In der Liebe Christi das Leben gestalten

Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes steht bevor. Wir warten auf den Heiligen Geist. Wir hoffen darauf, dass er in unsere Leben eingreift, uns selber begeistert und positiv bewegt. Jesus selber hat sich vor seiner Himmelfahrt von seinen JüngerInnen verabschiedet, in dem er ihnen seine Geist und seine Gegenwart verspricht. Das klang dann zum Beispiel so:

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Exaudi: Ich will die Stimme Gottes heraushören aus den vielen Tönen, die in meinem Alltag auftauchen, ihn manchmal auch zumüllen.

Jesus will mir seine Hilfe anbieten. Darum redet er mit seinen JüngerInnen, darum redet er auch mit mir. Ich muss nur hinhören.

In unserem kurzen Ausschnitt ist Jesu ‚Ich‘ im Mittelpunkt. Er bleibt der Handelnde in seinen Abschiedsreden – wie auch in seiner Passion. Er bleibt der Handelnde in seiner Gemeinde, auch wenn wir ihn nicht sehen, vielleicht auch nicht wahrnehmen. Seine Gegenwart ist mitten unter uns. Das ist die Verheißung. Seit Himmelfahrt wissen wir, dass wir Jesus zwar nicht mehr sehen können auf der Erde, aber ihn wahrnehmen mitten unter uns. Er geht mit uns Wege, er feiert mit uns Gottesdienste und lebt mit uns im Alltag.

Das Gegenbild für die Gemeinde in Jesu Rede sind die Waisen, die allein auf sich geworfen sind. Hilflos. Hilflos bleibt die Gemeinde eben nicht, auch wenn sie sich nicht nur zu Zeiten des Johannes, zu Zeiten der Christenverfolgungen so vorkommen mag. Wenn ich das Bild von den Waisen weiterspinne, fällt mir auf, dass es heute kaum noch echte Waisen gibt. Von denen waren früher Waisenhäuser voll. Dafür gibt es um so mehr Sozialwaisen. Kinder, die wie Waisen behandelt werden, weil die Eltern sie nicht erziehen können, weil sie in Obhut genommen werden müssen oder weil die Eltern sie in Obhut geben. Was bedeutet das für Jesu Bild über die Seinen? Wir sind nicht ohne Obhut – wir werden in Obhut genommen? – Vom Geist der Wahrheit? Von der Liebe Christi, die mit uns geht? Wir müssen wohl auch bereit sein, uns in Obhut nehmen zu lassen. Wir müssen bereit sein zuzugeben, dass wir ohne die Zuwendung Christi auch zu solchen Sozialwaisen werden. Zwar äußerlich alles in Ordnung, ausgestattet mit Allem, was man zum Leben braucht, aber mit einer eigenartigen Leere, da fehlt unserem Leben etwas: Substanz.

Diese Substanz verleiht mir Christus. Ich muss sie nur annehmen. Ich darf in meinem Leben damit rechnen, dass Jesu Geist der Wahrheit mich begleitet, mich ermahnt und mich tröstet. Dieser Geist ist kein harmloses Gespenst und spukt nicht, sondern dieser Geist will mich begleiten in meinem Leben. Er wird begreifbar dadurch, dass Jesus ihn ‚Paraklet‘ nennt. Martin Luther übersetzt dieses Wort mit Tröster. Gemeint ist aber auch ein Fürsprecher, ein Helfer, ein Unterstützer. Gemeint ist eine Kraft, die uns zum Leben verhilft, die uns hilft, auch mit allem, was Leben zerstören will, fertig zu werden.

Darum lädt uns Jesus ein, ihn zu lieben und seine Gebote zu halten. Beides hängt zusammen. Offen bleibt hier die Frage, was denn diese Gebote Jesu genau sind. Ähnlich wie das ‚Gesetz Christi‘ (Galater 6,2) sind diese Gebote auch nicht genau zu definieren. Jesus mutet mir zu, dass ich selbst herausfinde, was in meinem Leben die Gebote Christi sind. Und er traut mir das zu. Die Gebote Christi sind eben nicht die 10 Gebote. Sie sind ein anspruchsvolleres Programm, mit dem ich mich selber immer wieder neu prüfen muss: Was ist jetzt der Wille Christi in meinem Leben?

Ich muss mich immer wieder neu auf die Suche begeben, nach Spuren Gottes in meinem Leben, nach Erkenntnis von Wahrheit und nach meinem Tun des Willens Gottes. Ich gebe zu: es fällt mir leichter über andere zu reden, über deren Fehler und Versagen. Egal ob es Uli Hoeneß und seien Steuermoral ist oder Horst Tappert und seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS.

Aber es hilft nichts: Egal, was meine Mitmenschen machen, für mein Tun bin ich selber verantwortlich. Ich muss mich fragen, was jetzt der Wille Gottes in meinem Leben ist. Und jeder Andere muss sich genauso fragen, wenn er zu Jesus Christus gehören will. Aber jeder erst einmal für sich. Und dann in der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder.

Der Geist Christi will mit helfen in der Gemeinschaft, im Miteinander neue Wege zu finden. Dieser Geist hat Wirkung, weil er Menschen stärkt und begleitet. Dieser Geist will uns helfen herauszufinden, was Wahrheit, Liebe und Jesu Gebote in unserem Leben sind. Es gibt vielleicht ja keine immer gültigen Antworten auf die Fragen des Lebens. Ich brauche Hilfe, herauszufinden, was richtig ist – für mich.

Jesus verabschiedet sich von einer nunmehr mündigen, geistbegabten Christenheit und schenkt ihr die Gewissheit, dass er erkennbar mitten unter ihnen ist. In dieser Gewissheit und im Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit können ChristInnen leben, können ihren Weg gehen.

Unfehlbare ChristInnen gibt es nicht. Aber vielleicht doch solche, die auf eigene Gedanken und auf die der Schwestern und Brüder Acht geben und die offen sind für das Wirken des Geistes in der Gemeinde. Und darum sind sie voller Liebe und eine Hilfe für die Menschen.

Das Evangelium ist Wort Gottes, das uns helfen will, in unserem Alltag zu leben. Unser Text ist Zusage, ist Verheißung, Hoffnungs- und Glaubensgrund. Es ist ein Text, der seinen Charme entfaltet als Text, der mich betrifft, der mit meinem Lebens- und Glaubensgefühl zu tun hat. Er schenkt mir Gewissheit, die mir hilft zu leben, mein Leben zu gestalten in der Liebe Christi. Und er lädt mich dazu ein, hinzuhören auf Antworten, die der Geist der Wahrheit für mich bereit hält.

Das Heft des Handelns behält auch in unserer Geschichte Jesus. Ich finde das für mich beruhigend, gerade, wenn ich mich unter Druck fühle, alles selber machen zu müssen. Ich finde das auch für unsere Gemeinde beruhigend: Rechte Verkündigung, rechte Verwaltung der Sakramente, darum machen wir uns Sorge. Aber wir müssen nicht alles machen. Im Geist der Wahrheit tröstet der Herr die Ängstlichen und Verzweifelten. Und er führt seine Gemeinde recht: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich will Euch helfen, gut und richtig zu leben.

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