Die Welt verändern

Liebe Gemeinde, als ich den Text zuerst las, entstand in mir ein elendes Bild: Menschen ohne Hoffnung, ohne Pläne für die Zukunft. Menschen ohne Weg und ohne Ziel. „Wie Schafe, die keinen Hirten haben“ sagt die Bibel. Und zugleich war da auch der abwehrende Gedanke: Menschen sind doch keine Schafe. Aber das war eben meine Reaktion, die Reaktion einer Frau des 21. Jahrhunderts.

Jesus dagegen griff eine Situation aus seinem Alltag auf, aus dem Alltag, in dem die Männer Hirten und Bauern waren, die Frauen Ehefrauen der Hirten und Bäuerinnen. Jesus hatte Menschen vor Augen, die für Schafe verantwortlich waren. Und er kannte das Unglück, wenn eine Herde ohne Hirten war.

Würde er heute leben, wären ihm vielleicht Menschen in einem Haus ohne Strom in den Sinn gekommen, Menschen mit einem Handy ohne Saft, einem IPod ohne Internetverbindung.

Es ging ihm also um Menschen, die ohne Hilfe von außen verloren waren – eben wie Schafe ohne Hirten, die verdursten, verhungern, weil sie keinen haben, der ihnen gute Weideplätze und Wasserstellen zeigt.

Unser Bibeltext geht weiter, dass er den Jüngern und Jüngerinnen auftrug, sich um diese Menschen zu kümmern. Er trug ihnen auf, die Situation zu ändern.

Erstaunlich ist, wie er sich das vorstellte. Eben nicht, dass die Jünger und Jüngerinnen diese Riesenaufgabe bewältigen, in dem sie hingehen und selbst die Defizite beheben sollten. „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter und Arbeiterinnen. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter und Arbeiterinnen in seine Ernte sende.“ Was für ein Auftrag. Ich stelle mir vor, dass es den Jüngern und Jüngerinnen damals ging wie mir. Dass sie – wie ich – erst einmal dachten, wir sollen für all diese Menschen Verantwortung übernehmen. Und dann das grosse Aufatmen beim zweiten Satz: denn da bekommt die Aufgabe eine Dimension, der wir uns gewachsen fühlen. Gott zu bitten, dass er hilft. Auf Gott zu vertrauen, dass er hilft.

Wäre das alles, könnten wir uns beruhigt zurücklehnen und sagen: „Ein bisschen gebetet, ein wenig gebeten und schon habe ich meine Verantwortung für meine Nächsten erfüllt; denn um den Rest kümmert sich ja Gott.“

Nun, liebe Gemeinde, Sie merken es schon an meinem ironischen Tonfall, dass es so sicherlich nicht von Jesus gemeint war. Wie aber dann?

Ich weiß nicht, wer sich von Ihnen an den Film „African Queen“ mit Humphrey Bogart und Katharine Hepburn erinnert. Er spielt während des Ersten Weltkriegs in Deutsch-Ostafrika. In einer kleinen Siedlung, weit entfernt von jeder Zivilisation, lebt und wirkt die sittenstrenge und etwas altjüngferliche Rose Sayer als Missionarin zusammen mit ihrem Bruder Pastor Samuel Sayer. Mit dem Nötigsten und mit Nachrichten versorgt wird die Siedlung von dem rauhbeinigen und verwahrlosten Kapitän Charlie Allnutt und seinem altersschwachen kleinen Dampfboot „African Queen“. 
Diese Missionsstation wird durch deutsches Militär völlig zerstört. Pastor Sayer verkraftet diese Erlebnisse nicht, er wird verwirrt und stirbt.

Die Szene, wegen der ich Ihnen von dem Film erzähle und die mich zutiefst berührt hat, spielt auf dem Sterbebett des Missionars. Da sieht er schon den Himmel offen, aber er hat Angst davor, dass Gott ihn rügen wird. Und dass der Ewige ihm vorhalten wird, dass er nicht genug getan hat, dass er zu wenig geleistet, zu wenig erreicht hat. Es ist zu Herzen gehend, wie dieser Mann, der sein ganzes Leben Gott gewidmet hat, sich sorgt, dass er den Anforderungen Gottes nicht gerecht geworden ist. Er sorgt sich, dass er seiner Verantwortung als „Arbeiter der Ernte Gottes“ nicht gerecht geworden ist.

Jesus sagt: „Betet!“ Meinte er wirklich, dass Beten Not lindern, trösten und neue Wege zeigen kann?

In dem Film sieht sich nach Samuels Tod Kapitän Allnutt gezwungen, Rose auf seiner Reise weiter den Fluss hinunter mitzunehmen. Und auf dieser Reise geschieht die grosse Veränderung der beiden. Rose, zugeknöpft in Bezug auf die hochgeschlossene Bluse genauso wie in ihrer Haltung dem Leben und hier insbesondere Männern gegenüber, und der Kapitän in verdreckten Klamotten, unrasiert, trinkend und unanständige Lieder singend, beide wirken aufeinander ein. Sie wird zugänglich und übermütig, er wäscht und rasiert sich, lässt den Alkohol stehen und wird für Rose nicht nur treuer Reisebegleiter, sondern auch geliebter Mann.

Ich weiß, es ist nur ein Film, eine schöne Geschichte. Aber denken Sie einmal daran, wo sich Ihr Leben geändert hat. Das ist einmal da, wo uns etwas Schlimmes widerfährt. Und es ist da, wo wir glücklich sind. Wo wir einen Menschen kennenlernen, den wir mögen, mit dem wir gern zusammen sind, der für uns ein Vorbild ist, den wir lieben! Da nehmen wir gern Verhaltensweisen an, von denen wir bisher vielleicht nicht einmal geahnt hatten, dass wir es jemals mögen könnten. Und mit unserer neu gefundenen Haltung stecken wir wiederum unsere Umwelt an.

Und so verstehe ich Jesu Aufforderung „bittet Gott! Betet!“ Wenn ich täglich mit Gott im Gespräch bin, dann wird sich bei mir etwas ändern. Dann werde ich etwas ausstrahlen, was anderen gefällt und sie beeinflusst. Und etwas in mir wird strahlen, das mir Kraft gibt, zu handeln. Gott zu bitten, zu ihm zu beten für diese Welt ist nicht ein Abschied aus der Welt, sondern ein besonderer Zugang zur Welt. Zu Gott zu beten für die Welt ist der erste Schritt, sie zum Guten zu verändern. Wenn wir die Aufforderung Jesu ganz ernsthaft befolgen, dann werden wir merken, dass sich etwas tut. Bei uns und bei andern.

„Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter und Arbeiterinnen. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter und Arbeiterinnen in seine Ernte sende.“

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