Gottes Weg ins Leid – zu uns

Liebe Gemeinde,

Eine grausige Szene. Matthäus hat sie uns eindringlich beschrieben. Sie ist schrecklicher kaum vorzustellen: Jesus, ohnmächtig, hilflos, gefoltert, wird ans Kreuz geschlagen. Die Kreuzigung ist eine grausame Hinrichtungsmethode: nicht allein, dass dem Verurteilten das Leben genommen wird, die Kreuzigung ist mehr, sie ist eine stundenlange Qual.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, ruft Jesus laut aus.
„Warum?“, dieser Frage stellen wir uns auch. Warum dieses Leid? Die Passionsgeschichte erläutert den Hintergrund: Eine windige Anklage, als Hochverrat ausgelegt, reicht den Römern zur Aburteilung. Jesus, der Sohn Gottes, wird verurteilt, gefoltert, hingerichtet.
„So darf es nicht enden!“, möchte ich dazwischenrufen. Niemand soll so enden müssen. Nicht der ärgste Feind, nicht der schlimmste Verbrecher.
Und der, der hier stirbt, ist einer, der unschuldig ist. Hier wird einer hingerichtet, der den Menschen gedient hat. Er hat viele geheilt an Leib und Seele.
Jesus hat für andere gelebt und gewirkt.
„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“, mit diesen Worten hatte Jesus die Jünger auf seinen Tod vorbereitet.
„Menschensohn“ – das ist nicht nur das menschliche Antlitz Gottes. „Menschensohn“, das beinhaltet für mich auch Jesu Aufgabe: Er ist gekommen „für viele – für alle Menschen“.
Dieser Tod, dieses furchtbare Geschehen, hat eine universale, eine exemplarische Bedeutung. Was hier geschieht, betrifft nicht nur das Leben eines Einzelnen. Es hat Bedeutung für die Vielen.
„Für viele, für alle“ lese ich und denke unwillkürlich an Menschen, die heute unter schrecklichen Umständen zu Tode gekommen sind. Ich denke an die Männer und Frauen, Alte und Kinder, die täglich im syrischen Bürgerkrieg sterben. Ich denke an die junge Inderin, die an den Folgen einer furchtbaren Vergewaltigung starb. Ich erinnere mich an die Geschichte des jungen Lackierers Daniel S., der Mitte März auf dem Rückweg von der Disco einen Streit schlichten wollte und zu Tode getreten wurde. Oder an Menschen, deren Leben zu Ende geht, ohne dass ihr Tod den Weg in die Schlagzeilen findet: Obdachlose, erfroren in der Kältewelle.
„So soll es nicht enden!“, denke ich. So soll keines Menschen Leben enden.

So soll es nicht enden: Das gilt auch für schwere Ereignisse und Krisen im Leben. Ein Ereignis, nach dem nichts mehr so ist wie vorher. Ein Tod mitten im Leben. Das Leben geht zwar weiter – aber nichts ist mehr so wie es einmal war: Wenn ein Partner gesteht: „Ich habe eine Andere / ich habe einen Anderen.“, dann ist das Fundament des Vertrauens der Beziehung zerstört; die schlimme Diagnose, die das Leben nicht mehr so sein lässt wie vorher. Das sind Ereignisse, bei denen man nur sagen kann: Nein, so kann es nicht enden. Soll es nicht, darf es nicht.
„Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.“

„Ans Kreuz geschlagen“ so darf doch die Geschichte Gottes mit seinen Menschen nicht enden. Doch genau das scheint zu geschehen. Schlimmer noch: Alles, was Jesus vorher getan und gesagt hat, verblasst im Angesicht dieses Todes. „Kann der, der am Kreuz hängt, Gottes Sohn gewesen sein?“ „Wie soll mit diesem, der wie ein Verbrecher hingerichtet wird, Gott im Spiel gewesen sein?“

Der allmächtige Gott ist ohnmächtig am Kreuz, das ist ein Skandal. Es sprengt alle menschlichen Vorstellungen.
Und so scheint sich in den Augen der sensationslüsternden Menge der Verdacht zu erhärten, dass Jesus nur ein Schwindler war. Höhnisch verspotten ihn die „Säulen der Gesellschaft“, die Hohepriester, die Schriftgelehrten und Ältesten.
„Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.“
„Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.“
„Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.“
In ihren sarkastischen Sätzen zeigen sie Jesus, wie Gott sich ihrer Meinung nach verhielte, hinge er dort wirklich selbst am Kreuz: machtvoll, in letzter Not rettend. Tatenlos und ausgeliefert wie Jesus jedenfalls nicht.

