Der Heilsbrunnen

Das Danklied der Erlösten. So steht es als Überschrift in meiner Lutherbibel über diesem Kapitel. Genau das ist meine Erfahrung: Die Erlösten singen gerne. Auch wenn ihr Gesang nicht unbedingt bestehen kann vor den strengen Maßstäben von Nena, Dieter Bohlen, Xavier Naidoo in den MusikCastings der Privatsender.

Ich denke an den alten Postbeamten, der nach dem Tod seiner Frau ins Heim gezogen ist. Die Lieder aufschlagen und die rechten Strophen zu finden, ja selbst die Melodie einhalten, war ihm viel zu schwer. Aber er sang immer kräftig mit: Hoho, hoho.

Oder die Frau im Rollstuhl, die altersbedingt ihr Augenlicht verlor. Als es nachzulassen anfing, begann sie mit Feuereifer, Gesangbuchverse auswendig zu lernen. Zumindest die ersten Strophen der beliebtesten Choräle. Wenn ich sie besucht haben, sangen wir immer am Schluss zu dritt, mit ihrer Tochter. Kennt die alte Mutter den Text nicht mehr, singt sie nur la la, melodiegetreu, aber es schwingt schon Protest mit, jetzt muß bald ein anderes Lied drankommen.

Und meine Nichte, als sie im Vorschulalter, schmetterte mit Vorliebe das frisch geschriebene Freizeitlied einer Konfirmandenfahrt zum Thema Straßen der Bibel: Every street, every stone tells a story. Sie wusste aber nicht, was das bedeutet. Die englischen Brocken aus ihrem Mund klangen von Mal zu Mal exotischer. Sie alle singen von Herzen. Erlöste singen viel und gern. Und Sie haben allen Grund dazu, weil sie einen lebendigen Gott kennen.

Manchem fällt das Singen schwer, wenn mit er dem Text des Liedes innerlich nicht übereinstimmt. Die einen mögen englische Texte nicht, andere keine lateinischen. Die einen finden gefühlvolle Lieder wie Stille Nacht oder das Ostpreußenlied zu kitschig, andere bevorzugen genau das.

Da ist es eigentlich erstaunlich, wie sehr die Bandbreite von Liedern in der Bibel variiert. Es gibt die düsteren Klagelieder Jeremias, die Trostpsalmen Davids vom guten Hirten, Liebeslieder im Hohelied Salomos. Wir müssen nicht schön finden, was uns nicht zusagt. Aber wir wollen doch gelten lassen, was da gesungen wird, auch wenn die eigene Situation damit im Augenblick nicht übereinstimmt.
Und so wollen wir auch gelten lassen, was in der ersten Strophe vom Danklied der Erlösten vorkommt:
"Ich danke dir, daß du bist zornig gewesen über mich, und dein Zorn sich gewendet hat."

Hier ist Gottes Zorn die Rede. Das ist kein Druckfehler. Die Bibel handelt oft vom Zorn Gottes. In der Kirche kommt das selten zur Sprache. Der zornige Gott ist scheinbar von vorgestern. Der strenge, zürnende Gott wird als Vogelscheuche abgelehnt, der liebende, gnädige, zärtliche als der wahre und einzige beschworen.

Wie anders redet das Danklied Jesajas vom Herrn der Welt. Jesaja sagt, es ist ein und derselbe, er redet ihn sogar an im Gebet, er dankt dem strengen, zornigen Gott. Natürlich dürfen wir Gottes Zorn nicht vergleichen damit, wenn wir zornig sind. Sein Zorn ist keine überzogene Affekthandlung. Er macht keine unbeherrschten Rundumschläge, so wie manche Schlachtenbummler, wenn ihre Mannschaft verloren hat. Wo dann eine Spur der Verwüstung zurückbleibt vom Stadion bis zum Bahnhof.

Gott ist weder unbeherrscht noch grausam, wenn er zürnt. Er ist zornig, weil er Unrecht nicht leiden kann. Gott nimmt das Böse nicht hin. Er nimmt den Kampf mit ihm auf. Er ist zornig über die Verführungskünste des Teufels. Er ist zornig über alle, die seine Gebote verachten und andere in ihre Übertretungen mithinein reißen. Dieser Gott ist ein kämpferischer Gott. Und was das beste ist: Er wird den Sieg davontragen in diesem Kampf.

Gottes Zorn und Gottes Gnade erscheinen in der Bibel geheimnisvolles nebeneinander: Zorn und Gnade. Gott schlägt die Natur in der Sintflut, aber Menschen und Tiere in der Arche werden gnädig bewahrt.

