Freudentränen

Liebe Schwestern und Brüder!
Viele von uns werden die innere Gefühlslage und die aufgewühlten Emotionen der Maria von Magdala oder Maria Magdalena (so wird sie in der Bibel auch genannt ) nachvollziehen können. Sie liebte Jesus. Sie war eine seiner weiblichen Jüngerinnen. Und wer liebt, der trauert und weint vor allem um das Geliebte und Verlorene; zumal wenn der Geliebte und Bewunderte gewaltsam ums Leben kam. Gerade am Friedhof, in der Grabesnähe, am Grab wird einem dieser Verlust bewusst, so dass nicht von ungefähr viele Menschen am Grab eines geliebten Angehörigen oder guten Freundes mit Recht weinen.
Weinen und Tränen gehören zum Verlust, Abschied und Tod dazu. Weinen und Tränen sind Ausdruck des Schmerzes, der Emotionen; sie erleichtern den Schmerz.
Weinen und Tränen der Trauer sind manchmal der Ausdruck von größter Verzweiflung und innerer Not.
Aber die Tränen des Trauer spiegeln auch die begründete Hoffnung wider, dass der geliebte Mensch auf seiner Reise zu Gott behütet und beschützt bleibt.
Maria von Magdala weinte am Grab Jesu um Jesus. Sie weinte, weil ein von ihr geliebter und bewunderter Mensch gestorben ist. So wie wir auch um unsere geliebten Angehörigen weinen, wenn uns am Grab unwiderruflich ihr Tod bewusst wird. Manche von uns reden sogar am Grab mit den Verstorbenen. Sie erzählen ihre Sorgen und Ängste und wünschten sich, die Verstorbenen könnten dieses oder jenes Schöne noch miterleben. Aber sie sind tot. Unwiderruflich gegangen.
Also steht am Anfang von Ostern, am Anfang des Festes der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus in der Version des Evangelisten Johannes Trauer, Tränen und Tragik. Am Anfang von Ostern steht die dunkle Nacht des Todes. Am Anfang scheint das Scheitern und die Verzweiflung zu stehen.

Und doch sind bald aus diesen Tränen der Angst, Verbitterung, Verzweiflung und Not, Freudentränen geworden. Freude und Jubel über die Auferstehung des Gottessohnes Jesus Christus haben sich eingestellt, so berichtet es der heutige Ostertext. Die Geschichte von der Auferstehung wurde von einer Frau, von Maria Magdalena weitererzählt. Sie ist sozusagen die erste Apostelin.

Eine paradoxe Situation, also der normalen Wirklichkeit trotzende und übersteigende Begebenheit, ist geschehen: Der Gekreuzigte und Tote ist auferstanden von den Toten; er lebt: An diesem Grab, an diesem Ort des Todes Jesu wird der Sieg des Lebens über den Tod erzählt. Hier zeigt Gott seine Allmacht. Er kann das Tote zum Leben erwecken. Gott hat Jesus Christus auferweckt von den Toten.
Und in unserem Glauben an Jesus Christus, an den der starb und der auferstand, mit unserer christlichen Hoffnung und auch mit unserer menschlichen Verzweiflung gehen wir davon aus, dass jeder Tod zu neuem Leben führt, dass der Tod nicht das letzte Wort Gottes ist, sondern, dass jeder Sterbende den Auferstanden von Angesicht zu Angesicht sehen wird, denn Jesus Christus selbst spricht:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt;
und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh 11,25f)

