Aller Anfang heißt "Vater".

Matthäus 6,7-13 (5.5.2013 Berlin-Hellersdorf)

Wenn man in Jerusalem den Weg vom Ölberg hinab zum Kidrontal und zur Stadt geht, so wie das auch Jesus oftmals getan hat, gelangt man unter anderem zur sogenannten Vaterunser-Kirche, zu dem Ort, wo seit der Kreuzfahrerzeit die Stelle gesucht wird, an der Jesus nach Lukas seinen Jüngern dieses Gebet lehrte. Nach dem Evangelisten Matthäus, aus dem wir eben gehört haben, ist das geographisch etwas anders. Da gehört das Vaterunser zur Bergpredigt und damit an den See Genezareth. Das sind rund 120 km Luftlinie Unterschied.

Ein Widerspruch? Geographisch auf jeden Fall, es sei denn, man nimmt an, dass Jesus dieses Gebet zweimal eingeführt habe. Man kann die Sache aber auch anders betrachten. Dazu wird man nicht zuletzt angeregt, wenn man das Gelände der Paternoster-Kirche betritt und dort an den Wänden der Kirche und des Kreuzganges das Vaterunser in fast allen nur denkbaren Sprachen der Welt aufgeschrieben findet: Dieses Gebet ist an keine Zeit und natürlich auch an keinen Ort gebunden. Es umspannt die Welt und vermag Menschen verschiedenster Zeiten und Kulturen zu vereinen. Wenn es so etwas wie ein „Vermächtnis“ Jesu gibt, dann gehört das Vaterunser dazu. „Gehet hin in alle Welt“, sagte der Auferstandene. Und indem die Jünger das taten, kam auch das Gebet des Herrn in alle Welt.

Nicht, dass Jesus die Worte dieses Gebetes völlig neu „erfunden“ hätte. Wie so oft knüpft er auch hier an die jüdischen Traditionen seiner Zeit an, die ihn ja prägen. Es gab es schon damals und mit einigen Veränderungen bis heute das 18-Bitten-Gebet. Das ist so ein Bezugspunkt, der für Jesus wichtig gewesen sein könnte. Aber wir sehen auch gleich einen auffallenden formalen Unterschied: Das Vaterunser hat nicht 18, sondern eben nur fünf Bitten. Es geht Jesus offensichtlich um die Konzentration auf das Wesentliche.

Und was ist dieses Wesentliche, dieses Besondere? – Es ist gleich das erste Wort: „Vater“.

Wir sollten uns zunächst einmal nicht daran festbeißen, dass es an dieser Stelle eben „Vater“ und nicht „Mutter“ heißt. Nicht dass der Vater ein Mann ist, ist hier von Bedeutung, sondern dass mit diesem Wort auf eine einzigartige und unaufkündbare Beziehung hingewiesen wird, die auf Väter und Mütter gleichermaßen zutrifft. Vater ist einer, der immer da ist, und zwar rückhaltlos. Vaterschaft endet auch nicht, Mutterschaft auch nicht. So ist das jedenfalls im Idealfall und so ist Gott: Vater für uns und Vater für immer. Mit unseren menschlichen Vätern wie Müttern kann so manches auch schiefgehen. Bei Gott ist das nicht so. Darum ist dieses erste Wort so wichtig. Es macht deutlich, warum es überhaupt lohnt zu beten. Gott will die Beziehung zu uns, er will Vater sein und gibt das niemals auf. Darum hat es einen Sinn zu beten.

Und das Wort „Vater“ sollte immer am Anfang bleiben, auch wenn wir sonst im Deutschen nicht „Haus unser“ oder „Kind unser“ sagen, sondern das besitzanzeigende Fürwort „unser“ voranstellen. Im griechischen Urtext ist es anders. Und im Aramäischen wäre es ähnlich. Auch das Latein formuliert so: pater noster – Vater unser. So kommt das Nomen, das Wort „Vater“ an die vordere Stelle. Und auch wenn’s die gegenwärtigen Bibelübersetzungen durchweg dem heutigen Sprachgebrauch angepasst haben, die außergewöhnliche Wortstellung hebt das Besondere dieses Gebetes hervor und stellt das wichtigste Wort an den Anfang. So ist es ja auch weiterhin fast überall im gottesdienstlichen wie im privaten Gebrauch.

