Stunde der Wahrheit

Muttertag ist heute. Heute Abend können wir die Rückkehrer von der Familienfreizeit ja mal fragen, ob dieser Anlass berücksichtigt wurde im Morgenprogramm. Bei der Rundfrage vorgestern im Gitarrenunterricht kam immerhin heraus, alle hatten sich schon eingedeckt mit Aufmerksamkeiten. Besonders gut ging dieses Schwamm-Herz-Set von der Drogerie aus der Langen Straße. Günstig und apart. Aber Pech für alle Vergesslichen, der Laden hat jetzt zu.

Bestimmt wurden einige Muttis oder Omis heute verwöhnt. Aber manche, die es sich heute endlich einmal hätte leisten können, so richtig auszuschlafen und sich bedienen zu lassen, ist wohl sicherheitshalber noch früher aufgestanden als üblich. Rechtzeitig, bevor der haushaltsunerfahrene Göttergatte oder die Kids, bei denen schnell was Sensibles kaputt geht, etwas anstellen können. Vielleicht ist es ja wirklich die Schuld der Mütter, dass viele Männer so ahnungslos und unselbständig in Haushaltsdingen sind. Nach einem Männerabend stand ich mit einem der Herren in der Küche. Wir hatten gerade den Geschirrspüler eingeräumt. Ich sage: Nun müssen wir noch das Pulver einfüllen. Der Helfer staunt und guckt groß: „Wieso, braucht man denn dazu Spülmittel? Geht das bei den neuen Geräten nicht ohne?“

Im Bibelabschnitt hier kommt der Muttertag nicht vor, es sei denn in übertragenen Sinn: „Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben ewiglich…“ Ja, daran erinnnern wir uns dankbar, wie Mutti uns in den Arm genommen hat und dann war das aufgeschrammte Knie sofort vergessen.

Aber mit dem Tröster hier ist der Heilige Geist gemeint. Der Ersatz, der die Lücke füllte. Wenn Werder die Lücke, die Kevin de Breune reißt füllen will, müssen sie einen guten Nachfolgestürmer kaufen. Den Ersatz, auf den die Jünger gehofft haben nach Jesu Himmelfahrt, konnten sie nur erbitten und erflehen. Darauf machen uns die Bibelstücke in der Woche vor Pfingsten aufmerksam. Sie zeigen uns, was wir mit dem Heiligen Geist bekommen. Sie zeigen uns, was uns entgeht, wenn wir meinen, ihn nicht nötig zu haben, wenn wir meinen, die eigene Kraft wird schon reichen.

In den Tagen vor Pfingsten haben sich die Jünger gegenseitig an jeden einzelnen Satz von Jesus gegenseitig erinnert. Wisst ihr noch, was er sagte, fragt einer? Ich hab es wörtlich in Erinnerung, ruft ein anderer.

Er hat gesagt: „Der Vater wird uns den Tröster senden. Den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann. Denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein…“

Der Geist der Wahrheit.
Jesus spricht hier von der schweren Aufgabe, einer von Täuschungen und Lügen betäubten Welt die Wahrheit vorzuhalten, und dabei auch vor uns selbst nicht halt zu machen. Wir erfahren hier

1. Es gibt eine bittere Wahrheit
2. Es gibt eine befreiende Wahrheit
3. Es gibt eine herrliche Wahrheit.

1. Die bittere Wahrheit

Alles hatte so verheißungsvoll angefangen: Der Umzug in die größere Wohnung, die schönen neuen Möbel. Die Firma, die er mit zwei Freunden gegründet hatte, machte guten Umsatz. Dann kam der Unfall mit dem Motorrad. Die Behandlung bei den Fachärzten zog sich hin. Die Versicherung beschränkte sich in ihren Leistungen auf das Minimum. Der Bandscheibenschaden könne nicht allein von diesem Unfall herrühren, das müsse eine Vorgeschichte haben. Der tägliche lange Aufenthalt in den eigenen vier Wänden belastete mehr und mehr die Beziehung zur Freundin. Der aufwendige Lebensstil ließ sich nicht mehr wie gewohnt fortsetzen. Die Mittel wurden knapper. Aber Miete, Nebenkosten, Telefon wollten bezahlt sein. Die Freundin trennt sich von ihm. Bald verliert er den Überblick über seine Verbindlichkeiten. Na ja, die Raten für das Auto müssten doch bald abgezahlt sein. So schlimm wird es schon nicht werden. Er hatte doch schon ganz andere Schwierigkeiten gemeistert. Am Ende langt es hinten und vorne nicht mehr. Er kann nicht mehr schlafen, trinkt mehr, als ihm gut tut. Ein Freund gibt ihm die Adresse eines Schuldenberaters. Ohne Wartefrist könne er da gleich hin. Hab ich das nötig? Da alle Karten auf den Tisch legen? Aber vielleicht geht es wirklich nicht anders. Ich hab ja schon den Überblick verloren. Der Wahrheit selbst ins Gesicht sehen ist schon schlimm genug, aber das auch noch vor jemand anders eingestehen müssen…

