Wogende Getreidefelder satt einer Flut von Scheiße

[35] Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.
[36] Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

Liebe Gemeinde!

Jesus sieht Gottes Volk und es erbarmt ihn, wie verschmachtet und zerstreut sie sind, wie Schafe ohne Hirten. Wenn wir heute die Augen aufmachen und hinsehen, wo Menschen verschmachten, dann ist es uns vermutlich auch zum Heulen. Vielleicht erinnern Sie sich noch die Bilder der eingestürzten Textilfabrik in Bangladesh vor einigen Wochen. Die Fabrik war wissentlich mit zuwenig Stahl und schlechtem Beton gebaut worden. Tage vor dem Einsturz hatten die Arbeiter bereits Zeichen des drohenden Einsturzes bemerkt. Aber der Fabrikbesitzer zwang sie hinein an die Arbeit. Und sie gingen, weil sie keine Wahl haben: Wer nicht arbeitet bis über die Leistungsgrenze – jeden Tag, der verdient nicht genug, um sich und seine Familie ernähren zu können. Ein Hamsterrad der Ausbeutung.
Unter den Trümmern der Fabrik war ein Mann zu sehen, der schrie und bettelte, man möge ihn da herausholen, er hätte eine Frau und Kinder. Er wolle leben.

Weit weg? Nein, hautnah: Fast jeder hier in der Kirche trägt die Früchte des Leids der Verschmachteten und ihrer Ausbeutung am Leib. Die meisten Textilien weltweit werden unter miserabelsten Bedingungen hergestellt. Es dürfte schwierig sein, Textilien zu bekommen, die nicht aus diesem Leid gewirkt sind. Wir brauchen nur unseren Kleiderschrank zu öffnen, und wir können die Stimmen der Verschmachteten und Zerstreuten hören.

Wenn wir die Haustür öffnen und zu Fuß gehen, sind sie unter uns. Sie gehen durch unsere Welt, suchen Kontakt. Aber sie bekommen ihn nicht, bestenfalls werden sie ertragen: Die Verschmachteten und Zerstreuten der Einsamkeit.

Ja, wer die Augen aufmacht, den kann das Leid überrollen, wenn er mit dem Herzen nicht wegsieht. „Überall diese Scheiße“, könnte man verzweifelnd sagen.

Interessant, dass Jesus ein völlig anderes Bild findet: Wenn er die Verschmachteten und Zerstreuten sieht, sieht er keine braune stinkende Flut, die alles verschluckt. Er sieht wogende Getreidefelder:

Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

Ist das nicht wunderbar? Von wegen alles Scheiße! Wogende Getreidefelder, reiche Ernte! Natürlich: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Man muss die Verschmachteten und Zerstreuten nur anders sehen: Keine braune, stinkende Flut, sondern wogenden Getreidefelder. Ihr Leben muss nur eingebracht werden. Ach, würden wir doch alle so auf die Verschmachteten sehen: Wogende Getreidefelder, reiche Ernte. Man müsste nur einbringen, was schon da ist an menschlichen Schätzen. Gottes Volk ist reif. Aber sie verschmachten, sie verderben, wenn man sie im Regen stehen lässt.

Und Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. [2] Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; [3] Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; [4] Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet. [5] Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, [6] sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. [7] Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Ja, es gibt viel zu tun. Die Ernte ist groß. Also macht eueren Kopf klar! Treibt die unreinen Geister und wirren Gedanken aus! Strukturiert das Leben! Überlegt euch, wo und wie genau man helfen kann. Verzettelt euch nicht: Geht nicht nach Samarien, geht nicht in alle Welt. Rette nicht die Welt, sondern rette einen Menschen, eine Familie, ein Dorf. Und tu´s nicht allein! Nicht einmal der Sohn Gottes bringt die ganze Ernte allein ein. Zwölf sind eine gute Zahl. Da bleibt alles verbindlich.

Zu zwölft können wir Lebensläufe heilen. Wir können Sünden vergeben. Wir können richtig von falsch unterscheiden. Zu zwölft können wir uns gegenseitig die Augen öffnen, wenn wir meinen, wir würden in braunen, stinkenden Fluten versinken. Wir können uns die Köpfe zurecht rücken und die Herzen – und wieder wogende Getreidefelder sehen. Dann können wir gehen, sprechen und zeigen: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Wir haben sie ja vor Augen die wogenden Getreidefelder. Wir müssen nur einbringen, was schon da ist an menschlichen Schätzen. Gottes Volk ist reif. Aber sie verschmachten, sie verderben, wenn man sie im Regen stehen lässt.

