Eine Quelle, die nicht versiegt

Sicher ist es auch nur ein kurzes, aber immerhin verlängertes Wochenende über die Pfingstfeiertage und diese wunderbaren kurzen Arbeitswochen. Aber diese verlängerten Wochenenden im Mai leiten unübersehbar die nach Weihnachten schönste Jahreszeit, die Reisezeit, ein. Auch wenn es heute schon wieder der Rückreiseverkehr von einem Kurzurlaub oder Feiertagsausflug sein mag: wir lassen uns das Reisen nicht nehmen, koste es, was es wolle und wir lassen es uns etwas kosten. Da mag man an anderer Stelle sparen, so lange es geht, ist uns Reisen lieb und teuer. Wir suchen Entspannung und Abwechselung, Abstand von den Sorgen und Herausforderungen des Alltages, genießen besondere Zeiten für die Familie, entdecken Länder und Leute, verlieben uns in Landschaften und zehren oft noch Monate von den Erlebnissen oder fiebern schon den nächsten Reisen entgegen.
Kirche und Kultur finden da durchaus ihren Platz im Urlaubsalltag bei Menschen, die sich normalerweise eher als nicht religiös beschreiben oder von sich sagen würden: ich geh nicht in die Kirche, aber im Urlaub – da schauen wir uns gerne Kirchen an!
Der brandenburgische Dorfkirchensommer, liebe Gemeinde ist eröffnet – eine wunderbare Einrichtung mit vielen wunderbaren Begegnungen für Menschen, die da durchaus hin uns wieder ihr eigenes Wunder, ihre eigene Gottesbegegnung erleben.
Reisezeiten sind Zeiten unterwegs – auf dem Weg – mit einem Ziel, das vor einem liegt – oder mit unbekanntem Ausgang, wohin eben der Weg ungeplant führt.
Auch wenn ich den Satz überhaupt mag – hier stimmt er ansatzweise: der Weg ist das Ziel. Ich bleibe unterwegs – auch unterwegs zu mir oder zur Quelle, zum Ursprung , zum Ziel und Zuhause meines Lebens. Das geht in die Tiefe, ins Fragen, zum Wesentlichen und ich muss und darf aushalten, was ich im Trubel des Alltages überhöre oder verleugne.
Für manche sind es Wege in oder lange schon durch die Wüste und sie entdecken die Schönheit des Kargen, die Offenbarung des Wesentlichen im Wenigen, für andere sind es Wege in die Höhen heraus aus den Niederungen des Lebens, verbunden mit den Mühen und den Qualen, die einmal die lauten Stimmen in mir mit ihren verwirrenden Botschaften zum Schweigen bringen und mich heißen, die Stille auszuhalten oder den Himmel zu ertragen, wenn ich ihm denn ein Stück nähergekommen bin.
Und viele, auch Protestanten, entdecken Pilgerwege für sich und sind somit damit zurückgeworfen auf grundlegende Erfahrungen, die Generationen vor uns schon gemacht wurden.
Haben sie schon einmal eines der berühmten Wallfahrtsziele oder einen Pilgerort besucht?
Mit biblisch Reisen auf den Spuren Jesu im Heiligen Land – wir lesen die Bibel mit anderen Augen.
Auf den Spuren des Apostels Paulus und die Orte bekommen Gesichter.
Santiago de Compostela – dort soll sich das Grab des Apostels Jakobus befinden, die Wege dorthin weisen die Jakobsmuscheln auf den vielen Jakobswegen und hinter dem Meer vermutete man das Ende der Welt und wo, wenn nicht dort mit Blick auf das Ende der Welt, stellt sich die Frage nach dem Anfang und dem Ende des Menschen und seines Lebens, kristallisiert sich die Hoffnung auf Gottes Ewigkeit als Heimat für uns heimatlose so sehr, wie im Angesicht des Ende der Welt oder der Unendlichkeit des Universums?
Man mag es angesichts der Moderne und der Aufklärung und der Emanzipation der Menschen kraft ihrer Vernunft eigentlich für überwunden halten: aber so sind wir nun einmal, als Menschen, unter diesen Bedingungen leben und suchen wir Zeit unseres Lebens nicht mehr und nicht weniger als das Leben und das finde ich nicht nur mit Hilfe der Vernunft.
Unterwegs stoßen wir auf Zeiten und Orte, die uns bewegen, berühren und nicht mehr loslassen: Heilige Orte, die uns anrühren und überwinden, niederringen und etwas zum Klingen bringen. An ihnen beginnt ein Lied sich festzusetzen, eine Stimme zu erzählen, eine Frage zu bohren, oder eine Ahnung uns zu überfallen: das ich bin, ist kein Zufall, sondern ein genialer Gedanke, man mag mich enträtseln und meine Zukunft aus meinen Gene lesen, als Person und als Mensch wird man mich aber nur als Geschöpf Gottes in meiner Unverwechselbarkeit verstehen. Ich komme nur zu mir selbst, wenn ich irgendwann und irgendwo bei Gott ankomme. Dazu helfen mir Orte und Zeiten, selbst wenn Gott nicht an Orte und Zeiten gebunden ist, wenn er alles übersteigt und alles umfasst, wenn er alles in allem ist und doch von nicht gefasst und eingeholt werden kann.