Und so bleibt es in der Geschichte der Menschheit bis heute: Sünde und Vergebung, Gottes Zorn und Gottes Gnade, sind die Achse, um die unser aller Leben schwingt.
Am deutlichsten sehen wir das an Jesus. Alle Strafgerichte, die die Menschheit in der Vergangenheit verdient hat und in Zukunft bekommen müsste, nimmt er auf sich. Alle Schuld, die du begangen hast und noch begehen wirst, büßt er dort am Kreuz. Gott zürnt dir nicht mehr und wird dir nicht mehr zürnen. Das trifft alles Jesus.

Wie eigenartig! Logisch nicht zu verstehen. Ich muß mich also nicht bemühen, so anständig zu sein, damit Gott, wenn überhaupt, mir nur ein bischen zürnt. Das geht ja alles auf Jesus. Mit ihm muss ich mich verbinden, dann habe ich endlich Ruhe und Gewißheit, daß Gott gnädige Gedanken über mich hat. Unabhängig von meinen Schwächen und Niederlagen. Dann kann ich einstimmen in das Danklied der Erlösten wie dieser Prophet:

„Ich danke dir Herr, daß du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat.“ Für immer gewendet.
So hat jener Prophet, obwohl er von Jesus noch nichts wußte, das Geheimnis von Gottes Zorn und Gnade im Kern erfaßt.
Dieses Geheimnis wollen die Lieder der Kirche entfalten, preisen. Diese Gewissheit soll alles Singen beeinflussen und prägen, was in unseren Chören und im Gemeindegesang erklingt.

Da gibt es eine große Bandbreite und Vielfalt. Wir haben sie nicht immer vor Augen. Da möchte ich uns etwas helfen mit Bildern der letzten Monate, wo die unterschiedlichsten Gruppen gesungen oder gespielt haben bei Gottesdiensten, Festen, Anlässen im Kirchenjahr.

Die Kantorei haben erleben wir gerade. (Bild Kantorei) Das ist gewissermaßen die Königsklasse. Die Kantorei ist hier im Godi fest eingeplant an den Höhepunkten des Kirchenjahres. In diesem Jahr hat sie Anspruchsvolles vor sich: Das Weihnachtsoratorium am Sonntag, den 8. Dez. Das ist der 2. Advent. Dies Stück wird allseits sehr geschätzt, also empfielt es sich, frühzeitig Karten zu besorgen.

Während die Kantorei wöchentlich probt, ist der Gospelworkshop zu Jahresbeginn nur an einem einzigen Wochenende. (Bild Gospelworkshop) Heike Kieckhöfel hat das souverän geleitet.

Eher kammermusikalisch versiert ist Familie Baalmann. (Bild Sibylle Elias) Beim Stiftungsabend am Reformationstag haben Elias und Sibylle Baalmann in der überfüllten Bürgermeisterei den Vortrag des Gastredners eingerahmt.

Im Advent hat die Kirchenmusik Hochsaison. (Bild Suletal Gitarren) Auftakt der Traum der Bäume Tournee war im Haus am Suletal. Pastor Franzkeit hat das noch erlebt.

Am Vorabend der Adventssonntage sind die Turmbläser zu hören. (Bild Turmbläser) Wer sie sehen will, muss mit hinauf hochsteigen. Wer genau hinsieht, kann die Lichterkette an den Turmfenstern sehen, sie spiegeln sich in der Brille des Trompeters.

Unten auf dem Parkplatz hören viele Sulinger den Klängen zu. (Bild Parkplatz). Pastor Schafmeyer versorgt alle mit Lichtern.

Zu manchen Anlässen wird es richtig ökumenisch. (Bild Weltgebetstag). Beim Weltgebetstag waren wir diesmal Gastgeber. Petra Schlegel hat die Lieder aus der frz. Liturgie eingeübt.

Beim Jayday (Bild Jayday) musizieren Lutheraner und Baptisten.

Manches ergibt sich auch spontan. (Bild Gitarren und Klavier) Bei dieser Taufe wusste ich, dass der Vater Gitarre spielt und habe ihm eine in die Hand gedrückt. Am Klavier: Barbara Preibusch.

Dies Foto ist erst drei Tage alt. (Bild Schulgottesdienst) Schulgottesdienst Thema Schöpfung. Sibylle Baalmann stellt mit einigen Grundschülern den fünften Schöpfungstag dar: Gott belebt das Meer mit Fischen aller Art.

Noch kleiner sind diese Kinder (Bild Kindergarten-Gottesdienst) Wie man sieht, hindern auch große Zahnlücken nicht beim Singen!

