Kaum zu glauben: wir sind nicht allein

Eben noch raste er stolz wie Bolle mit seinem neuen Fahrrad den sanften Hügel hinunter, legte sich in die Kurve, konnte er doch endlich richtig Radfahren, ohne dass Papa oder Mama immer in der Nähe sein mussten, war den Blicken entzogen, als mit einem Mal ein lauter Schrei erklang. Ganz aufgeregt liefen die Eltern hinterher und sahen das Unglück: er hatte doch nicht ganz die Kurve bekommen, war gegen die Rasenkantensteine gekommen und gestürzt. Weinend hielt er sich das Knie, an dem eine Schürfwunde blutete. „Das tut so, weh, das tut so weh…. das hört nie wieder auf“ Was tat den Eltern wohl mehr weh: das blutende Knie oder die momentane Erfahrung, dass alle tröstenden Worte und jede liebevolle Umarmung im ersten Moment das Kind gar nicht erreichten.? Klar, das tat viel zu sehr weh, als dass es da überhaupt einen Trost geben konnte.
Aber mindestens genauso schmerzhaft kann die Hilflosigkeit sein, nicht trösten zu können, keine Worte zu haben, den oder die Weinende gar nicht erreichen zu können. Da hilft auch die Erfahrung nicht, dass das irgendwann schon von alleine wieder aufhört. Jetzt gerade zerreißt es einem das Herz…
Ich fühle mich in meine eigene Kindheit zurückversetzt. Sicher stürzte ich nicht all zu oft, dazu war ich ein viel zu ängstliches und zurückhaltendes Kind, aber wenn meine Cousins und Cousinen, die ich höchstens einmal im Jahr sah, wieder nach Hause fahren mussten, dann dachte ich auch, diese Traurigkeit will wohl gar nicht aufhören, dass wir uns jetzt lange Zeit nicht sehen und tröstete mich dann mehr aus Verlegenheit als aus Überzeugung mit der Einsicht, dass allerdings die Zeit doch viele Wunden heilt.
Abschied ist nicht so schlimm, wenn man sich wiedersehen kann und wiedersehen wird. Mancher Abschied macht gerade die Freude auf das Wiedersehen erst so richtig groß, denn wenn man immer beisammen ist, bemerkt man das Besondere ja irgendwann gar nicht mehr.
Und dennoch: da ist und bleibt so manche Träne im Knopfloch. Loslassen und Gehenlassen will geübt sein, auch wenn man sich schnell schon wiedersieht, weil Zeit nicht nur rasen, sondern sich auch unendlich dehnen kann…
Und es gibt die Abschiede, die wollen und können wir nicht wirklich wahrhaben, die sind so endgültig, oft zur falschen Zeit, manchmal völlig unvorbereitet mit so vielen offenen Fragen und Dingen, die nicht mehr erledigt werden können. Da ist Wiedersehen bestenfalls eine buchstäblich und notwendig „fromme“ Hoffnung – am Grab im Angesicht des Todes und damit für jeden mehr als einmal im Leben unausweichlich. Deshalb stutze ich immer und staune, wenn vom Abschied Jesu von seinen Freunden berichtet wird. Sie haben ja einiges miteinander erlebt oder aus der Perspektive des heutigen Evangelisten, der das alles aber auch schon weiß, ohne es gleich miterzählen zu müssen, werden sie noch einiges erleben: Gefangennahme, Schmerzen, Verrat, Tod und vermeintlich endgültiger Abschied, ungläubiges Wiedersehen und doch nicht Wiedererkennen und noch einmal: Abschied, der dann wirklich endgültig ist.
Da könnte ich das Kinderweinen gut verstehen: das tut so weh, das hört nie wieder auf…
Und doch berichten die Himmelfahrtsevangelien von Jubel und Staunen.
Jesus hat seine Freunde wohl gut auf den Abschied vorbereitet und es ist wahrgeworden, es ist erfahren worden, was er mit großartigen Worten angekündigt, ja mehr noch verheißen hat: „der Vater wird euch einen Tröster geben und ich will euch nicht als Waisen zurücklassen“
Liebe Gemeinde, wenn das nicht so wäre….
wir säßen heute nicht hier, wir würden andere Lieder singen und die Welt und das Leben mit anderen Augen sehen.
Jesus wäre eine interessante Episode in der Weltgeschichte gewesen und manches in endgültige Vergessenheit geraten.
Aber die Erinnerung an ihn ist lebendig und gegenwärtig, seine Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit, seine Herrlichkeit und sein Anspruch werden immer noch geglaubt und angesagt.
