Wahrheit ist nicht statisch. Sie lebt in Christus.

Liebe Gemeinde,

Muss man immer die Wahrheit sagen?

Angeblich lügt jeder Mensch mehrfach am Tag. "Schmeckt dir das Essen?" "Ja". Lüge eins. "Freust du dich, dass wir heute bei dir sind?" "Ja". Lüge zwei. "Schau mal, was wir dir mitgebracht haben. Schön, oder?" "Ja, sehr schön". Lüge drei.

Bis zu 200 Mal, so die Forscher, lügt ein Mann pro Tag. Bei Frauen sollen es angeblich 20% weniger sein. "Gehst es dir besser mit der Gesundheit?" "Ja, ich fühl mich gut". Lüge vier.

Nun könnten wir den ganzen Tag durchgehen und prüfen, ob immer die Wahrheit gesagt worden ist. "Willst du auch den Film sehen?" "Ja, gerne, mach nur an." Letzte Tageslüge.

Andere Forscher reduzieren die Zahl der Falschaussagen erheblich. Man käme eigentlich nur auf vier bis fünf "Lügen" pro Tag.

Ich gebe euch den Geist der Wahrheit. Jesus gibt ihm den Beinamen: Der Tröster. Die Welt kennt die Wahrheit nicht. Aber ihr als Christen.

Heißt das nun: Ich muss immer und zu jedem Zeitpunkt "die Wahrheit" sagen? Ist bei den kleinen "Notlügen" sofort schlechtes Gewissen angesagt? Sind die Grantigen, die immer grad hinaus das sagen, was ihnen durch den Kopf geht, die Besseren?

Wahrheit ist nicht statisch

Wahrheit ist nicht statisch. Wahrheit ist nicht unbeweglich. Wahrheit wird.

Manches Mal hat man später festgestellt: Das Essen, dessen erste Bissen seltsam waren, hat am Ende richtig gut geschmeckt. Der Muttertags-Besuch, auf den man sich um der Tradition Willen lustlos eingelassen hatte, führte zu einem richtig schönen Beisammensein. Das Geschenk, das man auf den ersten Blick unschön fand, ist Wochen später eine gern gesehene Erinnerung an einen guten Tag. Die verschwiegene Mitteilung über die angegriffene Gesundheit war am Ende richtig, weil man selbst vergessen hatte, wie elend man sich eigentlich hätte fühlen müssen. Und der Film hat einem auch gefallen.

Ein altes Sprichwort sagt: Unzeitige Wahrheit ist einer Lüge gleich.

Was ist Wahrheit?

Es liegt wohl an unserer abendländischen Tradition, dass wir uns Wahrheit irgendwie immer wie eine in Stein gehauene Botschaft vorstellen, die unabänderlich von Ewigkeit zu Ewigkeit besteht. Diese Vorstellung verdanken wir dem Philosophen Aristoteles. Wahrheit sei die Übereinstimmung von Sache und Begriff, lehrte er. Und er mühte sich darum, ein statisches System der Wahrheit aufzubauen und die dazu notwendigen Regeln der Logik zu ersinnen.

"Ich sag es halt, wie es ist", zitieren wir diesen alten Herrn, meistens ohne es zu wissen. Was dann folgt, sind oft "unbequeme Wahrheiten" und "knallharte Analysen". Denn wir kennen die "Fakten, Fakten, Fakten" und finden dazu die schonungslosen Worte.

Alle Menschen sind hinter dem Geld her. Alle Politiker sind korrupt. Vom Islam – ich sag´s euch – geht eine furchtbare Bedrohung aus. Die Arbeitslosen sind alle faul und nutzen den Staat aus.

Sind solche Sätze Ausdruck vom "Geist der Wahrheit", den Jesus den Seinen zum Abschied zugesprochen hat als Lebensgabe für den Weg in die Zukunft?

Tatsächlich haben auch die Kirchen oftmals einen sehr statischen Begriff von Wahrheit vertreten. Zum Teil geschah das in einer Art Notwehr gegen den modernen Geist unserer Zeit, in der so Vieles relativiert wird: Die Familie, die Sexualmoral, Recht und Ordnung.

Es ist ein neuzeitliches, heute noch in frommen Kreisen stark vertretenes Dogma, das Gott jeden einzelnen Buchstaben der Bibel persönlich diktiert habe. Dahinter steht das Verlangen nach einer statischen, unbeweglichen, unhinterfragbaren Wahrheit. Besser ist das, was Karl Barth lehrte: Die Wahrheit der Bibel sind nicht Worte. Die Wahrheit der Bibel ist lebendig, sie ist Person: Jesus.

