Du kannst kommen!

(Predigt zur Jubelkonfirmation in der Kirchgemeinde Mochau bei Döbeln in Sachsen)

Liebe Gemeinde,

natürlich kennen Sie diese Geschichte, das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Sie ist Evangelium des heutigen Sonntags und zugleich auch der Predigttext. Eine bekannte Geschichte also, aber wie das so oft in der Bibel ist, ein Text mit vielen Bezugspunkten. Es lohnt sich immer wieder, neu darauf zurückzukommen.

Die Gleichnisse Jesu sind von ihm erfundene Geschichten, um etwas von Gott deutlich zu machen. Wenn Jesus in diesen Geschichten vom Himmelreich redet oder auch vom Gottesreich, dann ist damit Gott gemeint. „Das Himmelreich ist gleich einem …“ So geht es manchmal los. Und das meint dann: „Bei Gott ist das so …“ Und auch der Vater in unserem heutigen Gleichnis ist niemand anderes als Gott. „Seht, so ist Gott“, will Jesus sagen. Und er beschreibt ihn uns als einen, der auf die Wünsche seiner Kinder eingeht, auch wenn er sie gar nicht gut finden kann: Er zahlt den jüngeren Sohn aus und lässt ihn gehen. Gott ist einer, der nicht drängelt, sondern mit unendlicher Geduld warten kann, bis der Lernprozess bei seinen Kindern zu Ergebnissen führt: Er wartet und wartet auf den jüngeren Sohn. Gott ist einer, der dann, wenn einer zu ihm zurückkommt, nicht beleidigt fragt, wo er denn so lange geblieben sei, sondern der es dem Heimkehrer leicht macht: Er läuft seinem Sohn nicht nur entgegen, er stattet ihn auch neu aus und gibt ein großes Fest. Gott ist andererseits einer, der darunter leidet, wenn andere seiner Kinder solche Geduld und Mitfreude nicht aufbringen: Er geht hinaus zu dem älteren Sohn, der sich abseits gestellt hat. Er redet mit ihm und bittet ihn inständig, doch mit hineinzukommen.

„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“, sagt Jesus. Das ist auch der Spruch für die heute beginnende Woche. „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte“, so sagt es schon der Beter im 103. Psalm. So ist Gott. So sollte ein Vater sein, so sollten Eltern sein.

Von Eltern kann man nicht reden, ohne auch von den Kindern zu sprechen. Von Gott kann nicht gesprochen werden, ohne die Menschen mit in den Blick zu bekommen. Gott wollte von Anfang an die Menschen. Und darum ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn nicht nur eine Geschichte von Gott und seinem Handeln. Es ist auch eine Geschichte von den Menschen, von ihrem Handeln und von ihrem Verhalten zu Gott. Es ist eine Geschichte von uns.

Zwei Lebenswege werden von Jesus exemplarisch entworfen, die Geschichten zweier Söhne. Der eine ist ein Leichtfuß, der andere wirkt grundsolide. Das Leben des einen ist spannend, er kommt in der Welt herum. Das Leben des anderen wirkt dagegen eher langweilig, er ist immer nur zu Hause. Werden wir ihnen mit dieser Beschreibung aber gerecht? Wir merken beim Nachdenken über solche Charakterisierungen, wie vorsichtig wir mit unserem Urteil sein müssen und wie recht der Vater daran tut, sie beide zu lieben.

Da ist dieser jüngere Sohn. Er will heraus aus der Enge seines Elternhauses. Er will endlich einmal etwas anderes sehen als sein Dorf und die nächste Stadt. Er will seine Möglichkeiten kennenlernen und auskosten. Es geht aber schief, denn er wirft alles, was ihm das Elternhaus gegeben hat, nicht nur das Geld, sondern auch seine Ausbildung und seine Erziehung, die Grundsätze fürs Leben, die er einmal gelernt hatte, alles wirft er in hohem Bogen über Bord. Er wollte es einmal ganz anders machen und natürlich groß hinauskommen und landete doch in der Gosse. Dann aber, so entschlossen er war, wegzugehen, so entschlossen geht er zurück, bereit, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen.

Von dem älteren Sohn erfahren wir nicht viel. Er war immer zu Hause. Er war immer verantwortungsvoll. Hatte er keine Wünsche? So können wir fragen. Oder hatte er seine Sehnsüchte verdrängt? War er zu ängstlich, sie zu äußern? Erst als der Vater in ihn dringt, platzt es aus dem schmollenden Sohn heraus. Irgendwie war wohl auch da etwas nicht in Ordnung.

