Mit Jesus im Abgrund

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde, liebe Gäste,

im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht ein Symbol des Leidens. Ein Zeichen der Gewalt und des Todes: Ein Kreuz. Im Mittelpunkt unseres Glaubens hängt ein hilfloser, leidender Mensch an einem Kreuz und stirbt. Und dieser Mensch ist Gott in unserer Mitte.

Das allein bringt uns an die Grenzen des Verstehens.

Und es verwehrt uns ein Christentum, in dem Leid und Tod keinen Platz mehr haben. Der Gekreuzigte, den wir anbeten, steht unserem Lieblingsirrtum im Wege:

Wir irren uns, wenn wir meinen, unser Glaube würde uns befreien von den dunklen Seiten des Lebens. Es sind falsche und unlautere Versprechen, mit Christus gäbe es ein Leben ohne Schatten und wir wären allen Dunkelheiten entnommen.

Der Gekreuzigte hängt in unserer Mitte. Und seine Auferstehung an Ostern ist kein Heile – Heile – Segen-Fest. Als ob da ein göttlicher Betriebsunfall ungeschehen gemacht werden soll und alles gar nicht so schlimm war.

Der Ostermorgen bestätigt das Kreuz. So ist es recht. So ist es richtig. Für alle Ewigkeiten soll dieses Zeichen autorisiert sein. Für alle Ewigkeiten soll klar bleiben: Dieser sterbende Mensch war wahrhaftig Gott in unserer Mitte. Darum hat Gott ihn auferweckt von den Toten. Nicht damit das Kreuz nun vergessen werden kann. Sondern damit das Kreuz nicht in Vergessenheit gerät.

Liebe Gemeinde,

das Dunkle bleibt. Ist das frohe Botschaft? Oder schlechte Nachricht?

In der Kreuzigungsszene, die Matthäus uns schildert, ist der sterbende Jesus umgeben von Menschen. Wir könnten einfach heutige Personen nehmen und dort hinstellen. Da gibt es die Spötter. Da gibt es die Distanzierten, die Beobachter. Da gibt es auch die Glaubenden. Wir könnten die Menschen, die um das Kreuz herum aufgestellt sind wie auf einer Bühne einteilen wie in einem Theaterstück: Die Bösen und die Guten. Die Ungläubigen und die Gläubigen. Ein Bild für unser Leben.
Mit wem würden wir uns identifizieren? Wer würden wir gern sein wollen? Die Antwort ist klar. Wir wollen zu den Guten gehören. Aber: gehören wir nicht zugleich auch auf die andere Seite?

In dieser Karfreitagspredigt, liebe Gemeinde, möchte ich das Evangelium, die gute Nachricht so verkündigen: Es ist gut, dass Jesus am Kreuz mitten unter den Menschen hängt. Den guten und den bösen. Dass es der wahre Mensch zwischen Gut und Böse aushält. Dass es Gott zwischen Gut und Böse aushält.

Es ist unsere Rettung und trägt zu unserer Heilung bei, dass damit auch unser Leben seinen Ort zugewiesen bekommt. Zwischen Gut und Böse.

Unser Leben zwischen Gut und Böse? Warum soll das gut sein? Und uns retten und heilen?

Weil ein Mensch, der sich so eingespannt weiß zwischen Gut und Böse nicht nur weiß, was er Gutes tun kann, sondern auch um die dunklen Abgründe seines Wesens und seiner Fähigkeiten weiß. Weil ein solcher Mensch seinen Schatten akzeptiert.

Liebe Gemeinde,
Menschen, die aufhören können, vor ihrem Schatten davon zulaufen, sind ja tatsächlich befreite Menschen. Diese beständige Flucht ist ja ein sinnloses Unterfangen. Je heller das Licht strahlt, umso klarer werden die Schatten. Der Schatten gehört zu uns. Ebenso wie unser sonnenbeschienenes, frohes Lachen im Gesicht. Beides sind wir.

Hin- und Hergerissen zwischen Scheitern und Gelingen schlingern wir durchs Leben. Die guten Früchte erfreuen uns und machen unser Leben reich. Mit ihnen kommen wir weitestgehend zurecht. Aber unser Schatten – der macht uns Angst.

