Geschlossene Gesellschaft

Das alte Lied, Ostern, Ostern Frühlingswehen passte ja diesmal überhaupt nicht. Uns in der Kirche war es nur recht . Da ging das Osterfest nicht unter in Frühjahrsromantik und Eröffnung der Grillsaison. Ist doch mal gut, wenn sich mancher fragt: Was bleibt eigentlich noch von Ostern, wenn alles, was sonst dazu gehört, witterungsbedingt ausfällt oder verschoben wird. Manche Osterfeuer sind abgesagt. Nicht aber die Ostergottesdienste. Und so wird vielleicht mancher darauf aufmerksam, was unverzichtbar dieses Fest ausmacht, weshalb es überhaupt gefeiert wird: Der Herr ist auferstanden.

Gerechnet hatte damit niemand, nicht mal die engsten Freunde. Versetzen wir uns zurück, wie die Lage damals war….

Leise! Hört ihr es auch? Da draußen sind doch Schritte. Jetzt werden sie langsa-mer. Wir müssen ganz still sein! Jakob, schleich dich zur Tür. Prüf noch mal, ob sie fest zu ist.

Es klopft! Es ist aus! Sie holen uns auch. Ich wusste es! Die Flucht hat nichts genutzt! Hätten wir uns doch zu ihm bekannt!
Hallo, ihr da drinnen! Ich bin es, Andreas!

Puh, das war knapp! Lass ihn rein. Und mach die Tür dann ganz leise zu. Und verschließ sie dann ganz sicher. Beide Riegel!

Na, ihr Lieben! Thaddäus, du kannst wieder hinter der Tür hervor kommen. Die Römer hätten dich eh sofort gefunden. Fühlt ihr euch nicht gut? Ihr seht ja alle ganz blass aus! Ihr hättet ein Schild an die Tür machen sollen: Kein Zutritt! Geschlossene Gesellschaft.

Ja, spotte du nur. Du weißt genau, warum wir uns verstecken müssen.

Ja, das weiß ich. Und es ist keineswegs nur Vorsicht. Ich frage mich: Ist es die Angst, die euer Herz so wild hämmern lässt. Oder liegt es am schlechten Gewissen? Was meinst du Petrus?

Na ja, also… Ich verstehe deine Kritik, lieber Bruder. Aber du urteilst zu streng mit uns. Wir haben uns nichts vorzuwerfen, also wenn man es im großen Zusammenhang sieht. Es geht schließlich um unsere Organisation.

Soso, dich bewegte also die Sorge um unser aller Zukunft, als du ihn verleugnet hast, bevor der Hahn krähte.

Okay, ich geb zu, da hatte ich einfach Panik, ich wusste kaum was ich sagte. Die Worte sind mir so rausgerutscht. Aber das war vor vier Tagen. Wir müssen ans Heute denken. Jetzt müssen wir zusammen halten. Wir müssen darauf achten, dass unser Verband keinen Schaden nimmt. Ich verstehe, euer aller Osterfreude ist getrübt. Die Ereignisse der letzten Tage werfen einen Schatten auf das Fest. Aber danach muss wieder Ruhe einkehren, was sage ich, wird wieder Ruhe einkehren. Und dann sollten wir uns nach außen hin geschlossen präsentieren.

Ist schon jemand von euch am Grab gewesen?

Wir haben mehrheitlich beschlossen, davon vorerst Abstand zu nehmen. Es ist sicherer so.

Aber ihr wart doch die ganze Zeit mit ihm zusammen! Ihr wart miteinander für unsere Sache aktiv, hattet Tischgemeinschaft. Jetzt ist er fort, und ihr geht zur Tagesordnung über!
Urteile nicht so streng. Wir werden natürlich das Andenken Jesu in Ehren halten. Er hat uns schließlich angeleitet und geprägt. Wenn sich die Lage wieder beruhigt hat, können wir vielleicht eine Chronik seines Wirkens heraus geben. Das sind wir ihm wohl schuldig.

Dann hat euch die Nachricht von dem leeren Grab noch gar nicht erreicht?

Doch, doch, es gab da Gerüchte. Aber sie scheinen uns nicht glaubhaft. Erstens sind es nur Frauen, die das gesehen haben wollen. Da sind wohl mehr Gefühle als Fakten. Was sie gesehen haben wollen, vermutlich Wunschdenken. Wir bezweifeln, dass sie überhaupt zum Grab gelangen konnten. Es ist doch alles abgesperrt und streng bewacht.

