Im Sprachlabor

Liebe Gemeinde!

Tief im letzten Jahrtausend, als ich etwa zwanzig Jahre alt war, saß ich in einem Sprachlabor in Vichy in Frankreich. Rechts und links neben mir eine halbhohe Wand. Vor mir ein Tonband, das mir über einen Kopfhörer zuerst einfache und dann immer längere und schnellere Sätze ins Ohr übertrug. Ein „Sprachlabor“ war damals etwas Neues und folgte der Einsicht, dass man eine Sprache nur lernen kann, indem man sie auch benutzt.

Aufgabe im Labor war es, diese Sätze nicht nur zu verstehen, sondern sie nachzusprechen. Zuerst ging das sehr holperig. Manches habe ich nur geflüstert, aus Angst, es könnte jemand hören. Aber da musste ich dann selber lachen: Lernst eine Sprache und hast Angst, es könnte jemand hören. Eine typisch deutsche Schülerangst. Man könnte sich ja lächerlich machen.

Nach den Einzel-Übungen mussten wir in kleinen Gruppen dann tatsächlich miteinander reden auf Französisch ohne den Schutz halbhoher Wände. Eine eigenartige Situation. Aber nach und nach schwand die Beklommenheit.

Und heute? Ach ja, ungeübte Sprache versinkt im Keller des Gedächtnisses und ruht ungenutzt irgendwo in den Tiefen der Erinnerung.

Sprechübungen

Unseren Predigttext aus dem Jesajabuch möchte ich als Sprachschule deuten: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.“

Natürlich könnten wir diese von Treue nur so überquellenden Sätze auf ihre Grammatik hin auslegen. Was käme dabei heraus? Lehrsätze wie: Gott ist treu. Er beschützt dich. Allein das zu hören tut uns sicherlich gut. Und doch ist zu wenig, wollten wir unseren Text nur als bloße Mitteilung an uns auffassen. Seine Absicht greift tiefer und weiter. Er will uns hinein nehmen in das Sprachgeschehen der Treue, in das Sprachgeschehen des Glaubens.

Was Jesaja formuliert, ist ja weder schwer zu hören noch schwer zu verstehen. Doch begreifen, richtig begreifen kann ich diesen wunderbaren Zuspruch erst dann, wenn ich ihn nachspreche, ihn ins Gebet aufnehme.

Als bloße Nachricht hätten wir unseren Text noch nicht verstanden. Es geht darum, die Sprache der Treue zu üben, denn so fasse ich unseren Bibeltext auf. Es ist die Sprache der Treue, die wir durch ihn hören.

„Fürchte dich nicht“; „Ich will bei dir sein“; „Ich habe dich lieb“. „Ich rufe dich bei deinem Namen. Du bist mein.“ „Du bist herrlich“. Kleine, einfache Sätze, die wir eigentlich gut nachsprechen könnten, wenn wir uns denn zu reden trauten im Gebet mit Gott.. „Ich fürchte mich nicht.“ „Gott ist bei mir“. „In seiner Liebe bin ich geborgen“.

Die Sprache der Treue zu hören aus dem Mund des Ehepartners tut uns gut. Sie zu hören aus dem Mund von Vater und Mutter, aus dem Mund einer guten Freundin, aus dem Mund eines Menschen, dem ich das auch glauben kann aus tiefstem Herzen ungetrübt von Zweifel.

Gestern habe ich einen Buben getauft und ihm auf Wunsch der Eltern den ersten Vers aus unserem Bibeltext als Taufspruch mit auf den Lebensweg gegeben:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Ein Taufspruch bleibt ein Stück toter Sprache, wenn er Land und Volk verloren – oder – gar nicht erst gefunden hat. Eltern, die ihren Kindern einen Taufspruch mit auf den Weg geben, gehen natürlich die Verpflichtung ein, dieses Wort auch zu gebrauchen, nachzusprechen und mit ihrem Kind zu üben. Nicht wenigen Eltern fällt das schwer, weil sie in dieser Sprache ungeübt sind. Sie zu gebrauchen, traut mancher sich nicht, aus Angst davor, verlacht zu werden.

Lebendige Sprachen haben Land und Volk

Ist Latein eine „tote Sprache“? Fast 100.000 Internetseiten befassen sich mit diesem Thema. Ich frage heute: Und wie steht es um die Sprache der Treue?

