Vom Segen des Zweifelns

(Den Predigttext Mk 16, 9-14 lese ich vor Beginn der Predigt:)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde! Die Radiopastorin Rosemarie Wagner-Gehlhaar startete vor einigen Jahren eine spannende Interview-Reihe. „Was glauben Sie?“ – diese Frage stellte sie verschiedenen Prominenten. Und sie bekam von ganz unterschiedlichen Menschen Antworten. Das waren nicht nur Politiker, die ja zu jedem Thema etwas zu sagen haben, das waren auch Künstler, Schauspieler und Sportler dabei, von denen man so differenzierte Aussagen zu einem religiösen Thema gar nicht erwartet hätte.
Ich würde Sie, liebe Gemeinde, heute am liebsten auch befragen. Aber nicht zum Thema „Was glauben Sie?“, sondern zur Frage, die der Predigttext nahelegt: „Was glauben Sie nicht?“ Und: „Warum glauben Sie was nicht?“ „Wem glauben Sie am wenigsten?“ Ich werde es Ihnen sagen: Sie glauben nicht jedem Inhalt, manches ist so unwahrscheinlich, dass Sie sehr genau prüfen werden, was man Ihnen erzählt. Sie glauben aber auch nicht jedem oder jeder: Ein Ihnen sehr vertrauter Mensch kann Ihnen durchaus Unmögliches plausibel machen. Und auf der anderen Seite werden Sie einer Autorität mit Fachkompetenz mehr Glauben schenken, als sie vielleicht verdient hat. Und dann gibt es noch solche, bei denen Sie von vornherein davon ausgehen, dass sie ihnen wenn nicht eine glatte Lüge, so doch eine eingefärbte Version von Wahrheit präsentieren.

Ich will Ihnen mal drei Beispiele erzählen. Und Sie geben mir durch energisches Kopfschütteln bzw. –nicken zu verstehen, was Sie davon halten.
1. Das Metereologische Institut München räumt Irrtümer bei den Wetterprognosen für die letzte Märznacht ein. In Schleswig-Holstein zum Beispiel sei es nicht zu dem erwarteten Sommereinbruch gekommen. In Mitteldeutschland dagegen hatten sich die starken bis stürmischen Winde zu orkanartigen Böen entwickelt und verursachten teilweise Schäden an Orten und Gebäuden. Grund für beides sei die nicht vorhersehbare Verschiebung eines Tiefausläufers über der Ostsee gewesen, teilte Dr. Hans-Peter Bolling vom Institut mit.
2. Ein ungewöhnliches Himmelsleuchten schreckte mehrere Einwohner des nördlichen Henstedt-Ulzburgs in der Nacht zum 1. April aus dem Schlaf. Für mehrere Sekunden sei es taghell gewesen, sagten einige, andere sprachen von einem rasch weiterziehenden Lichtstrahl. Eine Rentnergruppe auf dem Heimweg von einem Ehemaligentreffen der Metallbau AG will gesehen haben, dass das Leuchten von unbekannten Flugobjekten herrührte. Eine schlüssige Erklärung für die Phänomene fehle bisher, teilte Polizeisprecherin Iris Medow mit, man habe aber bisher keine Anzeichen einer Landung Außerirdischer in Henstedt-Ulzburg finden können.
3. Auf einer Pressekonferenz zum Thema „Zukunft und Demografie“ äußerte sich der Bundestagsabgeordnete Peter Mühlstein optimistisch. „Die Renten sind sicher“, sagte er und belegte dies mit den neuesten Zahlen des statistischen Bundesamts. Eine private Vorsorge sowie die Aufrechterhaltung der Pflegeversicherung sei darum nicht nötig, so der Abgeordnete, sondern man schade damit im Gegenteil sogar der Volkswirtschaft.

Um es gleich vorweg zu sagen: Alle drei Meldungen sind nichts weiter als verspätete Aprilscherze. Aber vielleicht ist es Ihnen auch so gegangen: Wenn Herr Dr. Hans-Peter Bolling vom Metereologischen Institut in München was sagt, dann ist das etwas anderes, als wenn die leicht angetrunkene Rentnergruppe aus Henstedt-Ulzburg eine Beobachtung meldet. Ein unbekanntes Flugobjekt, kurz UFO, ist deutlich unwahrscheinlicher als die Verschiebung eines Tiefausläufers – obwohl ich auch letzteres in keinster Weise nachprüfen könnte. Und einem Politiker – es tut mir leid, das sagen zu müssen und ich hoffe, dass keiner unter uns ist – einem Politiker zu glauben fällt mir nach der Erfahrung der vergangenen Jahre wirklich schwer.

Nun ist es in unserem Predigttext so: Maria Magdalena kommt zu den Jüngern und erzählt ihnen, dass der gekreuzigte Jesus ihr erschienen sei und mit ihr gesprochen habe. Ich sehe sie ja förmlich vor mir, die Männer-Runde, wie sie die Augen verdrehen und Maria mitleidig erst einmal einen Beruhigungs-Tee anbieten. Maria hat schlechte Karten: Die Botschaft, der Inhalt, ist ungeheuerlich. Noch nie kam jemand von den Toten zurück. Völlig unmöglich. Geht gar nicht. Und dann ist sie auch noch eine Frau. Noch dazu eine, die eine gewisse Vergangenheit mitbringt: Sieben Geister soll Jesus von ihr ausgetrieben haben. Kurz: Die Jünger glauben ihr kein Wort.
Dann kommen da noch Zwei, die erzählen, dass der Auferstandene mit ihnen über Land gegangen sei. Aber sie hätten ihn nicht gleich erkannt, weil er eine andere Gestalt angenommen habe. Und sie überschlagen sich förmlich vor Aufregung und vor Eifer, die beiden. Und ich stell mir vor, dass sie vielleicht etwas jünger sind als die anderen, sie gehören auf jeden Fall nicht zum engsten Kreis. Jesus lebt, aber in anderer Gestalt? „Also, ich bitte euch“, dürfte Thomas, der Ungläubige, gesagt haben, „hört euch doch mal selber zu! Das ist mir zu abgefahren, was ihr da erzählt.“
Schließlich kommt Jesus selbst in ihre Mitte und schimpft ein bisschen mit ihnen, weil sie so stur und arrogant sind. Und an dieser Autorität können die Jungs dann doch nicht vorbei – so wird es Ostern für die Elf, ein bisschen mühsam, aber am Ende doch gut.

