Den Boden berühren

Liebe Gemeinde!

Shitstorm. So heisst das, wenn im Internet zu einer Meinung oder einer Person schnell und gerne auch anonym ein unflätiger Kommentar abgegeben wird.
Als Beispiel fällt mir Béla Rethy ein.
Das ist mit einer der bekanntesten Fussballkommentatoren des Deutschen Fernsehens. Seit 1987 festangestellt im Geschäft.
Unzählige Spiele kommentiert und im Laufe der Zeit durch seine besonderes Vermögen ein wenig berühmt geworden.
Das die einen ihn gut finden und andere nicht – das kennt er. Doch dass einmal eine solche öffentliche Beschimpfungstirade über ihn hereinbrechen würde, das hat ihn wirklich fassungslos gemacht.
Im Mai gewinnt der FC-Bayern München 3:0 gegen den FC Barcelona.
Jubel bricht aus und ein sogenannter Flitzer stürmt auf das Spielfeld und fällt dem Bayernspieler Ribery um den Hals.
Bela Rethy glaubt zu wissen wer das ist: Das ist Riberys Bruder, so sagt er.
Nun, da hat er sich vertan. Ein Fehler.

Dieser Fehler führt dazu, dass in den sozialen Netzwerken im Internet ein Sturm der Entrüstung und Beschimpfungstiraden über ihn hereinbrechen.
Béla Rethy fühlt sich ohnmächtig und übermannt.
Spricht gar von „asozialen Netzwerken“ in denen es unglaublich einfach möglich sei Menschen zu beleidigen und zu beschimpfen. Nicht nur er, auch Kollegen seien davon betroffen.

Unsere Welt, das Leben in der Öffentlichkeit ist wahrlich nicht einfacher geworden. Und wenn eine Person des Öffentlichen Lebens Fehler macht, stürzt sich die Gesellschaft mit Genuss darauf.
Mit Freude und Häme werden da Menschen an den Pranger gestellt. Margot Kässmann, Dieter Höness, um nur einige zu nennen. Der Radiosender DRS 3 wählt das Wort „Shitstorm“ 2012 gar zum „Wort des Jahres“.

Welch Lust das ist. Noch schnell einmal darf jeder laut schimpfen und sich ein klein wenig besser fühlen wenn er oder sie, gesellschaftlichen Grössen verbal mal so richtig einen runterhauen kann.

Denn das steckt doch dahinter, oder?
Ich selber kann mich besser fühlen, kann mich erheben über jemand anders.
In diesem Licht bekommt die Erzählung über den Zöllner Zachäus für mich noch einmal ganz aktuelle und politische Brisanz.
Ein Mensch, den die Öffentlichkeit mit Genuss scheel ansieht.

Hören wir, wie es aufgeschrieben steht im Lukasev.:

[TEXT]

Zugegeben. Zachäus ist kein angenehmer Typ.
Er hat auch nicht nur mal eine falsche Äusserung über ein Fussballspiel gemacht. Nein, seine „Vergehen“ sind Handfest. Als Oberzöllner bereichert er sich auf Kosten anderer. Lebt im Wohlstand. Aufgebaut dadurch, dass er andere ein wenig betrügt. Einfach mal ein bisschen mehr Zoll als üblich kassieren. Fertig.

Und weil er auch noch Klein von Gestalt ist hat er keine Chance nach Vorne durchzukommen. Bereite Schultern. Rücken an Rücken.
Nein, hier hat Zachäus keine Macht.
Also klettert er auf einen Baum.
Von hier aus kann er nicht nur sehen. Nein, von hier aus hat er den perfekten Überblick.
Eine Sitzposition die irgendwie zu ihm zu passen scheint.
Alle drängeln sich und recken sich über die Schulter ihres Vordermannes, nur Zachäus, der hat sich heimlich einen Platz in der VIP-Loge ergattert.
Fernab vom Gedränge hat er den „Überblick“.

Kinder lieben übrigens diese vorwitzige und kluge Eigenschaft des Zachäus. Sehen ihn so ganz anders an als wir Erwachsenen.
Einer der eine wirklich gute Idee hat und heldenhaft einen Platz bekommt, der ihm als der Kleinste unter den Grossen gar nicht zustände.

