Drei Geschichten vom Segen

Liebe Gemeinde,

drei Geschichten vom Segen möchte ich heute erzählen. Die erste erzählt, wie der Segen des Aaron, des ersten Priesters der Israeliten, in den evangelischen Gottesdienst kam:

„In seiner Neuordnung des evangelischen Gottesdienstes als ‚Deutsche Messe‘(1526) setzte Martin Luther den aaronitischen Segen an die Stelle des trinitarischen Segens, der bis heute am Schluss eines römisch-katholischen Gottesdienstes steht. (Es segne euch der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.) Luther begründete seinen Vorschlag damit, dass der aaronitische Segen im Unterschied zum trinitarischen Segen auf eine göttliche Anordnung zurückgehe und in seinem biblischen Wortlaut viel reicher und umfassender als der trinitarische Segen sei. Ähnlich konnte auch Calvin in seiner Auslegung von 4. Mose 6, 22-27 schreiben: ‚Aber die eigentümliche hebräische Ausdrucksweise hat doch eine besondere Kraft.‘

Dennoch wollte Luther nicht auf eine trinitarische Interpretation des aaronitischen Segens verzichten. In einer Predigt über den ‚Segen, so man nach der Messe spricht über das Volk‘ unternahm Luther den Versuch, die drei Zeilen des aaronitischen Segens mit den drei Personen der Trinität zusammenzubringen. Die erste Zeile bezog Luther auf Gott, den Schöpfer: ‚Der Herr segne dich und behüte dich, das ist, er gebe dir gnädiglich Leib und Leben, und was dazu gehört‘ Die zweite Zeile wird auf den Sohn bezogen: ‚Also wird dem Sohn zugeeignet das Werk der Erlösung, welches dieser Segen auch berührt und erklärt, da er spricht: der Herr erleuchte sein Angesicht über dir etc. das ist, er helfe dir von Sünden und sei dir gnädig und gebe dir seinen Geist.‘ Die dritte Zeile wird auf den Geist bezogen: ‚Und dem Heiligen Geist wird zugeeignet das Werk der täglichen Heiligung, Trost und Stärkung wider den Teufel und endlich die Auferweckung vom Tod, welches dieser Segen auch berührt und verklärt, da er spricht: „Der Herr erhebe sein Angesicht etc. das ist, er wolle dich stärken, trösten und endlich den Sieg geben …‘“ (Christian Möller, GPM, 2/2001, Heft 3, S.279)

Da war dieser kunstvolle Segen im evangelischen Gottesdienst gelandet. Sparen wir uns den literaturgeschichtlichen Exkurs in das schwellende Wort- und Versmaß des aaronitischen Segens, das in sich vollkommen ist und dem so gar nichts fehlt. Hier beginnt die zweite Geschichte, die davon handelt, dass auch dem, dem nichts fehlt, leider immer etwas hinzugetan werden kann:

Für zwei Dinge ist Irland unter Christenmenschen bekannt: Für die unvergleichlich goldgelbe Butter und für seine unzähligen Segenssprüche. Die erste schmiert man sich genüsslich aufs Brot. Die zweiten bekommt man als dickes Ende eines Gottesdienstes aufs Brot geschmiert.

Der irische Segensspruch soll, so hört man, demnächst in drei Bänden erscheinen. Nun ist Irland ein ziemlich kleines Land und da darf man schon Zweifel haben, ob es eine derart gewaltige Zahl von Segenssprüchen überhaupt hervorgebracht haben kann. Kurz: Es darf bezweifelt werden, ob überall, wo irischer Segen draufsteht, auch irischer Segen drin ist (oder Segen überhaupt). Es soll auch eine sich rasch ausbreitende Gabe des Heiligen Geistes geben, durch die Geistliche spontan und aus heiterem Himmel am Ende des Gottesdienstes in irischen Segenssprüchen zu sprechen beginnen, also sozusagen eine irische Form des Redens in anderen Zungen, der Glossolalie. Wir suchen diese Form in der Bibel vergeblich, finden sie aber zu unsrer bösen Überraschung auf einmal mitten im vom himmlischen Vater gezimmerten Versmaß des aaronitischen Segens: „Der Herr segne dich und behüte dich, wo du auch bist, Zuhause, auf Reisen, in der Schule oder im Kindergarten.“ Vor allem im Kindergarten!

