Alles andere als ein Tagtraum

Wie so oft in den letzten Wochen nahm sie die gleichen Wege, die sie mit ihm in der gemeinsamen Zeit über Jahre hinweg so oft gegangen ist. Jeder Stein, jeder Strauch, jeder Baum erzählte von ihm, atmete gemeinsame Geschichten und Erinnerungen. Ihr Herz war unsagbar schwer, Tränen standen wie so oft in den Augen, sie atmete tief und heftig und sagte sich, dass das Leben jetzt endlich weitergehen müsse. Mit einem Mal aber hielt sie inne, schaute angestrengt in die nahe Ferne: dieser Gang kam ihr so vertraut vor, die Statur, die Haare…
Ihr Herz wurde unruhig, schneller schlug es, sie beschleunigte ihre Schritte: sollte es wahr sein, sollte es möglich sein, dass…?
Sie hatte ihn eingeholt, berührte ihn eben an der Schulter, wollte gerade unbeschreiblich froh seinen Namen aussprechen, als er sich schon umwandte und sie …. in ein fremdes Gesicht schaute.
Da hatten ihr ihre Sinne wieder einmal einen Streich gespielt – wie so oft in der zurückliegenden Zeit. Wann begreift sie es endlich: er ist tot, sie muss allein mit der Zeit und dem Leben zurecht kommen, selbst wenn sie es sich gemeinsam so ganz anders für die letzten Jahre ausgemalt hatten.
Solche Geschichten, liebe Gemeinde kennen wir. Die Gräber sind real, unsere Erinnerungen schmerzen, unsere Hoffnungen erweisen sich als trügerisch und erscheinen am Ende als Tagträume.
Wer einmal oder zweimal sich der Illusion hingegeben hat, es könnte alles nur ein Traum gewesen sein, aus dem man doch endlich aufwachen müsste, ist am Ende kuriert. Diese Tränen wischt keiner ab, die Nächsten wenden sich irgendwann hilflos ab, wenn man seine eigene Trauer nicht in angemessener Zeit in den Griff bekommt.
Wenn sie doch nur auf ihre eigene Stimme hören könnte: hör auf, die falsche Hoffnungen zu machen, das Leben muss weitergehen, es hat doch keinen Sinn!
Wie oft habe ich das schon gehört und glaube es mittlerweile ja selbst.
Vielleicht braucht Maria aus Magdala noch ein wenig Zeit, es ist ja noch alles ganz frisch, aber dann…
So hätte ihre Geschichte eigentlich erzählt werden müssen, wenn sie geschehen wäre, wie es uns unsere Erfahrung lehrt.
Wer genau hinschaut, wer genau hinhört, spürt das noch.
Denn da gibt es die Geschichte, wie wir sie aus unserem Leben kennen.
Und da gibt es das unglaubliche Wunder, das wir Ostern für Ostern bekennen mit dem Ursprung aller christlichen Glaubensbekenntnisse: der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja !
Maria war noch immer am Grab, ihr Herz war voller Erinnerungen, voller Schmerzen, voller Trauer. Nicht nur, dass Jesus, der Freund, der Geliebte ( das gibt es auch jenseits aller kitschigen Romantik), die personifizierte Hoffnung so vieler, gewaltsam aus diesem Leben gerissen wurde, was mit anzuschauen schon kaum auszuhalten war, jetzt war auch noch sein Grab leer.
Leichenraub und -schänderei…. Wer tut so etwas?
Das war nun einmal die nahe liegendste Schlussfolgerung, mit der sie zuvor zu den anderen Jüngern geeilt war, und die dann ihre Entdeckung bestätigen mussten: das Grab ist leer und keine Spur, keinen Hinweis auf das, was da geschehen sein könnte.
Der Tod ist schon zu grausam, aber keinen Ort zu kennen, wo man seine Toten zur letzten Ruhe gelegt hat und wohin man mit seinen Erinnerungen, seinen Gedanken und den unausgesprochenen Worten immer wieder zurückkehren kann, ist doppelt grausam.
Wer wollte Maria tadeln in dieser menschlichsten aller Situationen?
Er ist ihr ein zweites Mal, noch viel grausamer als zuvor, gestorben.
Ihr ging es wie all denen vor ihr und nach ihr, die nie erfuhren, wie ihre Kinder starben und wo man sie vergraben, oft nicht einmal bestattet hat, weil der Krieg über sie und ihre Trauer rührungslos hinweg- und weiterzog. Welchen Trost der Seelenschmerzen kann es bedeuten, nach Jahren und Jahrzehnten wenigstens eine Ruhestätte zu kennen, wo der Sohn, der Mann, der Vater begraben liegt.
Ostern ist so unbegreiflich, dass Maria auch nach der Begegnung mit den Engeln das Unfassbare nicht einmal zu denken wagt: Auferstehung der Toten ( ich sage wohlgemerkt nicht , wie ich es manchmal gutgemeint höre, „Wiederauferstehung“, denn wozu sollten wir „wieder“ auferstehen, wenn nicht dann zum erneuten Tode).