Soweit so gut.
Die wirklich Überraschende Wende kommt jetzt.
Jesus, dessen Aufgabe es doch eigentlich ist durch die Menge zu schreiten und vielleicht dem ein oder anderen Notleidenden die Hand aufzulegen,
der bleibt stehen.
Sieht Zachäus und spricht: Zachäus, komm schnell herab!", Ich möchte heute dein Gast sein!"

Zachäus muss wohl erstaunt gewesen sein. Wahrscheinlich ist er gar ein wenig errötet. Doch flink klettert er von seinem Baum herab und nimmt Jesus freudig als seinen Gast auf.

Nun brich unter der Menschenmenge der „Shitstorm“ los.
Wie kann er das nur tun? Er lädt sich bei einem Gauner und Betrüger ein!"
Bei Twitter und Facebook würden sich in heutigen Zeiten wohl die Seiten füllen. Das was man da heute nachlesen könnte, das haben die Menschen damals noch ausgesprochen: Sich dabei ins Gesicht geschaut. Manche Äusserung natürlich hinter vorgehaltener Hand.

Ein Shitstorm bircht über Jesus los,
denn Jesus stösst die Menge vor den Kopf:

Jesus, der doch eigentlich definitiv auf der Seite der „Gut-Menschen“ zu stehen kommt.
Der sich den armen Witwen, den Lahmen und Blinden zuwendet.
Sogar Wunder vollbringen kann.
Fast andächtig sind die Menschen gekommen um diesen „Heiler und Wundertäter“ zu sehen. Den Mann mit der weissen Weste, der den Menschen die Liebe Gottes verkündet.
Wer will daran schon Anstoss nehmen.

Doch es ist keine arme Witwe, der Jesus sich zuwendet.
Nein, es ist Zachäus. Der Mensch den die Öffentlichkeit verachtet.
Denn da sind sich alle einig. Ein „Sünder und Betrüger“ ist Zachäus.
Um sein Haus macht der anständige Bürger einen Bogen und der ein oder andere spuckt auch schon mal auf den Boden, wenn der Name Zachäus fällt.

Das Jesus zu „dem da“ geht, dass empfinden die Menschen wie einen Schlag ins Gesicht. Denn die Liebe Gottes, die steht doch mir zu. Mir und meinen Eltern, meinen Freunden und Verwandten – aber bitte doch nicht „dem da“!

Wenn wir Christen von der Liebe Gottes sprechen,
dann reden wir gerne davon wie gross sie ist. Das sie alle Schranken übersteigt und erst recht unseren Verstand.
Doch wenn es dann konkret wird, dann weichen wir zurück: „Dem da?!“, nein also wirklich. Dem doch nicht!!

Was Jesus hier vollzieht ist eine Bekehrung der Bekehrten.
Was er einfordert ist eine Haltung der Busse.

Das sind Dimensionen des christlichen Glaubens, die in den heutigen Zeiten sehr schwierig zu vermitteln sind.
Allein das Wort Busse, das stellt auch mich als Pfarrerin vor eine Herausforderung.

„Den Boden berühren“
– so hat ein buddistischer Mönch es versucht zu formulieren. Der Buddismus, so sprach er habe so viele für die heutigen Menschen unverständliche Begriffe. Das müsse man anders ausdrücken.
Und genau das sei die Herausforderung unserer Zeit.
Die Kategorien der Religion in die heutige moderne Welt zu übersetzen.
Busse tun, das hiesse nichts anderes als „den Boden berühren“.

Ich habe lange darüber nachgedacht.
„Den Boden berühren“ – das hat mir gefallen.
In den heutigen Zeiten, da sind wir so oft ohne Bodenhaftung.
Verlieren den Überblick und vor allen Dingen mach junge Menschen jagen Äusserlichkeiten nach, die doch eigentlich so wenig Rolle spielen.
Das schöne Haus, der schöne Beruf, die vielen Hobbies, Reisen – und nicht zuletzt zerbrechen einzelne Menschen und auch viele Ehen daran, dass man irgendwann spürt: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!!“

„Den Boden berühren“ – das kann für mich heissen, innezuhalten und den Kopf zu sortieren. Was ist eigentlich wichtig in meinem Leben.

