Der Ruf nach der Kirche

Liebe Gemeinde,

immer, wenn die Gesellschaft moralisch nicht mehr weiter weiß, ruft sie nach der Religion, nach der Kirche.

Ich kann mich noch gut erinnern an einen heißen Sommer in den achtziger Jahren. In Tergast, in meiner Gemeinde in Ostfriesland damals, gab es ein paar aufgelassene Kiesgruben. Die wurden von uns Tergastern, aber auch von den Leuten aus den umliegenden Orten und sogar aus der Stadt Emden als herrlich naturnahe Badegelegenheiten genutzt. Meine Kinder haben dort Schwimmen gelernt. Und Sie können sich natürlich vorstellen: bei heißem Sommerwetter da geht es insgesamt auch etwas lockerer zu. Hier und da an geschützten Orten, vor allem in den Abendstunden, ließen manche der Badegäste schon mal ganz die Hüllen fallen. Nacktbaden in einem natürlichen See an einem richtig heißen Sommerabend – ich sage das auch aus eigener Erfahrung – kann etwas herrliches sein!

In Tergast aber gab es einen in die Jahre gekommenen CDU-Vorsitzenden. Der kommt eines Tages zu mir und sagt: „Herr Pfarrer, Sie müssen unbedingt am nächsten Sonntag gegen diese Nacktbaderei am Baggersee predigen. Männlein und Weiblein laufen da ohne Kleider herum und tollen im Wasser. Und auch Tergaster habe ich schon beobachtet, wie sie nackt baden. Das geht doch nicht. Da muss doch die Kirche, die Gemeinde – da müssen doch Sie als Pfarrer für Sitte, Moral und Anstand sorgen.“

Immer, wenn die Gesellschaft moralisch nicht mehr weiter weiß, ruft sie nach der Religion, nach der Kirche.

Immer, wenn die Gesellschaft moralisch nicht mehr weiter weiß, ruft sie nach der Religion, nach der Kirche.

Und dann sind wir auch schon beim Predigttext für diesen Sonntag. Eine bekannte Geschichte mit einem noch viel bekannteren Satz. Aber hören Sie erst einmal selbst:
Predigttext: Johannes 8, 3-11

[TEXT]

Es wundert mich immer ein bisschen, liebe Gemeinde, daß ausgerechnet dieser Satz vom Steinewerfen so berühmt geworden ist! Dieser Satz, mit dem Jesus die Anklage der Schriftgelehrten und Pharisäer abbiegt, die angeklagte, namenlose Frau in Schutz nimmt und den Konflikt löst, in die ihn stürzen wollen.

„…der werfe den ersten Stein…" – in dieser verkürzten Form muss er für Buchtitel und Zeitungsschlagzeilen herhalten und sich wieder und wieder zitieren lassen, im persönlichen Gesprächen, politischen Debatten und Talkshows. Egal, ob es dabei um den schweizerischen Bundesbankpräsidenten Hildebrand, den deutschen Steuersünder Ulli Hoeneß oder Lieschen Müller geht. „Der werfe den ersten Stein…“ Wie kommt es bloß, dass auch der unchristlichste Zeitgenosse meist ganz schnell einen Zusammenhang herstellen kann zwischen dem geflügelten Wort und dem oft vernichtenden Urteil über andere Menschen? Auch wenn er vielleicht schon längst nicht mehr weiß, woher der Satz kommt?

Meine Antwort, liebe Gemeinde, haben Sie schon gehört: Weil immer, wenn die Gesellschaft moralisch nicht mehr weiter weiß, sie nach der Religion, nach der Kirche ruft.

Da sind es zunächst einmal die vielgescholtenen und berühmt-berüchtigten „Pharisäer und Schriftgelehrten“, die angeblich Jesus aufs Glatteis führen wollen, die aber im Grunde genommen nur eine Bestätigung für ihre Sitten- und Moralgesetze haben wollen. Es ist fast so, wie bei mir damals in Tergast, als der CDU-Vorsitzende eine Predigt gegen das Nacktbaden bestellen wollte: „Herr Jesus, Sie müssen mal unbedingt etwas gegen den Ehebruch sagen. Das geht doch nicht. Da muss doch die Kirche, die Gemeinde – da müssen doch Sie als weiser Rabbi für Sitte, Moral und Anstand eintreten und sorgen.“

Nun hören Sie, liebe Gemeinde, ja nicht zum ersten Mal eine Predigt über diese berühmte Bibelstelle. Und sie haben sicherlich noch im Ohr, wie mancher Prediger, manche Predigerin ganz und gar die Frau, die Ehebrecherin in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen und Auslegungen stelle. Die Frau, die Opfer geworden ist einer überkommenen Moral und Sitte. Die Frau, die Opfer geworden ist einer von Männern und männlichen Gesetzen bestimmten Gesellschaft. Die Frau, deren Freiheit und Selbstbestimmungsrecht, auch ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht beschnitten werden soll um den Preis ihres Lebens.

