Die ausgespannten Arme des Gekreuzigten

Liebe Schwestern und Brüder!
So nimmt eines der größten Dramen der Weltgeschichte seinen mörderischen Lauf und sein tödliches Ende. Doch dieses Ende wird zum Anfang. Das unrühmliche Ende des Jesus von Nazareth wird zum Anfang der größten religiösen Offenbarung Gottes für uns Menschen.

Einer, Jesus von Nazareth, der Christus und Sohn Gottes stirbt, und alle, die an ihn glauben und ihm innerlich und äußerlich folgen, werden erlöst.
Das glauben wir.

Jesus, hier als Anklage und mit dem Titel: König der Juden, INRI versehen, wird gekreuzigt und stirbt.
Das wissen wir.

Jesus Christus, dem aufrichtige Menschen folgten wie die beiden Brüder und Fischer Simon Petrus und Andreas und noch 10 andere genannte Männer und noch mehr ungenannte Männer und Frauen.
Das ist uns bekannt.

Jesus aus Nazareth, der der Sohn von Maria und Josef war, der von Beruf Bauhandwerker war, und dem im Alter von ca. 30 Jahren als palästinischer Wanderprediger die Menschenmassen folgten und an den Lippen hingen, weil er so charismatisch predigen konnte, Heilungswunder vollbrachte und in einzigartigen Gleichnissen vom kommenden und erlösenden Gottesreich erzählte, das Gerechtigkeit für alle bringen würde.
Das glauben wir.

Aber es war auch derselbe Jesus, der für andere, für die Mächtigen seiner Zeit zum Unruhestifter und Provokateur in religiösen und politischen Dingen wurde und dessen Provokationen und Ablehnung des religiösen und politischen Establishments diese zum Tötungsentschluss brachten.
Er war für Pilatus, der seine Hände bekanntlich in Unschuld gewaschen hatte, der unpolitische Mensch, der unter dem Spotttitel: König der Juden, im Nachhinein politisiert wurde.

Je nachdem aus welcher Perspektive und welchem Blickwinkel man nun das Kreuz und den Kreuzestod Christi betrachtet- und so machen es ja auch die Menschen, die unter und am Kreuz standen und stehen, auch noch heute, bekommt es entweder eine beobachtende, distanzierte und beschreibende Blickrichtung oder eine existentielle, den ganzen Menschen verändernde Sicht- und Lebensweise.

Wenn man z.B. wie Simon von Kyrene das Kreuz trägt, dann weiß man, dass dieses Kreuz, auch das eigene Kreuz, manchmal schwer zutragen gibt.
Aber man weiß auch, man kann dieses spezielle Kreuz wieder abgeben, an den, der es eigentlich tragen muss. Man kann sein eigenes bildliches und innerliches oder auch äußerliches Kreuz in Gottes Hände zurück legen.
Das glauben wir.
Die Botschaft lautet:
Da ist einer, der mein Kreuz mitträgt. Jesus Christus trug und trägt mein Kreuz. Das ist ein entscheidender Prozess beim Beobachten. Wenn man weg kommt vom Gaffen und Glotzen, dann wird man zum Beteiligten im und durch den Glauben, weil der Gekreuzigte mir vergibt und mir Erlösung schenkt.
Gott hat mich ergriffen.
Ich leide mit Gott und Gott leidet für mich.
Erlösung von allem Übel und Bösem, aber auch Erlösung von Angst, Not und Schmerz, bedeutet dies.
Das bedeutet es, wenn wir unser Kreuz abgeben können, wie Simon von Kyrene, der zufällig daher kam und es tragen musste. Das Kreuz des Herrn und das eigene Kreuz tragen können. Das glauben wir.

Man kann auch versuchen Profit aus dem Kreuzestod zuschlagen, so wie die Soldaten. Denn zu allen Zeiten versuchen die Menschen noch aus den schlechtesten und übelsten Dingen einen persönlichen Profit zu schlagen. Man kann die Felle und die Kleidung, den Nachlass verteilen und verlosen.
Dass darauf ein Fluch liegen mag, merkt man spätestens dann, wenn die anderen die eigenen Felle im wörtlichen oder übertragenen Sinn verteilen oder einem das Fell über die Ohren ziehen.
Mancher kennt das, wenn einem das Fell über die Ohren gezogen wird.
Einsamkeit, Wehrlosigkeit, Angst, Todesangst und Schmerz an Leib und Seele verursacht solch ein unbarmherziges Verhalten.
Doch Gott in Jesus Christus spricht:
Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Die göttliche Gnade ist größer als alle menschliche Rohheit, Brutalität und Profitgier.
Das ist auch eine Botschaft des Kreuzes Christi. Die Arme Christi nehmen auch den Unverschämten, Profitgierigen und Zocker an.

