Der Himmel über mir

Ein Himmelfahrtskommando ist ein Unternehmen, bei dem man wissend und sehenden Auges das Risiko eingeht, ums Leben zu kommen. Wahrhaft keine rosigen Aussichten….
Himmelfahrtstag wurde lange Zeit verlegen zum Vatertag erklärt, vielleicht damit hin und wieder auch die Väter daran erinnert werden, dass Kinder nicht allein Angelegenheiten der Mütter sind. Vaterschaft ist mehr als nur ein Zeugungsversehen oder biologische Urheberschaft, sondern liebevolle Verantwortung.
Da wo Väter sich rarmachen oder Mangelware werden, mutiert Himmelfahrt zum Herrentag, was nicht überall ein gutes Ende nimmt, und mittlerweile hat sich dieser Tag für die Mehrheit zu einem Familienausflugstag ins Grüne, gewissermaßen unter hoffentlich blauem und sonnigem Himmel gemausert. Kann man dagegen etwas einwenden? Und manchmal starten die Christen unter den Vätern und Müttern mitsamt ihren Kindern zu einem Gottesdienst im Grünen am Himmelfahrtstag und singen dann fröhlich: der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf…. Wer wollte tatsächlich etwas dagegen sagen?
Ich kann in den Himmel schauen und mich freuen, wenn ich das Blau und die Weite sehe und mich über Gottes Schönheit, die sich im Himmel spiegelt, freuen – oder mich in der Unendlichkeit des kalten leeren Himmels völlig verlassen fühlen. So doppeldeutig ist der Himmel.
Was für ein Tag, liebe Gemeinde, wie viele Missverständnisse, wie viele unbeantwortete Fragen oder fromme Phrasen: was feiern wir da eigentlich, was gibt uns dieser Tag unverzichtbares für unser Leben als Christen? – Könnten sie es beantworten?
Wenn sie im Stillen denken: nein (und: hoffentlich bemerkt es keiner!) macht das nichts. Damit sind sie nicht allein.
Und ich gestehe, auch der Predigttext hilft da nur sehr indirekt weiter.
Er kann zwar auf einige, aber nicht alle Fragen klärende Antworten geben….
Wer sich mit der Frage beschäftigt, wie eigentlich Gott Vater und Jesus Christus zu einander stehen, der würde eine Antwort finden: du Vater bist in mir und ich bin in dir – wir sind eins.
Ich könnte zusammenfassen: Jesus Christus ist mehr als nur der nette, vorbildliche, fehler- und makellose Mitmensch – er ist Gott, wahrhaftig!
Wer fragt, ob das etwas mit mir zu tun hat, der kann erfahren, dass Christus genau so mit uns eins sein möchte: er in uns. Er ist nicht einfach namenslos, gesichtslos und geschichtslos (irgend)ein Gott, er teilt Leben, Lachen, Weinen, Hoffen, Scheitern und wieder Aufstehen mit uns, er ist Mensch, wahrhaftig!
Und wer das ernst nimmt, wer das annimmt, und sich nicht nur danach sehnt, der begreift, dass wir alle eins sind und nur eine Chance zum Leben und Überleben haben, wenn alle unter Gottes weitem Himmel, im Lichte der Sonne, die uns allen scheint, auf dieser Erde, die uns allen grünt, so leben, dass wir eins sind: eine Menschheit nur mit einer gemeinsamen Zukunft – oder am Ende doch nur noch mit einer gemeinsamen Vergangenheit?
Es liegt an uns, damit die Welt erkennt und vielleicht doch noch klug wird, damit die Rede von Gottes Liebe nicht durch unser Leben und Verhalten karikiert, ins Gegenteil verdreht und damit völlig unglaubwürdig wird.
Wir stehen an einem Wendepunkt…
Jesus – das sind nicht nur schöne oder anstößige Geschichten, sondern vor allem beredte Geschichte von dem, der vom Himmel kam und Mensch wurde, damit Himmel und Erde sich wirklich berühren, und der wieder in den Himmel ging, nicht damit wir ihn endgültig aus den Augen verlieren, sondern damit wir endlich ein Ziel, nein das eine Ziel vor Augen haben.
