Gemeinsam träumen

Liebe Gemeinde,
es kommt vielleicht nicht oft vor, dass wir uns solche alten Geschichten anhören, es sei denn wir hätten einen Hang zu Märchen und Sagen, und doch ist gerade in solchen Geschichten unheimlich viel Wahrheit enthalten, die auch für unser Leben gilt. Es sind Prototypen, also ganz typische Situationen, die immer so oder anders wieder vorkommen, auch wenn es sich zunächst so anhörte, als würde dies für Jakob zutreffen oder einen anderen der sogenannten Erzväter, und sonst aber für kaum jemand anders. Und so frage ich Sie, frage ich Euch: Woran ist Ihr, woran ist Euer Denken hängen geblieben, als Sie diese Geschichte gehört haben? Daran, wenn man es so verstehen will, dass Jakob auf einem Stein geschlafen hat, und von daher vielleicht sogar noch recht angenehme Träume hatte? Beim einem Stein als Kopfkissen, hätten Diese ja wohl noch schlimmer sein können. Oder haben Sie oder Ihr darüber nachgedacht, dass Gott zu uns sprechen kann, und wenn es nicht tagsüber ist, dann wenigstens im Traum, dass er uns erscheinen kann und uns sagen kann, wo es lang geht für uns, was unsere Zukunft sein könnte? Oder haben Sie darüber nachgedacht, dass der Segen der nun über Jakob ausgesprochen wird, die Zusage, dass er eine Heimat haben wird, einen Ort wo er sicher leben kann, der darin besteht, dass er Nachkommen haben wird, dass seine Zukunft also in der Zukunft nachkommender Generationen liegt, dass dieser Segen in irgendeiner Form auch für jeden von uns ganz persönlich gelten könnte, oder ob diese Zusage hier nur für diesen einen, den Menschen Jakob als Stammvater des Volkes Israel gemeint ist?
Bevor wir uns diesen Fragen nähern müssten wir doch noch einmal versuchen, dieser Geschichte in ihrem biblischen Zusammenhang etwas mehr Sinn abzugewinnen. Das liegt daran, dass man bei solchen Geschichten, die als Predigttext immer ein wenig aus dem Zusammenhang genommen sind, die restliche Erzählung zunächst vernachlässigt. Aber es gibt in diesem Text Andeutungen über die genannten Namen hinaus, die sich eigentlich nur verstehen lassen, wenn man die Geschichte Jakobs im Zusammenhang hört.
Um kurz zu berichten, was zuvor geschehen ist: Jakob hatte einen Bruder Esau. Und als sein Vater Isaak hinfällig wurde und wohl absehbar sterben würde, hat Jakob seinen Bruder Esau um den Segen seines Vaters betrogen. Es war damals so, dass die Segen des Vaters auf dem Sterbebett eine hohe Bedeutung hatte. Er wurde aber nur dem erstgeborenen Sohn zugesprochen. Jakob fühlte sich im Recht, weil Esau ihm das Erbrecht schon zuvor an ihn verkauft hatte. Doch als dies geschah legte es den Grundstein für einen Jahrhunderte langen Krieg. Jakob und Esau, das waren von nun an verfeindete Brüder. Zu ergänzen ist noch, dass diese Situation so geschildert wird, dass die Mutter, also Rebekka, Isaaks Frau auf Jakobs Seite war und nicht auf Esaus Seite. Esau hatte nämlich Frauen aus dem Volk der Hethiter geheiratet, sie aber wollte, dass ihre Söhne Frauen aus ihrer Verwandtschaft heiraten (Gen. 26, 34f) Daher war Rebekka gegen Esau eingestellt und schickte nun Jakob nach Haran, wo Laban ihr leiblicher Bruder lebte. (heute türkisch: Harran, Ausgrabungsstätte namens: Carrhae) Da Jakob sowieso vor Esau fliehen musste, machte er sich so schnell es ging nach Haran auf, was mehrer Hundert Kilometer entfernt war.