„Unsere Väter haben an diesem Berg gebetet, ihr sagt, Jerusalem sei die Stätte.“ Und von dem gleichen Ort, erzählen Muslime, sei Mohammed zum Himmel aufgefahren, oder wäre Abrahams Sohn gebunden und am Leben bedroht gewesen. – Wie dem auch sei, es sind Orte, an denen gebetet, angebetet, von Gott gesungen und erzählt, nach ihm ringend gesucht und verzweifelt mit ihm gehadert und gekämpft wird.
Es sind Orte, an denen sich das Leben durchbuchstabieren lässt mit seinen Höhen und Tiefen, so wie das Gebet nun einmal die Sprachschule des Lebens ist und weit mehr zur Sprache kommen will, als was mir zum Glück von meinem unendlichen Wunschzettel noch fehlt. Wir haben mittlerweile vergessen, dass auch Weihnachten nicht alle Wünsche von diesem Zettel in Erfüllung gehen und die Spannung gerade darin liegt, nicht zu wissen, welcher der vielen Wünsche sich denn nun erfüllt. Und zu Pfingsten fällt vielen dann vor allem der Mangel der an Geschenken ein: zu Pfingsten am geringsten…
Aber es gibt Orte, an denen Menschen glauben und an denen sich konkretisiert/verdichtet, dass diese Welt, dass Raum und Zeit durchlässig sind für das, was wir mit Gott teilen möchten an Lebenserfahrung, Lebensgefühl und Lebenssehnsucht und was uns aus- und lebendig macht.
Orte des Hörens, Orte des Schweigens, Orte der Gottespräsenz, wo ich mit meinem Sehnen und mein Gott mit seinem Hören und Antworten eins werden können.
Letztlich können alle diese Orte zu wahren und unerschöpflichen Lebensbrunnen werden, in denen unser Durst, unser Lebensdurst, diese schreiende Gier nach Erfüllung und bleibender Bedeutung endlich gestillt werden kann.
Hunger und Durst sind nicht nur elementare Überlebensäußerungen unserer leiblichen Existenz, sondern auch Sinnbilder für unsere innere Unruhe und Bewegung hin zu einem erfüllten, Leben, dass mich nicht mehr verzweifelt suchen lässt nach etwas, was mich zufriedenstellt und mir Ruhe und Entspannung verschafft.
Gut, dass ich bin und gut, dass du da bist und gut, dass wir einander haben. Auch wenn das Leben keinem in den Schoss fällt und manchmal eine einzige Herausforderung und Zumutung direkt am Limit, an der Grenze des Zumutbaren, ist und bleibt, ich spüre doch mit jedem Atemzug dankbar, dass ich bin und das ich lebe und dass sich in mir ein Gefühl der Sehnsucht und der Hoffnung, manchmal ein Anflug von Glück und manchmal ein Hauch von Traurigkeit und Einsamkeit rührt; es ist immer der Atemhauch des Lebens, eine Spur des Lebensgeistes Gottes, die mich berührt und an mir vorüber streicht, nicht ohne mich zu berühren und sanft zu bewegen. Und ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich dies auch noch mit dem letzten Atemzug so werde empfinden dürfen, weil ich an diesem Brunnen stand und aus ihm für das Leben geschöpft habe.
Ich weiß, dass es in diesem Brunnen nicht einfach nur klares Wasser ist, das vorübergehend meinen Durst stillt, der aber bald wieder aufflammen wird. Er ist eher wie eine unsichtbare oder eine himmlische Quelle, wie die oft besungenen mythischen Ströme des Paradieses, denen die Botschaft gemeinsam ist, uns daran zu erinnern, dass wir nicht verloren sind und nicht verloren gehen, sondern im Strom der Zeit zum Ziel gelangen können. Aber der Strom darf nicht abreißen, die Quelle nicht versiegen, die Sehnsucht nicht verstummen, sonst vertrocknen und erstarren wir, sonst verzweifeln und ersticken wir unter der Last des Alltags und des Lebens. Ich muss schöpfen und trinken, mir reichen lassen und zu mir nehmen. Gottes Atem will uns bewegen, durchströmen, sein Geist uns erfüllen, sein Loblied erklingen – selbst wenn es manchmal nur fragend und zweifelnd dahergeflüstert kommt – wenn da ein offenes Herz und offene Hände sind.
Das Wasser sind manchmal nur einzelne Sätze der Anbetung in den Raum gestellt und mit einem hoffenden oder trotzigen Dennoch geglaubt:
Unser Vater im Himmel – mein Vater, du bist Sorge, Zuwendung und Liebe
Geheiligt werde dein Name – ich trage ihn an mir, bin ansprechbar mit ihm, er klingt in mir und sagt mir, woher ich komme und wohin ich gehöre, denn ich trage deinen Namen
Dein Reich komme – da bin ich zu Hause und da haben Tränen und Leid und Tod kein Bleibe- und Heimatrecht, da bist nur du und ich in deinem Schoß.
Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden – ja Himmel und Erde mögen sich berühren,wo dein Geist uns verbindet und anrührt, Leben sich in uns regt und dein Wille zur Sprache und zur Geltung kommt.
Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit – so will ich dich im Geist und in der Wahrheit anrufen und anbeten. Amen

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