Es ist gut, so, wie es ist.

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,
bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. Damit ist der Ton dieser Predigt eigentlich klar: Mangel.

Es fehlt an fleißigen Erntehelfern für die große Ernte, oder, wenn wir das andere erwähnte Bild noch hinzunehmen, an beflissenen Hirten für die vielen verlorenen Schafe. Es fehlt an Arbeitern. Es fehlt an Mitarbeitern.

Liebe Schwestern und Brüder, die Predigt könnte nun – auf diesem Grundton aufbauend – ins Horn stoßen und in allen Oktaven den Mangel an Leuten, die mit zufassen und Verantwortung für die Sache Gottes übernehmen thematisieren. Das würde fast wie von selbst gehen.

Ein Vakanzjahr steht unserer Gemeinde bevor: Was liegt näher, als noch einmal aufrüttelnd und vielleicht ein wenig alarmistisch diejenigen unter uns aufzuscheuchen, von denen der Prediger zu wissen meint, dass sie in Sachen Mitarbeit schon noch Reserven hätten. Deine Kraft fehlt, liebe Schwester! Dein Mitdenken, dein Einsatz täte uns gut, lieber Bruder! Groß und unübersichtlich ist das Aufgabenfeld und diejenigen, die bereits darauf ackern, würden sich über Unterstützung freuen.

Doch ich möchte den Ruf nach Arbeitern, nein besser, die Aufforderung, den Herrn der Ernte um Arbeiter zu bitten, heute ganz anders interpretieren:

Ich möchte den Text nicht als immerwährende und nie endende Aufgabe verstehen, sondern einmal so anschauen, als würde die Kirche Jesu Christi bereits tagtäglich um Arbeiter bitten. Und sie auch bekommen! Genau so viele, wie nötig sind.

Dann geht es nicht um ein Klagen und Jammern. Dann stehen wir nicht vor einem immerwährenden „Zuwenig“. Dann regieren unsere Zusammenkünfte nicht Gefühle des Mangels und der Überforderung. Dann könnten wir einfach einmal annehmen, dass wir genau die Zahl von Arbeitern haben, die wir für genau die Arbeit brauchen, die wir haben. Oder umgekehrt: dass die Größe des Arbeitsfeldes, der Umfang der Ernte, die Zahl der Schafe, die Vielfalt der Aufgaben, die Intensität des zu Bewältigenden genau unseren Möglichkeiten entsprechen.

Das allerdings kann man nur denken – und es erscheint ja zunächst ganz absurd, so zu denken – das kann man nur denken, liebe Gemeinde, wenn man ein Detail des Textes nicht überliest: Es ist nicht einfach die Ernte, um die es geht. Es ist also auch gar nicht unsere Ernte.

Es ist, und das steht tatsächlich da, seine Ernte. Die Ernte des Herrn.

Schnell verwechseln wir das ja. Die Kirche ist zu allen Zeiten der Versuchung erlegen ohne Nachzudenken davon auszugehen, dass es um sie geht, wenn es um sie geht. Dass der Laden laufen muss um des Ladens willen.

Dabei sind wir ja gar nicht wegen uns zusammen, sondern wegen ihm. Weil es uns um ihn geht, geht es um uns. Das sind feine, aber entscheidende Unterschiede.

„Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende…“

Wenn also die Ernte dem gehört, der um Arbeiter gebeten wird, dann wird er eben diese Bitte auch erhören. Was wäre das denn sonst für einer, der die eigene Ernte nicht wertschätzt? Was wäre das für ein Gott, der die Frucht absichtlich kleinhält, die Lebendigkeit, den Glauben? Was wäre das für ein Herr der Kirche, der seiner Kirche nicht gibt, was sie braucht? Der ihr vorenthält, was lebensnotwendig ist? Selbstverständlich kümmert sich die letzte Instanz um alles, was ihr gehört. Und gibt denen, die für ihn da sein wollen, was dazu nötig ist.

Noch einmal: Nicht, damit sie sich um sich selbst drehen, sondern damit sie ihm die Ehre geben können.