Obwohl die Bibel sonst dazu neigt, solche Ereignisse in einer nachvollziehbaren Reihenfolge zu erzählen, fällt hier auf, dass die Flucht Jakobs nach haran nur durch eine einzige Station unterbrochen wird an einem Ort, der zunächst noch nicht einmal einen Namen hat. Schon im nächsten Kapitel werden wir Zeuge davon, wie Jakob in der Nähe von Haran eintrifft. Vielleicht machte Jakob diese Reise durch das ganze spätere Land Israel zum ersten Mal. Er meidet die Täler und zieht über die spätere Höhenstraße, die auch heute immer noch die schnellste Verbindung in Palästina ist. Der Ort, von dem hier die Rede ist und der in dieser Geschichte seinen Namen erhält, liegt nur 16 Kilometer von Jerusalem nördlich dirket an der Verbindung in die nördlichen Regionen bis hin nach Syrien. Die judäischen Berge gehen hier über in das ephraemitische Gebirge und der Ort liegt auf einem Gipfel, der immerhin 860 Meter hoch ist. Im Vergleich dazu: Der kahle Asten als höchster Berg Westfalens ist nur 840 Meter hoch. Der Weg von Beerscheba über Jerusalem in Richtung Norden führt über die Höhe dieses kanaanäischen Hochgebirges. Jakob nimmt den Weg über die Höhen und über die Berge. Vielleicht damals kein einfacher Weg aber sicherlich der schnellste. Jakob hält Rast an einer Stelle, die ihm unbekannt ist und die hier unbewohnt war. Die Stadt, die sich hier in direkter Nähe befindet heißt heute Ramallah und ist die Hauptstadt Palästinas, wo sich heute die Ausgrabungsstätte Bethels befindet.
Zurück zu unserer Geschichte: Der umstehende Text wirft doch so einige Fragen auf und lässt unsere Erzählung von der Himmelstreppe in einem bestimmten Licht erscheinen. Die ganze Strecke zwischen Beerscheba nach Haran wird in einem Zug erzählt. Nur an einer unbekannten Stätte in der freien Landschaft auf einem hohen Berg übernachtet er ein einziges Mal – ist das denkbar? Ich glaube nicht, aber der Erzähler zeigt uns, dass es nicht darauf ankommt. Im Gegenteil er zeigt uns gerade in dieser Komposition, dass Jakob auf der Flucht ist. Er zieht fort, so schnell es geht, und ohne sich dabei groß irgendwo aufzuhalten. Nur eine einzige Episode dieses Weges ist es wert, überliefert zu werden. Es ist eine Geschichte von der Namensgebung eines unbekannten Ortes durch Jakob mit dem Namen „Beth-El“ Haus Gottes. Jakob ist auf der Flucht. Voller Angst, vor dem was war und was kommen könnte begibt er sich hier zur Ruhe und schützt seinen Schlafplatz mit einem großen Stein, damit er nicht vom Weg aus gesehen werden kann. Und gerade dieser Platz, dieser Steinplatz wird ihm zur Begegnung mit Gott, und zwar dem Gott seiner Väter Isaaks und Abrahams. Und erst durch die Begegnung mit ihm wird dieser Gott der Väter auch sein Gott, der Gott Jakobs. Und dabei ist es mir, als wäre das mit uns genauso. Als würde Gott uns begegnen als der Gott unserer Eltern und unserer Vorfahren und als wäre die Wahrheit, dass Gott lebt eben in deren Erlebnissen und Erfahrungen greifbar, immer wieder vermittelt durch diese Zeugnisse und Mitteilungen. Doch Gott kann nur mein Gott sein, wenn ich seine Gegenwart auch persönlich erfahren habe. Das gilt für Jakob und das gilt für jeden und jede von uns. Für Jakob geschieht die Begegnung mit Gott im Traum, und darin eben in einer Vision. Jakob denkt, er befinde sich am Fuße einer unendliche langen und immer weiter in die Höhe steigende Treppe. Wer mag kann sich dabei eine Tempelpyramide vorstellen, wie man sie für Babylonien rekonstruiert hat. Die Treppe oder auch Leiter, die er sieht, endet am Himmel ganz oben. Und oben an der Spitze steht Gott. Zwischen dieser Spitze und dem unten liegenden Menschen gehen Boten Gottes herauf und herunter. Der Kontakt zu Gott ist vermittelt durch diese Boten, die die Worte Gottes zu den Menschen tragen, die aber genauso auch Botschaften der Menschen zu Gott bringen können. Das ist wirklich ein zutreffendes Bild für die Religion: Gott ist weit weg, aber nicht ungetrennt von uns. Wir haben seine Worte, seine Botschaften erhalten und Gott erhält unsere Worte und unsere Botschaften durch das Gebet. Unsere Worte werden durch die Engel getragen. Der Kontakt zu Gott ist nicht direkt, sondern geschieht in Form von Botschaften, die von uns zu Gott getragen werden und die uns Gott durch die Worte seiner Boten zukommen lässt, durch die Bibel, die heilige Schrift. Die wichtigste Botschaft für Jakob ist die Begegnung mit dem Gott seiner Väter, die Zusage seiner Nachkommenschaft, seines Landes und des ganzen Volkes Israel. Es ist zugleich die Zusage des göttlichen Segens.