Was trägt mich?
Worauf kann ich hoffen?
Was gibt mir Halt im Leben.

Denn letztendlich ist „Glaube“ ja nicht nur eine geheime Privatsache, vor der viele Menschen heute grosse Scheu haben, nein es ist doch auch die gemeinsame Suchbewegung. Sich aufzumachen auf der Suche nach Antworten. Sich den grossen Lebensfragen stellen.

Was kommt nach dem Tod?
Was wird Gott mich fragen, wenn ich einst vor ihm stehe?

„Den Boden berühren“ – innehalten und sich neu erden.
Ja, das ist auch eine Dimension von Busse.

Das Schöne an der Zachäusgeschichte aber ist, das sie nicht nur mit nebulösen Formulierungen arbeitet. Denn auch das ist „den Boden berühren“ für mich.

„Herr, ich werde die Hälfte meines Vermögens an die Armen verteilen, und wem ich am Zoll zu viel abgenommen habe, dem gebe ich es vierfach zurück."

Das sagt Zachäus zu Jesus.
Denn er weiss sehr genau, was er für Fehler gemacht hat.
Er weiss, wo er Schuld auf sich geladen hat – und die will er nun tilgen, ja sogar ein bisschen mehr als wiedergutmachen. „ich gebe vierfach zurück“

Vielleicht kann Zachäus uns also auf die Sprünge helfen.
Es geht weniger darum andere zu verurteilen, als sich an die eigene Nase zu nehmen.
 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?
Auch dieses Bibelwort findet sich im Lukasevangelium.

Es geht darum ehrlich mit sich zu sein.

Wir alle sind auch ein Zachäus.
Wir belügen und betrügen gern ein bisschen.
Denn wenn uns zum eigenen Vorteil gereicht drücken wir gerne mal ein Auge zu. Denn eigentlich liegt uns die Wirtschaftsmoral des Zachäus.

Wir wissen eigentlich was gut ist. Aber wir leben auch so gerne bequem.
Und ehrlich gesagt ist immer nur alles gut und richtig machen auch wirklich anstrengend.

Am Städli-Fest in Nidau z.B. will man Mehrweggeschirr einführen.
Weil wir ja alle wissen, wie schlecht es ist so viel Müll zu machen.
Uff, was das bedeuten würde: Geschirr muss transportiert werden. Pfand und dann auch noch spülen. Wo doch der Köttersack so schön praktisch ist.
Da ist bei Städlifest so und auch beim Kindergeburi im Wald.
Ach, lieber schnell ein wenig Plastikgeschirr und Wegwerfteller – das erleichtert die Sache.
Bei dem unliebsamen Müll fühlen wir uns ehrlich gesagt nicht so gut, aber so ist das halt.
Ein bisschen Zachäus lebt eben wirklich in jedem von uns.

Es hat sich sogar in den Strukturen unserer Welt festgeschrieben, dass es eben die reichen Gesellschaften gibt, die ihren Wohlstand durchaus bewusst auf dem Elend der anderen aufbauen.

Da kann man meist bequem die Augen vor verschliessen. Nur manchmal, da gibt es Ereignisse, da kann es einem auffallen:
Wenn z.B. Menschen Asyl suchen weil sie vor den Lebensumständen in ihrer Heimat fliehen.
Was es z.B. bedeutet in manchen Ländern beim Militär zu dienen, das da junge Männer als gebrochene Menschen zurückkommen, nein, das ist eine unbequeme Wahrheit.

Was Recht ist soll Recht bleiben, so sagen wir dann. So ein bisserl Militärdienst hat noch keinem geschadet. Also: neues Asylrecht festgezurrt: Fahnenfluch ist keine Asylgrund!!

Und in Deutschland gibt es auch ein Problem.
Bulgarische Mitbürger und Mitbürgerinnen, teil sogenannte Sinti und Roma haben entdeckt, dass es in Deutschland Kindergeld gibt.
Also ziehen sie in die ärmsten Regionen Deutschlands: Ein Hotspot im Ruhrgebiet, Duisburg und Dortmund oder auch in BerlinNeukölln. Teilweise ohne Bad und WC, mit bis zu 9 Kindern auf 40 Quadratmeter. Erbärmlich.
Dringend müsste Europa zusammenstehen für diese Menschen die kein Staat will. Ihre Lebensbedingungen verbessern.