Eine bittere Stunde der Wahrheit war für die Älteren von uns auch der Tag des Kriegsendes. Weniger die Kapitulation als solche, der Krieg war ja gottseidank vorbei. Vielmehr die Begleiterscheinungen. Das Zutagetreten der ungeheuerlichen Verbrechen. Direkt überraschend war es nicht, die Untaten passten ja in die Ideologie der Nazis. Die judenfeindliche und ausländerfeindliche Weltanschauung wurde ja in den Schulen gelehrt. Aber irgendwie hatten viele gehofft, die Greuelmeldungen würden doch nur übertriebene Propaganda der Kriegsgegner sein. Oder es handele sich nur um einzelne Übergriffe, wie sie in jedem Krieg vorkommen. Nun kam alles zutage.

Die Stunde der Wahrheit schlägt regelmäßig an den Wahlsonntagen ab 18 Uhr. Dann machen die ersten Hochrechnungen klar wer es nicht geschafft hat. Aller vorher propagierte Optimismus und diesmal schaffen wir´s wieder-Sprüche müssen dann der harten Realität weichen. Aber bei den meisten Politikern bleibt es so: Sie fahren auch nach solchen Wahrheitsstunden im alten Stil fort und prophezeien für die Wahl im nächsten Bundesland ein besseres Ergebnis. Nur wenige ziehen aus Wahrheiten Konsequenzen.
Die wohl bitterste aller Wahrheiten aber steht nicht in der Zeitung oder im Geschichtsbuch. Es ist die schlichte Tatsache: Der Mensch ohne Gott geht verloren. Und diese bittere Wahrheit hat ja zwei Seiten. Der Mensch ohne Gott geht verloren. Und die Welt ohne Gott geht auch verloren. Wir beten ja im Vaterunser: Dein Reich komme. Und das heißt nicht nur: Herr, laß mich einmal in deinen Himmel. Das bedeutet zugleich: Wenn sein Reich kommt, dann muss dies Reich gehen.

Die Welt, die sich vom Schöpfer abgewandt hat, geht verloren. Der einzelne Mensch, der sich vom Schöpfer abgewandt hat, geht verloren.

Davon wird natürlich nicht gesprochen in den Kommentaren der Journalisten. Denn es ist eine geistliche Wahrheit. Eine geistliche Wahrheit ist etwas anderes als eine logische Wahrheit.

Der rein logische Satz: Ohne Gott gehst du verloren, beeindruckt keinen. Da ist die Reaktion sofort: Was maßt ihr Christen euch eigentlich an? Ich lebe nach dem Motto Tue recht und scheue niemand und das ist mir auch gelungen. Mir kann niemand was nachsagen. Oder: So gut wie die Kirchspringer bin ich immer noch. Und all die Ausflüchte, die Menschen gebrauchen, um sich unangenehme Wahrheiten aller Art vom Leib zu halten, kehren hier wieder:
Es wird so schlimm nicht sein. Die anderen sind genauso schlecht, man darf das nicht zu negativ bewerten usw.

Und es hat nun gar keinen Sinn, einem ungläubigen Menschen die Wahrheiten der Bibel anzudemonstrieren, ihn mit Fakten in die Enge zu treiben. Ein amtliches Endergebnis kann einer Partei nötigen, sich der Wahrheit zu stellen. Die Nürnberger Prozesse konnten Deutschland nötigen, sich der Wahrheit zu stellen. Ein Gerichtsvollzieher kann einen Bruder Leichtsinn nötigen, sich der Wahrheit zu stellen.

Anders ist es mit den geistlichen Wahrheiten.
Auf normalem, logischen Wege werden sie nicht erfasst. Erst der Geist Gottes deckt auf, wer wir wirklich sind. Nämlich verlorene Leute. Erst der Gottesgeist zeigt uns unsere Schuld, unsere Sünde, unser Verlorensein.
Die Wahrheit, die Gottes Geist aufdeckt, lautet: Wir brauchen einen Retter. Wir brauchen Jesus. Wir brauchen seine Vergebung.

Damit sind wir beim zweiten: Die befreiende Wahrheit
Die befreiende Wahrheit ist das Eingeständnis: Ich alleine schaffe es nicht!

Für den natürlichen Menschen gehört das vielleicht noch zum ersten Punkt, zur bitteren Wahrheit, die man lieber verbirgt, auch vor sich selber. Vor allem, weil wir uns nicht trauen, den anderen so gegenüberzutreten. Krank sein und das auch noch eingestehen? Wie gehts dir heute? Danke, gut.
Als Mann arbeitslos sein und noch eingestehen, daß sich schon wochenlang nichts ergeben hat? Bloß nichts anmerken lassen. Damit muß ich doch allein klar kommen.

