Gotteslob ist kein Grußwort

Grußworte und Gottes Lob

Grußworte folgen stets einer unausgesprochenen Logik. Die oberste Regel lautet: Sag nur das Gute. In Grußworten gilt es als unpassend, Kritik zu äußern. Man lobt den Gast. Man lobt den Jubilar. Man lobt das Bauwerk, zu dessen Einweihung man redet.

Ungute Ereignisse aus früheren Zeiten darf man nicht erwähnen. Es sei, man erwähnt sie in versöhnlichem Ton. Grußworte sind der schönen, heilen Welt verpflichtet.

Artig bedanken sich Politiker bei Gott und aller Welt. Kritik darf allenfalls anklingen. Wehe, sie wird zu scharf. Freilich darf der Redner seine Position zur Sache aufzeigen. Aber es muss annehmbar sein. Wehe, man verletzt die unterstellte Eitelkeit der Angesprochenen.

Alles ist gut. Das ist die innere Logik der Grußworte. Alle sind gut. Das gehört auch dazu.

Bei manchem Anlass zeigt der Redner seine Einfühlsamkeit, ruft gute Erlebnisse in Erinnerung. Zeigt sich gegebenen Falls erschüttert. Meidet aber wiederum jeden negativen Anklang.

Wem es gegeben ist, der stellt mittels des Grußwortes seine Klugheit, seinen Witz, seine rhetorischen Fähigkeiten öffentlich dar.

Grußworte haben ein Gegenüber. Meistens gehen die grüßenden Redner davon aus, dass die Hörerschaft sehr darauf achtet: Dass ja kein falsches Wort erklingt. Dass sich niemand auf den Schlips getreten fühlt.

Missklänge, falsche Worte, so die Vermutung, lösen beim Hörer und zuvorderst bei den Hauptpersonen sofort aufbrausende Wut und nachhaltige Verärgerung aus. Das will kaum jemand wirklich riskieren.

Was gäbe es noch zu Grußworten zu sagen: Nicht alle, aber ein beträchtlicher Teil davon atmet den Geist der Langeweile.

Jesajas Worte aus dem 12. Kapitel kann man wie ein Grußwort verstehen. Ein Grußwort, dass den in Gefangenschaft darbenden Israeliten in den Mund gelegt wird. Jesaja entwirft seine Rede für eine zukünftige Situation: Du wirst sagen:

Es war schlimm. Nun ist es wieder gut.
Ich lebe sicher ohne Furcht.
Gott, du bist meine Stärke und mein Heil.
Das frische Wasser fließt.
Ich danke. Ich lobe deinen Namen. Wir singen. Wir jauchzen. Wir rühmen dich, o Gott.

Gotteslob scheint unter den gleichen Bedingungen zu stehen, wie Grußworte. Man sagt nur das Gute. Kritik? Nein!
Man wird wieder zum Kind und hört noch immer die Stimme der Mutter: Hast du auch schön danke gesagt.
Einverständnis mit allem: Ja!
Alles ist gut. Selbstverständlich. Glaubst du etwa, Gott will anderes hören?

Bloß keinen Missklang aufkommen lassen im Gotteslob. Aufbrausende Wut und nachhaltige Verärgerung des Höchstens will man tunlichst vermeiden.

"Beschrei es nicht", warnen wir uns gegenseitig. "Man weiß ja nie", raunen wir uns zu. Gib dich dankbar. Die alten Griechen gingen davon aus, das die Götter den Menschen an und für sich nicht wohl gesonnen sind. Ich vermute: Diese archaische Angst ist bis heute nicht überwunden. Säkular und von Religion völlig losgelöst lebt sie im Untergrund weiter. "Man muss ja auch dankbar sein", höre ich nicht selten. Gott muss man loben. Denn bliebe das Lob aus, so scheint er ebenso schnell verärgert zu sein wie der eine oder andere unserer hohen Herren.

Gott loben, das ist unser Amt, singt die bedächtige Gemeinde. Ganz fromme Seelen üben sich in blumiger, von schönen Bildern überbordender Sprache.

Was gäbe es noch zum Gotteslob zu sagen? Nicht jedes, aber ein beträchtlicher Teil davon atmet den Geist der Unfreiheit, der Angst.

Gotteslob – Im Hals stecken geblieben

Und was ist mit denen? Die sind ja auch da. Die, denen das Gotteslob im Halse stecken geblieben ist.

