Gottes guter Segen ist wie ….

Zusammengekauert sitzt sie am Straßenrand noch in Sichtweise ihres völlig zerstörten Autos…
Dass sie das als einzige beinahe unverletzt überlebt hat, grenzt an ein Wunder, wenn man die Trümmer sieht.
Wie es zu dem Unfall kam, konnte sie immer noch nicht richtig sagen und fassen, das ihr entgegenkommende Auto war einfach aus der Spur ausgebrochen. Rettungskräfte hatten der hilf- und fassungslosen Frau eine Decke über die Schultern gelegt. Die schmiegt sie nun ganz fest an sich oder besser: sie verbirgt sich ganz tief in dieser Schutzhülle aus Stoff, als könnte sie sich verkriechen und verstecken vor dem Unheil, dass sie gerade erlebt hat. Sicher soll die Decke sie in ihrem unter Schock stehenden Zustand auch vor Auskühlung schützen, aber die Geborgenheit im Augenblick der Erschütterung und am Abgrund es Todes ist mindestens genauso wichtig.
Da hatte sich etwas schützend um sie gelegt, was sie nicht vor, aber durch diese Katastrophe hindurch retten und bergen konnte.
Für Kinder haben Rettungskräfte oder Notfallseelsorger in solchen Fällen immer einen Teddybär dabei.
Summend, singend und weinend erklingt es ganz leise: „Herr dein guter Segen, ist wie ein großer Hut … ich steh in deiner Hut und das gefällt mir gut..“
Ich weiß gar nicht, ob die Frau leise vor sich her sang oder der Notfallseelsorger. Aber die Hutkrempe des Segens hätte sie gerne ebenso tief über sich gezogen, wie sie sich in der Decke verkroch.
In dieser Situation ahne ich etwas davon, was Segen für eine Kraft und eine Wirklichkeit hat, die ich nicht erklären, nicht wirklich in Worte fassen kann, die ich erleben muss und viel mehr noch erleben darf.
Die Sehnsucht nach Geborgenheit ist wohl ein menschliches Urbedürfnis nicht nur in den Augenblicken größter Bedrohung oder tiefster Erschütterungen.
Halte ich ein Neugeborenes im Arm, dann möchte ich es bergend schützen vor all den Gefahren, die im Leben auf dieses Kind warten, ohne dass ich immer da sein und aufpassen kann.
Wagen Menschen einen neuen Schritt in ihrem Leben, verlassen die Schule, gehen aus dem Haus der Eltern, starten in einen neuen Beruf, gründen eine eigene Familie, ziehen an einen fremden und unbekannten Ort, an dem sie die Menschen mit ihrer anderen Mentalität erst werden kennenlernen müssen, dann erhoffen sie sich Schutz, Beistand, Gelassenheit, möchten gute Erfahrungen machen: kurzgefasst – sie erhoffen schützenden, begleitenden und ermutigenden Beistand – sie bitten um Segen.
Dem Taufkind werden ebenso die Hände aufgelegt, wie den Jugendlichen am Tag ihrer Konfirmation, die die Alten noch Einsegnung nannten, oder dem jungen oder jung gebliebenen Paar bei der Trauung oder dem Ehejubiläum – und am Lebensende steht am Sarg in der Kapelle vor der Beisetzung die Aussegnung: der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.
Gottes Name wird über einem Menschen ausgesprochen. Gottes Name wird in eine unlösbare Beziehung zu dem Namen dieses Menschen am Anfang , auf dem Weg oder am Ende des Lebens gesetzt: was auch kommen mag, aus Gottes Herzen, aus Gottes Liebe und aus dem Versprechen und dem Licht seiner Gegenwart kann dich nichts reißen – weder Tod noch Leben.
Das ist Segen, der Mantel der Gegenwart und Aufmerksamkeit Gottes, der mich umhüllt und in dem ich mich verkriechen kann in meiner Unsicherheit, in meiner Angst, auch in meiner Fassungslosigkeit bei dem,was mir im Leben widerfahren kann.
Segen ist keine Magie, keine Zauberformel, die Böses von mir oder den Segensempfängern abhalten kann. Das Leben wird nicht schöner, nicht erfolgreicher, nicht weniger gefährlich, je nach dem wie gut ich den Segen gespendet, erbeten oder vollzogen habe.
Aber Segen ist ein Mantel, ist ein Hut, ist ein Name, an den ich mich erinnern und auf den ich mich berufen kann. Solch einen Gott haben wir, der um uns sein will, dessen Name uns bekannt und geläufig ist, einhüllt und birgt. Einen Gott, den ich bei seinem Namen rufen darf und zwar in der Gewissheit, dass dieser Ruf nicht verzweifelt ins Leere geht, wie der weinende,ungläubige Ruf der Frau am Straßenrand nach dem, der eben noch neben ihr saß und den Unfall nicht überlebt hat. Segen ist keine Unfallverhütungsversicherung, aber im verborgenen eine besondere Lebenszusicherung in der Gegenwart und im Angesicht Gottes, dem ich in die Augen und in Herz schauen darf in jeder Augenblick meines Lebens.