Bei der Jahresversammlung des VdK sprach ich mit dem Vorstand des Siegsdorfer VdK und dem Altbürgermeister. Wir sprachen über zerbrechende dörfliche Strukturen und Familien, über schwindende Orientierung, Gier und Einsamkeit: scheinbar eine große, braune Flut, die alle verschluckt, die nicht verdammt gut schwimmen können.
Ich erzählte von den wogenden Getreidefeldern, die ich sehe: Man kann auch heute – vielleicht besonders heute – große menschliche Schätze, große Ernte einbringen. Aber wie? Mit freiwilligen Verbindlichkeiten. Wie wäre es, wenn sich Menschen zusammen tun, einander helfen? Du hast mir geholfen, also helfe ich dir. Nicht damit wir danach quitt sind, uns nichts mehr schuldig sind und uns wieder trennen können. Sondern als Grundlage für den Aufbau einer stabileren Verbindung: Du hast mir geholfen, ich habe dir geholfen. Warum sollten wir damit aufhören und uns wieder trennen? Wir helfen uns weiter, wachsen weiter zusammen. Denn wir haben doch gemerkt, dass es funktioniert. Warum nicht weitermachen? Und mit jedem Mal wachsen unsere Möglichkeiten, weil wir Sicherheiten haben, die wertvoller sind als sie Versicherungen oder Banken bieten können. Was kann Menschen nicht alles gelingen, wenn sie einander vertrauen können?!
Wir Menschen müssen nicht quitt werden miteinander. Wir müssen aber begreifen, dass wir eine gemeinsame Lebensernte einfahren. Die wogenden Getreidefelder sind alleine nicht einzubringen.
Das Ganze ist nicht nur als Projekt zum momentanen gegenseitigen Nutzen gedacht, sondern auf Verbindlichkeit und Dauer angelegt ähnlich einer Familie? Niemand muss bleiben. Niemand muss die Verbindlichkeiten aufrecht erhalten. Aber wer sich vornimmt, in den anderen wogende Getreidefelder zu sehen ein Leben lang, der wird einer der Zwölf. Zwölf sind eine gute Zahl. Da bleibt alles verbindlich.

Das wird nicht gehen, sagen der Altbürgermeister und derVdK-Vorstand. Am Ende siege der Egoismus.
Es wird gehen, sage ich, hoffe ich, versuche ich.
Ich sehe wogende Getreidefelder. Und ich glaube Menschen zu kennen, die diese Felder auch in mir sehen. Wir, sie und ich, gehören zu den Zwölfen. Vielleicht wird es nicht klappen. Vielleicht aber doch. Ich will darauf setzen. Denn wie blöd müsste ich sein, wogende Getreidefelder gegen eine braune, stinkende Flut einzutauschen oder den Himmel gegen die Hölle zu tauschen. Schaut doch, predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Wird man so nicht nur ausgenutzt? Ist das nicht Traumtänzerei? Nein. Wir werden ja nicht blind und taub. Sondern das Gegenteil ist der Fall. Jesus macht die Blinden sehend und die Lahmen gehend. Unser Leben wird realer, wenn wir nicht wegsehen, sondern hinsehen zu den Verschmachteten und Zerstreuten. Wer hinsieht, wird Scheußliches entdecken: Da gibt es Außenseiter, Einzelgänger, Rassisten, Fremde, Verbitterte, Wütende, Mörder und viele andere Menschen, die genau so "verschmachtet und zerstreut sind, wie die Schafe, die keinen Hirten mehr haben".
Wer sich von Jesus die Augen öffnen lässt, sieht genauer. Er sieht beides in einem Menschen: Die Getreidefelder aber auch die Disteln und Vipern darin – in ein und demselben Menschen – auch in sich selbst. Jesus sah in jedem, den von Gott gewollten Menschen, die wogenden Getreidefelder, die jedes Menschenleben bietet. Dabei übersah er nicht, wenn sich jemand böse oder falsch verhielt, sich gegen Gott stellte. Aber er unterschied eben zwischen Menschen und ihrem Verhalten. Der Mensch selbst blieb für ihn immer Gottes Kind, auch wenn dessen Taten noch so erbärmlich waren. So sollen auch wir tun.

Unser Leben wird dabei realer. Es wird auch schwerer; und es wird wesentlicher. Es wird, es bleibt verbindlich – übrigens auch für Verräter:

… und Judas Iskariot, der ihn verriet. [5] Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, [6] sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. [7] Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

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