Ein Herz und eine Seele

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder,

können Sie sich noch an die Serie erinnern: „Ein Herz und eine Seele“? Zugegeben, das ist schon ein bisschen her, dass diese Serie im WDR lief – vor rund 40 Jahren war das etwa. „Ein Herz und eine Seele“ – dem Titel nach würde man einen Film à la Rosamunde Pilcher erwarten. Viel Herz also und vor allem wenig Schmerz. Aber genau das war es nicht. Im Mittelpunkt stand ein kleiner untersetzter Mann mit verdäch­tigem Schnauzbart. Und dieser verstand es auf wirklich bemerkenswerte Weise, seine Frau und seine Kinder zu tyrannisieren. Ekel Alfred wurde er darum von allen genannt. Klar auch, wie seine politische Ausrichtung war: An allem waren die „Sozies“ schuld.

„Ein Herz und eine Seele“ – man sollte vermuten, es ginge um eine Vorzeigefamilie: alle mögen sich und alle stehen geschlossen zusammen. Aber das war nun ganz und gar nicht so. Vielleicht war diese Serie in einem ganz ehrlich und auf der Höhe der Zeit: So Friede, Freude Eierkuchen war es auch schon damals nicht mehr in den Familien. Nach außen hin wurde meist mehr vorgespielt, als tatsächlich war. Vielleicht wurde durch diese Serie – bewusst oder unbewusst – etwas ange­stoßen. Jedenfalls ließ diese Serie nachfragen: Wie ist es denn bei euch?

Ein Herz und eine Seele in den Familien – das war bereits vor 40 Jahren zunehmend mehr Wunsch als Realität. Jetzt stiegen ja auch die Schei­dungs­zahlen rasant an. Wie viele Stoßseufzer, Gebete werden gesprochen worden sein in der Hoffnung, wieder mehr eins zu sein.

40 Jahre später sprechen wir von einer segmentierten Gesellschaft oder von Milieus unter uns. Der Familienbegriff wird überdacht, ob er nicht zu eng gefasst ist, so jedenfalls die Vorlage zur diesjährigen Landessynode: Wir sollen darüber nachdenken, was Familie heute ist. Eine Sorge ist vielleicht, dass es den Begriff Familie irgendwann nicht mehr gibt, wenn man ihn allein auf die Konstellation Eltern, Groß­eltern und Kinder bezieht. Freund­schaftliche Beziehungen zwischen und über einer Gene­ration hinaus sollen nun auch Familie sein. Überall da, wo sich eine Verantwortungs­gemeinschaft abzeichnet.

Ich will jetzt gar nicht bewerten, ob das gut oder falsch ist. Es macht aber deutlich, wie wenig „eins“ unsere Gesellschaft und unsere Familien sind.

Diesen Begriff Familie auszuweiten auf ganz andere Konstellationen ist übrigens nicht neu. Bereits Jesus hat dies getan. Als Jesus einmal predigte, kamen seine Mutter und seine Geschwister. Es war wohl Knatsch in der Familie. Jesus entzieht sich dem Gespräch mit seinen Verwandten und fragt: „Wer sind meine Mutter und meine Geschwister?“ Und er sah um sich und sagte: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Geschwister! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Mk 3) Überschrieben ist der Abschnitt in der Bibel mit den Worten „Jesu wahre Verwandte“.

In Anlehnung daran hat die Kirche später auch von der „familia dei“ gesprochen. Alle in einer Gemeinde sind eine Familie: Gott ist der Vater und wir seine Kinder.

Die Ausweitung des Familienbegriffs hat nun aber nicht dazu geführt – auch vor 2000 Jahren nicht – dass nun alle mehr ein Herz und eine Seele sind. Warum sollte Jesus auch sonst um mehr Einheit, Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft beten in unserem Abschnitt für heute aus dem Johannesevangelium. Die Worte gehören zu den Abschiedsreden Jesu. Es ist nicht mehr lange hin bis zu seinem Tod. Einige Dinge ordnet er nun und spricht das an, was ihm besonders wichtig ist. Und das muss besonders wichtig sein, denn banale Dinge können jetzt nicht mehr besprochen werden. Zu den wichtigsten Dingen gehört für Jesus das Eins Sein, die Einheit, die Zusammen­gehörigkeit, erweitert die Verlässlichkeit. Diese sind substantiell und nicht etwas nebenbei. – Es soll auch schon mal Eltern vor ihrem Sterben gegeben haben, die zu den Kindern gesagt haben: „Haltet zusammen! Das ist das wichtigste!“ – Jesus sieht das genauso. Als Vorbild dieser Zusammengehörigkeit sieht er das Eins Sein mit Gott, dem Vater. Nur aufgrund dieser engen Zusammengehörigkeit, dieser substantiellen Einheit, war die Umsetzung seiner Aufgabe, seiner Mission möglich. Und genau dieses Eins Sein mit Gott und untereinander wird die Voraus­setzung für den Erfolg der Jünger sein. Wenn sie eins sind und bleiben, dann wird die Welt die Liebe Gottes verstehen und wahrnehmen können. Wenn sie ein Herz und eine Seele sind, wird ihre Botschaft als glaubwürdig wahrgenom­men werden.

Ganz schön gewichtige Voraussetzungen für die Verkündigung des Evangeliums. Jesus kennt seine Jünger. Wie oft haben sie sich untereinander gestritten und waren auch mit ihrem Herrn nicht eins. Jetzt betet er, dass sie, wenn er nicht mehr unter ihnen ist, zusammenhalten. Da die Jünger nicht besser und auch nicht schlechter sind als alle anderen und alle zukünftigen Generationen, bittet Jesus für die, die zukünftig an ihn glauben werden, gleich mit. Es ist, als ob der Erfolg des Evangeliums zu allen Zeiten davon abhängt, wie eins alle mit Jesus und untereinander sind.

Und es ist doch auch so. In der Gegenwart zeichnen sich unsere Kirchen sicherlich dadurch aus, dass sie ein Herz für Schwache und Benachteiligte haben. Das ist wichtig und kommt nebenbei gut an in der Gesellschaft. Aber Ausstrahlung scheinen die Kirchen damit nicht zu gewinnen. Vieles wird konterkariert und bleibt ohne Ausstrahlung, weil man in den Gemeinden so wenig eins ist. Unsere Gemeinden müssten erst mehr mit Gott und sich eins sein, bevor sie mit mehr Zuspruch (Zulauf) rechnen können.

„So viel du brauchst“, war das Thema des Kirchentags: Es braucht viel mehr des Gemeinsinns, der Gemeinschaft, spirituell wie menschlich.

Jesus bittet Gott, bevor er geht, dass alle in ihm und untereinander eins sind. Eins sein bedeutet nach den Worten seines Gebetes,
die Herrlichkeit Gottes sehen zu können,
die Liebe Gottes spüren zu können,
die Liebe Gottes zu leben,
dass die Welt erkennen kann, dass Jesus Gottes Sohn ist.
Eins sein bedeutet, glaubwürdig sein zu können.

Ob die Familie von Alfred Tetzlaff aus ein „Herz und eine Seele“ oder wir in unseren Gemein­den: was sagt man da schon mal, wenn es nicht so klappt: Mensch, reißt euch zusammen.

Eigentlich müsste es klappen, denn Jesus betet für uns. Amen.

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