Zachäus‘ dunkle Seite

Sie kennen ihn alle! Bestimmt! Eine der bekannteren Figuren aus der Bibel: Zachäus, der Zöllner Zachäus.

Den Zöllner Zachäus kennt man – aus der Schule oder aus dem Kindergottesdienst. Bis heute kommt er immer wieder in den Rahmenplänen für den Kindergottesdienst vor. Und das ist ja auch verständlich, denn es passt ja auch gut.
Für Kinder erzählt man die Geschichte dann meistens ungefähr so:

»Als Jesus nach Jericho kam lebte dort Zachäus. Zachäus war ein sehr kleiner Mann, kleiner als die anderen Menschen in Jericho. Außerdem war er ein Zöllner, d.h. er war dafür zuständig, dass die Menschen ihre Steuern bezahlten. Deshalb war Zachäus nicht sehr beliebt.
Als nun Jesus nach Jericho kam, liefen alle Menschen zusammen, denn sie wollten Jesus sehen und hören, was er zu sagen hatte. Auch Zachäus kam herbeigelaufen um Jesus zu sehen. Aber er konnte nichts sehen, weil er so klein war. Er rannte hin und her und versuchte sogar hoch zu springen aber es nutzte nicht. Und als er versuchte weiter nach vorne zu kommen, ließ niemand ihn durch weil niemand ihn so richtig leiden konnte.
Aber Zachäus gab nicht auf. Schließlich hatte er eine Idee: Er lief vor zu einem Baum der am Wegesrand stand und kletterte hinauf. Nun konnte er alles sehen.
Als Jesus ihn dort auf dem Baum sitzen sah, kam er zu ihm und sagte: „Zachäus, warum sitzt du auf dem Baum?“ – „Damit ich besser sehen kann“, antwortete Zachäus. „Komm, steig runter“, erwiderte daraufhin Jesus, „heute will ich bei dir zuhause essen. Lade mich doch zu dir ein.“
Und Zachäus kletterte vom Baum herunter und nahm Jesus mit zu sich nach Hause. Dort aßen sie zusammen. Aber die anderen Menschen in Jericho wunderten sich, dass Jesus ausgerechnet zu diesem kleinen Zachäus gegangen war…«

So, oder so ähnlich wird die Geschichte gerne erzählt und es ist eine schöne Geschichte, an der man viel lernen kann:
→ Jesus achtet nicht auf Äußerlichkeiten. Für ihn ist es nicht wichtig, ob einer groß oder klein, dick oder dünn ist. Und:
→ Jesus ist besonders für die Randfiguren der Gesellschaft da – für die, die sonst keiner mag.

Das kann man Kindern und auch Erwachsenen gut nahebringen, wenn man die Geschichte von Zachäus so erzählt. Ein netter, kleiner, sympathischer Mann, der unter seiner Größe und seinem Beruf leiden muss – so erscheint der Zachäus.
Mit ihm können sich die Kinder gut identifizieren. Klar, denn sie sind auch klein und müssen sich immer strecken, wenn sie etwas sehen wollen. Dass man nichts sieht und nicht vorgelassen wird – das kennen Kinder. Dass es Menschen gibt, die einen nicht mögen – das kennen sie auch. Also sehen sich in der Geschichte schnell in der Rolle von Zachäus.

Ich verwende diese Geschichte im Kindergottesdienst nicht! Denn wenn ich das machte, müsste ich diese Geschichte nämlich so erzählen, wie ich eben gemacht habe und dann würde Zachäus eben zum Sympatheträger machen und das ist er eigentlich nicht. Im Gegenteil!

Ich erzähle, die Geschichte noch mal. Sozusagen in der Version für größere Leute, aber immer noch etwas geglättet.

