Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24-30)

Mt 13,24-30
[24] Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. [25] Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. [26] Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. [27] Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? [28] Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten? [29] Er sprach: Nein! Damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. [30] Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.

[Anmerkung: Die Predigt bezieht sich auf das Bild von Abraham Bloemaert, 1624, Unkraut unter dem Weizen]

Liebe Gemeinde!

Bitte schauen Sie zur Predigt aufs Bild des Deckblattes unserer Konfirmationsgottesdienstordnung.

Es war einer dieser grauslichen Märzsonntage. Eigentlich sollte Frühling sein. Aber es schneite und schneite. Sie hatte ihn in die Kunsthalle gelockt. Statt Sonntagsspaziergang im Grünen Besuch in der Kunsthalle. Sie mag Kunst, er hat nicht so Recht den Zugang dazu gefunden. Bin ich mal vorsichtig, denkt sie. Locke ich ihn erst mal in die Abteilung mit den alten Meistern. Nicht gleich in die Moderne, sonst erschrickt er nur.

Sieh mal, sagt sie. Holländische Renaissancemalerei. Ein Bloemaert. 1624 gemalt. Prächtige Farben, nicht wahr? Das Bild heißt „Vom Unkraut unter dem Weizen“. Ach, sagt er, darauf wäre ich nie gekommen. Ich hätte es eher „Unschuld vom Lande nackt sich rekelnd“ genannt. Sie muss lächeln. Nun ja, in der Renaissancemalerei haben die Künstler schon mal ein wenig verpackt sexuelle Fantasien der Betrachter bedient. Das förderte durchaus die Verkaufbarkeit von Bildern. Siehst, sagt er, ist wie heute beim Sterntitelblatt, Sex sells.

Aber wieso nennt er das Bild so? Sie kennt nicht nur etwas von Kunst, sondern ist auch bibelfester als er. Und erzählt ihm kurz das Gleichnis: Weizenfeld, Unkraut dazwischen, Knechte wollen es ausreißen, der Bauer sagt, lasst es stehen, nicht das wir aus Versehen noch Weizen ausreißen, bis zur Ernte, dann sehen wir, was gut und was nicht gut war und sortieren.

Ah, sagt er, das hat Jesus erzählt? Na, der gehörte ja auch zu diesen Mittelmeervölkern. Typisch. Lass mal abwarten, morgen ist auch noch ein Tag, hat noch Zeit bis zur Ernte, so sind sie, die da unten, und legen sich dann fein in die Sonne, oder in den Schatten. Das hat der Maler ganz gut erfasst, schön faul sich rekeln und auf Morgen warten. Darum wird das auch nichts mit Griechenlandretten.

Ach, sagt sie – und wird ein bisschen böse mit ihm-, Du bist wirklich gefühllos. Bezieh das Bild und das Gleichnis doch mal auf unsere Tochter…Er unterbricht: Na, unsere Tochter ist man gerade 14 und wird im April konfirmiert, ich hoffe nicht, dass sie mit irgendwelchen Jungs schon so nackt in der Landschaft liegt. – Sie lächelt: Och, das kann man nie wissen….aber das meine ich ja gar nicht.

Schau mal, unsere Kleine wächst, wird älter, reifer, erwachsener. Was ist da nicht alles in ihr? An Ärgerlichem und Schönem? Sie ist unordentlich. Sie ist faul mit den Hausaufgaben, jedenfalls mit einigen, sie steht ständig vorm Spiegel, knallt mit den Türen, nörgelt am Essen rum, aber sie hat Dir zum Geburtstag ein wunderschönes Bild gemalt, malen kann sie. Sie kümmert sich liebevoll um die Katze. Sie ist musikalisch, hat Fantasie, ich glaub, sie belügt uns auch selten. Sie glaubt an das Gute im Menschen und interessiert sich, wenn Oma und Opa von früher erzählen. Das ist alles da, Unkraut, Weizen. Und jetzt bloß nicht anfangen auszurupfen. Also ständig an ihr rumnörgeln, weil sie nicht aufräumt. Ihr alles Mögliche verbieten wegen der Hausaufgaben, mit ihr schimpfen, wenn sie wieder mal 1 Stunde das Badezimmer blockiert.

Ja sagt er, so denke ich manchmal auch. Man muss ein bisschen Geduld haben, vieles wächst sich zu Recht. Wenn wir zu früh an ihr rumstutzen, erwischen wir auch das Gute und halten es klein. Oder verderben es sogar.
Weißt Du, sagt er, ich erinnere mich an was, da kannten wir uns noch gar nicht, da war ich erst 15. Und meine Freunde und ich hatten oft dummes Zeug vor. Wir hatten uns mit der Technik der alten Zigarettenautomaten befasst, weißt noch, die mit den Schubladen, und einen Trick entdeckt, die Mechanik zu überlisten, so dass man da mit etwas Geschick 10 Schachteln auf einmal herausholen konnte, ohne den Automaten aufzubrechen. Die haben wir dann selbst verqualmt oder zum halben Preis verkauft. Dann hatten sie uns erwischt. Ich kriegte damals 20 Stunden gemeinnützige Arbeit beim Küster. Mein Vater war überraschend ruhig. Er sagte: Strafe muss sein, Du machst beim Küster noch einen Tag länger, das verlange ich von dir…Und dann sah er mich an und sagte: Loben will ich dich aber auch, weil Du die Mechanik der Dinger so gut begriffen hast. Hast vielleicht Talent auf so etwas. Mach da was draus im Leben, was Ordentliches, Anständiges. Mein Vater riss mir nicht den Kopf ab, ich machte meine Strafarbeit beim Küster, auch den extra Tag und lernte dann ja nach der Schule Maschinenbau.

Sie lächelte…meinst Du immer noch, das ist so eine Mittelmeergeschichte, in der Jesus nur zur Faulheit animieren will? Oder geht’s da nicht eher um Vertrauen, Geduld und Abwarten können?

Ein Bauer hatte ein Weizenfeld, in das sein Feind Unkraut säte. Die Knechte sahen das Unkraut, als die Saat aufging und fragten den Bauern: Sollen wir es ausreißen? Nein, sagte der. Wartet ab. Damit ihr nicht mit dem Unkraut auch den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte, und dann bringen wir das Gute in die Scheune, das Unkraut verbrennen wir. So ist Gottes Reich, Gott lässt beides wachsen, und am Ende zeigt sich schon, was gut ist und was verbrannt gehört.

Die beiden schauen sich nochmal das Bild an, die schlafenden Nackten, den Feind im Hintergrund, der Unkraut sät, und sie denken an ihre unordentliche, träge, musikalische, malerisch begabte Tochter und die Frau sagt: Gott wird den Weizen schon hochkommen lassen. Und etwas Unkraut bleibt immer, denn ein Leben ohne Fehl und Tadel gibt’s nicht.

Er sagt: Schön, dass wir beide heute hier zur Kunsthalle gefahren sind. So gut hätten wir uns niemals miteinander unterhalten, wären wir nach Grömitz ins Kaffee gefahren.

drucken