Ich weiß nicht, wo wir uns in dieser Geschichte wiederfinden. Sind wir mehr der jüngere oder mehr der ältere Sohn, oder von jedem etwas? Das kann nur jeder für sich selber beantworten. Aber ganz egal, wie wir zum Vater, zu Gott also, stehen, er sagt zu jedem von uns: „Schön, dass du da bist, schön, dass es dich gibt.“ Und wenn wir gerade mal ein bisschen weg waren: „Schön, dass du kommst.“

Jubelkonfirmation und Klassentreffen, das ist ja immer so ein Moment der Bilanz. Ganz egal, wie diese Bilanz im menschlichen Sinne ausfällt, Gott sagt zu uns: „Schön, dass du kommst.“

Hier könnte man Amen sagen. Ich tu’s aber noch nicht. Der Schluss wäre so schön glatt, so glatt ist das Leben doch gar nicht.

Vor Augen steht mir eine Familie. Mutter und Vater ganz solide. Zwei Kinder, ordentlich in der Schule, interessiert an vielem, lernen ein Musikinstrument, singen in einem bedeutenden Chor. Der Sohn geht zum Studium, bewährt sich in der Forschung. Das Mädchen erlernt einen schönen Beruf, arbeitet auch darin. Und dann eines Tages reicht ihm das nicht mehr. Sie will raus, will Schauspielerin werden, macht auch eine Ausbildung, bekommt aber kaum Rollen, sondern tingelt nur so durch die Lande. Ihr Lebenswandel ist den ordentlichen Eltern ein Graus, und doch geben sie immer wieder Geld, damit die Tochter vielleicht doch zu etwas kommt. Dann etwas Neues: Sie will malen. Wieder ist Geld nötig. Es ist ja unser Kind, sagen sich die Eltern. Es entstehen Bilder, die mancher lobt, aber fast keiner kauft. Es geht nicht bergauf, sondern immer mehr bergab. Die Tochter trinkt, sie landet im Entzug, und das nicht nur einmal.
Und dann ist wieder so ein Tag. Die Tochter hat eine Einladung geschickt. Da wird eine Ausstellung eröffnet, und auch von ihr hängen dort ein paar Bilder. Ein Hoffnungsschimmer also. Und die Mutter macht sich auf. Sie freuen sich aufeinander, Mutter und Tochter. Und als sie ankommt, fragt die Mutter, wie’s geht, und natürlich auch, ob sie auch immer ordentlich isst und möglichst nichts trinkt. Sie ist ja die Mutter und macht sich Sorgen. Und die Tochter sieht rot bei Mutters Fragerei, sieht wieder einmal ihre Freiheit bedroht und weiß nichts besseres, als sich schon zu Mittag vollaufen zu lassen. Und als dann die Ausstellung eröffnet wird, beleidigt sie ihre Mutter vor den Leuten, ihre Mutter, die doch extra für sie von weither gekommen war.
Gerade in dem Moment komme ich hinzu, denn ich bin ja auch eingeladen, nur etwas spät dran. Was kann ich tun? Die Tochter in den Arm nehmen, so wie sie ist. Die weinende Mutter in den Arm nehmen und sagen: „Komm, lass uns um die Ecke einen Kaffee trinken und ein bisschen reden.“ Wo soll eine solche Mutter die Kraft hernehmen, wieder zu ihrer Tochter zu fahren? – Doch nur aus der unendlichen Geduld Gottes heraus, der auch zu ihr, auch zu ihrem Kind und zu uns allen sagt: „Schön, dass du da bist.“

Manchmal aber, so kommt es mir vor, steht auch Gott irgendwo und weint, denn wieder einmal ist er wie diese Mutter einem seiner Kinder entgegengelaufen, um es in die Arme zu nehmen, und hat als Erwiderung einen Tritt ins Schienbein bekommen.
Ein Mensch hätte es nun vielleicht satt. Aber, und das ganz bewusst: Gott sei Dank. Gott ist Gott und kein Mensch. Seine Barmherzigkeit hat kein Ende. Und so weit, wie Morgen und Abend voneinander entfernt sind und nie zusammenkommen, so weit stellt er unsere Übertretungen von sich weg und lädt uns ein und lässt uns zu sich kommen.

Die Geschichte, die wir heute bedacht haben, hat man früher das Gleichnis vom verlorenen Sohn genannt. Das bleibt richtig. Weil es aber eigentlich um die beiden Söhne geht und der Vater zu beiden hingeht, hat man auch vom Gleichnis von den beiden verlorenen Söhnen gesprochen. Die schönste Überschrift aber ist wohl die: das Gleichnis vom liebenden Vater. Welchem der Söhne wir auch immer gleichen – uns steht ein liebender Vater gegenüber. Amen.

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