Nach der Anrede „Vater“ entfaltet sich das Gebet. Es weist dabei in seiner inneren Struktur viele Ähnlichkeiten mit den 10 Geboten auf. Auch diese haben ja eine Überschrift: „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Und darauf folgen dann zunächst Bestimmungen, die sich auf unser Verhältnis zu Gott beziehen, und danach die, die das Verhalten den Mitmenschen gegenüber betreffen, die berühmten zwei Tafeln der Gebote.

Ganz ähnlich hier im Vaterunser. Wir haben als eine Art Überschrift die Anrede „Vater“. Und danach folgen in einem ersten Block Bitten, die sich auf den Bereich Gottes beziehen. Erst danach geht es um uns Menschen.
Und wie in den 10 Geboten geht es im Vaterunser um Allgemeines und Grundlegendes. Die Gebote stellen Grundsätze auf. Wie man diese in die Praxis umsetzt, ist eine Frage an unsere Verantwortung. Zum Beispiel: „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Der Grundsatz ist klar, wie man’s macht, muss aber diskutiert werden. Auch das Vaterunser formuliert allgemein, weil einerseits vorausgesetzt werden kann, dass Gott längst weiß, was wir brauchen, und nicht erst durch vieles Gerede darauf aufmerksam gemacht werden muss. So hören wir es ja auch von Jesus. Andererseits ermöglicht diese allgemeine Formulierung, dass wir wirklich „alles, was uns bewegt“ in dieses eine Gebet legen können, wie es ja oft in unseren Gottesdiensten heißt.

Betrachten wir die menschliche Seite, so ist es nach den 10 Geboten in erster Linie das falsche Begehren, das die menschlichen Beziehungen durcheinander bringt. Das Vaterunser redet von Sünde und Versuchung, die das Gleiche bewirken. Die Voraussetzung aber, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen, ist, dass wir überhaupt leben können. Deshalb steht auf der menschlichen Seite an erster Stelle die Bitte um das Brot, stellvertretend für alles, was wir zum Leben brauchen.

Zuerst aber geht es im Vaterunser um Gott, den wir zärtlich (!) „Vater“ nennen dürfen, was soviel wie „Papa“ in unserem Sprachgebrauch meint. Er, der Heilige, dessen Namen ein Jude nicht ausspricht, er verbindet sich mit uns einzigartig und inniglich. Kann man dann mehr wünschen, als dass solche Art der Beziehung sich ausbreite, dass also sein „Reich“ komme und sein „Wille“ geschehe, jederzeit und überall?

Und nun noch der Schluss des Gebetes: Es war bei den Juden vielfach üblich, die Gebete mit einem besonderen Gotteslob zu beenden. „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Das ist auch so ein Gott preisender Schlusssatz. Und dann folgt natürlich noch ein bekräftigendes „Amen“. Dieser Lobpreis am Schluss des Vaterunser ist seit der frühesten Christenheit bezeugt, er findet sich aber nicht in den ältesten Handschriften des Neuen Testaments. Allerdings wir tun gut daran, dieser uralten Jüngersitte auch weiter zu folgen.

Und ein Allerletztes: Gebete, auch das Vaterunser, kann man bis zu einem gewissen Grade erklären. Ich habe es heute versucht. Gebete soll man aber in erster Linie beten, denn dazu sind sie da! Und so soll es nun auch geschehen, wobei an diesem Gebets-Sonntag mit dem Namen Rogate das Vaterunser ausnahmsweise sogar zweimal vorkommen wird: fröhlich Gott lobend mit dem folgenden Lied (EG 188) und später dann in der Liturgie des Heiligen Abendmahls.

Beten sei das Atmen der Seele, so ist es ja oft zu hören. So wollen wir also die Lungen weit machen, unseren Mund öffnen, die Seele frei geben, damit wir Gott in uns Raum schaffen, indem wir singen „Vater unser…“ Amen.

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