Wenn es wenigstens ein Gleichgewicht der Kräfte gäbe! Aber es gibt einen verhängnisvollen Hang zur dunklen Seite. Und die dunklen Wege der
Bequemlichkeit, der Dummheit und der Gewalt sind immer der kürzeren. Zerstören geht immer schneller als Aufbauen, eine Tür ist schneller zugeschlagen als aufgeschlossen, das Vertrauen zu einem Menschen ist schneller zerstört als gewachsen.

Unser Leben bekommt immer wieder eine unbegreifliche Eigendynamik: Plötzlich sind wir festgelegt. Ausgeliefert. Rasant kann es werden, wie eine Talfahrt: Mit steigender Geschwindigkeit auf den Abgrund zu. Alle Steuerungsmechanismen versagen. Etwas geschieht mit uns, kommt über uns wie eine Lawine….

Auf der anderen Seite können wir auch das Gute tun. Anständig sein. Lieben. Zurückstecken. Uns versöhnen. Etwas füreinander tun. Wir können heiter sein, der Humor verlässt uns nicht. Wir können Probleme angehen und manchmal auch tatsächlich lösen. Wir kennen Ausdauer und Engagement. Auf uns kann Verlass sein. Wir können andere beruhigen, trösten, einander beistehen. Wir können helfen, wo es nötig ist, Leid mildern, Lasten teilen. Aufmerksam leben, zuvorkommend und mitfühlend. Wir können einander Scham ersparen.

Wir haben unsere guten und schlechten Seiten. Unsere Stärken und unsere Schwächen.

Was hat nun der Mann, der da am Kreuz inmitten der guten und dem bösen Menschen hängt, mit uns hin- und hergeworfenen Menschen zu tun?
Inwiefern ist er der Erlöser? Wovon löst er uns und schenkt uns Befreiung ohne die wir Gefangene bleiben?
Sind wir denn gefangen?

Durchaus! Wir sitzen gefangen in unserer Art. Wir sind immer ein „Sowohl-als-auch-Mensch“. Gut und schlecht. Gewinner und Versager. Das macht uns zu schaffen, dass wir so sind: so uneindeutig, so „heute der und morgen ein anderer“, einmal liebevoll und dann wieder gemein, einmal fürsorglich und dann wieder egoistisch, einmal sorgfältig und wohlüberlegt und dann wieder kurzschlüssig, panisch und dumm. Unsere geheime Sehnsucht richtet sich darauf, eindeutig zu sein: eindeutig gut.

Schafft der Tod Jesu also diese Eindeutigkeit zum Guten?

Christen waren in der Geschichte der Kirche dieser Überzeugung oft sehr zugeneigt. Auch Methodisten. Alles schien recht einfach und schlüssig: Wer zu Jesus, dem Sieger von Golgatha umkehrt, beginnt ein neues Leben. Da gibt es nichts mehr aus dem früheren Leben. Alles ist neu. Alle Schuld und auch alles Nicht-Können, alle schlechten Früchte sind getilgt. Und wo sie doch noch wachsen, liegt es in der Verantwortung des einzelnen, sie Stück für Stück zurückzudrängen. Das war ihm sozusagen als Lebenswerk aufgetragen. Gab es hier Stockungen und Rückschläge, so lag es allein in seiner eigenen Verantwortung, waren doch von Gott her alle Bedingungen für den eindeutig guten Menschen geschaffen.

Allerdings hat dieser Blickwinkel auch viel Seelenschaden angerichtet: Was, wenn Anspruch und Wirklichkeit bleibend unerträglich auseinander klaffen? Dann hat man einen Weg beschritten, der sich am Ende als Sackgasse offenbart: Ich schaffe es nicht, und das liegt an mir – darum muss ich aufgeben. Ich bin nicht länger würdig zur Gemeinschaft der Guten zu gehören. Wie viele sind aus Scham von uns weggegangen?

Noch schlimmer hat es diejenigen getroffen, die fortan ein Doppelleben führen mussten: Ein guter Anschein für die Kirche und dann noch das andere Gesicht für das wirkliche Leben.

Beides Spätfolgen des unlauteren Versprechens, alles werde gut.