Untersucht man diese irischen Segenssprüche auf ihren Gehalt, so können sie folgendermaßen zusammengefasst werden: „Der Herr segne dich in- und auswendig, gebe Dir allerorten gutes Wetter, beste Laune und allzeit gute Fahrt.“ Rund um diesen harten Kern bleibt jede Menge Freiraum für den Wetterbericht (auch für Verkehr und Landwirtschaft), tiefschürfende Betrachtungen über das Wesen von Raum und Zeit, die Anatomie des Menschen und den Kosmos seiner Gefühlsregungen (Friede, Freude, Eierkuchen). Muss mir als Nichtlandwirt wirklich gewünscht werden, dass der Regen meine Felder netzten möge? Bin ich auf einmal nicht mehr in der Kirche, sondern in dem fernen Land, in dem das Wünschen noch geholfen hat?

Auch im Evangelischen Gesangbuch finden sich irische Segenssprüche; z.B. nach dem Lied Nr. 637. Aber nur ganz vereinzelt. Und das ist gut so! Man muss sie wirklich nicht in jedem Gottesdienst hören. Segen heißt, einem anderen Menschen die reine, sprich pure Gegenwart Gottes zusprechen und nicht den Reichtum oder Mangel der eigenen Phantasie und des eigenen Wünschens – auch nicht „viel Kraft und immer wieder gute Gedanken“.

Denn im Segen wird nichts als die Gegenwart Gottes zugesprochen. Gnade und Frieden gehören zum Wesen Gottes. Hier geht es um Gott allein und nicht um „Gott und Dies und Das“. Meister Eckhart wird nicht müde unsere spirituelle „Kaufmannschaft“ als Irrweg zu kritisieren. Wer Gott sucht und Dies und Das wird Gott auf gar keinen Fall finden. Denn Gott kann nur um seiner selbst willen gesucht, gefunden und geliebt werden. Gerade unsere besten Wünsche und Absichten stehen uns und IHM dabei am allermeisten im Weg.

Nein, ich bin kein Hochkirchler und neuen Texten und Formen im Gottesdienst nicht abgeneigt. Aber wenn es um den Segen geht, gilt für mich: Weniger ist mehr! Weniger Rhabarbarorum der Geistlichkeit und mehr Angesicht Gottes. Sein Angesicht soll mir leuchten und nicht das Lichtlein des Geistlichen, dem gerade etwas durch den Kopf geht oder auch nicht. Hier will ich im Morgenglanz der Ewigkeit stehen und finde mich unter der lauwarmen Dusche kitschiger Poesie, gut gemeinter Wünsche und Ratschläge. Das steht mir vor Gott im Weg. Geht mir aus der Sonne ihr sonetten Pfaffen oder wie man auf den Inseln sagt: Shut up!

Womit wir bei der dritten Geschichte vom Segen wären:

„Sie erschien nach einem Gottesdienst in der Sakristei, um mir in bewegten Worten für diesen Gottesdienst zu danken. Sie habe seit vielen Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen, aber heute habe ihr die Verzweiflung bis zum Hals gestanden, sie habe ständig mit Selbstmordgedanken kämpfen müssen, und da sei sie einfach den Glocken gefolgt und habe die Kirche aufgesucht. Sie müsse ehrlich gestehen, dass sie sich zunächst gar nicht wohl gefühlt habe, alles sei ihr so fremd und ungewohnt gewesen. Auch von der Predigt habe sie leider wenig verstanden, sie sei wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Schon habe sich ihrer ein tiefes Enttäuschungsgefühl bemächtigt, aber da, ganz am Schluss, da habe sie mich mit erhobenen Händen am Altar stehen sehen, und da habe ich etwas gesagt, was sie wie ein Lichtblitz getroffen habe, und auf einmal sei ein ganz tiefer Friede in ihr eingekehrt, das Gefühl, dass ihr ja eigentlich doch nichts passieren könne. Es sei ein Gefühl gewesen, wie sie es seit ihrer Kindheit nicht mehr erlebt habe, und sie möchte doch gern, dass ich ihr das aufschreibe, was ich da gesagt habe, es sei etwas mit einem leuchtenden Angesicht gewesen und vom Frieden, und sie habe an den Erzengel Michael denken müssen, als sie mich da so habe stehen sehen. Wenn ich ihr jetzt die wenigen Worte, die sie so tief getroffen haben, aufschreiben würde, dann könnte sie das sicher auswendig lernen und sie sei sicher, dass sie besser mit ihren Schwierigkeiten würde umgehen können, wenn sie sich diese Worte ins Gedächtnis riefe.“ (Christian Möller, a.a.O., S.282)

Daher noch einmal zum Mitschreiben, liebe Gemeinde:

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

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