Unsere Evangelische Kirche tat sich bis weit in die Nachkriegszeit schwer damit, Demokratie als Staatsform zu akzeptieren. Die Bibel redet doch scheinbar anders: Obrigkeit ist von Gott eingesetzt, heißt es bei Paulus (Röm 13). Lange blieb eine unterschwellige Sehnsucht nach der statischen Einheit von Gott und Kaiser in unserer Kirche lebendig. Nicht wenige Zeitungen – die wir alle nur "in großer Not" bei Friseuren und in Wartzimmern lesen – verdienen noch heute ihr Geld damit.

Peter Sloterdijk, ein zeitgenössischer Philosoph, nennt den das den "Teufelspakt mit dem Ständesystem". Die Überlassung der Herrschaft an den Erbadel gilt ihm als die "chronische Schande Europas". Denn die oftmals einzige Leistung des Adels bestünde darin, ein "aufgeblähtes Selbstbewusstsein an gleichnichtsnutzige Nachkommen" weiter zu geben. Besser als die Sehnsucht nach der vermeintlich "guten alten Zeit" sei es, so der gleiche Philosoph, wir würden uns als "Disziplin-Gesellschaft" verstehen, in der Können und Leistung im Vordergrund stünden. Können und Leistung von allen für alle: Ohne Privilegien, ohne Unterwerfung und Korruption. Mit großem Respekt vor denen, die etwas Können, Schaffen und voran bringen. Die "Disziplin-Gesellschaft" – so Sloterdijk weiter – lebt von Anstrengung und Anerkennung. Sie kennt eines nicht: Neid. Die Wahrheit unseres Zusammenlebens in Staat und Gesellschaft steht noch aus.

Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Das heißt nicht, dass man eben in früheren Zeiten mit Recht Königen huldigte und es heute mal lustlos mit der Demokratie probiert. Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Das heißt Wahrheit wächst, Wahrheit wird. Wahrheit ist nicht statisch. Wir sind auf der Suche nach Wahrheit. So mühselig das sein mag.

Jesus sagt im Johannes-Evangelium: Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten (Joh 16,13). Wahrheit ist nicht statisch. Wahrheit ist ein Wegweiser, ein Verlangen zugleich. Jesus spricht uns diesen Begleiter, den Tröster, wie Luther schön übersetzt hat, zu. In Jesu Worten höre ich einen wunderbaren Zuspruch von Mut und Lebenszuversicht. Ihr seid unterwegs im Leben zur Wahrheit. Ich leite euch.

In Jesu Worten höre ich eine Warnung mit: Achtet darauf, dass ihr nicht bequem werdet. Findet euch nicht ab, mit dem wie es ist. Wahrheit ist kein Fels, auf dem ihr steht. Wahrheit ist ein Ziel, zu dem ich euch führen will. Wenn euch alles egal geworden ist, lebt ihr nicht in der Wahrheit.

Dem Leben dienlich sein

Wer aufmerksam mitdenkt, wird den Widerspruch spüren. "Wahrheit ist nicht statisch" wurde nun mehrfach nahezu penetrant behauptet. Und jetzt heißt es: Wir werden zur Wahrheit geleitet. Also muss es doch irgendetwas geben, an dem Wahrheit erkennbar wird. Es muss doch irgendetwas geben, was bleibt im Wandel der Zeit.

Im eingangs zitierten Bibelwort sagt Jesus: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich will euch nicht ohne Orientierung, ohne Wegweisung, ohne Einsicht, ohne Verstand und ohne Worte einfach dem Schicksal und der Grausamkeit des Lebens überlassen. Ihr seid keine Waisenkinder.

Und dann spricht Jesus diese wunderbaren Worte, die für mich zu den schönsten in unserer Bibel gehören: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Das griechische Original kommt mit vier Worten aus: Zo kai umeis zäsete. Ich lebe und ihr sollt auch leben.