Nein Auferstehung denkt und glaubt Maria nicht…
Ich gönnte es ihr von Herzen, dass der Gruß der Engel sie wenigstens unmittelbar berühre und tröste, denn er gilt jetzt und hier ihr, der Frau, der allein die Engel im Grab sichtbar und hörbar waren, nicht den Jüngern, die das Grab dunkel und leer fanden: “Frau, was weinst du ?“
Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Frage nicht der Herzenstraurigkeit galt, sondern bloß eine Floskel gewesen sein könnte.
Maria könnte jetzt anfangen zu erzählen, ihr Herz auszuschütten, die letzten Tränen zu vergießen, die sie noch hatte, und es wäre gut und richtig, vielleicht sogar heilsam gewesen.
Dann wären die Boten ihr noch ganz anders wahrhaft Engel, Abgesandte und Verheißung Gottes geworden. Aber vielleicht brauchte es das auch nicht, weil die Frage an sich schon alles Verstehen aufscheinen und anklingen ließ: Gott weiß und Gott sieht, ehe ein Herz es ausspricht. Das ist schon ganzer Trost des Glaubens!
Und so erklären die Engel auch nichts, lassen die Frage und den Satz der Trauer: „sie haben mir meinen Herrn genommen“ im Raum stehen.
Weiter kann Maria in diesem Augenblick auch nicht denken, ja selbst Tagträume, in denen der Verlorene vor ihr hergeht, ihr begegnet , um sie herum ist, sind ihr fremd und fern.
Und doch ist da jemand bei ihr und um sie, unbestreitbar.
Aber wer hat denn das schon erlebt, dass es am Ende dann wirklich der wahrhaft verloren Gegangene ist? Das Totgeglaubte zurückkehren ist schon unfassbar, wenn man sich mit dem Gedanken an den Tod endlich abgefunden und mit dem Warten aufgehört hatte. Das Tote zurückkehren ist undenkbar.
Und so wendet sich Maria um, vielleicht weil sie eben spürt, dass da jemand steht, vielleicht weil sie immer noch empfänglich ist für jedwede verständnisvolle Nähe, die man ihr entgegenbringen kann. Sie möchte doch nur erzählen und ihr Herz erleichtern können.
Hat doch einer etwas gesehen und bemerkt, ist er, der Gärtner dieser eine, in dem sie bis jetzt den EINEN noch nicht zu erkennen vermag?
Denn Ostern, noch einmal, ist nicht Wiederauferstehung, simple Rückkehr ins Leben von dem, der eben noch im Grab zur Ruhe gebettet lag. „Es ist noch keiner zurückgekehrt“ sagen viele und auch Christen wagen nur selten dann vom Auferstandenen zu reden. Weil das eine nicht zugleich auch das andere ist, selbst wenn das Grab leer war und leer blieb, wie die Evangelien nezuegen und nicht widerlegt werden konnten, von denen die nicht glauben wollten.
Maria konnte ihn nicht erkennen, weil er nicht einfach in das Leben vor dem Tod zurückgekehrt war, sondern in ein Leben verwandelt wurde, dass den Tod nicht noch einmal vor sich, sondern ein für alle mal hinter sich hat.
Erst als er Maria mit Namen anspricht, als sie den Klang hört, der ihr so vertraut geworden ist in der Art, wie er unverkennbar sie anruft, begreift sie mit dem Herzen und dann mit den Augen, welches Wunder geschehen, welche Hoffnung sich ein für alle Mal jetzt erfüllt hat.
„Verwandelt zu einem Leben, das den Tod ein für alle Mal hinter sich hat“
Wer es glaubt, wird selig…
Mancher mag das spöttisch meinen. Ich meine es wörtlich!
Denn auch ich kenne schließlich diese Erfahrung beim Namen gerufen zu sein: jeder hat bei Gott seinen Namen und ER spricht uns an, das Herz spürt es, das Herz berührt es, und ich beginne zu sehen und zu glauben: der HERR ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
Auch ich darf einstimmen: HERR, MEISTER, LEHRER
Und der Tod wird zwar damit nicht weniger real, weniger grausam, ich bin nicht weniger traurig, wo ich mit ihm leben muss, aber ich bin nicht mehr untröstlich. Ich kann den Todesmächten anders entgegentreten, sie anders bewältigen, weil sie keine letzte Macht mehr haben. Ostern sind sie zum Spott geworden, sie halten mein Herz nur noch für einen kurzen Augenblick gefangen, dann wird es befreit, gelöst, berührt: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!
Und so darf auch ich aufstehen, zur Auferstehung heute mitten im Leben gegen alles, was von der Allmacht des Todes zu reden scheint. Deswegen sind Christen Streiter für das Leben und für die Veränderung der Verhältnisse, wo sie Leben behindern und verhindern.
Wie dieser Jesus Christus, der als Auferstandener auch der Gekreuzigte und Menschen liebende war und blieb, und wie die, die ihm mit ihrem Leben nachfolgten, hießen sie Maria Magdalena, Benedikt, Franziskus, Martin oder tragen sie heute unsere Namen.
Und so werden auch wir aufstehen zu einem Leben, das den Tod nicht mehr kennt, weil es ihn ein für alle Mal hinter sich hat. Amen

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