Erlösung?!

Liebe Schwestern und Brüder,

Der Tod kann auch Erlösung sein. Wenn Menschen nach einer langen und schweren Krankheit endlich sterben dürfen, dann sprechen wir davon. Schon oft haben Menschen das zu mir gesagt, wenn wir zusammmen gesessen sind und über die letzten Jahre, Monate, Tage des Menschen gesprochen haben, der gerade gestorben war. Am Ende eines Leidensweges ist der Tod Erlösung.

Das wird durchaus auch von den Menschen selbst so empfunden, welche das schwere Schicksal zu tragen haben. Nur zu gut habe ich noch die verzweifelten Rufe meiner Oma im Ohr. Im Nebenzimmer hat sie gewohnt, wenn sie bei uns zu Besuch gekommen ist. Ihre Gelenke waren alle von der Arthritis gekrümmt, der Körper abgemagert und geschunden. „Bitte, lieber Gott, lass mich sterben!“ hat sie in die Nacht gerufen – und noch viele Jahre lang ihr Schicksal ertragen müssen, bis er gekommen ist, der erlösende Tod.

Auch Jesu letzte Stunden sind geprägt von Leiden und Schmerzen. Nach seiner Verhaftung hat Jesus einen echten Horrortrip erlebt. Verraten durch einen seiner engsten Vertrauten wird er in einem Schauprozess zum Tod verurteilt. Als ob das fatale Urteil „Tod am Kreuz“ nicht schon genug gewesen wäre, kamen noch die Qualen der Folterungen durch die römischen Soldaten dazu. Jesu wurde gepeitscht, geschlagen, getreten. Als sie merken, dass sein Körper keine weiteren Schläge mehr ertragen kann, kommt dann die nächste Stufe der Folterung: Der beißende Spott und die erniedrigende Verhöhnung von vielen verschiedenen Seiten! Und genau an dieser Stelle steigt unser Predigtwort ein.

Zuerst sind noch die Soldaten am Werk. Der geschundene Jesus, gekrönt mit einer Krone aus Dornen, wird wie ein Stück Vieh durch die Straßen getrieben, sein eigenes Kreuz schleppend. Als Henkerstrank geben sie ihm Wein mit Galle vermischt, ein bitterer, höhnischer Trank. Sie nehmen Jesus seine Kleider weg, nackt muss er sein Schicksal ertragen.

Die Schaulustigen und Passanten genießen das Schauspiel. Sie machen sich lustig über ihn: „Rette dich selbst, wenn du wirklich Gottes Sohn bist!“ Und ich kann das Gejohle der Menschen fast hören, mit dem sie auf die Aufforderungen reagieren.

Da will auch die religiöse Elite des Landes nicht nachstehen und springt voller Freude auf den Zug der Schmähungen auf. Es reicht ihnen nicht, dass ihr Ziel erreicht und der Störenfried beseitigt ist. „Steig doch vom Kreuz herab, dann glauben wir dir, dass du Gottes Sohn bist!“

Und sogar die beiden Verbrecher, die gemeinsam mit Jesus dieses schrecklichen Tod erleiden müssen, stoßen ins selbe Horn.

Als Jesus auf diese Ereignisse reagiert und seine ganze Verzweiflung und seine ganzen Schmerz herausschreit – Mein Gott, mein Gott, zu welchem Ziel hast du mich verlassen! – da kommt noch einmal Stimmung auf: „Er ruft nach Elia – mal sehen ob der kommt und ihn rettet!“

Es ist der letzte Spott, den Jesus hören muss, die letzte Erniedrigung, die er erdulden muss. Noch einmal schreit er auf, ein allerletztes Mal – und stirbt.

Obwohl so viele Menschen die Szene seiner Hinrichtung bevölkern, ist es auch ein sehr einsamer Tod. Wo sind die Menschen, denen er geholfen hat? Wo die Jünger, seine Freunde und Gönner? Wo sind die Menschen, die Geheilten, die zum Leben erweckten, die Gesättigten, die in das Leben Zurückgeführten? Jesus erlebt in seinen letzten Stunden nicht nur körperliche Schmerzen und Spott und Hohn. Sondern er erlebt auch die Einsamkeit, das Gefühl, von Gott und der Welt verlassen zu sein. Da kommt der Tod als Erlösung.

Und er kommt gnädig schnell, sein Tod. Denn das Sterben am Kreuz ist eine langsame, grausame und besonders menschenverachtende Hinrichtungsmethode, die sich manchmal über mehrere Tage hingezogen hat. Bei Jesus kommt der erlösende Tod schon nach wenigen Stunden.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesu Schicksal ist kein Einzelschicksal. Tausende und abertausende von Menschen haben ähnliches, viele wahrscheinlich sogar schlimmeres erlebt und erlitten als er. Und das sinnlose Sterben geht weiter, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Und selbst bei jenen, die alt und lebenssatt sterben durften bleibt der Tod das endgültige Ende. Der Tod eine Erlösung? Wie kommen wir zu dieser Aussage? Mit dem Tod ist doch alles aus und vorbei!

Jesus stirbt am Kreuz. Aber Matthäus hört mit seiner Schilderung hier nicht auf. Und was jetzt passiert, dass ist beeindruckend. So beeindruckend, dass der römische Hauptmann erkennt: „Er war wirklich Gottes Sohn!“

Der Vorhang im Tempel, der den Übergang zum Allerheiligsten kennzeichnete, den Ort, an den Gott selbst anwesend sein soll, dieser Vorhang zerreißt von oben bis unten in zwei Teile. Die Trennung zwischen Gott und den Menschen wird beseitigt, weggenommen, der Weg zu Gott frei. Durch sein Leiden, durch sein Sterben, durch seinen Weg ans Kreuz hat Jesus diesen Weg frei gemacht.

Die Erde bebt und Gräber öffnen sich. Der Tod hat seinen Schrecken verloren! Er ist nicht mehr Endstation auf unserem Lebensweg, sondern nur Etappenziel. Durch sein Leiden und Sterben hat Jesus dem Tod die Macht genommen und uns das ewige Leben erkauft.

Liebe Schwestern und Brüder, der Tod Jesu ist Erlösung. Aber nicht in erster Linie für ihn, als Ende seines Leidensweges. Sondern für uns und für die ganze Welt. Denn er hat uns, durch seinen Tod, erlöst von Sünde und Tod zum ewigen Leben.

Amen.

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