"Z" – Er lebt. Die mit mir Gleichaltrigen können sich eventuell noch an den Film "Z" von Constantin Costa-Gavras erinnern. Ein Film über die griechische Militärdiktatur, die von 1967 bis 1974 bestand. Der Buchstabe "Z" (als Symbol für "Er lebt") war damals zum Kennzeichen der Opposition geworden. Die griechische Diktatur, bestehend aus Königshaus und Generälen, hatte alles verboten, was damals neu war oder als bedrohlich empfunden wurde: Lange Haare, Miniröcke, die Bücher von Tolstoi und Dostojewski, das Gläserwerfen nach Trinksprüchen, Streiks, Pressefreiheit, Soziologie, moderne Musik, moderne Mathematik und den Gebrauch des Buchstaben „Z“ (zitiert: Wikipedia).

Alles Verbote, die nur ein Ziel hatten: Das Leben anzuhalten. Wahrheit statisch festzuschreiben. Und was man nicht aussprach: Macht und Wohlstand nur für wenige zu sichern. Der Film wurde 1970 mit einem "Oscar" ausgezeichnet.

Ich lebe und ich sollt auch leben. In diesen einfachen, so klar und hell leuchtenden Worten spricht Jesus uns einen Wegweiser in die Wahrheit zu. Er spricht uns das ins Gewissen, was uns in die Wahrheit leiten wird: Dass wir leben. Dass wir leben in Freiheit. Dass wir leben in Frieden. Dass wir leben ohne Angst und Not. Dass wir leben in Liebe.

Ich hoffe, diese letzten Sätze klingen nicht nur pathetisch. Sie formulieren Aufgaben für einen jeden von uns. Schade, wenn sich immer mehr Menschen dieser von Jesus uns zugesprochenen Leitung in die Wahrheit entziehen, im Leben stehen bleiben und nur noch um sich selber kreisen.

Die kurze Erinnerung an den Film und die Ereignisse, von denen er erzählt, mag als Hinweis genügen, wie hart, wie schwer es sein kann, sich durch Jesus zum Leben leiten zu lassen.

In der kommenden Woche feiern wir das Pfingstfest. Im biblischen Bericht über das erste Pfingstfest heißt es, die vom Heiligen Geist erfasste Jüngerschaft sei wohl betrunken. Die Spötter meinten, "sie sind voll von süßem Wein" (Acta 2,13).

Und nun sagt man ja tatsächlich: In vino veritas. Im Wein liegt die Wahrheit. Natürlich weiß ich, was damit gemeint ist. Gleichwohl biete ich ein anderes Verständnis an:

Im Abendmahl reicht Jesus den Kelch an die Seinen. Nicht, um sie trunken zu machen. Der Wein des Abendmahls erinnert beides: Das Leiden Jesu, seinen Tod für das Leben. Der Wein erinnert an Jesu Geist der Versöhnung, die in Gott, in der Quelle des Lebens gründet. Im Abendmahl feiern wir die Wahrheit des Lebens, als Menschen, die vor Gott und in Gott verbunden sind: Sünder und Gerechte zugleich. Gäste im Leben. Gäste am Tisch des Herrn. Im Abendmahl feiern wir diese Wahrheit: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Wahrheit ist, was dem Leben dient. In vino Christi veritas.

Muss man immer die Wahrheit sagen?

Stellen Sie sich vor, nachher zu Tisch sagt tatsächlich jemand: Wer hat denn diesen Fraß verbrochen? Nein, das hat mit Wahrheit nichts zu tun. Das ist üble Laune, die ohne jede Rücksicht sich selbst zum Maß aller Dinge nimmt. Wahrheit nimmt Rücksicht.

Oder stellen Sie sich vor, nachher heißt es zur Begrüßung von Schwiegersohn oder Schwiegertochter: Hättest du nicht zuhause bleiben können? Du weißt doch, dass ich dich nicht mag.
Nein, das hat mit Wahrheit nichts zu tun. Das ist Eifersucht, die einen oft genug quälen mag. Wahrheit wird, wo Liebe und Nähe eine Chance haben.

Nein, die meisten der sogenannten "Notlügen" sind keine Lügen. Wahrheit dient dem Leben. Und wenn wir ein wenig geschmackvolles Esen gut heißen und unwillkommenen Besuch dennoch herzlich begrüßen, so dienen wir dem Leben. Das ist die Wahrheit, zu der uns Jesus leiten will. Wahrheit wird, Wahrheit wächst. Wahrheit ist Licht, kein Fels. Wahrheit ist kein nasser Waschlappen, den wir uns um die Ohren schlagen. Wahrheit ist Liebe. Darin reinigt sie uns.

Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Jesus sagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Mit dieser Wahrheit kommt man am weitesten.

drucken