Osterfreude

Predigt Johannes 20, 11 – 18
Liebe Festgemeinde,
bevor ich den für heute vorgesehenen Osterbericht des Johannes lese, sollten wir noch einmal zurück denken. Unser Blick auf das Ostergeschehen ist immer schon vom Glauben an die Auferstehung geprägt. Das verstellt uns leicht den Blick für die Dramatik der geschilderten Ereignisse. Osterfreude und Osterlachen erreichen mich nur, wenn ich vorher auch die Tiefe der Verzweiflung wahrgenommen habe.
Ich versuche, mich in die Lage der Jünger zu versetzen. Jesus ist hingerichtet. Die Hohenpriester und die Römer triumphieren. Der Unruhestifter, der selbsternannte Gottessohn ist beseitigt. Es herrscht wieder römischer Frieden im Land. Ängstlich haben sich die Jünger versteckt. Beschämt beweint Petrus seine Schwäche.
Nun einige der Frauen wagen sich heraus. Sie wollen nun die Arbeiten am Leichnam nachholen, die der hereinbrechende Sabbat nicht mehr zuließ. Das Kopftuch tief ins Gesicht gezogen, schleichen sie mit hängendem Kopf zum Grab. Alle Hoffnung ist verloren. Hier ist nichts gut. Hier ist nur noch Trauer.
An dieser Stelle setzt der Predigttext ein. Ich lese aus dem 20. Kapitel des Johannesevangeliums:
„Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.“
So, liebe Gemeinde, kann man von Ostern erzählen: Eine trauernde Frau begegnet dem Auferstandenen. Die eigentliche Auferstehung ist so unfassbar, dass sie an keiner Stelle beschrieben wird. Die Engel, die Boten Gottes wirken in der der Erzählung des Johannes überflüssig. Sie helfen Maria nur, ihre Trauer auszusprechen. Fassungslos drückt sie aus, dass ihr auch noch das letzte genommen wurde, die Pflege des Leichnams. Geschickt wird so der folgende Dialog mit Jesus vorbereitet: Bist du etwas der Mann, der meinen Herrn weggetragen hat?
Nicht einmal die engsten Freundinnen und Freunde haben Jesus nach der Auferstehung erkannt. Maria nicht, die Emmausjünger nicht.
Ihnen geht es wie einem bekannten Schweizer Kollegen: Die Emmentaler sind ja bekannt dafür, dass sie Feste richtig feiern können, besonders Hochzeiten. So kam es, dass ein Pfarrer und sein Küster auf einer Hochzeit zuviel vom guten Wein angeboten bekamen und nach der Feier im Straßengraben landeten. Nach einiger Zeit lallt der Küster: "Hochwürden, glauben Sie an die Auferstehung?" "Für die nächsten drei Stunden bestimmt nicht", tönt es zurück.
Maria hält den auferstandenen Jesus für den Gärtner. Ich sehe ihn im grünen Overall vor mir. Problemlos verschmilzt er mit dem Hintergrund des Gartens um die Grabanlage. Bei Reinhard Mey ist der Gärtner immer der Mörder; in der Bibel wird der Ermordete zum Gärtner. Auch er fragt nach der Trauer Marias. Warum weinst du? Jesus kann die Trauer ertragen, also nicht „Wein doch nicht!“ oder „ Es wird alles gut“. Jesus fragt, Warum weinst du? und lässt damit all die verzweifelten Gefühle seiner Freunde zu. So wird Heilung möglich.
Das, was uns so selbstverständlich ist, muss erst in Worte gefasst werden. Nur dann kann Trauer wirklich durchbrochen werden. Und Maria antwortet. Jesus fehlt! Und wenn der Gärtner ihn weggetragen hat, dann soll er ihn wieder heraus geben. Fast ein wenig störrisch wirkt sie da, beginnt sich selber gegen die Trauer zu wehren. Nicht das Schönreden, sondern das gemeinsame Aushalten der Schmerzen öffnet neue Wege.
Erst als Jesus Maria mit Namen anspricht, erkennt sie ihn. Liebevoll gibt Johannes diesen Teil des Gesprächs in aramäischer Sprache wieder. So wie Jesus und Maria sich unterhalten haben dürften. Diese beiden standen sich, so spüren wir in der Erzählung, besonders nah. Und dennoch muss Jesus sich deutlich zu erkennen geben. Diese Beziehung zwischen Jesus und Maria und Magdala ist später immer weiter ausgeschmückt worden.
