Geheimnis voller Glauben

Liebe Gemeinde, liebe Freunde und Gäste,

wir feiern Ostern – heute Morgen mit diesem Gottesdienst!
Und suchen vielleicht heute Nachmittag noch Ostereier mit den Kindern.

Die meisten Leute, mit denen wir in dieser Stadt zusammen leben, suchen an Ostern nur Ostereier.

Treffen sich zwei Chemnitzer am „Nischel“: „Ostern, Ostern, weißt Du, was wir da eigentlich feiern? Nee du, aber ich glaube, da wurde irgend so ein Hase geboren…“.

Wir hingegen wissen Bescheid. Und sind doch eine Minderheit. Wir feiern mit der ganzen Christenheit die Auferstehung des Menschensohnes Jesus. Jesus lebt. Er ist lebendig – und, wie wir glauben, jetzt mitten unter uns.
Das ist der Glaube der Christen: Jesus ist lebendig, Gottes Kraft mitten in unserem Leben. Eine Flamme, die brennt und wärmt, ein Licht, das orientiert und ausrichtet.

Aber das lässt sich nur schwer vermitteln. Niemand will uns das mehr recht glauben. Es sind nur wenige, die zum Glauben an den lebendigen Jesus finden.

Wir mühen uns um Menschen, möchten, dass sie zum Glauben finden. Wir mühen uns um unsere Kinder, als Eltern, Großeltern und als Gemeinde, und hoffen und warten: Werden sie Jesus begegnen, zum Glauben finden – und beim Glauben bleiben?

Und dann schauen wir auf uns:

Wie steht es um uns? Um unseren Glauben?
Warum sind wir noch da?
Weiß denn noch jeder von uns in seinem Herzen, was Glaube ist?
Weiß schon jeder von uns in seinem Herzen, was Glaube ist? Kennen wir diese Flamme?
Ist uns der Auferstandene begegnet? Der Mensch Gottes?
Hatten wir eine Begegnung mit dem Göttlichen? Dem Ewigen? Dem anderen? Hat es gefunkt?

Oder warten wir noch darauf? Und sind deshalb hier, weil es endlich geschehen soll?
Wie steht es mit dem Glauben?

Am Ostermorgen demonstriert Maria Magdalena, wie Menschen Christen werden. Sie ist die erste, die dem Auferstanden begegnet.
Sie zeigt exemplarisch, warum Menschen an Jesus glauben. Und dass das keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine seltsame Geschichte – eigentlich nicht zu glauben.

In der Morgendämmerung beginnt die Kirche Jesu Christi ihre Existenz. Es ist noch nicht ganz hell, es ist alles noch nicht ganz klar zu sehen. Man kann noch irren.

Was passiert? Was begründet den Glauben eines Menschen? Wie findet jemand den auferstandenen Jesus? Wie kann ein Mensch, ein Mensch wie diese Frau, Jesus, dem Lebendigen begegnen?

Wir sind beim Kern der Sache. Die Essenz wird sichtbar, das Wesen christlicher Kirche. So geht es zu. So ging es zu und wird es immer wieder gehen, so fängt der Glaube an:

Es ist nur ein kurzer Wortwechsel, in dem das ganze Geheimnis verborgen liegt, das ganze Wunder des Glaubens, das ebenso groß ist, wie das Wunder der Auferstehung:

“Jesus: Maria! Maria: Rabbuni, – das heißt mein Meister!”

Dieses Wunder geschieht seither über die letzten 2000 Jahre hinweg: Jesus ruft einen Menschen mit seinem Namen. Und der Mensch antwortet: Du bist mein Herr.

Plötzlich weiß ein Mensch: Ich bin gemeint. Jetzt geht es um mich. Und da ist jemand, dessen Macht ich körperlich spüren kann, der meine ganze Seele ausfüllt, da ist jemand, der es mit mir zu tun haben will, der es auf mich abgesehen hat und ich kann eigentlich nicht anders als überwältigt zu sagen, was ist: du bist da Gott, in diesem Jesus. Ich möchte dich akzeptieren, du bist der, der über mich kommt, der mehr ist, als ich mir denken könnte, zu groß für meinen Verstand, unfassbar für mein Herz – mein Meister, mein Lehrer, mein Arzt, mein Hirte, mein Schöpfer.

