Das Traditionsgebet-einfach und doch ist alles gesagt

Liebe Gemeinde, wir hören den Predigttext bei Matthäus 6, 5-15.

Liebe Gemeinde, kennen Sie diese Anekdote?
Ein Missionar wird in Afrika zu seiner neuen Missionsstation geschickt. Zu Fuß macht er sich auf den Weg durch die Steppe. Plötzlich bemerkt er zwei Löwen, die sich mit weit aufgerissenen Mäulern auf ihn zustürzen. Er schaut sich um. Kein Baum weit und breit. So sinkt er auf die Knie, faltet die Hände zum Gebet und spricht: „Lieber Gott, mach, dass diese Löwen fromm werden!“ Und in der Tat, auf einmal ist es ganz still. Kein Getrampel, kein Brüllen, Knurren oder Fauchen. Vorsichtig öffnet der Missionar die Augen, einen Spalt weit. Da sitzen die Löwen vor ihm auf ihren Hinterpfoten, haben die Vorderpfoten zusammengelegt und die Augen geschlossen und einer fängt an zu beten: „Komm Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“

Unser himmlischer Vater weiß, was wir bedürfen, bevor wir ihn bitten. Trotzdem gehen unsere Gebete in Erfüllung, aber manchmal anders als wir denken. Wir sollten sie also immer mit Bedacht wählen und sprechen. Der wackere Missionar hätte sich daran erinnern sollen.

Unser Predigttext lässt erkennen, dass Jesus auch dieser Meinung war. Heiden, die nicht wissen, was sie glauben sollen, haben zu seiner Zeit alle ihnen bekannten Götternamen hintereinander heruntergeleiert. Der Richtige würde sich dann schon angesprochen fühlen und helfen.

Und auch heute knien viele Betende, besonders im christlichen Abendland, auf Gebetsteppichen, die aus Flicken aller möglichen Religionen ganz individuell zusammengesetzt wurden. Patchworkreligion ist der Fachterminus dafür, oft genug Ausdruck größter Unsicherheit. Ihre Gebete können sich so anhören: „Lieber Gott, wenn es dich gibt, rette meine Seele, wenn ich eine habe.“

Mein GOTT! Mein Jesus! Mein Glaube! Im Zeitalter der Selbstverwirklichung ist diese Form der Darstellung sehr ausgeprägt. Bloß keinen 0815-Glauben von der Stange. Bloß nicht den angeblich farblosen Glauben, wie man ihn in der Volkskirche findet. Auch auf religiösem Gebiet fährt man gerne den guten Stern auf allen himmlischen Straßen.

Wenn ein Willigis Jäger oder eine Joyce Meyers spricht sind die Säle voll. Da predigt der größte lebende Mystiker oder die amerikanische Glaubensentertainerin und nicht der namenlose Pfarrer aus der eigenen Kirche. Da kann man sich schon mal religiös beschallen lassen. Exklusive Frömmigkeit als Statussymbol?

Wenn ich unsere Schrift zu Rate ziehe, sieht das unsere „Chefetage“ sehr ungern. Mit aufgesetztem Glauben andere beeindrucken, welch ein Hochmut. Auch soll es unterlassen werden sich mit Gebeten in den Vordergrund zu stellen oder von einer hohen Warte aus den Mitbetern die Leviten zu lesen, ihnen eine Predigt zu halten. Oder von sich so eingenommenen zu sein, wie das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner im Lukas 18/9-14 erzählt: „Ich danke Dir Gott, dass ich nicht so bin, wie dieser Zöllner.“

Solchen Gebeten und solch frömmelndem Ego, das sich aufspielt, fährt Jesus heftig über den Mund. Und mag das „Abba“ dieser Geltungsbedürftigen noch so kindlich wie Mama und Papa klingen. Es lässt das Herz unseres Gottes unberührt.

Dieses „Abba“ ist nicht die Aufforderung, sich beim Beten auf die Entwicklungsstufe eines Einjährigen zu begeben. „Abba“, Vater, so kann man zu einem Menschen sagen, zu dem man aufgrund seiner Autorität vertrauensvoll aufblickt.