»Als Jesus nach Jericho kam, lebte dort Zachäus. Zachäus war ein Zöllner und zwar einer der ganz großen. Im Laufe der Jahre hatte es geschafft immer mehr Zollstellen unter seine Kontrolle zu bringen. Wer sich rund um Jericho bewegte, wer die Jordanbrücke überqueren wollte oder eines der Stadttore durchschreiten wollte, kam an Zachäus‘ Leuten nicht vorbei. Unerbittlich knöpften sie den Menschen den Zoll ab. Wer es nicht passend hatte, zahlte eben mehr und wenn Zachäus‘ Leute gerade Lust hatten, zahlte man noch mehr. Und wer nicht zahlen konnte, kam nicht durch und wer es trotzdem versuchte, der merkte schnell, dass Zachäus‘ Leute keinen Spaß verstanden und durchaus auch vor ein paar Stockhieben nicht zurück schreckten.
Zachäus selbst hatte so im Laufe der Jahre ein beachtliches Vermögen beiseite geschafft. Das Geld benutzte auch aber auch immer wieder dazu, die Konzession für weitere Zollstellen zu bekommen. Die Beamten in der römischen Verwaltung nahmen sein Geld gerne an, vor allem gerne auch unter der Hand.
Kurz gesagt: Zachäus war wie die Spinne in der Mitte eines kriminellen Netzwerks, das von Erpressung und Korruption lebte.
Dass er in Jericho nicht gerade beliebt war, kann man sich denken. Und das ist noch untertrieben: Die Menschen hassten ihn. Er war das Symbol es verdorbenen Systems.
Und dann kam Jesus nach Jericho. Und Jesus war Zachäus nicht geheuer. Dass einer durch die Gegend zeiht und gutes tut und sogar andere Zöllner dazu bringt, ihren Beruf und damit ihre lukrativen Einnahmequellen aufzugeben – das konnte sich Zachäus nicht vorstellen.
Aber irgendwie hatte er auch Angst vor Jesus. Denn tief in seinem Inneren waren noch Reste eines Gewissens. Tief in seinem Inneren war eine Stimme, die ihm sagte, dass das, was er machte, absolut falsch war. Tief in seinem Inneren war eine Stimme und es war die Stimme seiner Mutter, die sagte er sei ein so lieber Junger. Er versuchte sie ignorieren und er schaffte das gut, sehr gut sogar.
Und dann kam Jesus, der die Zöllner bekehrte und die Stimme war wieder da. Und Zachäus wollte sie ignorieren und ausblenden und wegdrücken. Aber zugleich war da auch die Neugier auf diesen Mann aus Nazareth, der ihm eigentlich nichts tun konnte und vor dem er trotzdem – wenn er ganz ehrlich war – ein bisschen Angst hatte. Angst, er vielleicht die Macht hätte, diese Stimme seiner Mutter lauter werden zu lassen.
Und dann kam Jesus und Zachäus ging hin. Aber sehen konnte er ihn nicht, denn er war ein recht kleiner Mann und alle anderen waren größer.
Niemand wollte ihm Platz machen. Das wunderte Zachäus, denn normalerweise hatten alle Angst vor ihm und seinen Schlägern und machten ihm ganz schnell Platz. Er überlegte kurz, ob der ein paar seiner Leute zu Hilfe rufen sollte… Aber eigentlich wollte er kein Aufsehen erregen.
Da sah er einen Maulbeerbaum. Der kam ihm wie gerufen. Auf Bäume klettern konnte er auch als Kind schon gut. Auf diesen Baum konnte er hinaufklettern und alles sehen und die vielen Blätter des Baumes boten ihm Schutz, damit er nicht so schnell gesehen werden konnte.
Und dann kam Jesus – und sah ihn. Auf dem Baum, trotz des dichten Blätterdachs. Jesus sah ihn und kam zu ihm und die Stimme tief in seinem Inneren war so laut wie nie. Und er hörte sie und er hörte wie Jesus zu ihm sagte: „Komm runter, Zachäus, ich will zu dir kommen. In dein Haus. Du hast doch bestimmt etwas zu essen für mich.“
Zachäus kletterte von seinem Baum. Und alle schauten ihn an. Alle. Und was er sah, gefiel ihm nicht. Das war er – der Hass der Menschen. Bisher konnte er ihn immer übersehen. Bisher traute sich auch niemand ihn zu zeigen. Aber jetzt war es offensichtlich: Sie hassten ihn, hassten seine Art, hassten, dass er sich an ihnen bereicherte. Und jetzt hassten sie auch noch, weil sich ihr Hoffnungsträger, weil sich Jesus, von dem sie soviel erwarteten, ausgerechnet ihm zuwendete. Ihm dem korrupten Handlanger eines brutalen Besatzungsregimes.
Er hätte „nein“ sagen können oder einfach abtauchen. Aber er war nicht mehr Herr seiner selbst und seiner Sinne. Alles lief wie ein Film ab. Sie gingen zu ihm. Er bat seine Frau etwas zu essen zu machen für ihren Gast… ja, er bat seine Frau. Das hatte er seit Jahren nicht mehr getan. Er war es gewohnt Befehle zu geben und nicht zu bitten – nicht mal seine Frau.
Und jetzt bewirtete er einen an sich völlig fremden Mann in seinem Haus und war das erste Mal in seinem Leben wirklich bereit sein Leben zu ändern.«