Nein, Gott ist nicht so, wie es Menschen erwarten.
Er lässt an sich geschehen, was Menschen einander antun. Er erträgt, was Menschen einander zufügen. Er nimmt ihre Schuld auf sich. Erträgt sie. Leidet wie wir. Stirbt wie wir.
„Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
„Warum hast Du mich verlassen?“ In Jesus zeigt sich Gottes menschliche Seite. Gott geht gewissermaßen selbst in den Tod. Er geht dahin, wo Menschen sich von allen anderen Menschen und von Gott verlassen fühlen.

„So soll die Geschichte Gottes mit den Menschen nicht enden!“, habe ich vorhin einwerfen wollen. Und genau das tut sie auch nicht. Im Gegenteil. Der Weg Gottes mit den Menschen führt den Menschensohn auch an die Stelle der äußersten Gottesferne. Auch dieser Ort im Leben soll nicht ohne Gott sein.
„Warum hast Du mich verlassen?“ Da, wo Menschen sich diese Frage stellen, genau da ist Gott. Es soll kein Leben in völliger Gottverlassenheit enden. Selbst in der Einsamkeit des Todes will Gott uns nicht unbegleitet lassen. Auch am Ende der Schuld, des Versagens und der Trauer, die uns ganz mit uns und unserem Schmerz allein lässt, erwartet uns Gott. Dort will sich Gott finden lassen. Auch da, wo wir schuldig werden, will Gott uns nicht allein lassen. Auch im Leid weicht er nicht von unserer Seite.
Es ist schwer, diese Nähe Gottes in solch einer Krise wahrzunehmen. Es ist das Geschehen am Kreuz, das uns den Weg Gottes ins Leid in Erinnerung ruft, damit wir wissen: Auch in der tiefsten Finsternis sind wir nicht von Gott verlassen.
Genau deshalb ist das Kreuz das Zeichen der Christenheit. Genau deshalb hängt das Kreuz hier in der St. Nicolai Kirche im Durchgang zum Altar. Es ist das Zeichen für Gott, der selbst ins Leid geht, um uns auch dort nahe sein zu können.

Deshalb brauchen wir das Kreuz – so schreckenerregend es auf manchen auch wirken mag. Denn – so paradox es klingt – das Kreuz ist im Grunde ein Zeichen der Hoffnung.
Weil Gott sich nicht auf die Erwartung der Menschen einlässt und das schreckliche Geschehen am Kreuz nicht mit überirdischer Macht beendet, kann er uns in den Toden unseres Lebens nahe sein.
Und so kann Matthäus auch nicht anders und macht in seiner Passionsgeschichte bei Jesu Tod keinen Punkt. Er erzählt die Geschichte weiter und weiß Wunderbares zu berichten, weil dies die Sprache der Hoffnung und des Glaubens ist:
Nach Jesu Tod zerriss der Vorhang im Tempel und „die Erde erbebte, die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf.“
In diesen Bildern, die Matthäus verwendet, finde ich mich gefühlsmäßig wieder, wenn ich an die schrecklichen Tode heute, auch die Tode mitten im Leben denke. Denn die Erzählung verwendet Worte, die meinen Empfindungen entsprechen. Bei solchen Nachrichten zerreißt es mich innerlich. Ich bin erschüttert. Es ist, als ob der Boden unter meinen Füßen wankt. Und so wie sich bei Matthäus plötzlich die Gräber auftun, so kommt mein Weltbild ins Wanken. Durch die Worte des Matthäus fühle ich mich ernst genommen. Vielleicht, so denke ich, ging es ihm und seiner Gemeinde damals ähnlich.
Zudem machen diese Bilder Mut, denn auch sie erzählen von Gottes Nähe mitten im Angesicht von Leid, Tod, Trauer und Entsetzen. In Chiffren verpackter Glaube ist es, den Matthäus uns hier erzählt.

Der Vorhang im Tempel trennte den Bereich des Profanen von der Sphäre des Heiligen. Er trennte Gott und Mensch. Dass nun dieser trennende Vorhang zerreißt, macht diese Barriere durchlässig. Es ist das Zeichen dafür, dass nichts zwischen uns und Gott stehen soll. Zugleich beschreibt Matthäus mit seinen Bildern die Hoffnung, wie es ist, wenn Gott die Welt vollendet und uns ganz nahe kommen will.
Wenn wir mitten im Leid getröstet werden, Halt und Nähe erfahren, dann ist auch das eine umwälzende Erfahrung. Die Felsen der Trauer, der Angst und der Hoffnungslosigkeit zerbersten und fallen von uns ab. Und so wie die Heiligen auferstehen zu neuem Leben, so sollen auch wir auferstehen.
Einst, am Ende aller Tage, nach diesem Leben werden wir auferstehen zu Gott. Aber auch schon jetzt steht über den Toden, die wir mitten im Leben sterben, das Zeichen der Hoffnung. Gott wird uns durch den Tod, durch alles Dunkel hindurchführen zu neuem Leben.

Denn so wird die Geschichte Gottes mit uns nicht enden. Das hat er uns versprochen.
Amen.

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