So könnt ihr beten

Das Vaterunser kennen selbst die Menschen, die sonst wenig wissen – und vom christlichen Glauben schon mal gar nichts. Wenn es gebetet wird, sie beten mit, auch wenn ihnen Glaube nichts bedeutet. Es hat eine eigene Ausstrahlung und darum tut es gut zu wissen, woher es kommt und in welches Umfeld es gehört. Es steht in der Bergpredigt. Dort, wo Menschen gesagt wird, wie sie mit Gott leben können. Und da gibt Jesus ihnen Hinweise auf ein gutes Beten und im Mittelpunkt dieser Hinweise steht das Vaterunser quasi als Prototyp eines Gebetes: So könnte es aussehen.

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Es beginnt mit einer Szene, die für uns nur schwer vorstellbar ist. Das öffentliche Beten gehört nicht zum Wesen christlichen Glaubens im 21. Jahrhundert. Das ist heute eher im Islam zu Hause. Ob Jesu Worte wirklich Gehör gefunden haben in seiner Gemeinde? Oder ist es eher unsere Unart, alles, was mit Religion zusammenhängt ins Private zu ziehen?

Gemeint hat Jesus wohl kaum, dass er das öffentliche Beten insgesamt ablehnt. Er erzählt eine Geschichte: Sie handelt von Menschen, die besonders fromm sind, und die damit angeben. Es geht ihnen beim Beten und beim Glauben nicht um sich und ihre Gespräch mit Gott. Es geht ihnen um Außenwirkung, Reklame für die eigene Person. Ich habe das erlebt: Fromme Gemeinschaften, in denen man sich gegenseitig ausstach mit frommen Gebeten und Gehabe. Da gibt es Menschen, die gefallen sich selber so wie sie sind. An ihnen könnte man sich ein Vorbild nehmen, meinen sie. Sie meint Jesus, wenn er sagt: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Ihr Lohn war die Bewunderung und die Hochachtung, mit der ihnen Menschen begegnet sind. Wenn ihnen das reicht, ist das in Ordnung.

Aber Jesus ermutigt die Menschen, die Gott suchen, die manchmal auch unsicher sind, wie sie ihn ansprechen sollen, zum mutigen Beten. Ihnen möchte er helfen, wirklich mit dem Vater im Himmel zu reden. Und darum empfiehlt er auch, ganz im Verborgenen zu beginnen. Und betont damit: Wer betet, redet mit Gott wie mit einem Freund. Und das Reden mit einem Freund in der Öffentlichkeit sieht oft ganz anders aus als das im stillen Kämmerlein. Ich darf meine Belastungen, meine Schuldgefühle, aber auch meine geheimen Wunsche erzählen. Dazu will ich kein Publikum.

Das Vaterunser schenkt Jesus darum der Gemeinde. Es ist so etwas wie ein Blankoformular. Ich darf es benutzen, darf meine Veränderungen einfügen, darf damit umgehen. Es ist eine Chance, die mir eröffnet wird. Nur nutzen muss ich diese Chance selber. Ich selber entscheide, wie ich mit diesem Gebet umgehe, ob ich es herunterleiere, mich auf die einzelnen Bitten konzentriere, mir nur eine zu eigen mache, es verändere. All das verträgt dieses Gebet locker. Eine Frau erzählte, sie könne nicht glauben, dass Gott es ist, der in Versuchung führt, darum bete sie: Bewahre mich in der Versuchung, statt ‚führe mich nicht in Versuchung‘. Sie hat Jesus ernst genommen und sein Gebet benutzt und es nicht in eine Vitrine der Unberührbarkeit gestellt.

Es geht nicht um das Gebot ‚So sollt Ihr beten’, sondern um eine Anleitung zum rechten Beten: ‚So könnt Ihr beten’.

Das Vaterunser hält mir allerdings auch einen Spiegel vor: was willst du, wenn du betest? Was bedeutet für dich das Gebet. Und wie sehr geht es darum, dass Gottes Wille geschehe – in deinem ganzen Leben? Ich muss diese Fragen für mich beantworten. Insofern ist wirklich Religion Privatsache. Der Mensch selber muss für sich klären, was er von Gott erwartet, wie er mit ihm reden will und welche Rolle er spielt in seinem Leben.

Und der Mensch muss für sich entscheiden, wann er wie mit Gott reden will.

Wir haben Freiheiten ohne Ende. Und Jesus sagt uns, was wir können. Wir können mit Gott reden wie mit einem Freund und wir können Menschen einladen, das Gleiche zu tun. Und wir können unsere eigenen Gebete unsere Formen und Zeiten und Gelegenheiten finden. Das Gebet von dem Jesus erzählt, verträgt so unendlich viel. Was es nicht verträgt: Wenn wir es in die Ablage für irgendwann schieben. Das Beten muss ich genauso immer wieder neu üben, wie das Reden mit einem Freund und das Gespräch mit einem Partner oder einer Partnerin.

Und: Religion, christlicher Glaube ist eben nicht nur Privatsache. Die Welt muss hören und spüren, wenn es einen Gott gibt, der mir etwas bedeutet. Die Menschen haben einen Anspruch darauf, dass ich erzähle von diesem Gott, der mir zuhört, mit dem ich reden kann und vor den ich meine Ängste und Sorgen bringen kann. Eben nicht öffentlich beten wie die, denen es um die eigene Person geht, sondern so dass Andere sich eingeladen fühlen mit mir zu beten und mit mir zu glauben. Kirche, die betet, ist auch einladende Kirche, die für Menschen betet und mit Menschen betet. Und die mit Menschen für Menschen Verantwortung trägt.

Wenn wir beten: ‚Unser täglich Brot….‘ , dann müssen wir auch bedenken, was tun wir, dass Schwestern und Brüder Brot haben?

Beten geschieht nicht aus religiösen Motiven, um Gott zu gefallen, sondern beten gehört zu meinem Leben dazu, weil ich das Gespräch brauche – mit Menschen und mit Gott. Ich kann frei beten, weil Gott mich einlädt und weil ich frei genug bin, mit dieser Einladung umzugehen.

Beten heißt: Ich stelle mich vor Gott wie ich bin und rede mit ihm und vertraue, dass er mich hört und mir hilft.

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