Ganz vertraut st dieses gegenüber, diese Stimme. Als wäre sie schon immer da gewesen, nun aber das erste mal deutlich vernehmbar. Jetzt ist es klar: Ich bin nicht allein – ein anderer steht mir gegenüber, will mich, kennt mich, nennt meinen Namen.

So war es immer, wenn ein Mensch zum Glauben an den Auferstandenen kam.

Oft ist es nur ein Augenblick – zu schnell vorbei und doch eingebrannt in unser Gedächtnis. In Bruchteilen von Sekunden erfahren wir so viel, dass wir es, selbst wenn wir es wollten, nicht in Worte fassen könnten.

Da ist etwas, da ist jemand. Es ist beinahe zum Fürchten, wenn es diese Ruhe, diesen Frieden nicht geben würde, den die Begegnung mit dem Heiligen als Abdruck in unserer Seele hinterlässt. Die Welt sieht jetzt anders aus. In einem anderen Licht erscheint nun alles.

Das ist immer wieder Menschen passiert. Menschen, die darauf aus waren und Menschen, die es sich nie hätten träumen lassen. Menschen, die gerade noch am Boden lagen und Menschen, die eigentlich alles hatten, was sie brauchten, denen auf den ersten Blick nichts fehlte.

Seltsam, Maria Magdalena macht eigentlich alles falsch:
Sie sucht einen Toten. Einen Jesus, der in der Vergangenheit Bedeutung für sie hatte. Und gefunden wird sie von einem Lebenden, der ihre Zukunft prägen wird.

In ihren Augen ist es der Gärtner, wer sollte es sonst sein. Sie kannte sich aus im Leben.
Wie blind bleibt sie ohne jede Einsicht, Ihre Augen sehen und sehen doch nicht.

So geht es bis heute zu, wenn Jesus sich einem Leben nähert. Er ist schon da, und man sieht ihn noch nicht. Vielleicht schon lange da, aber er wird noch nicht erkannt.

Und diese irrende Frau spricht Jesus an. So wie er bisher immer irrende, sich irrende Menschen, Männer und Frauen, Alte und Jugendliche angesprochen hat. Er ruft sie mit ihrem Namen und damit mit Ihrem ganzen Wesen, ihrer ganzen Biografie, ihrer Persönlichkeit: Du bist es, erkenne mich doch – ich bin es. Das ist der Anfang, damit beginnt die Beziehung.

Solche Begegnungen sucht der vermeintliche Gärtner.
Auch wir sehen ihn zunächst nicht wirklich. Wer weiß, worauf wir den Auferstandenen heute festlegen. „Wen suchst Du?“ Die Frage geht an uns. Heute morgen. Welchen Jesus suchen wir? Den, den wir gekannt haben, natürlich. Einen anderen kennen wir nicht. Wir haben alle unsere Jesusbilder. Aber er ist nicht hier, wenn er kommt, wenn er uns anspricht, ist es nicht der alte Jesus. Der Auferstandene gibt sich zu erkennen, der Lebendige.
Und zeigt sich plötzlich wirklich.
Darauf legt er es an. Das ist Ostern, Auferstehung, immer wieder: Der fremde Gott im Menschen Jesus. Er legt den Treffpunkt fest. Er gibt sich zu seiner Zeit zu erkennen. Er macht alles allein. Er ist lebendig.

Der Mensch reagiert. Ach ja, da ist er, der Auferstandene – mein Meister!

Den Unverfügbaren zu erleben, das allein überzeugt. Würden wir auch nur ein wenig nachhelfen können, wir wären zeitlebens selbst für unseren Glauben verantwortlich. Nie würde die Frage uns aus dem Sinn gehen, ob wir uns mit diesem Jesus vielleicht selbst etwas zurechtgelegt haben.

So aber tritt uns der Unverfügbare in den Weg, ruft uns beim Namen. Ihn wollen wir ehren, indem wir warten. Abwarten. Hoffen. Ausschau halten, ob er kommt. Zu mir.

