Menschen mit prophetischem Blick

Liebe Gemeinde!

Es ist schon ein Jammer mit dem Jammern. Pessimismus und miese Stimmung sind ansteckend, wie ein Virus, der krank macht und lähmt. Einer fängt an, zu klagen – und alle anderen stimmen mit ein.

Liebe Gemeinde, beim Jammern geht es nicht um ernst gemeinte Kritik, wie z.B. an den skandalösen Umständen, wie wir unsere Kleidung in Asien produzieren lassen. Sondern es geht um dieses zermürbende Lamentieren – oftmals über Kleinigkeiten: Das Wetter ist zu kalt oder zu heiß. Dieses passt nicht und jenes taugt nichts – »und überahaupt geht ja doch alles irgendwann den Bach runter!«

Es ist erschreckend: quer durch alle Generationen hindurch sind sich die Deutschen in der Mehrheit einig, dass es uns zwar jetzt noch gut geht, aber dass in Zukunft alles schlechter wird. Und die Zukunft beginnt vielleicht schon bald! – Oh – oh!

Lieber Gemeinde,
nun mag man über so eine ängstlich-jammernde Grundhaltung vielleicht schmunzeln. Aber unser Predigttext sagt uns: diese Welt-Sicht ist nicht amüsant und auch nicht nur lästig, sie ist sogar gefährlich. Auf Dauer kann so kein Volk zusammenhalten, geschweige denn den Weg in eine gangbare Zukunft gestalten.

»Wir wollen Fleisch in der Wüste!« rufen die Israeliten. Und Mose ahnt, dass hinter dieser Parole weit mehr steckt, als ein Wunsch für die Speißekarte: Es geht um das Grundvertrauen, das infrage gestellt wird. Es geht um diesen Virus des Zweifels, der jegliche Basis für die Zukunft zerfrisst.

Die berühmten Fleischtöpfe Ägyptens – als wäre der Tisch der Sklaverei so reich gedeckt gewesen. In verklärender Nostalgie sehnen sich die Israeliten zurück – ja sogar zurück in die Gefangenschaft.

Liebe Gemeinde.
Verklärende Nostalgie lähmt. Das gilt zunächst für jeden einzelnen Menschen, der Umbruchzeiten erleben muss. Wo Trauerarbeit nicht abgeschlossen wird, wird auch der Abschied von früheren Etappen des Lebens nicht abgeschlossen. Die Trauer über das verlorene Gestern beansprucht nun alle Kräfte.

Verklärende Nostalgie fixiert den Blick auf den Verlust. All das, was an neuen Möglichkeiten auf dem Weg in die Zukunft sich ergeben könnte, bleibt dem Auge und der Seele verschlossen.

Verklärende Nostalgie lähmt. Das gilt auch für ein ganzes Volk. Wie oft hört man von diesem verklärenden Blick – auch heute – zurück in die »guten alten Zeiten«, als wir z.B. die D-Mark noch hatten. Eine neue Partei will es mit dieser verklärenden Nostalgie sogar in den Bundestag schaffen. Dass das aber auch die Zeiten des geteilten Europas und des Kalten Krieges waren, dass wir damals tagtäglich von Atomraketen bedroht waren und die Welt oft genug am Abgrund stand, wird verdrängt und vergessen.

Ähnlich bei den Israeliten. Das Volk murrt. Das Volk jammert. Und schließlich haben sie auch Mose mit ihrem lähmenden Verdruss angesteckt. „Es ist genug“, sagt er, „ich kann nicht mehr!“

Das Volk – und Mose – beide scheinen am Ende ihrer Kräfte.

Und nun, liebe Gemeinde, wird es Pfingsten!
Gott selbst kümmert sich um dieses Volk, denn es ist sein Volk. Mag es noch so murren, undankbar und verblendet sein, es ist und bleibt sein Volk. Gott hält ihm die Treue. Seine Güte hat kein Ende!

Und Gott kümmert sich um seine Menschen. Nicht mit psychologischen Tricks nach dem Motto: „Positives Denken!“ Auch keine guten Ratschläge und Appelle nach dem Motto: „Reißt euch zusammen!“

Sondern Gott tut das, was er am liebsten tut: Er schenkt etwas! Er schenkt ihnen etwas von sich selbst, nämlich seine ureigenste Kraft, den Heiligen Geist!

„Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit Mose und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.“ (Num 11, 24+25)

Ein merkwürdiges Bild: siebzig ältere Männer in Verzückung. Siebzig Ältere fallen aus dem Rahmen – und sie wollen gar nicht damit aufhören!

Da, wo der Geist Gottes weht, da ist Freiheit! Da spielt das Alter keine Rolle. »Und Gott spricht: Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, (…) und eure Alten sollen Träume haben.« (Apg 2, 17)

Gottes Geist überwindet die Grenzen, die wir sonst so häufig ziehen: ob jung ob alt, ob Mann ob Frau – wo Gottes Geist wirkt, geschieht Großartiges:
Verkrustete Strukturen brechen auf. Beklemmende Ängste und Konventionen werden gesprengt. Schier übermenschliche Kräfte werden freigesetzt – eine Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Und eine Lebendigkeit macht sich breit, die vom Leben kündet – einem Leben, das Krankheit und Tod überwinden wird.

„Sie gerieten in Verzückung wie Propheten“, heißt es im Text. Das heißt, sie bekamen den Prophetischen Blick: Wo der Geist Gottes wirkt, gewinnen Menschen Anteil am klaren Blick Gottes. Durch Gottes Geist sehen sie die Welt nicht länger durch die Brille von Angst und Kleinglauben.

Sie sehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Lichte Gottes. Das schafft das Grundvertrauen in eine Welt, wie Gott sie uns schenkt:
Da bleibt die Wüste Wüste – aber da gibt es Brot in der Wüste, das den Hunger stillt, den Hunger nach Leben, weil Gott es schenkt.
Und da gibt es einen Weg durch die Wüste – und ein Ziel.

Menschen mit Prophetischem Blick sind begeisterte Menschen. Das hat nichts mit Glückstaumelei zu tun, sondern mit einem Blick voller Dankbarkeit für das bisher Gelebte, voller Vertrauen in die Gegenwart und voller Hoffnung für die Zukunft!

Menschen mit Prophetischem Blick ermuntern dazu, auf dem Weg durch die Wüste die Zeichen Gottes zu entdecken und ihnen zu folgen.

Menschen mit Prophetischem Blick machen anderen Mut, neue Möglichkeiten im Leben zu entdecken und Beschränkungen zu überwinden.

Menschen mit Prophetischem Blick stellen sich auch dem Schweren, stehen anderen bei, die Krankheit zu tragen, die Angst auszuhalten, – sie beten mit, bangen mit, weinen mit und hoffen mit.

Menschen mit Prophetischem Blick führten damals das Volk Israel durch die Wüste ins gelobte Land.

Menschen mit Prophetischem Blick bauten unser Land nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf – obwohl viele ihre Heimat verloren hatten. Und sie freuen sich, wenn junge Menschen, deren Großväter damals als vermeintliche Erzfeinde aufeinander schossen, heute einander besuchen und miteinander die Zukunft Europas gestalten.

Menschen mit Prophetischem Blick sagen mittendrin einfach: »Man, gehts uns gut! Sind wir reich beschenkt!« Und wenn sie dies sagen, denken sie nicht an Pfennig und Cent, sondern reden von ganz anderen Dimensionen: von Frieden und Gemeinschaft, von Freundschaft im Kleinen und zwischen den Völkern – von Liebe!

Menschen mit Prophetischem Blick schauen hinaus in die erblühende Natur und danken für das Geschenk des Lebens auf diesem wunderbaren blauen Planeten.

Menschen mit Prophetischem Blick sehen auch die Not des Nächsten und protestieren und engagieren sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, weil sie das, was ihnen geschenkt wurde, mit allen teilen wollen.

Wir alle kennen solche begeisterten Menschen! Und – ich bin mir sicher, auch Sie und ich haben solche geistreichen Momente schon selbst erlebt.

Dass es keine Dauerzustand ist? – Nicht darüber jammern! Sondern darauf vertauen, dass Gottes Geist uns immer wieder anstecken will – als Schutzimpfung gegen das Lamentieren.

Und vielleicht sagen wir ja heute einfach mal »Man, gehts uns gut!« Und dann merken wir: »Stimmt, heute ist ja Pfingsten!« – Amen.

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