Auf großen Plakaten konnte man im Herbst in den Wiener U-Bahnhöfen auf Plakaten lesen: Lieber Gott, wenn du diese Richtung beibehältst, gehen wir lieber getrennte Wege.
Noch schmunzelt man.
Dann aber schlägt das Leben zu.

Muss ich ihnen nun eine Litanei dessen vortragen, was das Leben alles an Düsternis bereit hält? Nein, wir sagen es mutig: Was Gott alles an Düsternis bereit hält.

Lassen wir das. Sie wissen es sowieso. Das aber muss gesagt werden. Das muss gesagt werden, ehe wir versuchen, uns im Gotteslob wieder ein wenig zu üben. Das gehört ins Vorwort:

All das Düstere darf Raum haben. Hat Raum in unseren Gedanken, muss diesen Raum haben. Raum in unserem Mund, der kein Gotteslob im Stil eines frommen Grußwortes zu formulieren fähig ist. Raum in unserem Herzen, voll Wut, voll Trauer, voll Bitterkeit.

Wir gaukeln uns nicht singend eine heile Welt oder Kirche vor. Ich muss nicht danken, wenn ich Gott nicht verstehe. Ich muss nicht loben, wenn es nichts zu loben gibt. Gott wird das aushalten. Gott ist kein eitler Ministerpräsident, der bei Missklängen seinem Assistenten zuraunt: Notieren Sie diesen Kerl. Den merken wir uns. Er kriegt es zurück.

Zwei Lehrstücke zum Gotteslob

Gotteslob als Thema ist ihnen, liebe Gemeinde, eventuell genau interessant wie das Thema Grußworte. Kantate. Singt. Über das Gotteslob nachzudenken ist uns an diesem Sonntag aufgegeben.
Vor Jahren ist mir einmal ein amerikanischer Missionar begegnet. Jeder dritte Satz bei ihm lautete: Oh, praise the Lord. Praise the Lord. Das nervt.

Gott zu loben – sagen wir es ehrlich – ist nicht gerade das, woran wir täglich denken. Mitten im Leben ist das ein fernes Thema. Mit dem Alter mag es einem näher liegen.

Gott loben: Wie geht das? Was bringt das?
Es lohnt sich, mit Jesaja in kleine "Schule des Gotteslobs" zu gehen.

1. Lehrstück: Gotteslob schafft Raum

Auf geht´s. In Gedanken gehen wir durch die Obere Stadt hinunter, über den Markplatz durch die Langgasse zum Kressenstein und biegen vor der Nikolaikirche nach links ab. Steigen hinauf und durchschreiten das Eingangstor zum Friedhof.

Bei unseren Beerdigungen ist es gelegentlich so, dass nur der Pfarrer singt. Die Gemeinde blättert derweilen verlegen im Gesangbuch. Gott loben? An diesem Ort?

Das hören wir Pfarrersleute immer wieder: Bei Beerdigungen kann man doch nicht singen. Und wer will es den Angehörigen zum Vorwurf machen? Ich hoffe, niemand.

Und die Gemeinde, die, die mit dabei sind? Jesaja empfiehlt denen, die dabei sind, diese Worte zum Gesang:

Es wird eine Zeit kommen, da wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

Ich behaupte: Das ist die Aufgabe der Gemeinde auf dem Friedhof. Sie übt das Gotteslob in Stellvertretung aus. Sie weitet im Gesang den engen Raum der Trauer, der Wut, der Bitterkeit hin zur Zukunft. Gotteslob missbrauchen wir nicht dazu, unsere dunklen Gedanken zu überspielen und einfach weg zu drängen.

Das Gotteslob, das Jesaja notiert hat, ruft ins Leben. Es ruft ins Leben zurück. Im Gotteslob finden wir zur Kraft des Glaubens zurück. Erst andere für uns. Dann wir selbst.

"Der Herr ist auferstanden". Das österliche Bekenntnis ist die Quelle, der bei Jesaja erwähnte "Heilsbrunnen". Unser Glaube lebt von der Zukunft Gottes. Im Gotteslob atmen wir den Geist des Kommenden ein. Wir singen, wir reden von dem, was werden soll aus Gott und uns.

"Du stellst meine Füße auf weiten Raum", heißt es im Gotteslob, in Psalm 31. Gotteslob weitet unseren Lebensraum aus der Trauer hin zum Leben.