Einer Autorität, nicht durch Macht, sondern durch Größe und Weisheit dieser Person. Die Kirche hat zu allen Zeiten geistliche Mütter und Väter gekannt, bei denen alle Anliegen gut aufgehoben waren, die einen guten Weg durch das Leben weisen konnten und denen man deshalb mit Respekt begegnete. Jesus formulierte: „Vater im Himmel“. Dies soll uns bewusst machen, an welche Autorität wir unsere Gebete wirklich richten.

Kleine Kinder denken vor allem und fast ausschließlich an sich. „Ich will aber!“ ist so ein Satz, der selbst die geduldigsten Eltern manchmal aus der Fassung bringt und auch bringen soll. Immer weniger Eltern scheinen diesen Kraftakt leisten zu können, dem Wunsch ihrer Kinder in geeigneter Weise zu widerstehen.

Kinder müssen lernen, dass sie nicht immer alles bekommen was sie gerade wollen. Wenn diese Schulung unterbleibt, verzögert sich das Erwachsen werden. Eltern haben es heute ungleich schwerer als früher. In allen Medien wird das Gegenteil behauptet, alles habe zu müssen, gleich und jetzt. Die Werbung möchte, dass wir möglichst nie erwachsen werden. Nach dem Motto: „Geht nicht, gibt’s nicht!“

Das „Vater unser“ ist deshalb ein Gebet für Menschen, die erwachsen sind oder erwachsen werden wollen. Denn die Worte „ich“ oder „mein“ fehlen in diesem Gebet. Daran erkennen wir, dass wir mit diesem Gebet zu einem Vater reden, der gerne möchte, dass seine Kinder erwachsen werden. Den himmlischen Vater, den Draht nach oben, gibt es nur mit all seinen Kindern. Die Gemeinschaft mit allen Geschwistern, allen Gläubigen, auf Erden. Allerdings verlangt die Beziehung zum Himmel, dass wir mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben.

Jede Bitte ist auch zugleich eine Fürbitte. Mein täglich Brot ist nur als das Brot erhältlich, das auch dem anderen zukommen soll. Wer das „Vater unser“ betet, betet stellvertretend für alle. Es ist das Traditionsgebet unseres Herrn Jesus. Wer es spricht, versammelt die Welt um sich her und bringt sie vor Gott.

Vielleicht ist das der Grund, warum das „Vater unser“ so viel Zustimmung findet und so gut haften bleibt. Denn beim „Vater unser“ können auch Kirchenentwöhnte auswendig mitsprechen. Auch sie haben den Impuls bei diesem Gebet aufzustehen, um Gott und diesem Gebet die Ehre zu erweisen. Ja, GOTT und dieses Gebet haben es wahrlich verdient, in angemessener Haltung gesprochen zu werden. In ihm ist das „Maß des Menschlichen“.

Das „Uns“ des „Vater unsers“ erinnert daran, dass das Recht auf Leben, Freiheit und Gerechtigkeit gerade darum unteilbar und die Würde des Menschen gerade darum unantastbar ist, weil wir entweder alle an diesem Recht und dieser Würde teilhaben oder niemand.

Auch macht das „Vater unser“ deutlich, wer der Vater ist, wessen Wille zu geschehen hat und wem das Reich gehört, die Kraft und die Herrlichkeit. Dieses einfache Traditionsgebet hat mehr kritische Kraft, als alle Weltverbesserungsreden.

In der Freiheit als Kinder Gottes dürfen wir uns unserem himmlischen Vater zuwenden. Er hält, was er verspricht, auch wenn es nicht immer das ist, was wir gerade haben wollen. Aber schließlich sollen wir erwachsen werden und bleiben. Vater, sagen wir auch deshalb zu ihm, weil dieser Vater jedes seiner Kinder genau kennt und weiß, was es braucht.

Vater unser, sagen wir zu ihm. Fürchte Dich nicht, Du bist mein, das sagt ER zu uns, für alle Ewigkeit.
Und der Friede unseres Vaters, der höher ist als alle unsere kindliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrer Johannes Taig in Hof.)

drucken