Warum werde ich nicht satt?

Unsere Welt, liebe Gemeinde, funktioniert anders. Anders als es Gott da kundtun lässt durch seinen Propheten. Das ist spürbar und sichtbar, wenn man durch die Einkaufszonen der Republik schlendert oder mit Menschen spricht, die sich das Heizöl nicht mehr leisten können.
In einer Gesellschaft, „der das Kaufen und Verkaufen, das Rechnen und Verrechnen längst zur zweiten Natur geworden“ ist, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass lebenswichtige Dinge, wie Brot und Wasser, Milch und Wein einfach so, geschenkt zu haben sind (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

Alles umsonst! Keine Anstrengungen! Keine Mühen! Unglaubliches verspricht dieser Text! Wer kann das glauben? Lebensnotwendige Dinge kostenlos! „Die Gnadenfülle dieses Textes ist seine eigentliche Unzugänglichkeit!“, sagt Hellmut Gollwitzer (in: GPM, 2. Sonntag n. Trinitatis, 1972, S. 270).

Diese, an unserer Realität trainierte Schwäche des Textes, liegt wohl darin, dass wir es gewohnt sind, für die Dinge des täglichen Lebens zu bezahlen. Und zwar nicht weniger oder gar nichts, sondern eher immer etwas mehr. Das Benzin, der Treibstoff unserer Gesellschaft, wird in unseren Tagen stündlich teurer. Auch das Heizöl, von dem wir in diesem Jahr so lange etwas brauchten, wird nicht günstiger und vielen graut vor der nächsten Abrechnung!

Alles wird teurer, alles wird knapper. Die Güter dieser Welt sind begrenzt – das wissen wir: Nicht nur Öl, Gas – und in manchen Landstrichen dieser Welt sind auch das Wasser und das tägliche Brot begrenzte Güter. Von Milch und Wein ganz zu schweigen … Auch die Kirche kann nicht mehr wie früher gewohnt „aus dem Vollen schöpfen“. „Wir leben in einer Welt der knappen Güter, in der wir rechnen und haushalten müssen, wie wir auch als Kirche schmerzlich spüren!“ (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

Die Mittel werden knapper, aber wie verteilt man den Mangel gerecht? Diese Frage wird umso ernster, wenn man sich vor Augen hält, dass es in vielen Ländern der Welt Konflikte gibt, weil das verdiente Geld nicht mehr ausreicht, um das Brot, den Reis für die Familie zu kaufen. Dennoch steigen die Nahrungsmittelpreise und proportional dazu wird der Traum von einer Welt, in der alle genug haben und keiner zu viel, angesichts der Weltlage, immer kleiner.

Gottes Angebot, vorgetragen durch den Propheten Jesaja, hebelt diesen Mechanismus aus, denn er fragt nicht nach den knapper werdenden Gütern, er bietet Lebensfülle an und setzt so die Gesetze des Marktes außer Kraft. Dieser Markt, der so sehr auf Wachstum setzt und auf die Mehrung der Konsumenten. Sobald ein Markt abgeschöpft oder gesättigt ist, wird einfach ein neuer Wachstumsmarkt gesucht.

Für alle Märkte gilt: Der Markt kann nur wachsen, weil viele Konsumenten glauben, dass sie noch nicht genug haben. Und die Werbung tut ihr Übriges dazu und hält die Illusion hoch, dass wir noch mehr brauchen, noch mehr haben müssen, obwohl wir eigentlich schon übersättigt sind. Wie viele Mobiltelefone braucht ein Mensch? Wie viele Paar Schuhe brauchen Sie wirklich? Oder anders gefragt:

Warum werde ich nicht satt? So heißt ein Lied der Toten Hosen. Die deutsche Punkband trifft damit den Kern einer auf Wachstum und Wohlstand ausgerichteten Welt. Du sollst gar nicht satt werden, lautet die echte Botschaft hinter all den Verlockungen und Angeboten. Denn satt wäre gleich Geschäftseinbruch. Lieber erhalten wir dir einen künstlichen Hunger, sagen die Konzerne, die ihre Waren feilbieten. Im Angesicht eines südamerikanischen Bauern oder eines Kindes in Indien, das für weniger als einen Hungerlohn einen billigeren Grabstein auch für deutsche Friedhöfe herstellt, oder einer Näherin aus Bangladesch, die alle zusammen nicht genug verdienen, um ihre Familie auch nur annähernd adäquat zu ernähren, ist dieser künstlich erzeugte Hunger nicht mehr nur Hohn, sondern schon Spott .