Ich alleine schaffe es nicht. Ein Examen bestehen, den Traummann, die Traumfrau erfolgreich umwerben, eine Familie ernähren, alleine eine Schar Kinder durchbringen, das haben manche von uns geschafft unter Bündelung ihrer Kräfte. Ein einzelnes Ziel, eine einzelne Aufgabe magst du dir vornehmen und sogar erreichen.

Aber die Gebote Gottes als Ganze leben und erfüllen, das schaffst du alleine nicht. Die befreiende Wahrheit ist, sich das einzugestehen: Ich alleine schaffe es nicht. Ich brauche Vergebung.

Diese Wahrheit kann ein Leben verändern. Denn in Jesus Christus ist einer gekommen, der uns Vergebung ermöglicht. Jesus, der uns vergibt. Christen sind nicht vollkommen. Was für eine befreiende Wahrheit!

Wohl dem, der eingesteht: Ich bin bedürftig. Bedürftig, daß Jesus mir vergibt und meine Schuld durchstreicht. Wir gestehen ein: Unsere Firma, unser Leben – ist bankrott. Das ist die Wahrheit. Wir bekennen in großer Freude: Jesus saniert uns. Er gibt uns die Mittel, um weiter zu leben, weiter zu glauben, weiter zu dienen. Wir können nicht aus Eigenmitteln leben. Unser Leben ist fremdfinanziert. Wir leben aus der Kraft Jesu Christi. Aus der Kraft seines Geistes.

Mancher braucht Jahre, bis er das lernt. Auch als Christ. Denken wir an Petrus.
Da war auch die bittere Wahrheit und die befreiende Wahrheit nahe beieinander. Petrus dachte immer: Wenn einer es alleine schafft, dann ich. Und dann muß ihm Jesus prophezeien: Auch du wirst mich verleugnen genau wie die anderen. Und genau so kam es. Bitter war es für alle Jünger, als ihr Meister gekreuzigt wurde. Das Kreuz bezeugt die bittere Wahrheit über jeden Menschen, daß er verloren ist. Und zugleich die befreiende Wahrheit: Hier ist einer, der mich erlösen kann aus aller Hoffnungslosigkeit.

Und nicht nur mich. Das ist ja erst der Anfang. Am Ende wird die ganze Schöpfung Erlösung finden.
Das ist das dritte, die herrliche Wahrheit
Die Welt der Lüge muß weichen. Sie wird aufhören. Ist das nicht wunderbar?

Wenn die Alten manchmal klagen, in der Welt wird es immer schlimmer, ich komme nicht mehr mit, ich will die Bilder des Schreckens nicht mehr sehen. Dann dürfen Christen wissen: Eines Tages ist es gottseidank soweit. Die Welt der Lüge wird aufhören.

Diese Welt der Lüge, wo die Maxime des Kapitalismus Hast du was, bist du was, zum besten Rezept erklärt wird, einen Staat zu sanieren.

Diese Welt der Lüge mit ihren Talkshows, wo Meinung geformt wird, wo Vertretern der exzentrischsten und extremsten Positionen das freie Wort erteilt wird, je schräger, desto interessanter, und wir müssen normal finden, was doch abweichend ist. Diese Welt der Lüge, ihr bezeichnendstes Produkt ist der Anrufbeantworter, er verkündet die Botschaft ich bin immer für dich da, dabei soll er gerade die Abwesenheit ermöglichen.

Die Welt der Lüge ist vergänglich. Gott wird ihr ein Ende setzen. Christus wird wieder kehren, für alles sichtbar. Die Wahrheit Gottes wird dann offenbar und die Welt des Scheins entlarvt.

Bürge dieser herrlichen Wahrheit ist das leere Grab. Christus ist auferweckt. Mit einem neuen Leib. So werden auch wir einmal auferweckt werden. "Ich lebe, und ihr sollt auch leben", das verspricht er hier.

Es ist wie bei einer Bergwanderung. In der Ferne der Gipfel. Der Aufstieg ist beschwerlich, mühsam, anstrengend. Da ist es gut, wenn ein Bergführer dabei ist. Er weiß den Weg. Er hilft an den schwierigen Stellen. Er kann unsere Kräfte einschätzen. Er bringt uns ans Ziel. Das Ziel ist das ewige Leben. Der Beistand ist der heilige Geist, die göttliche Kraft, die zu allen kommt, die sich mit Jesus verbinden.

Er hilft uns, dass wir der Wahrheit ins Gesicht sehen können. Der bitteren Wahrheit: Ohne Gott sind wir verloren. Der befreienden Wahrheit, ich muß nicht alleine klarkommen. Der herrlichen Wahrheit: Die Welt der Lüge wird vergehen und Gottes neuer Welt weichen.

Bis es soweit ist, ruft die Kirche:
O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein! Amen.

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