Worte der Ermutigung

Liebe Gemeinde,

genau vor 2600 Jahren kam es für das auserwählte Volk Gottes zu einem einschneidenden Ereignis. Die damalige Großmacht Babylon eroberte endgültig das Reich Juda, besetzte die Hauptstadt Jerusalem und führte die Oberschicht ins Exil. Damals sah es so aus, als wäre die Idee vom eigenen Land, in dessen Zentrum der wahre Gott im Tempel verehrt werden könnte vorbei. Jerusalem war zerstört, die Entscheidungsträger außer Landes gebracht. Der Dienst am Tempel musste ruhen – eine Gottesverehrung war nicht mehr möglich. Wüst und leer lag Jerusalem da – sich selbst überlassen.

Wo kamen die Weggeführten hin? Sie kamen in ein blühendes Weltreich, ein System voller prächtiger Tempel und Kultur: Dort waren die ersten großen Rechtssysteme entstanden, eines der sieben Weltwunder wird dort beschrieben: Die hängenden Gärten der Semiramis. Die Babylonier waren weiterhin kundige Gelehrte der Astronomie und der Mathematik. Ca. 70 Jahre dauerte dieses Exil und die Juden in Babylon waren dort keineswegs Unterdrückte oder Gefangene, sondern konnten sich frei bewegen und selbst verwalten. Es war, liebe Gemeinde, eine erstaunliche Art der Sieger mit den Besiegten umzugehen. Und eine überaus effektive Art zugleich. Denn die Besiegten begannen, sich anzupassen, sich einzufügen in die Babylonische Gesellschaft. Der Wunsch nach Vergeltung und nach Rache kam so in den allermeisten Fällen zum Erliegen.

Wahrscheinlich gab es damals nur wenige Stimmen, die sich an die Weggeführten richteten, um sie daran zu erinnern, woher sie eigentlich kamen und was ihre Berufung eigentlich ist: Als Volk Gottes diesen lebendigen Gott zu verehren und ein exemplarisches vor der Welt zu leben.

Eine dieser Stimmen kennen wir als den ersten Schöpfungsbericht im ersten Mosebuch. Er wurde verfasst von den weggeführten Priestern in Babylon, um die Aussagen, die das Volk Israel bisher über seinen Schöpfergott kannte an die neue Situation anzupassen. Dort werden die Schöpfungstage gezählt von eins bis sieben und die Sterne am Himmel sind nicht mehr als Leuchten, die Gott selbst eingefügt hat: Beides Reaktionen auf das Umfeld in Babylon.

Und Sie kennen, liebe Gemeinde den Psalm 137, in dem es heißt: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten…“. 1970 wurde daraus ein bekannter Popsong: „At the river of babylon“, der mit Boney M. 1978 sich über 30 Wochen auf Platz 1 in den deutschen Charts hielt.
Aber diese Texte sind nicht mehr als der Versuch, das Volk Gottes wieder darauf hinzuweisen, wo die eigentliche Quelle ihres Lebens liegt.

Auch unser Predigtwort von heute geht genau in diese Richtung, wird aber in seinem Ton deutlicher und präziser. Wir hören diese Worte vom Propheten Jesaja im 55. Kapitel, die Verse eins bis fünf:

[TEXT]

Sie spüren, liebe Gemeinde, dass der Aufruf Jesajas zwei Teile hat. Im ersten Teil beschreibt Jesaja die Dinge, die unbedingt zum Leben notwendig sind und die jedem Menschen der damaligen Zeit, der die Wüste kannte, als lebensnotwenig vor Augen stand. Das Wasser, das den Durst löscht: Es ist umsonst zu haben! Jeder, der Durst hat, kann kommen und davon trinken. Sie wissen, liebe Gemeinde, aus den Geschichten der Heiligen Schrift, wie viel Streit es damals um solches Wasser gegeben hat. Da musste geklärt werden, wer seine Herden zuerst tränken darf. Das Wasser aus den gefährdeten Brunnen musste mühsam geschöpft und transportiert werden. Wir, die wir Wasser meist im Überfluss haben und die wir gerade aus der letzten Zeit das zerstörerische Element erschreckend erlebt haben, können das kaum greifen. Vielleicht noch am ehesten die Menschen, z.B. in Passau, denen plötzlich kein frisches Trinkwasser mehr einfach so aus der Leitung zur Verfügung stand, trotz des vielen Wassers um sie herum.