Diese Jugendlichen wurden vor drei Wochen konfirmiert (Bild Konfirmanden) Sie lernen weiterhin im Pfarrhaus und werden kommenden Sonnabend beim Abendmahlsgottesdienst von Südbezirk und Lebenshilfe noch einmal spielen.

Die Bilder geben einen Eindruck von der Vielfalt der musikalischen Aktivitäten in unserer Gemeinde. Die Beteiligten haben sichtbar Freude daran und sie bereiten den Zuhörern Freude. Und doch geht es nicht um Musik als Selbstzweck. Die Lieder verbreiten eine Botschaft. Sie wollen das Evangelium in die Herzen tragen. Damit viele das Heil in Jesus finden.
Davon spricht der Prophet in einem wunderbaren Bild: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.“

Bei dem Wort Heilsbrunnen denke ich zuerst an den Taufstein. Er ist heute wieder geschmückt, nachher werden 5 Kinder getauft. In der Taufe bringen wir die Kinder in Verbindung mit Christus. Er bringt das Heil. Er ist das Heil in Person. Er bringt das Wasser des Lebens. Bei ihm bekommen wir neue Kraft, bekommen frischen Mut. Diese Quelle versiegt nie.

Andere schon. Wer weiß, wo dieser Brunnen steht? (Bild Brunnen Barnstorf) In Barnstorf. Auf dem Kirchplatz. Vorige Woche war dort die Pfarrkonferenz und ich hab mir den Brunnen näher angeschaut. Er ist recht tief. Es war am Mittwoch, da hatte es noch nicht geregnet. Der Brunnen hatte kein Wasser. Es sah wohl danach aus, aber es war nichts drin. Wenn wir an den falschen Stellen suchen, leeren Heilsversprechen glauben, werden wir enttäuscht.

Wo ist denn dann ein Heilsbrunnen zu finden, der immer Wasser hat. Das Gesangbuch ist ein solcher Heilsbrunnen. (Bild Kinder mit Gesangbuch) Viele Generationen haben ihre Glaubenserfahrungen, auch ihre Klage, ihr Ringen mit Gott darin hinterlassen. Die Kirche hat sie gesammelt und sich bemüht, das klassische, das wertvolle darin zu bewahren. Deshalb finden wir darin durchaus Lieder, in denen Aussagen unseres Jesaja-Abschnitttes nachklingen: „Brunn allen Heils, dich ehren wir. Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt, daraus ein schönes Brünnlein quillt, die brüderliche Lieb genannt.“

Also das Gesangbuch ist ein Lebensbrunnen, eine Schatzkammer. Damit diese Schätze gehoben werden, brauchen wir Anleitung, brauchen wir Hilfe. Das ist die Spezialität der Kantoren. (Bild Kantor mit Chor) Sie begleiten den Gemeindegesang und bringen Bearbeitungen zu Gehör, in denen das Alte neu an uns heran tritt. Oder sie bringen uns neues Liedgut nahe, z.B vom Kirchentag, das vielleicht eines Tages dauerhaft im Gesangbuch Platz findet.
Trotzdem bleibt Musik Geschmackssache. Und das Gesangbuch, obwohl Standard, ist letztlich nur eines neben anderen Liederbüchern und auch gebunden an unsere Konfession.

So bleibt der eigentliche und wichtigste Heilsbrunnen die Heilige Schrift. (Bild Altarbibel). Hier kann auch jeder schöpfen, man muss nicht Noten können, auch nicht Hebräisch, Griechisch, Latein. Das hilft wohl. Aber die Theologie kann einen auch daran hindern, die Bibel einfältig zu lesen. Und zu akzeptieren, was da steht. Ich möchte dir Mut machen: Lies persönlich, zu Hause, in deiner Bibel, schöpfe aus diesem Brunnen. Es wird dich erfrischen und aufrichten.

Zugleich lohnt aber auch immer wieder der Weg hierher in das Gotteshaus. Weil da dies Buch nicht nur auf dem Tisch liegt, fein dekorativ eingerahmt von Blumen und Kerzen. Es wird aus ihr gelesen und sie wird erklärt. Jeden Sonntag. Und gesungen wird auch noch dazu. Was wollen wir mehr? Nutze die Gelegenheit.

Und so freue ich mich auf noch manche Erfrischung, wenn die Kantorei ein schönes Stück gut eingeübt hat oder in einer Predigt oder Andacht ein Bibelwort ganz neu zu leuchten beginnt. Wie es in dem alten Lied heißt:

Rede Herr, so will ich hören, und dein Wille werde erfüllt.
Nichts lass meine Andacht stören,
wenn der Brunn des Lebens quillt.
Speise mich mit Himmelsbrot, tröste mich in aller Not.
Amen.

drucken