Dieses Bild von der Himmelsleiter vermittelt mir heute eine Kette von Gedanken: Aus dem Stein in dessen Schutz Jakob ruht wird am Ende der Geschichte ein Steinmal, das Jakob mit einer handvoll Öl seinerseits segnet eine Denkmal und Gedenkstein und später der Grundstein eines Tempels, in dem sich das Heiligtum Israels eine Zeit lang befunden hat. Zu dieser Geschichte passt die Namensgebung hin: Beth-El, das heißt Haus Gottes. Dieses Wort wird für uns heute mit Kirche übersetzt. Der Traum Jakobs verdeutlicht also in einem Bild das, was in diesem Ort, im haus Gottes geschehen kann.
Am Ende dieser Leiter mit dem großen Abstand zwischen Gott und den Menschen wird zum Anfang der Begegnung mit Gott. Die Gegenwart Gottes kann hier in unserem Leben wahrgenommen werden, eine Kraft, die auch in unserem Alltag trägt und die Vergewisserung unseres Grundvertrauens ist. Und so wird auch jeder von uns Gott sehen und erkennen als jeweils sein eigener Gott und zugleich als der Gott der Vorfahren und der Mitmenschen.
In dieser Geschichte, in der mit dem Namen Jakob die Geschichte eines Gottesdienstes beginnt, wird zugleich deutlich, dass sich Gott bei uns auf dem Weg befindet und dies auch verheißen hat. Gott begegnet uns nicht nur in Worten und Botschaften, sondern darin, dass er uns mit seinen Engeln nahe ist, dort wo wir gehen und dort wo wir schlafen, sogar dort, wo wir auf der Flucht sind und Angst haben.
Und in dieser Erfahrung wird uns zugleich auch als ein Nebeneffekt deutlich, dass wir nicht allein sind, sondern mit vielen anderen gemeinsam in dieser Beziehung zu Gott stehen, und dass uns diese Gemeinschaft wichtig werden kann und ist. Dies kann man sich am Bild des Traumes deutlich machen, so wie es einmal der brasilianische Bischof der Befreiungstheologie Don Helder Camara gesagt hat: „Wenn jemand alleine träumt, dann ist das nur ein Traum; wenn wir aber alle zusammen träumen, dann ist das der Beginn der Wirklichkeit.“
Lasset uns beten: Gott wir danken dir, dass wir dich in unsrem Leben haben, dass wir deine Botschaften vernehmen können, die uns Richtung und Kraft geben, die uns dann auch schützen, wenn wir Angst haben. Manchmal sind wir in unserem Leben auf der Flucht, auch vor uns selbst, vor dem, was wir selbst ausgelöst haben. Dann sind wir angewiesen auf deine Nähe und auf deinen Schutz. Und weil du uns Menschen liebst gewährst du uns Sicherheit und deine Gegenwart. Dafür danken wir dir. Amen.

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