Liebe Schwestern und Brüder, das ist die Botschaft von Ostern.
Auferstehung und neues Leben sind die Geschenke Gottes an uns im Glauben. Jesus Christus ist im Glauben für uns auferstanden von den Toten. Und durch seine Auferstehung werden wir auch auferstehen von den Toten.
Ostern ist letztendlich das Fest der Allmacht Gottes, Ostern ist eine Umschreibung von dem, wer Gott ist.
Und so wie Maria getröstet und erleichtert vom Grab wegging, als sie den auferstanden Jesus erkannt hatte, als sie merkte, dass der Tod nicht das letzte Wort spricht, sondern die Liebe weitergeht. So können wir mit Bestimmtheit unsere verstorbenen Angehörigen getrost der Liebe und Barmherzigkeit Gottes anbefohlen wissen. Christi Vater ist auch unser Vater. Christi Gott ist durch Christus unser Gott.
Lernen können wir von Maria Magdalena, dass wir den toten und auferstandenen Jesus nicht festhalten können, so wie wir unsere gestorbenen Angehörigen nicht aufhalten konnten; auch wenn wir noch so inständig für sie gebetet haben. Hoffen und glauben können wir, dass der Auferstandene neues Leben bringt und Auferstehung ein anderer Zustand ist als unsere irdischen Verhältnisse. Gerade diese Hoffnung dürfen wir für unsern verstorbenen Angehörigen haben. Sie sind jetzt bei Gott.
Somit bleibt in dieser österlichen Zeit:
Die Auferstehung Christi und damit einhergehend die Auferstehung von den Toten, also unser aller zukünftige Auferstehung ist das mächtigste Heilsereignis des christlichen Glaubens. Gott zeigt dadurch seine Allmacht, in dem er uns im Tod und über den Tod hinaus das neue Leben schenkt. Gott vollendet unser Dasein, in dem er uns ein neues, ganz anderes Sein bei ihm schenkt.

Wenn Jesus davon spricht, dass er die Auferstehung und das Leben ist, dann meint dies: Im Glauben an Jesus Christus
geschieht Neuschöpfung, Versöhnung und Erlösung.
Von dieser Allmacht Gottes verkündet das Christentum, von dieser Macht zum Leben, trotz aller menschlichen Ohnmacht und allen Scheiterns.
Gott spricht immer das letzte Wort über uns. Und die letzten Worte sind Worte der Liebe und Gnade, Worte der Barmherzigkeit und des Trostes.
Und wenn der Tod besiegt wurde durch das Geschenk der Auferstehung von den Toten, dann bricht die Ewigkeit in unser Dasein, dann werden alle Tränen abgewischt, dann geschieht wahre Erlösung. Jesus Christus ist die Auferstehung und das Leben. Ein Leben voller Verheißung, Hoffnung und Zukunft.
Leben, das in seiner unendlichen Fülle.
Leben in und mit Jesus Christus ist Leben in Fülle. Und deswegen preisen wir Gott für dieses Geschenk des Lebens. Deswegen begraben wir unsere Toten und wissen im Glauben an Jesus Christus, dass dies nur der Anfang vom ewigen Leben ist. Und deswegen ist jede Träne der Trauer keine vergebliche Träne, weil diese Träne und dieses Weinen von Gott in seiner Allmacht getrocknet wird.
Noch mal: Durch den auferstandenen Herrn wissen wir, dass der Tod und die Gräber nicht das letzte Wort über unser Dasein sind, sondern, dass der Gekreuzigte unser Leid annimmt und heilt und der Auferstandene uns die Erlösung schenkt.
Und so wie Maria den Herrn von Angesicht sah, so werden wir ihn dereinst auch von Angesicht zu Angesicht sehen.
Maria ging un erzählte es weiter. Und wieder können wir von ihr lernen, dass auch wir vom endgültigen Heilsereignis Gottes weitererzählen dürfen. Denn die Geschichte vom Glauben an Jesus Christus braucht Menschen, die davon erzählen. Es braucht Menschen mit dem Glauben an und der Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten.
Und wer davon erzählt, wer daran glaubt, wer daraus seine Hoffnung und Zuversicht schöpft, der wir all seine Tränen abgewischt bekommen.
Nein, der wird noch viel mehr erfahren, weil für ihn die Verheißung Jesu zur persönlichen Erfüllung wird.
Ich nenne sie noch einmal die Verheißung und das Versprechen Jesu. Achten Sie auf den Klang dieser mächtigen Worte, spüren sie ihre Kraft und macht und nehmen sie sie tief in ihr Herz auf. Diese Worte gelten für heute und für morgen, für allezeit.
Jesus Christus spricht:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt;
und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh 11,25f)
Amen.

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