Wir sind ein Geistesblitz Gottes, im Himmel jeder einzeln entsprungen und erdacht, auf Erden geboren, in Gottes Gegenwart zu Hause und Zeit unseres Lebens mit wechselnden Wohnorten unterwegs zu dem Ort, an dem wir dauerhaftes Bleiberecht haben werden, an einem Ort, von dem alle Welt hier schon mit unglaublicher Schönheit unter Gottes weitem Himmel erzählt.
So(!) erzählt Johannes also vom Himmel – ohne von der Himmelfahrt zu reden, da weiß Johannes, wes Geistes und wes Vaters Kind dieser Jesus von Nazareth eigentlich ist, dieses Stallkind, das doch eigentlich Himmelskind ist, dieser Mann vom Kreuz auf Golgatha, der sein Grab doch leer hinter sich zurück ließ, der bei seinen Jüngern einen bleibenden Eindruck hinterließ, ohne bei ihnen bleiben zu können, von dem alle Welt spricht, als wäre er mitten unter uns und tritt uns gleich entgegen und den wir doch mehr glauben als sehen und so die Kraft und den Anspruch seiner Gegenwart immer wieder aufs Neue erleben.
Wie durch ein Brennglas laufen alles Strahlen des christlichen Glaubens auf diesen Tag zu und in diesem Tag zusammen.
Wir feiern heute ein Hochfest unseres Glaubens – mit dem alten Himmelfahrtslied gesungen: Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig.
Wir stehen an einem Wendepunkt…
Der Himmel ist offen, offen für uns und unsere Lebensgeschichten, für unser Lachen und Weinen, für unsere Hoffnungen, Sehnsüchte und Enttäuschungen, offen für die letzte große, wunderbare Begegnung mit dem, von dem alles Leben kommt und der das Leben ist, mit dem auch wir eins sein dürfen und sollen…
Wir stehen an einem Wendepunkt, weil unsere Ohnmacht aufgehoben ist in der sanften Vollmacht und Allmacht Jesu, die nicht gewalttätig daherkommt, sondern Menschen mitnehmen möchte, eins mit dem Willen und Wollen Gottes zu werden und zu sein.
Wir stehen an einem Wendepunkt, weil alle Machtansprüche, die mehr als nur geliehene Verantwortung füreinander sein wollen, enttarnt und entlarvt werden als überhebliche Anmaßung von Menschen, die sich über Gott und die Welt erheben wollen und damit selber richten.
Wir stehen an einem Wendepunkt, weil wir von Gottes Menschengüte und –freundlichkeit, seiner Lebensliebe und seinem Lebenswillen hören und darauf antworten dürfen und antworten müssen.
Denn auch Schweigen, auch Gottvergessenheit oder Gottesverdrängung sind am Ende eine Antwort, mit der die Quelle des Lebens, das Leuchten und die Gastfreundlichkeit des Himmels zum Erliegen kommen und wir Menschen heimatlos und friedlos werden.
Aber noch stehen wir am Wendepunkt.
Noch wird gebetet.
Noch ist Jesu Bitte nicht verstummt: ich bitte für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden – und Jesus wird wohl die in Gedanken nicht auslassen, denen es schwer fällt an ihn zu glauben, denen die Welt sich stumm gezeigt hat, die suchen und nicht finden, die hoffen ohne Erfüllung zu finden.
Ich weiß, wie weit das tragen kann, wenn mir einer sagt: ich bete für sie…
Christus betet für uns – Hände, die uns auffangen, tragen und geleiten.
Was für eine Verheißung, was für eine Zuversicht, was für eine Gewissheit.
So schau ich fröhlich und getrost, staunend und beseelt in den Himmel: und denke: wenn ich, o Schöpfer, deine Macht, die Weisheit deiner Wege, die Liebe, die für alle wacht, anbetend überlege: so weiß ich von Bewunderung voll, nicht wie ich dich erheben soll, mein Gott, mein Herr und Vater. Amen

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