Kein Mittel gegen die Klage?

Klagevirus entschlüsselt – Rettung für Millionen möglich?
Das wäre doch mal eine Schlagzeile, die einschlagen würde wie …
Endlich Schluss mit dem Gejammer; man mag es doch eigentlich gar nicht mehr hören; überall wird geklagt und geschimpft, wie schlecht doch alles sei, dass früher alles besser war und dass man gar nicht wüsste, wo dass alles noch einmal enden sollte.
Nichts können wir so gut wie „Klagen“.
Wohin man schaut Pessimismus, der nur wahrnehmen kann, dass das Glas halbleer ist und einfach leugnet, dass es dann ja auch zugleich halbvoll sein muss.
Und wir Deutschen haben noch eine besondere Form dieser Krankheit entwickelt, die man im englischsprachigen Ausland einfach nur „German Ängstlichkeit“ nennt.
Dabei haben wir alle durchaus gelernt, wie wichtig es ist, auch die positiven Dinge einmal wahrzunehmen und auszusprechen.
Wenn ich jemandem ein sogenanntes Feedback geben will, dann ist es wichtig mit einer positiven Botschaft und mit Lob und Dank anzufangen, ehe ich die kritischen Dinge anspreche und so hoffentlich ganz anders gehört, wahrgenommen werden kann.
Aber schon davor haben viele Angst.
Und wenn es dann in kirchlichen Kreises auch noch heißt: Visitation – oder gar Generalkirchenvisitation – dann erwarten, befürchten und vielleicht sogar erhoffen viele schnell eine riesige gegenseitige Klagewelle, also Vorhaltungen hin und her:Darin sind wir Meister unseres Faches.
Ob das ansteckend ist?
Ob dieser Virus gefährlich ist, oder doch nur etwas mit Selbstschutz und Selbstverteidigung zu tun hat?
Jedenfalls bin auch ich nicht ganz frei davon – und wenn sie am letzten Mittwoch beim Pfarrkonvent dabei gewesen wären, hätten sie in der morgendlichen Andacht ein spannendes Experiment zu unserem Predigttext erlebt, das ich heute nicht nachvollziehen, von dem ich aber zumindest erzählen wollte. Es wurde nicht mehr und nicht weniger als schlichtweg die ganze Klagegeschichte des heutigen Pfingstsonntages aus dem Alten Testament – nur mit verteilten und sehr pointiert gelesenen Rollen – gehört und ich habe ein um das andere Mal lauter bekannte Denkmustern/Klagemuster gehört:
frühes war nicht alles schlecht
da haben wir auch gut gelebt und viele Feste gefeiert
überhaupt war der Zusammenhalt besser
und der Konkurrenzdruck nicht so stark; wir saßen doch alle irgendwie im gleichen Boot
und alle hatten Arbeit und abends konnte man noch ohne Angst auf die Straße gehen und mit der Jugend war auch mehr los!
und jetzt?
Schön über manches haben wir uns auch geärgert, manches haben wir vermisst,
aber wir wollen uns nicht ständig von anderen alles schlecht machen lassen
und so wie es jetzt gekommen ist, haben wir es doch gar nicht gewollt….
Eine Krankheit, ein genetischer Defekt, eine veränderbare Lebenseinstellung, ein falscher Geist, der uns beherrscht und an dessen Stelle ein guter Geist treten kann, den Paulus den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit nennt?
Mit diesem Sonntag geht in unserem noch jungen Kirchenkreis die Generalkirchenvisitation zu Ende, die besonders auf kirchenmusikalischer Spurensuche war zwischen Oranienburg, Lychen und Templin.
Und das ist eine gute Zeit, auch einmal Beschwernisse loszuwerden, die man im Alltag mit sich herumträgt und die im Alltag soviel Kraft und Energie rauben, die ich woanders viel kreativer einsetzen könnte als im Bewältigen von Missständen. Klage ist ja nichts an sich schlechtes, sondern auch ein Symptom, das mir hilft an die Wurzel des Übels zu gelangen und Besserung, vielleicht sogar Heilung zu erzielen.
Aber es ist – darf ich sagen vor allem auch ? -eine gute Zeit, einmal dankbar wahrzunehmen, wie reich wir sind an Menschen, Begabungen und erlebtem Glauben, der sich musikalisch Gehör verschaffen und das Leben der Menschen im Alltag unglaublich bereichern kann!
Über fünfzig Chöre und noch mehr ehrenamtliche Leiterinnen und Leiter oder Organisten, über 100 Konzerte im Sommer in den Kirchen unseres Kirchenkreises, Kirchennahe und Kirchenferne, die sich einladen lassen, die sich engagieren und dafür streiten, dass die Kirchen und die Instrumente in ihnen erhalten bleiben und nicht verstummen.
Im Bild gesprochen, das ist doch mehr Manna und sind mehr Wachteln als wir sammeln und verzehren können und wahrlich mit dem Kirchentagsmotto gesprochen auch mehr als wir brauchen….
Gott sei Dank: er gibt uns nicht nur unser täglich Brot, sondern mehr als wir zum Überleben und Leben brauchen.
Wir sind reich.
Was nicht heißt, dass damit schon alles gut ist.
Klage schärft den Blick so wie Ängstlichkeit achtsam macht im Umgang möglichen Gefahren.
Klage und ihre Ursache muss ausgesprochen und angegangen werden, damit dann auch die Angst, die Sorge, die Schmerzen irgendwann weichen und Platz machen können für positive Wahrnehmungen, Erfahrungen und Gefühle.