So ist es bis heute: So begegnen Menschen dem Auferstandenen, im Ungewissen, in der Dämmerung, in den kleinen und großen Katastrophen des Lebens. Wie oft war schon alles aus. Und dann das: Kommt dort nicht jemand? Wer ist es, es ist noch nicht Tag, noch nicht ganz hell. Es ist noch nicht ganz klar: Ist Er es? Gleich werde ich es wissen: Wenn Er es ist, wird er meinen Namen nennen.

Wenn wir dann erkannt haben, weil wir erkannt wurden, dann wollen wir ihn haben. Behalten, anfassen, festhalten, umarmen, fassen. Aber das geht nicht. Er ist der Unfassbare. Wer ihn fassen will, dem wird er durch die Hände gleiten. Er mutet uns zu, zu glauben, ohne Beweise. Ohne sichtbare Belege.

Der Lebendige mutet uns zu, ihn wieder gehen zu lassen, damit er erneut zu uns kommen kann. Ihn fahren zu lassen, damit wir wieder und wieder von ihm gerufen werden. Er mutet uns zu, immer wieder zu irren, immer wieder den Bekannten, den Gewohnten zu suchen und immer wieder vom Unbekannten, Überraschenden, Lebendigen angesprochen zu werden.

So ist das mit dem Glauben an den Lebendigen. Er bleibt offen, groß, riesig, nicht auszudenken, wie der lebendige Jesus selbst. Wer es wagt, nicht begreifen zu wollen, wer allein staunen will, dem wird sich der Unbegreifliche selbst zeigen, den wird er bei seinem Namen rufen. Immer wieder.

Wenn Gott in Jesus uns mit unserem Namen anspricht, da bricht plötzlich die Ewigkeit in unser kleines Leben. Plötzlich strahlt unser kleines, so verbogenes Leben auf, es wird geblendet vom Licht dessen, der mit mir Kontakt aufgenommen hat. Jetzt hat alles seine Richtigkeit, alle Angst hat sich aufgelöst, der, der am Kreuz schrie, steht vor uns in überirdischer Weise. Noch reicht er uns nicht die Hand, aber seine Nähe allein ist Trost und Kraft für jede Frage, für jedes Scheitern. Jetzt kann uns nichts mehr geschehen.

Solche Begegnungen geschehen. Solche Wunder geschehen. Solche Osterwunder. Wir sollten nicht so tun, als wären immer die anderen dran. Meinen Namen könnte er nennen. Demnächst. Deinen Namen könnte er aussprechen. Vielleicht morgen? Vielleicht später? Tat er es nicht schon? Gestern, das Gefühl ist noch da, die Situation, ganz klar – eine wunderbare Erinnerung….

All die vielen, denen wir uns als Gemeinde verdanken, haben das erlebt. Die Väter und Mütter im Glauben. Sie hätten anderes tun können, ihre Kräfte anderswo verschleißen können. Nein, sie haben die Kirche gebaut, die Gemeinde der Heiligen. Sie haben ihrem Leben eine andere Ausrichtung gegeben. Sie haben sich für den Auferstandenen begeistert. Ein Leben lang sind sie auf Jesus zugegangen. Bis er sie schließlich ganz in die Arme genommen hat.

Wissen wir jetzt, warum wir hier sind? Noch immer da sind, obwohl es gute Gründe gäbe, auch zu gehen?
Kennen wir den einzigen Grund, die einzige Ursache, warum Menschen beginnen, zu glauben und nicht davon ablassen, zu glauben, oft gegen jeden Augenschein?!

Weil einer da ist, den man festgenagelt glaubte, mit dem man nicht mehr gerechnet hatte. Und weil er auf dem Weg ist, Menschen bei ihrem Namen zu rufen.

Ostern ist der Anfang dieser unendlichen Geschichte. Und diese Geschichte wird nicht dann zu Ende sein, wenn unsere Konzepte und Bemühungen am Ende sind, sondern dann, wenn der Gärtner wieder vor uns steht. Und uns dann seine Hand reicht – um uns einzuladen in sein unausdenkbares, ewiges Licht.

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