Lieder voller Gefühl und Seligkeit

[Anmerkung: Zum Sonntag „Kantate“ (28.4.13) habe ich vor, einen GoDi zu Liedern des 19. Jahrhunderts zu gestalten:  Psalm 98, 739, Jesaja 12,1-6, Mt. 11,25-30, Liedideen: 511; 602, 407, 629, 403. Dazu verteilen wir das Bild „Wanderer über dem Nebelmeer“ von C.D. Friedrich, dass in der HH Kunsthalle im Original hängt. Es bezeichnet wohl am besten die Gefühls- und Frömmigkeitslage des zu mindestens frühen 19. Jahrhunderts.]

Liebe Gemeinde,

wir singen heute Lieder, die wir gerne mögen, nicht wahr? Lieder voller Gefühl und Seligkeit. All diese Lieder haben etwas gemeinsam: sie entstammen dem 19. Jahrhundert, der Zeit zwischen 1800 und dem Beginn des ersten Weltkrieges. Auch das Bild, das Sie in Händen halten, entstammt dieser Zeit. Es ist ein Selbstporträt von C.D. Friedrich aus dem Jahre 1818, gemalt im Elbsandsteingebirge etwas südlich von Dresden. Das Original hängt in Hamburg in der dortigen Kunsthalle.

Wir wollen uns dieser Zeit, diesem 19. Jahrhundert ein wenig nähern und entdecken, was es uns zu sagen hat, und wie sehr es unserem Glauben und unserer Frömmigkeit bis heute nahe ist.

Das 19. Jahrhundert beginnt für die Kirche und die Christen recht katastrophal. In Frankreich hat es eine Revolution gegeben, die die Kirche nahezu hinweg gefegt hat. Priester wurden reihenweise enthauptet, die Feiertage, der Sonntag, alles war abgeschafft. Anstelle von Christus setzte man eine neue Gottheit: die Tugend. Glaube wurde Moral. Alles andere, das Zauberhafte, das Geheimnisvolle, das Heilige, die Sakramente, die alten Worte „Christi Leib für Dich, Christi Blut für dich“ betrachtete man als Aberglaube, Zauberkram, finsteres Mittelalter, vernünftig sollte bitteschön alles sein.

Kann der Mensch so leben? Können wir so leben? Immer sachlich, immer vernünftig, immer nur mit dem Verstand? Sie merken-liebe Hörer-auch heute noch eine wichtige Frage. Sollen, ja dürfen Ingenieure, Techniker, Physiker die Deutungshoheit über unsere Seelen gewinnen? Und für die Kirche bleibt die Moral?

Aber eine Quelle ist nicht nur Trinkwasser, sie murmelt. Ein Wald ist nicht nur Festmeter Holz, er rauscht oder steht schwarz und schweiget. Ein Berg ist nicht nur Stein, sondern eine Majestät. Ein Meer ist nicht nur Schifffahrtsweg, sondern Unendlichkeit. Und eine Kirche ist kein Tugendpalast, sondern ein Ort, an dem der Himmel die Erde berührt.

In Berlin lebte ein junger Pfarrer, Schleiermacher hieß er, dem platzte der Kragen mit all der Moralfrömmigkeit. Er schrieb ein Büchlein, Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern. So der Titel. Er prägte darin Sätze wie: Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Oder sie ist das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit. Sie ist eine Provinz in unserem Gemüte. Das waren neue Töne: Religion ist Gefühl, Sinn, Geschmack, das Unendliche.

Gleichzeitig zogen junge Künstler los, in die Natur. Nicht um sie zu untersuchen, wie Goethe es noch tat mit seiner Farbenlehre, nein, um sie zu empfinden. Um sie zu fühlen. Eichendorff „Es war als hätt der Himmel die Erde still geküsst.“ Caspar David Friedrich malt Rügens Kreidefelsen oder die Gipfel des Elbsandsteingebirges, aber er malt es nicht einfach so, sondern er malt es religiös, Unter dem Nebelmeer, da unten in den Tälern, da sind sie, die ganzen Sachlichkeiten, die Formeln, die Rechenschieber, benebelt von ihrem Forscherdrang, sehen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht, sehen sie den Himmel nicht, aber lass das alles hinter Dir, hoch hinauf, und über dem Nebelmeer entdeckst Sinn und Geschmack fürs Unendliche, den Hauch Gottes, das Gefühl, Teil eines Großen und Ganzen zu sein.

Wir können das nachempfinden, nicht wahr? Die Gedichte, die Malerei dieser Zeit, sie sagen uns bis heute etwas. Bis heute ist uns das Gefühl, dass es mehr gibt, als man messen, analysieren und berechnen kann. Heute setzen wir das in Filmen um, in großartigen Bildern, wie sie David Cameron mit dem Hollywoodmärchen Avatar schuf. Oder Herr der Ringe. Oder damals, als Zarah Leander auf der Leinwand schmachtete „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn…“

Und die Kirche? Das Christentum? Es blühte noch einmal neu auf im 19. Jahrhundert. Aber anders als früher. Es gibt kein Zurück in alte Zeiten. Obwohl, man wollte gerne zurück in die Zeit vor der französischen Revolution, in das alte „ein feste Burg“ Christentum, der Lutherzeit. Man baute die Kirchen neugotisch, man benutzte die alte Frakturschrift, ein typisches Beispiel dieses Streben nach dem besseren Gestern ist ja unserer Friedhofskapelle, mit ihren Rundfenstern, dem gotisch angehauchten Stil, den goldenen Frakturbuchstaben, die uns ehern verkünden, dass Herr Waller, ehemals Kircheniurat, dieses Gebäude 1884 der Gemeinde stiftete. Aber es gibt kein zurück. Es ist anders, die Frömmigkeit und Kirchlichkeit des 19. Jahrhunderts. Sie ähnelt unserer Heutigen. Es geht ums Gott fühlen, es geht nicht mehr um ewige Seligkeit, es geht nicht mehr darum, mit dem Glauben der ewigen Verdammnis zu entgehen. Hand aufs Herz, liebe Hörer, gehen Sie zur Kirche, sind Sie gläubig, weil Sie den Höllenstrafen entkommen wollen? Wohl nicht, wohl eher, weil der Herr Ihr Hirte ist, weil Gott mir Schutz und Schild bietet in den Stürmen des Lebens, weil Jesus unsere Hoffnung ist auf die Liebe und ihren Sieg. Darum geht es uns, darum ging es auch den Gläubigen zwischen 1800 und 1914.

Und dieses Frömmigkeitsgefühl kommt in den Liedern zum Ausdruck dieser Zeit. Nicht feste Burg und gute wehr und Waffen gegen Teufel, Sünd, Hölle und Tod, sondern der Stern, auf den ich schaue, der Pfad, auf dem ich geh. Harre meine Seele, sei unverzagt, bald der Morgen tagt, weißt Du wie viel Sternlein stehen, Gott kennt auch Dich und hat dich lieb, sieh, da steigt die Sonne übers Meer…

Wir mögen diese Lieder, weil sie uns nahe sind, es sind schöne Melodien, gefühlvolle Texte, heute widmen wir ihnen einmal einen Gottesdienst.

drucken