Segen heißt, Gutes denken

Liebe Gemeinde!

In unserem Kindergarten haben Erzieherinnen jetzt an einer Fortbildung teil genommen, dem so genannten Encouraging-Training, dem Ermutigungstraining. Sie haben dabei ihr eigenes Leben betrachtet: Wo fühle ich mich angenommen? Was habe ich von meinen Eltern Gutes mit auf den Weg bekommen? Was finde ich gut an meiner Lebenssituation? Der Sinn ist, dass sie zuerst einen Blick dafür entwickeln sollten, was ihnen persönlich gut getan hat in ihrem Leben, in der Vergangenheit und jetzt. Sie haben solche Überlegungen auch auf die Kindergartenkinder übertragen: Wie fühlen sie sich, wenn sie neu in den Kindergarten kommen? Wie geht es ihnen, wenn sie morgens zum Kindergarten gehen? Fühlen sich die Kinder verstanden mit ihren Eigenheiten? Geht es ihnen gut im Kindergarten?
Die Erzieherinnen haben sich vorgenommen, den Kindern verstärkt Ermutigung entgegen zu bringen. Sie wollen sie bewusst so annehmen, wie sie sind. Das stellen sie im Moment an erste Stelle, und sie spüren deutlich, wie gut diese Haltung den Kindern tut. Dort, wo es manchmal Kämpfe und Auseinandersetzungen gab, ist die Lage auf einmal entspannt. Annahme und Achtung tut den Kindern gut. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, gerade für kirchliche Kindergärten. Aber Sie werden zugeben: jeder und jede von uns braucht immer wieder die Erinnerung daran, wie gut wir anderen damit tun, ihnen Aufmerksamkeit und Verständnis entgegen zu bringen. Und überhaupt täglich wahr zu nehmen, dass wir selber angenommen sind von Gott.

Ich lese den Predigttext aus dem 4.Buch Mose Kapitel 6,22-27.

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Sie werden den Wortlaut kennen von jedem Gottesdienst. Am Schluss sprechen wir Pastoren den Segen, genau so, wie er in der Bibel steht. Ursprünglich wurde dieser Segen zu Mose gesprochen und zu seinem älteren Bruder Aaron. Da waren sie auf der Wüstenwanderung zusammen mit dem Volk Israel. Sie machten Station am Berg Sinai. Das war auch der Berg, wo die 10 Gebote gegeben wurden. Durch den Segen wollte Gott den Israeliten sagen: Ich gehe mit euch. Ihr seid nicht allein. Ich behüte euch. Denn so sollen Mose und Aaron es weiter sagen: Der Herr segne dich und behüte dich.

Segen heißt auf griechisch eulogein- gut sagen. Da, wo gut mit uns gesprochen wird, erfahren wir Segen, das heißt wo wir uns verstanden fühlen. Auch wo jemand Gutes zu uns sagt, ist das segensreich für uns. Ich stelle es mir so vor wie bei den Kindergartenkindern, die ermutigt werden. Mich bewegt das Thema auch in Bezug auf Konfirmanden. Ich habe den Eindruck, dass Konfirmanden viele entmutigende Erfahrungen machen. Besonders sehe ich es bei den so genannten ADS-Kindern. ADS heißt Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Genau so wie das Wort es sagt, werden solche Kinder oft behandelt, nämlich als defizitär, als würde ihnen etwas fehlen. Neulich habe ich ein Buch gelesen über eine andere Denkweise. Da wird gesagt, ADS-Kinder haben besondere Begabungen. Sie sind Bildmenschen. Sie können über das Sehen manches wahr nehmen, was andere nicht sehen können. ADS-Kinder haben besondere Antennen für das Wesentliche. Sie lassen sich nicht mit trockenem Stoff und unsinnigen Vorschriften abspeisen. Wir müssten anfangen, unsere Sichtweise zu ändern und die besonderen Talente wahr zu nehmen. Das wäre ein Segen für die Kinder und für mich als Unterrichtende wohl auch.

Wir alle können Segen weiter geben, indem wir in anderen Gutes sehen und indem wir anderen Gutes sagen. Schon, indem wir Gutes denken und für andere beten. Der Segen, den wir im Gottesdienst sprechen, hat eine lange Tradition. Zuerst wurde er Mose und Aaron gegeben. Dann wurde er von Priestern gesprochen. Martin Luther sorgte dafür, dass der aaronitische Segen- wie er genannt wird- auch in die evangelischen Gottesdienste kam. So sind wir heute mit den Juden verbunden. Denn in ihren Gottesdiensten wird dieser Segen auch gesprochen. Ich möchte daraus ableiten, dass Segen auch eine geschichtliche Dimension hat. Eine Tradition des Segens und des Segnens besteht in unserer Kirche von Anfang an. Es gab Zeiten, in denen aus einer antijüdischen Stimmung heraus der aaronitische Segen aus Gottesdiensten verbannt worden ist, aber Gott sei Dank hat er wieder Einzug gehalten. Ich empfinde es als etwas Wunderbares, dass dieser Segen Juden und Christen verbindet. Er verbindet uns mit den Wurzeln unseres Glaubens.

Für die Israeliten war der Berg Sinai mit Gottes Segenszuspruch eine wichtige Station auf ihrem Wüstenweg. Sie werden sich sicher den ganzen Weg lang immer wieder an diese Zusage erinnert haben. Für uns sind es auch immer besondere Stationen, an denen uns Gottes Segen zugesprochen wird. Ich denke an unsere Taufe. Bald feiern wir hier Tauferinnerungsgottesdienst, um uns an unsere Taufe zu erinnern und an das, was uns von Gott zugesprochen wurde. Bei jeder Taufe sagen wir: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein. Als ich diese Woche in der Grundschule war, sagten mehrere Kinder zu mir: Du hast mich getauft. Oder: Du hast meinen Bruder/meine Schwester getauft. Der Taufsegen zieht Kreise.
Bei der Konfirmation wird uns ebenfalls Gottes Segen zugesprochen. Die Konfirmanden machen sich Gedanken, wie sie ohne das Gleichgewicht zu verlieren, ins Knien kommen auf den Kniebänken und ob ihre Frisur erhalten bleibt, wenn ich ihnen die Hände zum Segen auflege. Bei aller Aufregung spüren sie, dass es um mehr geht als um Äußeres, nämlich um Gottes Nähe und Begleitung.
Bei Traugottesdiensten werden Brautpaare gesegnet. Ihnen wird gesagt, dass Gott bei ihnen sein wird in guten und in schlechten Zeiten.
Ich habe Sterbende gesegnet. Und wenn jemand gestorben ist, sprechen wir Pastoren am Sarg die Aussegnung.

Besondere Segensformeln stehen an besonderen Stationen. Dazu gehört auch der Sonntag. Ich habe von Menschen gehört, denen der Segen das Wichtigste am Gottesdienst ist- nicht nur, weil der Gottesdienst dann zuende geht (wie vielleicht Konfirmanden denken). Mancher bezieht aus dem Segen im Gottesdienst seine Kraft und seinen Glauben für die kommende Woche. Ich bin überzeugt, dass wir solche Segensstationen wie den Gottesdienst und wie die Feste Taufe und Konfirmation für unser Leben brauchen. So wie das Volk Israel mit dem Segen weiter auf die Reise ging, so gehen wir mit Gottes Segen weiter auf unserem Lebensweg.

Im Alltag können und sollen wir alle diesen Segen weitergeben und umsetzen: durch gute Gedanken ,Worte, Gebete und Taten- wie die Erzieherinnen bei den Kindergartenkindern.

Amen.

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