hunden zurückbleibt, sondern den Aufbruch der Karawane mitbekommt, dass man mitzieht und dabei bleibt. Dass man sich schließlich über jeden einzelnen und jede einzelne freuen kann, der oder die dazu kommt und bleibend dazu gehört. Es scheint nun ein logischer Schritt zu sein, gegen Ende noch ein wenig über den allgegenwärtigen Mitgliederschwund in Kirchengemeinden und Landeskirche auszulassen. Doch unser Text zeigt uns etwas anderes. Er hat nicht die Massenmissionierung à la Zeltmission und die entsprechende Massenrekrutierung von Frommen und Gläubigen im Blick. Jesus kommt nach Jericho und wendet sich einem Menschen, Zachäus, und wahrscheinlich seiner Familie zu. Dieser Zachäus war sicher nicht der letzte Mohikaner – also der letzte Ungläubige in der Stadt. Aber er war der erste, bei dem die Zeit reif war für Umkehr, für Bekehrung und Neuausrichtung. Ich halte es für absolut möglich, dass Gott auch uns heute – sicher nicht jeden Tag – aber dann und wann Begegnungen schenkt, wo wir jemandem wie dem Zachäus begegnen, der Fragen und ehrliches Interesse am Glauben hat, bei dem die Zeit reif ist für die Hinwendung zu Gott. Dann kommt es darauf an, dass wir mit unseren Gedanken wach und klar in der Gegenwart sind. Dass wir die Chance und die Aufgabe erkennen, die sich stellt. Jesus ging es damals wie heute um nichts anderes und um nicht weniger als dieses: „Der Menschensohn ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.“ Seit 2000 Jahren zieht die Karawane nun schon übers Land und durch die Städte und Dörfer. Viele Hunde haben schon gebellt und werden noch bellen. Wir aber wollen versuchen, dabei zu bleiben, uns nicht einschüchtern zu lassen und uns über alle freuen, die sich der Karawane anschließen.

Amen

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