Wir singen, beten und feiern immer noch zu seinem Gedächtnis und bekennen: er ist mitten unter uns in der Kraft seines Geistes und in der Vollmacht seiner Worte und Taten. Viele bringen gerade diese Erfahrung aus Hamburg vom Kirchentag mit und versuchen davon etwas in den Alltag vor Ort einfließen zu lassen. Sie strotzen vor Glaubens-Kraft aus der Überzeugung, dass der christliche Glaube nicht nur alltagstauglich, sondern auch alltagsrelevant ist und jeden Lebensbereich angeht und somit höchst politikfähig ist – sonst wären wohl auch außerhalb der Wahlkampfzeiten nicht alle namhaften Politiker immer wieder Gäste des Kirchentages…
Sicher muss um die Wahrheit und den rechten Weg auch unter Christen immer gerungen werden. Wer meint, er könne von Kirchentagen eindeutige und klare Politikrezepte mitbringen, der kann nur enttäuscht werden, weil das Leben und die Welt eben nicht eindeutig sind.
Aber die Grundhaltung und Grunderfahrung ist entscheidend:
mein Vater wird euch einen Beistand senden und ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Schon die Einsicht, die die biblischen Propheten verkündet haben: nicht durch menschliche Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, relativiert alle trügerischen menschlichen Allmachtsphantasien.
Verlass dich allein auf die menschliche Vernunft und du bist verlassen.
Ich glaube, die vornehmste Aufgabe der christlichen Gemeinde ist neben der Bereitschaft als Personen des Glaubens auch Verantwortung zu übernehmen, die Bereitschaft der Gemeinde immer auch Fürbitte zu üben für all die, die im Gemeinwesen bereit sind, verantwortlich Entscheidungen zu treffen, die alle angehen. Und wir können sie mit unseren Gebeten begleiten, dass Gottes Beistand sie berate und das der Geist der Wahrheit sie lenke und ermutige. Kritik und Ermutigung sind die beiden Seiten der gleichen Weltverantwortung der Gemeinde, weil Gott dieser Welt beistehen und sie nicht allein zurücklassen will, weil sein Wille und seine Gebote gelten und im Raum stehen, auch wenn wir ihn in Gestalt seines Sohnes nicht mehr von Angesicht zu Angesicht sehen.
Wes Geistes Kinder wir sind, lässt sich aber im Alltag doch ziemlich genau erkennen und erfahren, egal wo wir stehen und welche Aufgabe wir im Alltag wahrnehmen.
Aber auch wir als Gemeinde, die wir immer mehr von Zukunftsängsten aufgefressen werden, wenn wir uns ernsthaft der Ausgangsfrage des sogenannten Reformprozesses stellen: welche Kirche morgen?, brauchen gegen alle Resignation, gegen alle Ermüdung und Kleinmütigkeit den Geist, der aufweckt, aufrüttelt, wieder auf die Beine stellt und uns zum Brennen bringt, damit auch wir helfen können, das Feuer weiterzugeben, selbst wenn wir kleiner werden und die Formen kirchlichen Lebens sich wandeln und nichts mehr so bleibt, wie es doch früher immer war.
Gottes Beistand wird Tröster und Lehrer genannt, Geist der Wahrheit und Geschenk, nicht Verdienst, den ich mir wie einen Orden anheften kann. Ich vertraue auf Gottes tröstende und fürsorgliche Hand, die zärtlich und liebevoll anrühren und damit trösten, aber ebenso auch eindeutig und klar den Weg weisen kann…
Ich glaube Gott, den Heiligen Geist, und erlebe Menschen, die für ihn Feuer und Flamme sind, aus denen heraus es leuchtet und denen ich es glauben kann, dass da ein Gott es gut mit uns meint.
Denn das war und ist Jesu zweites pfingstliches Versprechen: ich will euch nicht als Waisen in der Welt zurücklassen.
Sicher schlagen sich auch Waisen tapfer durchs Leben, selbst wenn ich es keinem wünsche, ich musste es ja selber lernen.
Aber dieses Gefühl, dass Gott nicht mehr in dieser Welt ist, dass wir so leben, arbeiten, glauben und am Ende womöglich sogar sterben müssten, als ob da kein Gott wäre, ist nicht wirklich und das letzte Wort.
Gott sei Dank ist Jesus in der Kraft seines Geistes mit Wort und Tat, in den Zeichen von Brot und Wein und in den Gebeten und Hoffnungen seiner Gemeinde mitten in der Welt groß und lebendig. Wir haben einen Tröster und wir sind nicht Waisen, sondern Kinder unsres lebendigen Vaters im Himmel- das ist der Glaube, die Liebe und die Hoffnung der Gemeinde heute und morgen und dazu bringe uns Gottes guter Geist, sein Beistand und Tröster immer wieder neu. Amen

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