Es braucht letztlich eine Begrenzung der Klage, einen Blick von außen, ein mutmachendes, ansprechendes Wort oder ein fröhliches Lied.
Es braucht den Perspektivwechsel, manchmal auch den Herrschaftswechsel in unserem Gemüt. Wo geklagt wird, man mit seiner Sorge und seiner Last einen Adressaten sucht, damit sie einen nicht zerfrisst, kommt Gott oft von ganz allein ins Spiel, also ob das die Muttersprache des Gebetes wäre. Und ich behaupte: Gott sei Dank funktioniert dieser Mechanismus in uns noch.
Das Grundübel in der Wüste war nicht so sehr das Murren und Klagen des Volkes an sich, sondern die Dominanz und Alleinherrschaft der vorwurfsvolle Anklage: du und dein Gott, ihr seid schuld, dass es uns jetzt noch schlechter geht als vorher.
Du und dein Gott, diese Gesellschaft, die Umstände, die böse Zeit und überhaupt, wenn es doch wieder so wäre wie früher…
Sicher ist die überlieferte Antwort nicht ganz fein und einfühlsam: ich kann es nicht mehr hören…
Aber ich kenne dieses Gefühl schließlich nur zu gut: ich kann es nicht mehr hören und was ich auch erwidere, mein Gegenüber hört mich ja gar nicht. Wir bleiben gemeinsam gefangen in der Spirale von Anklage und hoffnungsloser Verteidigung, wenn nicht Hilfe von außen kommt.
Wenn nicht Antwort oder Intervention mit ganz anderer Autorität kommt: Und was für eine Reaktion, weil Gott es nicht mehr hören kann – Er schickt Manna und Wachteln, mehr als alle wollen, mögen und verzehren können. Ja, auch Überfluss kann einem irgendwann von Grund auf über werden… Und es klingt unterschwellig durch: wollt ihr das? Merkt ihr nicht, dass man am Überfluss ersticken, oder am Ende neudeutsch Geld nicht essen kann?
Nun ja, ich gebe zu diesen Aspekt der Geschichte haben die Väter der Perikopenordnung bewusst oder unbewusst herausgeschnitten und die Versauswahl auf Mose fokussiert, der nach seiner Beschwerde die Antwort bekommt, nicht mehr die ganze Last der Verantwortung allein tragen zu müssen, sondern sie einschließlich der Unterstützungskraft des Gottesgeistes mit anderen, mit siebzig ausgewählten Ältesten teilen zu dürfen. Die Last der Verantwortung wird sozusagen demokratisiert.
Als ob Gottes Geist überhaupt anders wirken könnte, als dass er zwar einzelne individuell, persönlich unverkennbar begabt und befähigt, ja aber nie Privateigentum nur weniger sein kann.
Gottes Geist, seine Inspiration, seine Begeisterung, aber auch sein Drang die jeweiligen Stärken zu wecken, ist nichts exklusives, kein Vorrecht weniger, sondern Erfahrung vieler.
Im Volk der Wüstenwanderung im Status der Klage wird also Verantwortung demokratisiert und verteilt und gemeinsam wahrgenommen. Eine wunderbare Beispielgeschichte für die, die bis heute Verantwortung und Macht regelmäßig in der Politik verwechseln oder sprachlich einfach nur ungenau sind: Wahlen sind kein Machtkampf um Berlin oder Washington, sondern Auswahl und delegierte Verantwortung auf Zeit hoffentlich nicht nur gebaut und voller Vertrauen auf eigene Stärke und Einsicht, sondern auf die Führung durch Gottes guten Geist, der den Weg aus der Wüste kennt und findet. Wer allein dem Gesetz der Klage gehorcht, findet diesen Weg aus der Wüste nicht mehr und erlebt dort sein Gericht .
Das ist für manche ein kaum erträglich harter Ausgang der Klagegeschichte, aber man kann sich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der Depression und der negativen Lebensperspektive oder eines viel zu geringen Selbstwertgefühls befreien.
Dabei muss Gottes Geist nicht gleich in Verzückung versetzen, aber er kann und möge die Herzen anrühren,die bösen Gedanken und Gefühle verscheuchen, die Augen öffnen für die Lebendigkeit und die Geschenke des Alltags voller Möglichkeiten auch in den Wüsten des Lebens. Egal ob ich gerade lache oder weine, ob ich fröhlich bin und mit Freuden über Manna und Wachteln herfalle oder mit Sorgen mein Brot esse und nicht überschaue, was morgen kommt: ich lebe – und das ist ein großes Geschenk und das ist ein mindestens halb volles Glas und die Verheißung vom Geist Gottes, der für uns eben ein Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit ist, angerührt zu werden.
Komm, Heiliger Geist und erfülle die Herzen der Menschen, die auf dich warten oder die in Gefahr sind, sich zu verlieren. Amen

Die Klagegeschichte Num 11 in der Kurzfassung der Bibel „Und Gott chillte“:

Das Volk klagt, der Herr schickt Feuer. Das Volk denkt an die Leckereien aus Ägypten, und Mose und der Herr werden sauer. Mose verzweifelt. Seien Aufgabe wächst ihm über den Kopf. Er fleht Gott um Hilfe an. Gott steht im bei. Der Herr gibt euch Fleisch zu essen einen Monat lang, weil ihr den Herrn verworfen habt. Mose zweifelt – doch kam der Herr hernieder. Wer am wenigsten sammelt, hat hinterher am meisten.

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