Sicher gibt es auch die anderen positiven Geschichten und Erfahrungen:
die Kinder verließen morgens nie das Haus ohne dass die Mutter ihnen das Kreuz auf die Stirn gezeichnet hat. Gott behüte euch, er werfe ein achtsames Auge auf euch. Und sie sind groß geworden, gesund geblieben und freuen sich am Leben: welch ein Segen, was für eine Gnade, ein wunderbares Geschenk.
Bevor das Brot angeschnitten, wurde ebenfalls ein Kreuz auf dem Brot gezeichnet. Die Bitte des Vater Unser spiegelt ja eigentlich ein elementares Überlebensbedürfnis wieder: unser täglich Brot (was wir also Tag für Tag zum Leben nötig haben gib oder schenk uns) und noch gibt es unter uns Menschen, die den Kampf ums Brot kennen und Brot wie das Leben lieben.
Wenn die Felder reich getragen haben oder der Keller all das Eingekochte und Selbstgemachte aus den Früchten des Sommers kaum noch fassen kann, was ist das dann für ein Segen, von dem zu den Erntedankfesten die geschmückten Kirchen prächtig und sinnfällig künden.
Segen ist ja auch reich geschenkter Überfluss und als Gesegnete sind wir mehr als reich Beschenkte, die nicht nur stolz auf ihrer Hände Arbeit, sondern auch dankbar für Gottes geschenktes Gelingen sind.
„Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad´ gelegen“ Es geht eben nicht wirklich dauerhaft ohne Gott und Sonnenschein…
So zeigt sich Segen im Licht und im Dunkeln, im Guten wie im Bösen, im Fröhlichen wie im Traurigen, weil im Segen Gott sich zeigt.
Weil sein Angesicht über uns aufgeht und über uns leuchtet.
Wir können uns dass durchaus wie den Aufgang der Sonne und das Leuchten der Sonne in unserem Angesicht und über uns vorstellen.
Ich spreche Gottes Namen und seine Verheißung über dir und über mir, über uns als versammelter Gemeinde aus.
Wir dürfen allein oder miteinandner Zuflucht nehmen in dieser und unter dieser Gegenwart, die uns umhüllen und bergen will.
Ich darf aufschauen und ansehen, wie gut Gott es mit mir und mit uns meint. Ich muss nicht schamvoll den Blick zum Boden senken, sondern darf fröhlich und gelassen meinen Blick himmelwärts lenken und sehe immer nur Gottes Angesicht und Gottes Anblick.
Ich werde gewahr, dass und wie er mich anblickt. Als Vater im Himmel, als fürsorglicher Begleiter, als Tröster, der den Trauernden beisteht und Ermahner,der mich vor den Sackgassen meines Leben bewahren will und mir die Hand auf dem Weg zurück ins Licht und ins Leben anbietet, als Geber und Bewahrer des Lebens, der meine Hand auch im Tod nicht los lässt.
Und mit einem Mal erkenne ich, was für Gedanken über mir sind, die er für mich hat: Gedanken des Friedens und nicht des Leidens.
Das wird bleiben durch alle Momente des Lebens hindurch.
Ich kenne Menschen, die antworten auf die Frage, was ihnen am Gottesdienst das Wichtigste sei: „der Segen. Die Zusage, dass Gott über mir und neben mit und unter mir ist und bleibt, dass seine Hand mich führen und leiten will an jedem Ort – das schenkt mir Kraft und Sicherheit und Geborgenheit die ganze Woche über.“
Und was können wir uns zu allen Anlässen des Lebens schöneres zusagen und wünschen, als dass Gottes Segen unser ständiger Begleiter sei und bleiben möge.
Das ist kein exklusives Privileg der Ordinierten, der Pfarrer, sondern hier gilt das Priestertum aller Gläubigen . Segen wünschen und Segen zusagen darf ich auch dem, der Gott noch nichts oder nichts mehr zutraut, weil Gott ja nicht von meinem Vertrauen abhängt, mein Glaube und Zutrauen aber im Lichte seines Segens wachsen und mich ermutigen kann. Mit dem Segen lege ich Gottes Namen jedem nicht als Last, sondern als Trost auf und über die Schultern. Das können Worte sein, wenn sie nicht wie ein Sturzbach über andere hereinbrechen, inflationär oder sintflutartig, wie manchmal die irischen Segensworte, so liebevoll und warmherzig ihre Bilder oft auch sind.. Es kann aber auch eine Geste sein, weil unser Wort Segen sich vom lateinischen signum/Zeichen ableitet und an das Kreuz auf der Stirn oder in der Luft erinnert: Zu Christus gehörst du, Christus ist bei dir, du trägst seinen Namen, aus seiner Liebe kann dich nichts reißen.
Können wir schöneres wünschen, sagen, weiterschenken?
Können wir beschenkter sein als durch den Segen, der über uns aufgeht?
Denn Gott begegnet uns in ihm.
Segen auch in menschliche Worte und Gesten gekleidet bleibt Geschenk, des unverfügbaren Gottes, der sich dennoch ganz und gar uns schenken möchte –
als Vater, aus dem das Leben entspringt und bei dem es am Ende aufgehoben ist;
als Sohn, der uns Bruder und Weggefährte geworden ist auf dem Weg des Lebens;
als Tröstergeist, der unsere Herzen anrührt, ein Brennen entfacht, die Gewissheit in aller Zagheit erhält und uns umhüllt.
So segne und behüte uns der allmächtige, allgegenwärtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

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