Mir erschienen die Berichte sehr glaubhaft. Damit bekäme sein Tod am Kreuz einen ganz neuen Sinn. Ein Opfer für die Sünden der Welt.

Ich wiederhole, die Faktenlage ist zu dünn. Ich halte es für erforderlich, dass ein von uns beauftragter Sprecher offiziell gegen diese unsinnigen Gerüchte Stellung bezieht. Wie wäre es, wenn du eine öffentliche Erklärung abgibst. Wir halten uns solange weiter verborgen und warten die Reaktion darauf ab. Wir müssen jetzt geschlossen auftreten.

Geschlossen, ich habe verstanden. Aber das werde ich nicht tun. Er hat doch alles vorausgesagt, den Verrat, die Verhaftung, den Tod. Wie wenn ein großer Plan dahinter steht. Wenn er wirklich auferstanden ist, dann macht das alles auf einmal Sinn.

Still, da ist jemand im Raum nebenan. Wie kann das sein? Da ist doch gar kein Ausgang. Das gibt’s es nicht! Ich fass es nicht. Verzeih mir. Verzeiht mir alle. Du bist es. Ich schäm mich so. Ich freu mich so…

Liebe Gemeinde, „geschlossen“ das ist für mich die treffendste Beschreibung für die Lage vor Ostern. Geschlossen wie die Karussells der Osterwiese am Karfrei-tag. Geschlossen wie das Grab auf dem Friedhof nahe Golgatha. Fest verschlos-sen mit einem Megastein und noch dazu amtlich versiegelt. Geschlossene Gesell-schaft im Versteck der elf restlichen Getreuen oder vielmehr Ungetreuen in österlicher Frühe.
Aber er hält sich nicht daran. Jesus lässt alles hinter sich: Das Naturgesetz, den Tod, die Hüter der Tradition, die Mächte der Finsternis. Er sprengt die Fesseln des Bösen, der Schuld, der Zeit, er reißt sie von sich wie einst Simson die Stricke der Philister. Er schreibt Geschichte neu. Menschengeschichte, Heilsgeschichte, Kirchengeschichte.

Er öffnet eine neue Welt. Den Himmel öffnet er für uns. Der Himmel muss nicht mehr vermittelt werden durch Opfer, durch priesterliche Mittelsmänner, durch moralische oder religiöse Anstrengungen. Jesus bahnt uns den Weg dahin und ignoriert dabei souverän die Beschilderung, die jede einzelne Religion für den einzig wahren Weg dahin aufgestellt hat. Er weiß, wie es dahin geht, denn von dort kam er ja.

Jesus lebt! Wunderbar! Ja, aber für die Seinen ist diese gute Nachricht erst mal eine Schrecksekunde. Schockstarre.
Da tritt er mitten unter sie, grüßt sie freundlich, schon das irritierend nach dem letzten Zusammensein, wo sie sich verkrümelt hatten. „Friede sei mit euch!“ Keine Reaktion. Entsetzen. Die sind wie gelähmt.

„Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite.“ Typisch Jesus. Worte und Taten. Und dann löst sich die Verkrampfung. Sie jubeln, fallen ihm um den Hals, einander in die Arme. Man hört die Freudenrufe bis hinaus auf die Straße. Aber da hat niemand mehr Angst, ob die Stasi das mitbekommt und weiterleitet. Jesus hat die geschlossenen Türen durchschritten. Jetzt brauchen sie diesen Schutz nicht mehr.

Und wir? Erscheinen wir den Außenstehenden als ein Club der Eingeweihten, als geschlossene Gesellschaft? Bei Nordloh hängt es manchmal, dieses Schild. Ist schon okay, dann steht ein Fest an mit vielen Gästen. Küche und Bedienung sind damit voll ausgelastet. Die Tür ist zwar offen, aber du wirst dich nicht einfach so rein trauen. Du musst eine Einladung haben. Oder du gehörst zum engsten Kreis der gastgebenden Familie, dann geht es auch ohne Einladung. Meist waltet ein Dresscode. Dein Outfit sollte stimmen. Sonst fällst du unangenehm auf.