Jesus wird später von sich selbst als dem lebendigen Wasser sprechen und wir haben es vorhin gesungen: „Bei dir, Herr, ist die Quelle des Lebens“. Und das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes nimmt es wieder auf in seiner Vision vom neuen Jerusalem, in welcher alles Leid, aller Schmerz und alle Dunkelheit gebannt sein wird: Unter dem Thron, auf dem der Lebendige mitten unter seinen Geschöpfen sitzt, entspringt ein immerwährender, nie versiegender Strom eines solchen, frischen Wassers: Für jeden jederzeit verfügbar.

Aber Jesaja von den Dingen, die man braucht, um zu über-leben. Er spricht auch von den Dingen, die ein Leben freundlich und heiter machen: Der Wein, der des Menschen Herz erfreut. Auch er ist umsonst zu haben, ebenso wie die Milch und das köstliche Brot.

Und natürlich, liebe Gemeinde, erscheinen in unserem Kopfe sofort die dazu gehörigen Bilder: „Das Land, in dem Milch und Honig fließen“ – das verheißene Land. Bis hin zu Brot und Wein, denen Jesus am Passahabend, bei seinem letzten Abendessen mit seinen Jünger – am Vorabend seines Todes – eine neue Bedeutung gab.

All das, liebe Gemeinde, „wissen“ wir. Und die Konfirmanden lernen es auch noch einmal neu: Dass im Wein des Abendmahles das Blut Jesu am Kreuz hinweist auf jenes Blut, dass bei der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten an die Türpfosten geschmiert wurde: Das Blut eines Lammes, damit das Verderben an ihren Häusern vorbei geht. Nicht anderes heißt ja übersetzt: Passah – das „Vorübergehen“, „Verschonen“. In Christi Blut werden wir erneut befreit aus einer Sklaverei, nämlich aus der Sklaverei und Gefangenschaft des Todes und der dunklen Mächte, befreit zu einen Neuen Leben. Deswegen teilen wir Brot und Wein im Abendmahl und vergewissern uns dieser Freiheit, die bei Gott gilt.

Ja, liebe Gemeinde, das „wissen“ wir alles und dennoch geht es uns oft wie den Israeliten, die Jesaja hier anspricht. Wir wissen um diese Bedeutung von Christi Tat an uns und sind dennoch geblendet von dem, was uns gerade umgibt. So, als würde uns unser Alltag so sehr in Beschlag nehmen, dass wir gar nicht mehr sehen können, welches Leben eigentlich möglich ist. So, liebe Gemeinde, als würden auch wir in einer „babylonischen Gefangenschaft“ leben, die uns – ganz so, wie ich es zu Anfang beschreib – nicht durch Gewalt gefangen nimmt, sondern durch Glanz und Eindruck. Spricht deshalb Jesaja vielleicht so deutlich von dem „Umsonst-Angebot“ Gottes? Ihr braucht nichts kaufen, um dieses Wasser des Lebens zu erhalten. Ihr braucht kein Gold und keinen Prunk, um diesen Weg ins Leben zu finden. Aber orientiert euch an diesem Gott. Hört sein Wort, so werdet ihr leben.

Nun waren die Weggeführten Israels in Babylon ja keine „Dummen“, sie waren weder einfältig noch naiv. Eher wird uns im Wort Jesajas klar, wie der Mensch als solcher gestrickt ist, dass ihm so etwas widerfahren kann. Er ist eben nicht der Starke, der selbstbestimmt durchs Leben gehen kann, ohne auf Hilfe angewiesen zu sein. Sondern er ist wohl eher einer, der anfällig ist für die Ablenkungen, die ihm permanent auf dem Wege begegnen. Ein Schwacher also, der sich nicht selbst am Schopfe aus dem Morast wird ziehen können. Und wieder haben wir die Parallele zur bisherigen Geschichte, die auch schon die weggeführten Israeliten kannten: War es nicht so, dass nach der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten bald das Murren ansetzte und die Frage laut wurde: „Warum sind wir nicht an den Fleischtöpfen Ägypten geblieben?“ – „Wir waren zwar nicht frei, aber die augenscheinlichsten Bedürfnisse gestillt!“.

Vielleicht, liebe Gemeinde, ist das der Knackpunkt. Sind wir doch gefangen in dem, was uns umgibt? Gefangen in den Dingen der Welt, die wir haben und besitzen müssen – oder zumindest meinen, sie besitzen zu müssen? Gefangen in der vermeintlichen Sicherheit unserer Lebensplanung? Dass wir meinen, durch unser Tun könnten wir einen Rahmen schaffen, der ein sicheres Leben garantiert: Durch Erwerb von Haus und Hof, durch Versicherungen, durch Geld und Gut?