Ich hoffe, es wird deutlich, was ich sagen will: Gotteslob ist kein Grußwort, wie ich es anfangs karikiert habe. Echtes, tiefes Gotteslob wagt seinen Gesang dort, wo wir von uns aus nichts zu sagen haben, nichts zu sagen wagen. Und manches Mal sind es andere, die vor uns und für dieses Lob anstimmen, stellvertretend. Damit wir nicht am Ort des Todes bleiben. Die singende Gemeinde singt für mich, zieht mich singend mit zurück ins Leben. Darum singen wir Christen auch bei Beerdigungen.

2. Lehrstück: Gotteslob weitet unseren Sinn
In Psalm 18 heißt es: Gottes Wege sind vollkommen (Ps 18, 31). Ob man immer daran glaubt, daran glauben kann?
Ich müsste jetzt ein wenig schweigen, damit Sie, liebe Gemeinde, Gelegenheit haben, in Gedanken durch ihr Leben zu ziehen.
Wissen Sie noch, wie es ihnen damals als Schüler/in um das Herz bestellt war. Oder später in der Ausbildung. Und wenn wir an erste gescheiterte Beziehungen denken. Ach Gott. So manches Mal wähnten wir unser Leben am Ende.

"Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest." Das zweite Lehrstück in unserer kleinen Schule des Gotteslobs führt uns in die Auseinandersetzung mit uns selbst.

In unserer Lebens-Zwischenbilanz müssen wir Gewinn und Verlust verbuchen. Manches, das uns nicht gegeben, nicht vergönnt war, sehen wir in den Jahren danach anders, als damals im Augenblick.

Jesaja verwendet die heute vielleicht anstößige Formulierung vom "Zorn Gottes". Diese Formulierung lässt man in einem nach religiöser Wellness trachtenden Christentum gerne weg. Damit schließt man jedoch ganz wichtige Lebenserfahrungen aus. Nämlich die, wo wir "zurecht gebracht" worden sind. Das sind meistens die Lebenserfahrungen, an denen wir gereift und gewachsen sind. Und nichts anderes meint diese Formulierung vom "Zorn Gottes": Gott bringt uns zurecht, zurück auf gute Wege. Wenn wir auf ihn hören. Gott traut uns zu, dass wir in unserem Leben aus Erfahrungen lernen können. Früher nannte man das: demütig werden. "Zorn Gottes" ist ein sicherlich altertümlicher, aber doch sinnvoller Ausdruck eines lebendigen und lebensdienlichen Verhältnisses zwischen uns und Gott. Gott wollen wir uns nicht zu einem kleinen, netten, gemütlichen Kerlchen zurecht schrauben.

Herkunft und Ziel unseres Lebens liegen nicht in unserer Hand. Was aus uns wird, geht nicht auf in unseren Vorstellungen und Wünschen.
Das ist schwer zu verkraften in einer kurzatmigen Zeit, die Erfolg als einzig sinnvolles Lebensziel glaubt. Das ungeduldige Verlangen nach dem Jetzt, Hier und Alles ist oft so beherrschend.

Das Thema "Gotteslob" erschließt sich uns dann, wenn wir auf die Weite unseres Lebensweges schauen. Frieden finden wir, wenn wir sagen können: Trotz und in allem bin ich zufrieden.

Ich hoffe, liebe Gemeinde, sie spüren, wie aktuell, wie hilfreich das Thema Gotteslob werden kann. Es führt uns aus der Kurzatmigkeit der Gegenwart heraus. Es weitet unsern Sinn. Es befreit uns zum Leben.

Gotteslob ist kein Grußwort, das nur Raum hat für Nettigkeiten und fromme Sülze. Gotteslob ist wohl auch kein Thema für jeden Tag. Aber es ist schade, wenn wir es ganz vergessen. Indem wir aufhören, Gottt zu loben, besteht Gefahr, dass wir uns selbst aus dem Blick verlieren.

Es ist gut, wenn wir sagen können: Am Ende hat sich alles gefügt für mich. Ich lebe in Frieden mit mir und Gott. Freilich, darin geht nicht alles auf. Aber Gott dürfen wir auch das sagen, was uns aufregt an ihm. Unser Gott ist keine eitler Herrscher, der bei ausbleibendem Lob in Wut gerät. Gotteslob weitet unseren Lebensraum hin auf seine Zukunft.

Und oft sind es Lieder, die unsere Seele wieder in Takt bringen und uns und unserem Leben guten Rhythmus geben. Auch das muss am Sonntag Kantate dankbar gesagt werden.

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