Und jetzt kommen wir mit unseren berechtigten und unberechtigten Zweifeln oder auch mit unserer Gutgläubigkeit und Vertrauensseeligkeit. Was glauben wir wem und wenn ja, warum? Wem glauben wir was nicht? Wie halten wir es eigentlich mit der Auferstehung Jeus?

Ich will einige Gedanken dazu mit Ihnen teilen:
1. Die Auferstehung Jesu von den Toten ist eine absolute Ungeheuerlichkeit, das geht medizinisch gar nicht, das ist rein wissenschaftlich betrachtet schlichtweg unmöglich. Ich frage mich, ob uns diese Ungeheuerlichkeit eigentlich noch bewusst ist oder ob wir sie nicht ein bisschen verschlampen, indem wir alle Jahre wieder im österlichen Freudentaumel feiern. Der Inhalt, die Botschaft, ist der Hammer! Und die einzig normale Reaktion darauf ist eigentlich, sich das genau anzugucken, zu forschen, zu fragen, die Quellen zu studieren, sich damit auseinanderzusetzen. Tun wir das eigentlich?
2. Damit bin bei meinem zweiten Punkt: Die Bibel hat für uns Autorität. Was in der Bibel steht, hat für viele von uns ein ähnliches Gewicht wie die Aussage des Herrn Dr. Hans-Peter Bolling vom Metereologischen Institut in München. Darin sind zumindest wir Christenleute uns relativ einig. Die Bibel ist eine geistliche Autorität, an die wir glauben und der wir vertrauen – das hilft uns zu leben und uns zu orientieren. Wir glauben an die Auferstehung Jesu von den Toten, weil die Bibel sie bezeugt.

Aber was machen wir mit Maria Magdalena, mit dem Politiker Peter Mühlstein, den Jüngern von Emmaus und unseren Rentnern aus Henstedt-Ulzburg? Was machen wir mit unseren Zweifeln, mit unserem Misstrauen und unserem Unbehagen gewissen Menschen und Zeitgenossen gegenüber?
Ich behaupte: Es ist okay zu zweifeln. Es ist sogar eine Form des Ernstnehmens, des verantwortlichen Handelns und Denkens. Wer den Glauben ernstnimmt, der gibt auch seinem Zweifel und seinen Fragen Raum. Gott braucht keinen blinden Gehorsam, er hat uns mit Verstand beschenkt und will, dass wir ihn benutzen.

Die Jünger zumindest tun das. Sie zweifeln. Okay, sie machen dabei keine besonders gute Figur, im Bericht des Markus wirken sie misstrauisch und eingebildet. Aber dann passiert, was immer wieder in der Bibel geschieht: Gott erbarmt sich, er lässt sich herab, in diesem Fall zeigt sich ihnen Jesus persönlich, damit sie glauben können. Er meckert zwar ein bisschen, aber im Grunde beweist sein Erscheinen Verständnis und Nachsicht. Er weiß, dass wir manchmal sehen müssen, um zu glauben. Er akzeptiert den Zweifel seiner klugen Menschenkinder. Ostern wird für die Jünger erst, als sie dem Auferstandenen begegnen.

Und das ist der Punkt: Ostern wird erst, wenn uns der Auferstandene begegnet. Und das ist damals wie heute der Hammer! Das kann durchaus passieren – auch heute noch!
Aber Ostererlebnisse hat man nicht dauernd und auch nicht jedes Jahr. Den Jüngern und Maria begegnet er nur ein einziges Mal, die großen Gotteserfahrungen machen wir nicht täglich.
Ostererlebnisse gibt es: Es sind Begegnungen mit Gott an völlig unerwartetem Ort und zu völlig unerwarteter Zeit. Geschenke sind das. Kostbar und selten. Nicht immer leicht vermittelbar, wie auch schon Maria Magdalena feststellen muss. Andere Ostererlebnisse werden in der Rückschau deutlich: Da bin ich doch getragen, begleitet, getröstet worden und habe es gar nicht richtig gemerkt! Die Jünger, die Jesus auf dem Weg begegnen, erzählen davon.
Solche Begegnungen mit dem Auferstandenen gibt es. Es gibt sie nicht oft, nicht dauernd und nicht auf Befehl. Aber wem er einmal begegnet, dem reicht das, um ein Leben lang zu wissen: Jesus lebt. Und er begleitet mich, auch wenn ich ihn nicht sehe. Er schützt und stärkt und segnet mich, wo immer ich bin und durch alle Zweifel hindurch. Am Ende wendet sich der Auferstandene auch den Zweiflern zu und holt sie dort ab, wo sie sind. Ich bin guter Dinge, dass er auch uns begegnen will – im Glauben und im Zweifeln.

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