Nur schweigen geht nicht

Kantate: Nicht jedem ist heute nach Singen zu Mute, nur weil es im liturgischen Kalender steht. Manchem bleibt das Lied im Halse stecken. Das darf es auch. Es gibt keine christliche Pflicht, immer dankbar und fröhlich zu singen. Aber manchmal spürt auch der Traurige, der Verzagte sich getragen von der Welle des Gesangs und der Welle des Glaubens. Da fängt eigentlich unsere heutiger Predigttext an. Ein Mensch hat gelitten unter dem, was er als den Zorn Gottes empfindet. Aber er macht Gott keine Vorwürfe, sondern beginnt zu singen:

[TEXT]

Ein prophetisches Danklied.

Ein Mensch bekennt, dass er den Zorn Gottes gespürt hat und dankt Gott, dass diese Zeit nun vorüber ist. Jesaja zitiert dieses Danklied. So ähnlich klingt es in vielen Dankliedern für die Verheißungen an Israel. Für ihn ist wichtig, mit diesem Lied auszudrücken, dass auch das Leid Gabe Gottes ist und dass auch in diesen dunklen Tälern Gott bei den Menschen ist. Für ihn ist wichtig, dass die Verheißungen Gottes nicht automatisch heißen, dass es kein Leid geben darf.

Dieses Lied, das Jesaja singt, ist nicht neu. Es kommt uns altbekannt vor, nicht nur weil es selber alt ist, sondern auch weil es an andere Lieder anknüpft, sie verwendet. Für mich auch ein Signal. Wer Gott loben will, darf sich in tief eingefahrenen Spuren bewegen. Er darf sich bei den Alten bedienen. Und er soll Neues erfinden. Neues, das seinem Lob einen eigenen Ausdruck verleiht. Wichtig ist, dass meine Art Gott zu loben, authentisch bleibt, mein Gotteslob. Die Alten haben Prozessionen gemacht und dabei Psalmen gesungen. Das war ein gutes Gotteslob. Es passte zu den Menschen. Wenn heute neue Gemeinden singend und klatschend und johlend Gott loben, ist das auch in Ordnung. Wichtig ist, dass wir Gott loben. In einer Art und Weise, die zu uns passt. Wir müssen niemanden nachmachen. Wir müssen einen Weg finden, der uns gut tut und uns nahe an Gott hält.

Dieser Weg kann nur darüber führen, dass wir in der Gemeinschaft beten und danken, trauern und klagen. Und dann kann es uns helfen, die Psalmen zu lesen, die alten Lieder zu singen. Weil wir dann spüren, dass wir in einer Tradition stehen. Es gibt Vorfahren im Glauben, auf die wir stolz sein können. Und es gibt natürlich auch Andere. Aber mit allen zusammen fühlen wir uns verbunden in der Dankbarkeit für den einen Herrn, der auch in den finsteren Tälern des Lebens bei uns ist.

Dessen Lied dürfen wir singen und wir dürfen täglich neu ausprobieren wie unser Lob Gottes heute klingt und wie sich unsere Klage heute anfühlt.

Wir dürfen immer neu herausfinden, wie wir unseren Glauben ausdrücken können.

Wir dürfen aufbauen auf dem, was uns überliefert ist und mit unseren Methoden neu entwickeln. Beides gehört zusammen. Aber es kann nicht gut sein, ohne dass wir dem Heiligen Geist Raum lassen in unserem geistlichen Miteinander. Wir müssen lernen, miteinander den Gottesdienst zu leben, ihn mit Leben zu erfüllen.

Alle großen Liturgien, die die Kirche durch die Jahrtausende entwickelt haben, haben nur ein Ziel: Gott zu loben mit allen Kräften, mit Herzen, Mund und Händen. Und mit diesem Ziel möchte ich auch leben und schöne Gottesdienste feiern. Gott Danke zu sagen. Danke, dass ich nicht allein durchs Leben geben muss, danke für die vielfältigen Gaben, mit denen wir beschenkt sind, Danke für Menschen, die mir begegnen und Danke auch für die Kritik, die mir hilft, wirklich zu leben.

Danke auch für die Zukunft, die uns geschenkt wird, die österliche Zukunft aus der heraus wir leben können. Wir müssen unsere Zukunft nicht schaffen, wir haben sie bereits. Darum können wir unsere Gegenwart füllen mit Freude und Liebe und können genießen, was Gott uns schenkt.

In aller Traurigkeit und aller Angst dürfen wir mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils. Das klingt abstrakt und weit entfernt, aber erzählt nichts anderes, als dass wir Gott soviel wert sind, dass er uns nicht verkommen lässt, dass er uns nicht richtet mit harter Hand, sondern dass er uns liebt, wie Mütter oder Väter ihre Kinder lieben.

Da wo Menschen das Gefühl haben, dass Gott den Druck von ihnen weg nimmt, da entsteht Freiheit und da entsteht neue Kraft und Stärke. Heil, aus dem nicht nur der einzelne, sondern auch die Gemeinde Kraft schöpfen kann. Und von dort aus geht die Kraft weiter in die Welt. Dazu sind wir berufen, Gottes Kraft in der Welt zu verkünden und aus ihr heraus zu leben. Dafür sind Christinen und Christen in der Welt, zu erzählen von den Brunnen des Heils, von denen jeder und jede trinken darf. Und sich miteinander zu freuen, dass Gott unser Heil und unser Trost ist.

Da kann dann auch die Größe entstehen zu sehen, dass es dem Menschen neben mir anders geht, dass ihm nicht nach Dank und Jubel und Halleluja zu Mute ist. Ich kann ihn ernst nehmen und darf trotzdem meinen Gott loben – und ihm helfen. Wer singt, kann dabei nicht stehen bleiben.

Denn das Einstimmen in den Gesang der Gemeinde bewirkt ein Mitfühlen eine Sympathie und eine Kraft, aus der neue Aufbrüche entstehen können. Es geht um den Geist, der in gemeinsamem Singen und Beten mir Kraft verleiht.

Kantate: Singt dem Herrn ein neues Lied. Nicht alles, was neu ist, ist gut. Aber alles, was gut sein will, muss sich auch immer wieder erneuern. Wir müssen immer neue Antworten finden auch auf das Leid der Welt und auf die Liebe unseres Gottes.

So wie Eltern immer wieder neu Antworten auf dieselben Fragen finden müssen, weil ihre Kinder sich weiter entwickeln, so müssen wir auf immer neue Glaubensantworten finden, weil wir selber uns entwickeln.

Kantate: wir dürfen singen und dürfen Gott loben. Wir dürfen unsere Trauer und Verzweiflung vor Gott bringen. Wir dürfen uralte Worte und Sätze benutzen und wir dürfen neue Texte und Melodien nehmen.

Nur schweigen geht nicht – und die Gefühle der Mitmenschen zu vernachlässigen auch nicht.

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