Bleiben wir also einfach einmal bei diesem ganz ungewohnten Gedanken: Wir haben zurzeit genauso viele Mitarbeiter, wie wir brauchen.

Und das nicht aus uns! Nicht weil der eine einmal zugesagt hat und ein anderer einmal abgesagt hat, weil wieder jemand anders vergessen hat abzusagen und wieder ein anderer gar nicht gefragt wurde – das mag alles sein. Aber in all dem menschlichen Wirrwarr, in allem Irren und Wirren – der eine schuftet und der andere ruht sich aus: so wie es ist, ist es gut.

Das Feld wird abgeerntet. Das Gewachsene wird eingebracht. Nahrung und Saat für die Zukunft geht durch unsere Hände und Hirne. Das geschieht. Die Glut des Glaubens wird weitergegeben, das Wort Gottes kommt zur Sprache, Menschen werden zu Jesus eingeladen. So ist es.

Aber noch einmal die Rückfrage: Ist das nicht zutiefst ungerecht? Müssten nicht die überarbeiteten Erntehelfer endlich entlastet werden? Und diejenigen, die immer nur zuschauen und sich erst melden, wenn etwas schief geht, müssten die nicht endlich mal zur Verantwortung gezogen werden – wie störrische Ochsen, die die Arbeit verweigern?

Aber liebe Geschwister: Darin ergehen wir uns ja schon – und das geht routiniert: Die Vielarbeiter stöhnen – und arbeiten dennoch weiter wie bisher. Die Wenigarbeiter verfeinern die Kunst der Abwehr überzogener Erwartungen anderer. Das passiert wie von selbst: Wir haben unsere Erwartungsphantasien und meinen zu wissen, was andere tun müssten oder lassen müssten. Welcher Platz für sie der richtige wäre, was es alles zu tun gäbe und wer sich alles beteiligen könnte. Oder endlich mal Platz machen müsste, damit auch die Neuen zum Zuge kommen.

Liebe Gemeinde, dieses ganze Gerangel macht sich überflüssig, wenn stimmt, was schon behauptet wurde: Jeder ist auf dem Platz, der jetzt gerade für ihn oder für sie stimmig ist. (Das mag sich morgen ändern, aber heute stimmt‘s). Und wir haben gerade so viel an Aufgaben zu bewältigen, wie es gut und richtig ist. (Das mag sich morgen ändern, aber heute stimmt‘s.)

Die Kirche ist des Herrn. Das Feld gehört ihm. Die Ernte gehört ihm. Und wir gehören ihm auch. Wir werden gruppiert und gestellt, wir werden weggenommen und belassen, wir wechseln oder wir bleiben, wir halten uns zurück oder wir gehen über unsere Grenzen: wir gehören ihm. Und es gibt alle guten Gründe, dass es um uns so steht, wie es steht. Das wir da sind, wo wir sind. Dass wir überhaupt noch da sind. Wir kennen sie nicht, alle diese guten Gründe. Die Matrix, der Plan liegt nicht auf unserem Schreibtisch. Das bleibt Gottes Sache. Aber er hat seinen guten Plan für uns.

Dass die Ernte gereift ist, ist ebenso wenig unsere Verdienst wie die Tatsache, dass wir noch dabei sind, oder wieder dabei sind oder dazugekommen sind. Da hat doch immer ER seine Hand im Spiel.

Es ist gut so, wie es ist. Ein sperriger Satz. Ein nicht leicht erträglicher Satz. Aber: Sollte es anders gut sein, als so wie es ist, wer sollte es dem Herrn der Kirche und dem Schöpfer aller Dinge verwehren können, zu tun und zu lassen was er will? Sollte der Höchste sich von unserem Willen oder Unwillen abhängig machen? Sollte er die Ernte verderben lassen, nur weil wir Arbeiter zu wenig tun?

Oder zu viel? Auch ein Zuviel kann ja eine Menge Schaden anrichten. Jesus erzählt uns auch, wie seine Jünger in gut gemeintem Übereifer das Unkraut im Weizenfeld ausreißen wollen und er ihnen in den Arm fallen muss, damit sie nicht den Weizen gemeinsam mit dem Unkraut ausreißen.
Viel oder wenig, gut oder schlecht, Unkraut oder edles Korn – was wissen wir schon?
Das Arbeitsfeld und die Arbeiter sind sein.