Unsere Welt, die westliche Welt, schöpft aus dem Vollen. Wir genießen die Überfülle des Marktes. Aber: „Man kann nicht glaubwürdig von vom ‚Wasser des Lebens‘ sprechen, solange Millionen von Menschen verdursten oder ihr Wasser aus fauligen Tümpeln schöpfen. Man kann nicht vom ‚Brot des Lebens‘ essen und die Hungrigen draußen lassen. […] Das unökonomische Angebot Gottes verlangt auch nach einem anderen Umgang mit den Regeln der Ökonomie: Wasser und Brot für alle, Saatgut ohne teure Patente multinationaler Konzerne, Milch für die eigene n Ernährung […]. Eine solche Änderung des Systems verlangt eine ganz Menge und sie ist nicht kostenlos: Denn ein solches Umdenken fordert auch „die Bereitschaft westlicher Konsumenten, höhere Preise zu zahlen für Produkte, die fairer gehandelt werden.“ (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

All das, diese ganze beschriebene Ungerechtigkeit, die ganze kommerzielle Völlerei, bringt die Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler auf den Punkt, wenn sie sagt: „Haben und nicht brauchen ist Diebstahl!“ „Gier und Geiz machen unsympathisch und einsam.“ So wird schon in der Bibel gewarnt: Nicht die Steigerung des Aktienkurses oder die Einkommensverbesserung sind ein Merkmal des Reiches Gottes, sondern die Gerechtigkeit die von unserem Handeln ausgeht, und die zudem ein Volk erhöht, sind Hinweise auf eine gesunde und im besten Sinne satte Gesellschaft (Vgl.: M. Käsmann: Mehr als ja und Amen, S.113).

Gott hat anderes im Sinn. Ihm geht es um die Menschen, mit ihren echten Bedürfnissen und nicht um die Menschen, mit ihren künstlich erzeugten. Die durch Jesaja feilgebotenen Gaben sind keine Luxusgüter und stellen nichts Abgehobenes dar. Wasser und Brot, Milch und Wein sind alltägliche Güter, Dinge, die man zum Leben braucht. Fern von jedem Verdacht der Verschwendung zu dienen.

Unsere Welt glaubt, man könne Bildung, Liebe, Sexualität und Freundschaft kaufen. In manchen Fällen scheint dies zu gelingen, aber trifft es den Kern? Der gekaufte Doktortitel ist kein echter, gekaufte Freunde sind weg, wenn das Geld weniger wird.

„Für Geld kriegt man alles. So sagt man – aber das ist nicht wahr. Man kann Essen kaufen, aber nicht Appetit. Arzneimittel, aber nicht Gesundheit. Wissen aber nicht Klugheit. Glanz, aber nicht Schönheit, Spaß aber nicht Freude. Bekannte aber nicht Freunde. Diener, aber nicht Treue. Zerstreuung, aber nicht Glück, Religion, aber nicht die Erlösung, eine Fahrkarte zu jedem Reiseziel, nur nicht zum Himmel. Die Schale lässt sich kaufen, aber nicht der Kern.“ (Vgl.: Arne Garborg, norwegischer Schriftsteller).

Was in diesen wenigen Sätzen formuliert wird sind keine neuen Wahrheiten, sondern Allgemeingut. Wenn wir aber darum wissen, warum leben wir dann nicht danach? Könnte es sein, dass es nicht daran liegt, dass „wir das nicht wüssten, sondern eher, dass wir es nicht glauben!“ (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).
Viele werden sagen, das, was Jesaja da erzählt ist eine schöner Traum, aber leider ein weltferner Idealismus. Aber was, wenn Gott Recht hat?

Allzu leicht, so scheint es, wirft eine durchaus motivierte Schar die Flinte allzu früh ins Korn – liegt das daran, dass das Wort Gottes zwar so voll und schön in unseren Ohren klingt, wir aber eine Überdosis Realismus abbekommen haben?

„Unsere durch soziale Spannungen und Gegensätze zerrissene […] Welt, die ganz zweifellos weithin in […] wirtschaftliche Existenznot geraten ist, wartet auf ein Heil, ein Heilwerden, das in eine neue Verbundenheit der Menschheit untereinander führt. Wir werden unendlich viel Glaubensmut aufbringen müssen, dieser Welt zu sagen und zu bezeugen: das Heil ist da für alle, schon jetzt, in dem lebendigen Wort von der in Christus erschienen heilsamen Gnade Gottes!“ (Vgl: GPM, 2. Sonntag n. Trinitatis, 1972, S. 274).

Aber dazu müssten wir mutiger auftreten und auch glauben, was Gott uns da zumutet, mit seinem kostenloses Angebot, dass nicht nur den Markt und seine Gesetze aushebelt, sondern uns, die wir hören, in die Verantwortung nimmt. Wer von der Gnadenfülle lebt, kann das nicht für sich behalten! Gottes Angebot hebelt darum auch alles verquere Denken aus, dass davon ausgeht, dass diese Welt nun mal so ist, wie sie ist. Vergessen wir nicht: Auch „wir sind Rufer, Wasserverkäufer sozusagen, aber lebendiges Wasser und Brot, das sättigt, kann nur Er geben!“ (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

Das christliche Warenhaus muss sich nicht hinter den anderen Platzhirschen verstecken. Das Sortiment mag überschaubar sein, Wasser und Brot, Milch und Wein. Die Kraft darin aber ist unbeschreiblich, denn dazu kommt das Wort des lebendigen Gottes, das uns zusagt: Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.

„Ob wir uns neu beschenken lassen, damit wir anderen schenken können? Dann ist alles umsonst, aber nichts ist vergeblich!“ (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).
AMEN!

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