Doch, mal ehrlich. Das ist eine anstrengende Aufgabe. Sisyphus.
Also machen wir es lieber anders. Bei der EU liegt nun der Antrag, dass man diese Menschen nun „ausschaffen“ kann. Freizügigkeit ist eins der höchsten Güter innerhalb der EU – aber doch bitte nicht für „die da“!
Unbequeme Themen. Unbequeme Wahrheiten.
Da wird auch mir ganz schnell mal wieder gesagt, dass ich als Pfarrerin nicht politisieren soll. Bin ja schliesslich fürs Wort Gottes da, nicht für Politik.

Zachäus versteht den Zusammenhang.
Er begreift, dass er sein Leben umkrempeln muss.
Er kennt die Fehler, die er gemacht hat und will es wieder gut machen.

Busse tun.
Hier bei Zachäus verstehe ich sehr konkret was das heissen kann.

Es geht nämlich nicht darum, sich über andere zu erheben.
Es geht nicht darum „die da“ auszuschliessen.
Sehr bewusst holt Jesus Zachäus, den von der Gesellschaft Verachteten in die Mitte.

Die Liebe Gottes ist gross. Sie überwindet Schranken.
Auch die, die eine Gesellschaft sich aufgebaut hat.
Da ist nicht jemand privilegiert für Gottes Liebe weil er ein gefälliges Leben führt, nein, auch der den die Öffentlichkeit lieber beschimpft als liebt gehört dazu. Gerade er.

Jesus sieht die Menschen anders an.
Er hat scheinbar keine vorgefertigte Meinung.
Er sieht Zachäus an. „Dein Gast will ich heute sein.“

Und der Blick Jesu hat durchschlagende Wirkung.
Zachäus sieht ehrlich auf sich selber. Weiss, das er – nicht die anderen – Fehler gemacht hat.

Wäre es nicht bequemer gewesen für Zachäus seine Fehler unter den Teppich zu kehren?
Was eigentlich veranlasst ihn dazu sein Leben verändern zu wollen?

Ich glaube es ist der Blick Gottes.
Der Blick Jesu der ihm begegnet.

Ein Blick der offenlegt was richtig und was falsch ist.
Denn ich glaube, dass die Liebe Gottes auch genau dies tut.

Sie zeigt mir, was richtig und falsch ist.
Denn erst im dem Moment wo ich den Blick der Liebe Gottes auf mich fallen lasse, kann ich wahrhaft erkennen wer ich bin.

 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

Ich muss mich nicht mehr ablenken mit dem was andere tun.
Nein, das ist kein Massstab mehr.
Ich muss mich auch nicht künstlich erheben über andere.

Denn was ich bin, was mein Wert ist,
das schenkt mir Gott, nicht ich selbst.

Das ist ein Segen und eine Befreiung.

Gottes Liebe gilt mir.
Nicht ich muss sie mir verdienen, nein sie trifft mich. Einfach eso.

Doch diese Liebe bleibt nicht wirkungslos.
Wenn ich sie wirklich in mein Herz lasse, dann wird sie mir helfen „den Boden zu berühren“.

Weil ich weiss, das Gott mich nicht verurteilt, werde ich mein Urteil über andere hoffentlich nicht mehr so schnell fällen.
Ich bringe den Mut auf das Schicksal von „dem da“ und „der da“ an mich heranzulassen.

Weil ich weiss, das ich selber Fehler mache und Gott mir vergibt,
darum kann ich gnädiger mit den Fehlern andere umgehen.

Nicht vorschnelle „Urteile“ und „Shitstorms“ – sondern ein Blick der sich weitet und öffnet für die Welt.

"Heute hat Gott dir und allen, die in deinem Haus leben, Rettung gebracht. Denn auch du bist ein Nachkomme Abrahams. Der Menschensohn ist gekommen, Verlorene zu suchen und zu retten."

(Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft,
der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.)
AMEN

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