Jesus ignoriert all das souverän. Am Ostermorgen übertritt er die Friedhofsord-nung. Die Öffnungszeiten sind ihm schnuppe. Als die Frauen ans Grab kommen, ist es schon leer. Er hält sich an keine Regeln. Auf dem Friedhof, da liegen die Verstorbenen in den Gräbern. Tot bleibt tot. Selbst das gilt nicht mehr. Aber da hat er ja auch nichts mehr verloren. Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Da ist er nicht mehr.

Er ist unterwegs zu den Seinen. Die sich versammelt haben. Die da beten, singen, sich vertieft haben in die heilige Schrift. Und das ist ja gut. Sie tun ja das richtige. Aber: sie sind erfüllt von Furcht: „Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden.“ Statt Glaube, Hoffnung und Gottvertrauen walten Kleinmut und Vorsicht..

Bis heute. Vor vier Wochen war Kirchenkreis-Klausur in Kloster Frenswegen. Einmal im Jahr werden die Geistlichen und Diakone samt Kirchenkreiskantor eingenordet, äh fortgebildet. Frenswegen liegt dicht an der holländischen Grenze. Am Dienstagnachmittag hatten wir Ausgang. Also ab in die nächstgelegene Stadt, das ist Nordhorn. Zur Shopping Tour oder Kulturprogramm, je nach Vorliebe. Im Zentrum, leicht erhöht, gut sichtbar, steht die reformierte Kirche. Eiserne Türen. Die sind zu. Um den Kirchhof ein Zaun, auch eisern. Keine Chance, wenigstens von außen dem Kirchengebäude nahe zu kommen. Vor der verrammelten Pforte hatte ein Witzbold oder wer auch immer etwas liegen lassen. Nicht etwa eine Bierflasche. Es war eine Lutherbibel.

Doppelt gesichert. So schützen sich viele Kirchen. Mit lateinischer Liturgie und Beamtenrecht. Strenge Küster oder Presbyter, die sofort einschreiten, wenn ein Konfirmand in der falschen Bank Platz nimmt oder ein argloser Hochzeitsgast die Braut fotografieren möchte.

Auch manche Sparmaßnahmen sind der Furcht geschuldet. Bei einem Treffen von Mitarbeitern der Besuchsdienste verschiedener Gemeinden in Neustadt am Rübenberge lag der Gemeindebrief der Nachbarkirche aus. Dort muss man sich im Winter warm anziehen. Ich zitiere:
Auch in diesem Winter lädt die Liebfrauen-Kirchengemeinde wieder zur Winterkirche ein. Das hat der Kirchenvorstand beschlossen. Die Gottesdienste im Januar und Februar sollen in unserer schönen Kirche stattfinden, die dann aber nicht als Ganzes geheizt sein wird. Um Heizkosten zu sparen, wird nur die Bankheizung angeschaltet. Wolldecken und Wärmflaschen werden den Besuchern angeboten. Die Gottesdienste sollen dann auch etwas kürzer gestaltet sein, eine Lesung weniger, die Predigt konzentrierter, so dass ein Gottesdienst dann etwa 40 Minuten dauert.“
Man darf gespannt sein, ob trotz der Witterung an Ostern die Wärmflaschen im Schrank geblieben sind.

Ausdrücklich wird da bekundet, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem Sparen an der Heizung und an der Verkündigung. Es ist immer eine Frage von Furcht oder Hoffnung. Von Gottvertrauen oder Vorsicht. Trauen wir dem Herrn der Kirche zu, dass er uns versorgt mit allem Nötigen? Dass er seine Engel um sein Haus stellt? Dann können wir es offen lassen. Dann können wir die freund-lich einladen, die nicht wissen, wie man sich hier benimmt. Und müssen nicht herablassend schauen, wenn sie beim Vaterunser oder Glaubensbekenntnis stecken bleiben.

Die Furcht führt dazu, dass wir unter uns bleiben und uns einigeln. Die Freude über die Auferweckung des Herrn führt dazu, dass wir hinausgehen und alle einladen, die noch so leben, als wäre Christus im Grab geblieben.

Was sagte er noch mal? „Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“

Ja, himmlischer Vater! Das ist unser Wunsch zum Fest. Nimm von uns alle falsche Furcht und mach, dass die Osterfreude uns antreibt. In Jesu Namen. Amen.

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