An vielen Stellen der Schrift werden wir darauf hingewiesen, wie wenig wir tatsächlich in der Hand haben. Gleichzeitig aber bekommen wir ebenfalls an vielen Stellen den Hinweis darauf, wer wir sein könnten: „Kinder Gottes“, „Geliebte des Herrn“, „in Christus Befreite“. Wir bekommen vielmehr den Hinweis, wer wir tatsächlich sind: Geschaffen in einer Ebenbildlichkeit Gottes, die daraus lebt, dass wir auf sein Wort hören und ihm antworten. Geschaffen zu einer lebendigen Beziehung zu einem lebendigen Gott. Zu einer Beziehung, liebe Gemeinde, die umfassender ist, als es das Leben hier erfüllen kann. Eine Beziehung, die Tod und Leid, Ungerechtigkeit und Unfrieden hinter sich lässt.

Deswegen schaltet Jesaja den zweiten Teil seines Aufrufs an die Israeliten unmittelbar an den ersten hinten an. Es ist ein ewiger Bund, den Gott schließen will mit beständigen Gnaden. Und auch hier hören wir wieder die Verheißungen, die wir aus der Offenbarung des Johannes kennen: Die Völker werden kommen und Erkenntnis Gottes wird herrschen in einem Reich des Lichtes und nicht der Finsternis.

Wir „wissen“ dies alles, liebe Gemeinde. Sonst wären wir heute nicht hier. Aber wir sind angewiesen darauf, es immer wieder zu hören, damit die Worte unser Herz erreichen und durchdringen können durch unseren Alltag, unsere Sorgen, unser Bequemlichkeit und unsere Angst. Wir sind angewiesen auf das Hören dieser frohen Botschaft, damit wir tatsächlich getröstet sind – und nicht nur im Verstande dies erwogen haben – getröstet in einer Welt, die noch durchzogen ist von den Schatten und den Unzulänglichkeiten, die in uns sind und uns umgeben. Angewiesen dieses Wort des Herrn zu hören, damit wir wahrlich leben und uns nicht in falscher Sicherheit wägen durch den Glanz der Dinge, mit denen wir uns umgeben.

Das lebendige Wort Gottes, liebe Gemeinde, ist Christus Jesus. Ihn allein haben wir zu hören, dann haben wir Gottes Wort gehört.

Gott wartet geduldig auf unsere Antwort auf das, was wir in seinem Wort gehört haben.

Und dann können wir sie beschreiben, diese Momente, in denen wir wahrhaftig nicht mehr durstig waren, weil wir vom lebendigen Wasser getrunken haben. Sie benennen diese Momente, in denen wir wahrhaftig satt waren, weil wir vom köstlichen Brot gegessen haben. Momente, in denen wir von jenem Leben bereits jetzt erfahren haben.

Christus spricht vom Reich Gottes, das bereits mitten unter uns gegenwärtig ist. Dort, wo durch die Liebe Gottes neues Leben möglich geworden ist. Und ich bin gewiss: Sie haben dies schon in Ihrem eigenen Leben erfahren dürfen. Wo durch die Liebe eines anderen Menschen Ihnen selbst – völlig ohne Gegenleistung oder Vorauszahlung – etwas geschenkt wurde: Eine helfende Hand, ein Wort der Versöhnung, ein aufmunterndes Lächeln. Dort ist plötzlich die Sehnsucht gestillt, die in uns wohnt. Die Sehnsucht, die wir durch Dinge immer nur kurzfristig beruhigen können.

Und Sie kennen es von sich selber auch in der aktiven Form: Wo Sie selbst – bewegt durch den Heiligen Geist – für andere zu einem Überbringer des Neuen Lebens geworden sind. Sei es in einem tiefen Gespräch unter Freunden, bei welchem Sie selber nachher gar nicht mehr wissen, woher Sie die Worte des Trostes oder der Ermutigung bezogen haben. Sei es in der Rolle des Mächtigeren als Vorgesetzer oder des erfahreneren Kollegens, der mit Güte und Umsicht auf seinen Nächsten eingeht, ohne ihn zu übervorteilen.

„Höret, so werdet ihr leben!“ ruft Jesaja den Weggeführten zu und meint es dabei nicht anklagend, sondern als eine echte Hilfestellung.

So hören wir es heute: Als ein Wort der Ermutigung, dem lebendigen Wort Christus Jesus zu folgen, damit wir das Leben selbst finden können.

Und was wird dann geschehen, liebe Gemeinde? Jesaja sagt es so: „Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.“

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es sehen und anfassen könnten, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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