Und man kann sich auch hinstellen, gaffen und lästern, wie die Menschen oder die religiöse und gebildete Kaste, dass das ja wohl nichts sei mit der göttlichen Macht dieses Jesus von Nazareth?, der ja noch nicht mal sich selbst helfen und wie könne er dann anderen helfen?!
Dieser Verlierer, dieser Loser hat sein Los verdient, denn seine Ansprachen und Reden vor und zum Volk, haben ja wohl keine göttliche Legitimation. Gott offenbart sich doch nicht in solch einem Schwächling am Kreuz.
Die heutige Form der Gaffer besteht aus Menschen, die in religiösen Dingen ignorant sind oder so leben als gebe es keinen Gott. Manchmal sind sie auch respektlos gegenüber dem religiösen Empfinden anderer oder leben ohne Gott.
Ist doch egal mit diesem religiösen Firlefanz, und außerdem ich störe doch niemand?! Doch auch diese Gaffer, Ignoranten und Agnostiker, also Menschen, die so leben als gebe es keinen Gott oder göttliche Gebote, bekommen in ihrer Garstigkeit und Gottlosigkeit auch noch zugerufen:
Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Die ausgespannten Arme des für uns gestorbenen gekreuzigten Mannes Jesus von Nazareth sind es, die für uns Erlösung, Vergebung, Befreiung und neues verändertes Leben im Glauben bedeuten.
Wenn ich mich davon existentiell erschüttern lasse, wenn ich begreife und in meine Seele den Ruf des Gekreuzigten, in meine innere Kammer des Glaubens vordringen lasse, dann hoffe ich auf und empfange die göttliche Vergebung.

So wie die Unzähligen von Menschen am und unterm Kreuz, die sich davon bewegen ließen und immer wieder in Gegenwart und Zukunft bewegen lassen.
Das scheinbare Ende war der Anfang einer großen Geschichte, das Kreuz und der Tod am Kreuz sind der Beginn und der Siegeszug einer neuen großen Weltreligion, dem Christentum. Das Ende ist der Neuanfang mit Hoffnung,
mit Liebe und mit Glaube, die davon kündigen, dass unser Leben nicht umsonst im hier und jetzt ist.
Die davon kündigen und Botschaft ablegen, dass durch Gottes Sohn, durch Jesus von Nazareth, dem Christus des Glaubens, durch den Erlöser und Befreier von Sünde und Tod, den Retter, den Heiland meine kleine Welt und auch die große Welt anders wird und wurde.
Das ist die Botschaft des Kreuzes, die Botschaft aller menschlichen und unmenschlichen Kreuze!

Und wie sieht die Botschaft des Kreuzes, die Rede von der Versöhnung ganz konkret im Alltag aus?
Diese Botschaft lautet:
Keiner ist zu gering oder nutzlos, krank oder geschunden, der nicht von Gott in seiner grenzenlosen Liebe und Versöhnung geliebt und angenommen würden.
Keiner und keine ist im Reich Gottes und auch in der allzu menschlichen und verfassten Kirche unbrauchbar, denn das "Nein" der Welt als Kreuz des Leids ausgedrückt, wird im Glauben zum unendlich liebevollen "Ja" Gottes an uns Menschen. Es wird zum "Ja" Gottes an jeden und jede einzelnen von uns. Es ist Gottes Ruf nach mir und dir. Auch im und durch das Kreuz zeigt Gott mir, dass er mich braucht.
So ist die Botschaft vom Kreuz ein großes Ja an uns Menschen.
Und noch etwas:
Wer sich vom Gekreuzigten erschüttern, d.h. im Glauben und im Leben berühren lässt, der lebt anders, bewusster und engagierter. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Er trägt das Kreuz seines Nächsten ein Stück weit mit, versucht seine Wunden durch Worte oder Taten zu heilen oder zu lindern. Und er versucht die heutigen Pilatusse daran zu hindern, Kreuze aufzurichten und ihre Hände in Unschuld zu waschen.

Und auch wir hier, jetzt und heute dürfen diesen Worten trauen. Gott hat sich mit uns durch Jesus Christus versöhnt. Und auf das Kreuz, auf den Tiefpunkt des Leids, folgt in zwei Tagen die Herrlichkeit, die wundervolle Botschaft der Auferstehung von den Toten, denn durch die Auferstehung geschieht die endgültige Versöhnung Gottes mit uns Menschen.
Kreuz und Auferstehung gehören zusammen. Das ist gewisslich war.
Amen.

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