Und dann muss Kirche und Religion, dann muss der Pfarrer mit seiner Predigt wieder herhalten, um der Gesellschaft ins Gewissen zu reden, dass das, was hinter den Schlafzimmertüren passiert, niemanden etwas angeht. Dass Ehebruch zwar ein interessantes Thema ist, das unsere Neugier weckt, dass aber über Ehebruch in der Kirche zu predigen sich nun wahrlich nicht gehört, weil Sitte und Moral in unserer modernen Gesellschaft sich weiterentwickelt haben.

Denn – und damit sind wir bei dem vielzitierten Satz aus unserem Predigttext:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Und wer von uns ist schon ohne Sünde? Der Pfarrer, der heute Ihnen diese Predigt hält, ist geschieden und zum zweiten Mal verheiratet, hat außerdem in jungen Jahren mit Lust und Freude nackt gebadet. Über Ihre, liebe Gemeinde, sittlich und moralische Integrität maße ich mir kein Urteil an; aber ich bin sicher, die eine oder andere sittliche und / oder moralische Verfehlung, um nicht zu sagen: Sünde gäbe es auch auf Ihrer nur scheinbar weißen Weste.

Also stehen wir doch im Grunde genommen alle wie die begossenen Pudel ratlos da. In Erkenntnis unserer eigenen Fehlerhaftigkeit fallen uns die Steine aus der Hand. Keiner von uns würde es wagen, den ersten davon zu werfen. Denn niemand von uns ist ohne Sünde.

Und sehen Sie, da ist sie wieder, die Ratlosigkeit der Gesellschaft. Da weiß die Gesellschaft, da wissen wir alle wieder nicht weiter. Trauen wir uns nicht weiter. Trauen wir uns nicht, Unrecht beim Namen zu nennen, eben weil wir selber viel zu sehr mit unserem Unrecht, mit unserer Sünde verworren und verquickt sind. Der Satz zeigt Wirkung, auch noch nach nun bald zweitausend Jahren:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Damit kann man alles glattbügeln. Ich weiß nicht, ob sich schon einmal irgendein Prediger bei diesem Satz die Frage gestellt hat, wo denn eigentlich der betrogene Ehemann ist. Denn die Frau hat ja eindeutig Ehebruch begangen. Also muss es irgendwo einen gehörnten Ehemann geben. Was sagt der zu der Szene? Ihm wird sicherlich die Todesstrafe für seine Frau auch zuviel gewesen sein. Aber er hätte doch sicherlich gerne von ihr eine Erklärung gehört, warum sie zu einem anderen ins Bett gestiegen ist. Hätte vielleicht dringend und drängend die Frage gestellt, ob es an ihm lag, dass sie fremd ging. Hätte sich und seine Frau fragen wollen, ob sie die Chance für einen neuen Anfang haben – und wenn ja, wie der wohl aussehen könnte.

Liebe Gemeinde, das ist für mich das Gefährliche, je geradezu die Falle in diesem berühmten Satz Jesu vom ersten Stein. Wir machen ja alle Fehler. Wir haben ja alle schon mal Moral, Sitte und Anstand hinter uns gelassen. Und weil das so ist, dürfen wir andere nicht verurteilen. Also alles halb so wild. Gar nicht so schlimm. „Wir sind alles kleine Sünderlein“, so sang Willy Millowitsch in meiner Kindheit.

Aber die Geschichte ist ja mit dem Satz vom Steinewerfen nicht zu Ende. Die endet mit dem anderen, nicht ganz so bekannten und erst recht nicht so beliebten Satz

geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Jesus sagt eben nicht – was wir gerne hätten -: „Schwamm drüber; vergessen wir’s.“ Er schickt die Frau weg. Dorthin, wo sie herkam. Zu ihrem Geliebten, zu ihrem Ehemann, in ihr Leben. Und er sagt ihr damit zugleich: „Ich kann dir die Verantwortung für dein Leben nicht abnehmen. Mit dem, was war, was dir widerfuhr, was du getan hast, musst du leben. Das lässt sich nicht ungeschehen machen. Das gehört zu dir. Du kannst dich annehmen, so wie du bist, mit deiner ganzen Geschichte. Aber die Konsequenzen daraus musst du selber tragen. Du bist noch unterwegs, noch nicht fertig. Aber ich traue dir zu, dass dir das Leben gelingt.“

Liebe Gemeinde, ich hoffe, uns fallen die Steine aus den Händen. Und wir besinnen uns auf unser Leben. Gehen nach diesem Gottesdienst in unser Leben. Übernehmen Verantwortung für uns und unser Tun und Lassen. Haben den Mut, Unrecht beim Namen zu nennen. Und sind nicht zu feige, geschehenes Unrecht wieder gut zu machen. Auch wir sind noch unterwegs, noch längst nicht fertig. Aber auch uns traut Gott zu, dass unser Leben gelingt. Amen.

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