Nun gut, liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde und Gäste: Und was nun, wenn wir diesem verwunderlichen Gedanken wirklich folgen – was machen wir jetzt? Alles in Ordnung – kein Handlungsbedarf? Gehen wir heute ohne guten Vorsatz aus dem Gottesdienst? Oder vielleicht mit leiser Wut, dass der Pastor die schöne Gelegenheit verstreichen ließ, den noch zögernden Mitarbeitern und vermeintlichen „Konsumenten“ ins Gewissen zu reden?

Aber: Es bleibt ja die Aufforderung: Bittet den Herrn um Arbeiter! Das sollen wir ja trotzdem tun. Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn doch alle an Ihrem Platz sind?

Denken wir beides zusammen. Und am besten jeder und jede für sich persönlich. Da ist der überlastete „Hans-Dampf-in-allen-Gassen des Reiches Gottes“. Seine Bitte könnte lauten: Lieber Herr, sage mir doch, ob mein Arbeitspensum für Dich tatsächlich dem entspricht, was Du mir an Anteilen zugedacht hast. Oder sollte ich eventuell weniger tun? Nehme ich vielleicht einem anderen die Arbeit weg? Wer könnte das sein, mit wem könnte ich reden? Überfordere ich mich und meine Gesundheit? Welches Maß ist Dein Maß für mich? Und wenn ich Dich so frage, lieber Gott und Herr, dann beginne ich ja auch mich danach zu fragen. Und darauf zu achten, was und wie viel ich tue. Ich will aufmerksam sein. Und ich weiß es ja im Grunde meines Herzens: Wenn mir meine Arbeit auf Deinem Feld nicht mehr wirklich Freuden bereitet, dann stimmt etwas nicht. Sage Du mir, wie viel und wie oft und wie lange. Ich will auf dich hören…

Und da ist der oder die, die noch nicht so richtig sehen kann, was es zu tun gibt. Es gibt wiederum viele gute Gründe, nicht mitzutun und sich zurückzuhalten. Und alle diese Gründe haben ihr Recht. Und für keinen muss man sich schämen oder entschuldigen. Aber, so könnte diese Bitte dann lauten: Zeig mir doch, du Gott und Schöpfer, meine „spezielle Parzelle“ – auf Deinem Feld, das, was du gerade für mich aufgehoben hast. Was nur ich kann – die Arbeit, die mich selbst froh macht. Die passt, weil Du sie für mich zugeschnitten hast. Wenn mir noch ein Gramm Mut fehlt, wirst Du es mir schenken. Und wenn sie noch nicht reif ist, die Ernte, bei der ich mithelfen soll, dann lass mich warten. Ich will aufmerksam sein, wann es soweit ist. Sag mir dann einfach Bescheid.

So ungefähr könnten diese persönlichen Bitten lauten. Und zwischen beiden Beispielen gibt es unzählige Varianten, so verschieden wie die Menschen.

Um noch einem Missverständnis vorzubeugen: Im Reich Gottes arbeitet man auch, wenn es nicht dezidiert um die Kirche und die Gemeinde geht.

Die Welt und unsere Tage sind voller Erntefelder, die unseren Einsatz benötigen. So viele Menschen um uns herum, so viele gesellschaftliche Herausforderungen. Unsere Firmen oder unsere Verwandtschaft, unsere Stadt oder die Dame von nebenan – die ältere Dame meine ich – es gibt viel zu tun. Und noch einmal: So wie es ist, ist es gut. Es gibt keinen Mangel – trotzdem vieles nicht so ist, wie wir es uns wünschen.

Unsere Bitten, liebe Gemeinde, unsere persönlichen Bitten können etwas in Bewegung bringen. Oder besser, eine Bewegung nachvollziehen, die der Herr der Ernte schon angeschoben hat: Wir sind beteiligt. Und etwas Schöneres gibt es nicht, als am Reich Gottes beteiligt zu sein.

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