„Sie ist außer Übung gekommen“, könnte eine Antwort lauten. Man denke an die hohe Zahl der Ehescheidungen. Wir könnten all unsere Lebensbereiche durchschreiten und gemeinsam prüfen: Wie verlässlich sind Worte und Zusagen, die ich heute höre und deren Widerspruch ich morgen erfahren muss. „Tot“ nennt man eine Sprache, wenn sie Land und Volk und damit ihren Kulturboden verloren hat. Sicherlich ist es übertrieben, wollte ich behaupten, der Sprache der Treue und des Glaubens sei es bereits so ergangen.

Land und Volk dieser Sprache aber sind geringer geworden. „Wozu Latein lernen“, fragen die einen und wir fragen heute: Wozu die Sprache der Treue üben. Versteht sie überhaupt noch einer?

Dumme Frage! Kein Kind könnte wirklich leben, hörte es nicht die Sprache der Treue aus den Herzen der Eltern. Liebende könnten ohne diese Sprache niemals zueinander finden. Und wäre sie uns zur toten Sprache geworden, so verdorrte unser Gemüt und Zuversicht ins Leben müsste der Skepsis Platz machen, dem Zweifel und dem Misstrauen.

Wenn Eltern einen so schönen Spruch aus dem Vokabular der Treue für ihr Kind auswählen, dann steckt doch mehr dahinter. Darinnen steckt auch die Hoffnung, die Ahnung, das Gefühl oder bisweilen auch der Glaube, dass wir nicht nur aus unseren Worten allein leben, sondern – wie es in der Bibel heißt – aus einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.

Sprachen brauchen Land und Volk, um lebendig zu bleiben. Um nichts anderes geht es in all unseren Gottesdiensten. In unseren Kirchen, Gemeindehäusern, Bibel- und Gebetskreisen, im Religionsunterricht und an vielen anderen Orten geht es doch darum, das wir die Sprache Gottes hören, üben und uns darin versuchen, diese Sprache als eigene zu gebrauchen.

Christus als Sprachlehrer

Betrachten wir unser Bild vom Sprachlabor zu Ende. Eines fehlt noch! Der Sprachlehrer, der in unserem Fall kein anderer ist als Jesus Christus, von dem schon Paul Gerhardt sagte: „In Einsamkeit mein Sprachgesell, zu Haus und auch auf Reisen.“

„Deine Sünden sind dir vergeben. Steh auf und wandle“. In alle den vielen Begegnungen, von denen die Evangelien erzählen, spricht Jesus in der Sprache der Treue, der Zuwendung, der Liebe und Vergebung mit denen, die ihm begegnen.

Nichts verletzt uns schlimmer, als wenn wir zur Nummer degradiert werden. Es erniedrigt uns, wenn aus uns in den Augen der anderen ein „Fall“ wird: Ein Fall für den Psychiater, ein Fall für´s Sozialamt, ein Fall für Harz IV.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst“. In der Begegnung mit Christus lernen wir eine andere Sprache, die Sprache aus dem Reich Gottes. Christus ist – um wirklich ganz im Bild zu bleiben – der Sprachlehrer, der das ehedem auf Israel begrenzte Sprachgebiet des Glaubens hat universell werden lassen, so, wie es im Jesajawort als Hoffnung formuliert ist:

„So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.“

Draußen vor der Tür

Aber nun verlassen wir endlich das Sprachlabor. Erst draußen auf der Straße zeigt sich, wie wir uns verständlich machen können. Mit der Sprache des Glaubens und der Treue ist es doch genauso. Hier im Gottesdienst können wir hören, mitsingen und mitbeten. Was wir hier zu erfassen suchen, erweist seine Kraft sozusagen erst draußen vor der Tür.

Als ich vom Sprachaufenthalt in Vichy zurückkehrte, hatte unsere Gruppe den Zuganschluss in Genf verpasst. Einzig unser Leiter hatte noch Geld für ein Hotel, das er auch bezog. Wir anderen aber mussten mit dem Französisch, das wir gelernt hatten, Bahn- und Zollbeamten das Zugeständnis abringen, im ordentlichen Bahnhof der gepflegten Schweiz übernachten zu dürfen. Es gelang!

„Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.“ In diesen Worten liegt die Verheißung, dass ich in all den bedrängenden Situationen des Lebens nicht zugrunde gehen muss, wenn ich denn die Sprache der Treue, des Glaubens und der Zuversicht in mein Herz aufgenommen, gelernt, geübt und nicht vergessen habe. Zuerst geht das sehr holperig. Manches wird nur geflüstert, in der Hoffnung, wenigstens Gott verstehe meine Sprache. So ist es.

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