Die christliche Gemeinde aber wurde so schnell zur Elitegemeinschaft in der es vor allem um Moral ging. Die neue Gemeinschaft war die, in der die negativen Seiten des Lebens nicht mehr vorkommen durften. Versagen und Scheitern gehörten eigentlich nicht mehr hierher. Wo sie noch auftauchten, kamen sie nur deshalb zur Sprache, damit das so nicht noch einmal vorkommt. So verschwand das Fehlermachen zunehmend aus den Gesprächen. Und das, obwohl doch das Kreuz das Zeichen der Gemeinde ist.

Noch einmal also die Frage:
Schafft der Tod Jesu in uns Eindeutigkeit? Macht er uns gut? Erlöst er uns von dem Übel? Schneidet er uns die Schatten weg?
Nein. Im Gegenteil! Er macht das Böse, das Leiden, das Dunkle zum Thema. Gott macht es in Jesus zum Thema. Er exerziert am eigenen Leib durch, wozu Menschen fähig sind. Und bezahlt dafür mit seinem Leben.

Der Tod Jesu ist ein Scheitern. Und zwar nicht ein Scheitern des Bösen, der Lieblosigkeit und der mörderischen Gewalt an der göttlichen Überlegenheit, sondern andersherum ein Scheitern des Guten. Die Liebe unterliegt der Gewalt, das prophetische Wort unterliegt der Macht der Gewohnheit. Am Ende der Jesusgeschichte triumphiert das „Kreuzige ihn!“ über das „Hosianna“. Und beides kam aus denselben Mündern.

Jesus stirbt am Menschen. Er wird von der Schattenseite des Menschseins zerstört. Er bekommt die menschliche Fähigkeit, sich für das Böse statt für das Gute zu entscheiden, in voller Härte zu spüren.
Beides konnten sie rufen, die Menschen, die ihn kannten. Aber am Ende überwiegt das Dunkle. Jesus wird in den Schatten des Menschen hineingezogen und stirbt an seinem dunkelsten Ort, im Abgrund dessen, wozu der Mensch fähig ist.

Und, bedenken wir es, er verhindert es nicht, obwohl ihm das möglich war.

Liebe Gemeinde, das heißt: Er will es so. In vollem Bewusstsein und sehenden Auges begibt er sich dorthin, wovor uns immer wieder schaudert: Die dunkle Seite unseres Herzens, die Finsternis, die Lawine der Gewalt und der Gedankenlosigkeit, das lauernde Böse in uns, das nichts anderes kann als kaputtmachen, verletzten und zerstören. Dorthin will er, in diese Region unseres Menschsein, vor der wir ein Leben lang davonlaufen. Dort stirbt er an uns.

Warum wollte er es so? Warum musste es ausgerechnet so komen?

Das ist für uns geschehen, so lautet eine Überzeugung des Neuen Testamentes. Gott wollte damit etwas für uns tun, uns etwas zeigen, uns auf etwas hinweisen, was wir ohne das Sterben Jesu nicht hätten erkennen können. Etwas, worauf wir sonst nicht gekommen wären. Etwas was sonst nicht zur Sprache gekommen wäre. Und was ist das?

Vorsichtig muss die Antwort ausfallen, vorsichtig möchte ich sie versuchen:

Wir sollen erkennen, wer wir sind und wie es um uns steht.

In der Leidensgestalt des Gekreuzigten sehen wir den Menschen wie er ist. Nicht allein den Menschen Jesus – wir sehen das Bild eines jeden Menschen. Sieh´ hin! So bist du. So erbärmlich, so hilflos, so ausgeliefert. Ein Opfer des Bösen.
Und dann der Rollenwechsel:
Sieh hin! So bist du. So brutal, so gleichgültig, so gewalttätig. Ein Handlanger des Bösen. Ein Täter.

Sie mich an und du sieht dich an!

Der Reflex stellt sich schnell ein: Wir wollen wegsehen. Wir wollen unsere Lektion nicht lernen. Ja, wir lieben andere Bilder vom Menschen: Schaut sie euch an in den Werbeclips, den Zeitschriften und Schaufenstern.

Sie mich an und du sieht dich an!

Liebe Schwestern und Brüder, wer sich den Gekreuzigten mit den Augen des Herzens ansieht, wer innehalten und aushalten kann, der sieht in dem Geschundenen Gott, wie es um ihn selbst steht.