Sicher ist sie wohl seine Seelengefährtin gewesen, eine besonders vertraute Schülerin. Sie, die Frau von zweifelhafter Herkunft, wird zur ersten Zeugin. Ihre Liebe zu Jesus trägt über den Tod hinaus. Trotz der Eifersucht der Jünger, trotz der männerbezogenen Rechtsprechung der Antike haben die Evangelisten das bewahrt. Kein Mensch ist Jesus näher gekommen als Maria; wie aber diese Nähe aussah, das ist verschlossen und privat. Es geht uns nichts an. Sie ist die erste Zeugin der Auferstehung. Ihr treuer Weg zum Grab brachte uns die erste Kunde von der Auferstehung. Ihr Wort ist das Ur-Evangelium. Ihre Liebe ist der Anfang und darum geht uns die Beziehung bis heute etwas an.
Das hat sicher einen tieferen Grund als in der Geschichte vom Religionslehrer. Als er im Unterricht bei der Auferstehung ankam, fragte er: "Wer kann mir sagen, warum Jesus nach der Auferstehung zuerst den Frauen erschien und nicht den Männern?" Der kleine Paul meldet sich: "Das ist doch klar – damit die Nachricht schnellstens bekannt wurde."
Nach antikem Recht zählte das Zeugnis der Frau gar nichts und die frühen Christen hätten allen Grund gehabt, die Erzählungen anders festzuhalten. Für die Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit wäre es besser gewesen, Petrus und die anderen Jünger wären die ersten gewesen. Nicht umsonst sind keine Frauen in die Jüngerlisten aufgenommen worden, obwohl sie doch immer dabei waren, wenn Jesus sprach. Umso gewichtiger das Zeugnis der ersten Stunde. Die Frauen am Grab.
Ich mag diesen Auferstehungsbericht sehr. Er hilft mir, den Auferstandenen heute zu finden. Das Bild vom Gärtner in Jerusalem lässt mich genauer hinsehen, wenn mir all die anderen Gärtner in Gottes Garten begegnen und die ganze Tiefe der Osterbotschaft entschlüsseln. Da geht es mir oft wie einem Kollegen, der nach einem längeren Gespräch seinem Gemeindeglied sagte: „Mein Sohn ich fürchte wir werden uns nie im Himmel begegnen…" "Nanu, Herr Pfarrer, was haben sie denn ausgefressen?…", so die Antwort des Gärtners, voller Glauben an die Vergebung der vom Pfarrer kritisierten Vergehen.
Die alte Tradition des Osterlachens ist, so finde ich, ein guter Weg, um den Glauben an das Unvorstellbare auszusagen.
Seit Ostern dürfen wir lachen. Lachen über den Tod und auch Lachen über all die Schuld, die uns voneinander trennt.
Ostern dürfen wir Lachen über die Furcht vor dem Sterben. Gott hat den Tod überwunden, der Teufel hat ausgespielt, auch wenn manche das nur schwer annehmen können:
Markus und Peter haben Nüsse geklaut. Um nicht entdeckt zu werden, schleichen sie sich in die gerade offen stehende Leichenhalle, um sie zu teilen. Vor der Tür verlieren sie noch zwei ihrer Nüsse. In der Halle dann: „Eine für dich, eine für mich, eine für dich, eine für mich“, murmeln sie. Der Küster kommt vorbei und hört ihre Stimmen. Ihm sträuben sich die Haare. Er läuft zum Pfarrer: „Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, in der Leichenhalle spukt es. Da handelt Gott mit dem Teufel die Seelen aus.“ Der Pfarrer schüttelt nur den Kopf und geht mit dem Küster leise zur Leichenhalle. „Eine für dich, eine für mich“ tönt es weiter von drinnen, „eine für Dich, eine für mich“. „So, das sind jetzt alle. Nun holen wir uns noch die beiden vor der Tür!“
Seit Maria im Gärtner ihren Meister wieder erkannt hat, dürfen wir über solche Geschichten herzhaft lachen. Es gibt für den Teufel nichts mehr zu handeln. Am Kreuz ist alle Schuld von uns genommen. Wir werden mit Jesus auferstehen.
Auf dem Weg zum Galgen soll Dietrich Bonhoeffer gesagt haben: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ So klingt Ostern. Das lassen Sie uns heute fröhlich feiern! Amen.
Thomas Gleitz

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