So weit diese Version der Geschichte. Sie ist vielleicht nicht so gut für Kinder tauglich, aber sie kommt dem näher, was Jesus an Zachäus zeigen wollte: Nämlich dass er sich nicht nur nicht auf Äußerlichkeiten achtet und sich ganz besonders um die Randfiguren der Gesellschaft kümmert.
Nein, Jesus sorgt sich besonders um die, die auf einem katastrophal falschen Weg sind. Zachäus ist nicht nur ein kleingeratener Außenseiter, sondern ein richtig übler Charakter.
So jedenfalls hätten es seine Zeitgenossen gesehen. Sie haben ihn nicht nur gemieden, sondern gehasst und gefürchtet. Sie hielten ihn für einen Verbrecher, einen Halunken, einen widerlichen Kerl. Wie groß muss das Entsetzen gewesen sein, als sie gesehen haben, dass Jesus ausgerechnet diesen Typen besuchen und mit ihm essen will. Igitt, wie kann er nur!

Aber Jesus ist es egal, was die anderen Menschen denken. Das ist nicht seine Frage. Sein Interesse richtet sich ganz allein, auf diesen kleinen Mann, der nach Außen so großspurig auftritt, der Macht und Geld und zugleich Gewalt und Niedertracht verkörpert. Für Jesus ist aber nur ein kleiner armer Mann, der den Weg nicht findet. Den Ausweg. Den Ausweg, aus einer Spirale von Macht- und Geldgier. Den Abzweig von einer Autobahn der Unmenschlichkeit und des Verderbens.

Und für Zachäus ist Jesus genau das: der Ausweg, mit dem er nie gerechnet hätte. Jesus, der gute Mann aus Nazareth, der Gute, kommt zu ihm, dem Bösen.
Jesus hält Zachäus nichts vor, wirft ihm nichts vor. Verurteilt ihn nicht. Er isst einfach mit ihm. Und löscht einfach alles Böse aus. So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein.

Wenn man alle diese Seiten von Zachäus betrachtet, ist die Geschichte vielleicht nicht mehr so gut für Kindern geeignet – oder vielleicht sogar doch ein bisschen, für größere –, aber das Wunder, was sich da ereignet ist eigentlich noch größer. Das Wunder der Veränderung.

Der Weg ist da. Die Tür ist aufgetan. Ab jetzt kann Zachäus sein Leben wirklich ändern. Und ich bin sicher er wird es tun. Und dann ist er wieder nur ein kleiner Mann und hoffentlich nie wieder ein Außenseiter.
Gott, gebe uns allen immer wieder die Gabe, so mit einander umzugehen und immer wieder einen neuen Anfang miteinander zu wagen.

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