Würde in einer solchen Einsicht Befreiung liegen? Erlösung?

Ich denke ja: Wir könnten endlich aufhören, vor unserem Schatten davon zu laufen. Wie viel Lebensenergie wird in einem Menschenleben dafür verbraucht, die Schatten abzuschütteln. Wie viel Kraft kostet es uns, uns gegenseitig als gute Menschen zu präsentieren? Wie viel Heuchelei und Lüge prägt unsere Gesellschaft, die glauben machen will, wir könnten alles und es gäbe kein Scheitern? Wir wollen gut sein. Ja fast scheint es so, als müssten wir um jeden Preis gut sein. Anders können wir uns ein gelingendes Leben nicht vorstellen. Wir wollen nicht akzeptieren, dass wir sowohl gut als auch böse sind.

Aber warum wollen wir das nicht akzeptieren? Warum laufen wir so gern davon?

Wenn wir bereit wären, zuzugeben, wie es um uns steht, dann bedrängte uns sofort die Scham: Wie sollen wir denn dann diese Erkenntnis aushalten? Wie soll ich es denn aushalten, meiner eigenen unmenschlichen Fratze zu begegnen?

Wie soll ich das aushalten, dass ich es gewesen bin, der das „Kreuzige!“ rief, dass ich dem römischen Legionär den Hammer und die Nägel reichte?

Das ist wohl die entscheidende Frage. Hier scheint ja eventuell auch der Grund zu liegen, warum wir uns so gern selbst belügen, warum wir nicht ehrlich zu uns selbst sein können. Warum uns dieses Hin – und Hergerissen – Sein so zu schaffen macht. Warum uns die Einseitigkeit so liegt. Warum wir um jeden Preis die Guten sein müssen.
Es ist andernfalls einfach nicht auszuhalten – das wir es sind, die schuld sind. Dass ich es bin, der schuldig geworden ist und immer wieder werden wird. Und dass ich das nie ändern, nie abschütteln kann.

Wie soll ich das aushalten? Ist das überhaupt einem Menschen möglich?

Da wo diese Erkenntnis über mich kommt, bin ich doch ganz und gar unten. Und ganz weit weg von Gott. Und was schreit er Gekreuzigte heraus? Der Mensch inmitten der Menschen? „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Verzweiflung wie sie verzweifelter nicht sein kann. Unseren Satz schreit der, der als Gottessohn geboren wurde und als Menschensohn stirbt. Es ist unser Schrei.
Könnte Gott uns näher kommen? Er geht in die Abgründe des Menschseins hinein und nicht um sie herum.

Und da wo Gott war, da können wir nun auch sein. Als Teil unseres Lebens können wir nun auch die Abgründe akzeptieren.

Nicht um uns in sie absichtlich hineinzubegeben. Aber um unsere Angst vor ihnen zu mindern. Jesus war dort. Er weiß, wie es dort ist. Und er ist mit mir dort, wenn ich selbst wieder einmal dorthin gerate.

Ostern ist die Bestätigung dessen, was am Kreuz geschehen ist, so habe ich begonnen.
Der Schrei des Gekreuzigten ist nicht das letzte Wort der Jesusgeschichte. Die Auferstehung ist stärker als der Abgrund. Das Leben siegt, weil Gott dem, der tot war, neues Leben schenkt.

Und wieder gilt: Daran haben wir Anteil, wenn wir dem Gekreuzigten glauben. Es gibt dieses andere Gefälle, diesen anderen, stärkeren Sog, diese andere Lawine: Das Leben bricht sich Bahn und ist am Ende stärker als das Böse und der Tod. Gott setzt mit Ostern den letztgültigen Akzent. Jesus lebt und wir sollen auch leben. Zu schätzen wissen wird das der am meisten, der das Reich der Schatten kennt, das Eingespannt sein zwischen Gut und Böse. Der mit Jesus dort war. Oder besser gesagt, der erlebt hat, dass Jesus mit ihm dort war.

Wo es uns gelingt, daran zu glauben, da sind wir gerettet. Damit es uns leichter fällt, dies zu glauben, feiern wir das Abendmahl. Darum schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist…..

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